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„Völkermord verjährt nicht“

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Klaus Matthes

„Völkermord verjährt nicht“. Dieses unstrittige Urteil ist zu einem kirchenpolitischen Reizwort geworden, nachdem es als Titel für einen Kommentar zu einem von der EKD (Ev. Kirche in Deutschland) initiierten Studienprozess (SP) gewählt wurde. Was ist geschehen?

Da gibt es den vom Rat der EKD 2007 in Auftrag gegebenen Studienprozess „Deutsche Evangelische Kirche im kolonialen südlichen Afrika“, der 2011 einen 700 seitigen Band herausgibt (Harrassowitz Verlag,  Wiesbaden). Markus Braun, ein ausgewiesener  Experte für das Südliche Afrika und Aktiver in der Antiapartheid – und Solidaritätsarbeit,  schreibt einen kritischen Kommentar dazu: „Völkermord verjährt nicht“ (Berliner Beiträge zur Missionsgeschichte 17, Wichern- Verlag, Berlin, 2014).

Anstatt sich zu freuen, dass ein Mensch  so viel Papier bearbeitet und so der SP über den Träger- und Verantwortlichenkreis hinaus ins Gespräch kommt, wird die Kanone geladen: „Von einer Auseinandersetzung, die akademischen Ansprüchen genügen würde“, könne nicht die Rede sein. „Viele Sachverhalte werden verzerrt“  von Markus Braun dargestellt. So eröffnen drei Verantwortliche für den SP (Dr. Hanns Lessing, OKR Klaus J. Burckhardt und Prof. Dr. Jürgen Kampmann)  die Auseinandersetzung mit dem Kommentar.

Was kritisiert  Braun in seinem Kommentar?

  • Der SP befasst sich mehr mit der Täter-  als mit der Opfergeschichte.
  • Die Rolle der deutschen Gemeinde in Windhoek während des Völkermordes in den Jahren 1904 bis 1908 wird ausgeblendet.
  • Afrikanische Autoren fehlen bis auf eine Ausnahme im SP.
  • Die Auslandsarbeit der EKD wird an keiner Stelle  in Frage gestellt.
  • Der Völkermord spielt im SP eine untergeordnete Rolle.
  • Die Aufteilung der Kirche in schwarze und weiße Gemeinden wird im SP verharmlost.

Braun fragt, wie lang der SP „ergebnisoffen“ geführt  und wie lang kirchenpolitische Entscheidungen hinausgeschoben werden sollen. Konkret: Wann beendet die EKD die Unterstützung der weißen deutschen Kirchen im Südlichen Afrika? Wann übernimmt sie sichtbare  Verantwortung für den damaligen Völkermord?

Zum kirchenpolitischen Kontext des SP und des Kommentars von Markus Braun gehört auch die Geschichte eines Bergmannes aus dem Ruhrgebiet, der als Schutztruppler in Deutsch-Südwest mitgekämpft hat. Seine Tochter erzählt, dass seine Eltern den zuhause eingehenden Sold nicht sparten, sondern für einen Kirchenbau stifteten, denn es sei „Blutgeld“. Diese Familie hat Konsequenzen aus der Täterschaft gezogen. Das hat die EKD noch vor sich.

 

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