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Der 27. Januar ist seit 1996 in der Bundesrepublik Deutschland Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und seit 2005 durch eine UN-Entscheidung Holocaust - Gedenktag. Der 27. Januar ist aber auch der Tag, der an das Ende der Hungerblockade Leningrads im Jahre 1944 erinnert. Dieter Schermeier, Pfarrer i.R. aus Essen, hat 70 Jahre danach an dieses Verbrechen Hitlers und der deutschen Wehrmacht erinnert:

LENINGRAD 1941-1944

Dieter Schermeier

27.1.1944: Ende der Leningrader Hungerblockade

An zwei Gedenkstätten  der ehemaligen Sowjetunion habe ich aus Lautsprechern leise Musik von Robert Schumann gehört. In Stalingrad, jetzt wieder Wolgograd, und in Leningrad, jetzt wieder St. Petersburg. In Leningrad heißt dieser Ort Piskarjew-Friedhof. Dort gibt es nur Massengräber, breite Plateaus, bedeckt von grünem Gras. Jedes der Felder ist mit einer Jahreszahl gekennzeichnet- 1941-1944, Erinnerung an 900 Tage Hungerblockade, die heute vor 70 Jahren, am 27. Januar 1944, zu Ende ging. Es ist immer still auf dem Friedhof, die Musik von Schumann erklingt aus Lautsprechern in den Bäumen. Die Menschen die dort begraben sind, sind keine Kriegstoten, sondern Opfer eines Verbrechens.

 

Hitler hatte beschlossen, die Stadt nicht einzunehmen, sondern auszuhungern, und die Generäle folgten ihm. Leningrad, im Westen die Ostsee, im Osten der Ladoga-See, war  umzingelt von finnischen und deutschen Truppen. Der teuflische Plan der Aushungerung  wurde konsequent verfolgt. Die Lagerhäuser für Mehl und Zucker wurden mit Brandbomben  zerstört. Der geschmolzene Zucker lief ins Erdreich, und die zuckrige Erde wurde gierig in die Häuser getragen. Die sogenannte „Straße des Lebens“ über den Ladoga-See, im Sommer per Boot, im Winter über das Eis, konnte nicht verhindern, dass Tausende verhungerten. Im Dezember 1941 starben in den ersten 10 Tagen mehr als 9.000, in den nächsten 10 Tagen mehr als 18 Tausend, im Februar 1942 starben an einem Tag im Durchschnitt 3.200-3.400 Menschen. Viele Forscher glauben heute, dass die Zahl der Verhungerten eine Million überschreitet. In einer Fachstudie bezeichnet der Historiker Jörg Ganzenmüller diese Vernichtungsblockade  als einen gezielt herbeigeführten „Genozid“, basierend auf einer „rassistisch motivierten Hungerpolitik“. Deswegen ist es sinnvoll, am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus dieses Kapitel aufzuschlagen.

Der Hunger war schrecklich. Gegessen wurde alles, was organischen Ursprungs war, wie Klebstoff, Schmierfett, Tapetenkleister. Es gab in der ganzen Stadt weder Katzen noch Hunde noch Ratten und Krähen. Kinderschlitten wurden zum einzigen Transportmittel. Mit ihnen wurden Wasser, Brot und Leichen transportiert. Menschen brachen auf der Straße zusammen und blieben einfach liegen. In den eiskalten Wohnungen lebten die Menschen zusammen mit ihren toten Angehörigen, die nicht beerdigt wurden, weil der Transport zum Friedhof für die entkräfteten Menschen zu beschwerlich war.

Ein erschütterndes Zeugnis ist das Tagebuch von Tanja Sawitschewa. Darin notierte sie die Daten, an denen ihre Familienmitglieder starben: ihre Schwester, ihre Großmutter, ihr Bruder, zwei Onkel, dann ihre Mutter.

