TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 87

editorial

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
Liebe Leserinnen und Leser!

Auch in diesem Jahr werden zu Weihnachten Christen und Kirchen die Menschwerdung Gottes feiern. Ein afrikanischer Theologe hat einmal daran erinnert, dass Johannes 1,14: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns…“ nur recht interpretiert wird durch Matthäus 25: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen Geringsten…“ Das werden die Christenmenschen und die Kirchen hoffentlich nicht übersehen bei den Krippenspielen und den leuchtenden Kinderaugen unter den Weihnachtsbäumen und hinschauen auf die getöteten, verhungerten und misshandelten Kinder im Sudan, Schwerin, Duisburg und Hamburg. Dort ist Gott in all seiner Zwiespältigkeit eindeutig.

Was ist das für eine Gesellschaft, die nach Kindern ruft, jungen Menschen aber oft keine Perspektiven bietet, sie in Partnerschaften und gewollten Schwangerschaften das kleine Glück suchen und sie dann mit den Kindern und Problemen alleine lässt, indem im sozialen Bereich munter die Stellen abgebaut werden? Was ist das für eine Gesellschaft, in der Managergehälter in Millionenhöhe den monatlichen 435 Euro von Hartz IV-Empfängern gegenüberstehen, die einen sich fast alles leisten können, den anderen aber bei der kleinsten Unregelmäßigkeit Geld gesperrt oder gekürzt wird? Was ist das für eine Gesellschaft, in der der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, unter Druck geraten wegen großzügiger Verträge mit freien Mitarbeitern, Tagessätze von 700 Euro als an der unteren Grenze angesiedelt sieht? Ist es übertrieben, diese Gesellschaft korrupt, also verdorben zu nennen?

Wer kann, wer will gegensteuern? Die Kirchen, die Christen mit der Option für die Armen? Es genügt nicht, diese Option vor sich her zu tragen. Wo es Arme gibt, da gibt es auch Reiche und Mächtige. Zum „Selig sind die Armen“ gehört auch das Wehe über die Reichen und Mächtigen. Option für die Armen – Ja, aber dafür reicht nicht die Erinnerung und Forderung nach der Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Diese Option muss in konkreten Taten und einem gesellschaftspolitischen Umbau umgesetzt werden, sonst ist es frommes Geplärre (Amos 5,23f.) Und diese Option muss die Machtfrage stellen, wer und welche Bedingungen Arme und Reiche schaffen. Wir dürfen gespannt sein, ob die Landessynode im Januar 2008 auf ihrer „Globalisierungssynode“ das deutlich und unüberhörbar tun wird. Denn: „Der globale Kapitalismus und der damit verbundene Glaube an Markt und Technik ist eigentlich der natürliche Feind der Kirche“. Mit diesem Zitat von Christian Nürnberger soll die Neugier auf zwei Bücher dieses Autors geweckt werden, die durch P.G. Schoenborn vorgestellt werden.

Mehrere Beiträge in diesem Heft legen den Finger auf verdorbene Stellen in dieser Gesellschaft: Klassenkampf im Nebel, Bayer-Pipeline, Arbeitsmarktpolitik, Umgang mit Asylbewerbern, der „arrogante, unilateralistische Präventivkrieg“ der USA im Irak, schließlich die unaufschiebbare Energiewende. En cada barrio Revolucion, in vielen Bereichen ist sie von Nöten.

Unter „Rheinisches“ richten wir den Blick auf die junge Theologengeneration und geben Raum, ihre Sicht einer solidarischen Kirche zur Sprache zu bringen. Ihre Forderung nach Fairness, Transparenz und Professionalität im Blick auf Pfarrstellenbesetzungen kann nicht genug unterstützt werden und ihre Warnung vor einem heraufziehenden Zentralismus nicht ernst genug genommen werden. Alle Verantwortlichen in dieser Kirche müssen Wege finden, der Frustration der jungen Generation entgegen zu wirken. Vielleicht kommt Ihnen nach der Lektüre von Transparent-Extra über Harald Poelchau, dem Gefängnisseelsorger des Widerstandes, auch der Gedanke: Welch Verlust für Menschen und Kirche, wenn ein junger Mensch, der ein Harald Poelchau werden könnte, im Rheinland keine Stelle findet!