Es sind Gedichte aus dem eingeschlossenen Leningrad erhalten, vor allem von Olga Bergholz. Und Kinderzeichungen. Die Eltern lebten nicht mehr, die Kleinen wurden gefunden und in Kindergärten betreut. „Ich will nicht malen, ich will schlafen“, sagten sie. Aber Malen, Schreiben, Musizieren- das war ein Kampf gegen die Apathie. Auch in vielen Familien hieß es: Wenn man nichts zu essen hat, braucht man geistige Nahrung zum Überleben. Ein Buchladen der Schriftsteller war die ganze Zeit über geöffnet, und verkaufte Bücher. Die wurden zuhause gelesen mit der winzig kleinen Blockade-Petroleumlampe. Sogar ein Blockade-Theater arbeitete die ganze Zeit hindurch in einer Notunterkunft.

Ich habe St. Petersburg mehrmals besucht und eine emotionale Beziehung zu dieser Stadt. Beim ersten Besuch, 1967, war die Erinnerung  an die Hunger-blockade noch sehr nah. Aber erst später wurden viele der schrecklichen Einzelheiten bekannt.

Der große Komponist Dmitri Schostakowitsch weilte in der Stadt. Dort entstanden  die ersten beiden Sätze seiner 7. sog. Leningrader Symphonie. Waffenstarrend klirrte die Front in geringer Entfernung. Sie stand den fünfzehn übrig gebliebenen  Sinfonikern und der Handvoll zusammengesuchter Musiker entgegen, und viele hunderttausend Bürger Leningrads lauschten inmitten des Infernos den Übertragungslautsprechern überall in der Stadt.                                                                 

Hinter der Hungerblockade Leningrads stehen unterschiedliche militärische, politische, rassistische und imperialistische Motive. Klar ist aber, dass Leningrads Bevölkerung ausgehungert werden sollte, um nicht für deren Ernährung nach einer Eroberung der Stadt aufkommen zu müssen. Im Kriegstagebuch der Heeresgruppe Nord ist zu lesen, dass auf Ausbrüche der hungernden Zivilbevölkerung aus der Stadt „zu schießen ist, um sie gleich im Keim zu ersticken“.

Klaus Matthes

WATERBERG 1904

Das kommt einem bekannt vor. Vor 110 Jahren – am 2.Oktober 1904 – gab es den Erlass des „Großen Generals des mächtigen Kaisers von Trotha“ während des Hereroaufstands in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika:

Ich, der große General der deutschen Soldaten,

sende diesen Brief an das Volk der Herero.......

Das Volk der Herero muß jeder das Land verlassen.

Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es

mit dem groot Rohr dazu zwingen.

Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero,

mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh

erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder

mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück

oder lasse auf sie schießen......

Von Trotha führte einen Vernichtungskrieg, der für ihn ua mit dem Gesetz Darwins „Survival of the Fittest“ begründet ist. Damit führt von Trothas Politik direkt zu den Methoden der Nationalsozialisten, die ihn konsequent zum Ehrenführer der Hitlerjugend machte.

Gesine Krüger hat in ihrem Buch über den deutschen Kolonialkrieg in Namibia auf die prophetische Stimme des Wirtschaftshistorikers Moritz Julius Bonn hingewiesen:

Solange es.... noch Leute gib, die eine

solche Politik für die naturnotwendige halten,

besteht die Gefahr, daß sie auch einmal an anderen

Stellen zur Anwendung kommen könnte.

Wenn die Fehler der Trothaschen Kolonialpolitik

sich theoretisch verklären lassen,

dann wird uns nichts vor ihrer

Wiederholung schützen.

(Gesine Krüger-Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein, Göttingen, 1999, S. 66)

 

Gerade mal 32 Jahre hat es gedauert, bis diese Prophezeiung in der Realität umgesetzt wurde. Die Methode  „Verhungern und Verdursten“ ist von Deutschen 1904 in der wasserlosen Omaheke/Kalahari und 1941-1944 in Leningrad ohne Skrupel eingesetzt worden.

So ist der 27. Januar in der Tat kein Tag wie jeder andere.

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