Eine Einladung ist auszusprechen. Am 1. Februar 2008 laden wir zu einem AutorInnen- und LeserInnentreff in Essen ein. Von 17 – 21 Uhr wollen wir Rückschau auf Gelungenes halten und nach Änderungen und neuen Schwerpunkten fragen. Wo das sein wird und wie Sie sich anmelden können, findet sich auf der Seite links gegenüber.

Nachdem er im letzten Jahr schon für Transparent geschrieben hat, ist er nun auch zu unserer Redaktion gestoßen. Wir freuen uns darüber und begrüßen als neuen Mitarbeiter Søren Asmus aus Wuppertal. Er schließt seine Briefe stets mit grace & power. Mit diesem Wunsch grüßen wir alle Leserinnen und Leser zum neuen Jahr.

Die Transparent-Redaktion
Kommentar schreiben (0 Kommentare)

Scheitern

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Hans-Peter Lauer

Hans-Peter LauerScheitern

Anmerkungen zu einem modernen Tabu

4. Klassenkampf im Nebel

„Wer profitiert vom Versagen unseres Bildungssystem?“ Mit solchen und ähnlichen Fragen provoziert der Gesundheitsökonom und Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach in seinem Buch „Der Zweiklassenstaat. Wie die Privilegierten Deutschland ruinieren“ eine Leserschaft, die es gewohnt ist, soziale Missstände und Ungleichheiten entweder höheren ökonomischen Gesetzmäßigkeiten oder gar dem fehlenden Verantwortungsbewusstsein der gesellschaftlichen Verlierer anzulasten. Dass die Gewinner am status quo zur Absicherung ihrer eigenen Vorteile festhalten, blendet man geflissentlich aus.

Zwar bilanzieren die Sozialberichte von Bund, Land und Kommunen inzwischen das Scheitern der Unterschichten in der allgegenwärtig durchgesetzten Konkurrenzgesellschaft. Aber die objektivierenden Daten werden zumeist als subjektlose Beschreibungen sozialer oder wirtschaftlicher Verhältnisse präsentiert. Die verdeckten Interessen treten erst ans Licht, wenn Politiker Veränderungen zugunsten der Benachteiligten zu erreichen versuchen und dann auf den Widerstand derer treffen, die ihre bevorzugte Position verteidigen. Daraus schließt Lauterbach, dass bestimmten Teilen der Bevölkerung die Zugänge zu besserer Bildung, Arbeit oder medizinischer Versorgung versperrt bleiben, weil andere bestrebt sind, sie exklusiv für sich und ihre Kinder offen zu halten. Auf diese Weise werden einerseits Besitzstände und Privilegien an die nächste Generationen weitervererbt, andererseits bleiben die underdogs aufgrund ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft die geborenen Verlierer. Tabuisiert wird nicht ihr bürokratisch dokumentiertes und Kosten verursachendes Scheitern, wohl aber die kritische Anfrage, wer seinen Nutzen davon hat. Dabei ist es schon entlarvend, wenn man Forderungen, die von hoch dotierten Wirtschaftswissenschaftlern scheinbar objektiv mit dem demografischen Wandel begründet werden, wie etwa eine Rente ab 70 oder 77, mit dem schlichten statistischen Befund konfrontiert, dass Arme früher sterben als Reiche. Klar, wer aufgrund relativ komfortabler Arbeitsbedingungen bis ins hohe Alter berufstätig zu sein vermag und aus dem früheren Ableben der schlechter Gestellten einen materiellen Vorteil hat. Doch darüber öffentlich zu reden, gehört sich nicht.

Das ist wohl nicht der einzige, aber doch auch ein Erklärungsgrund, warum dezidiert sozialethische Themen auf der kirchlichen Tagesordnung eher hinten stehen. Dabei beschränkt sich kirchliche Sozialethik meist auf das Einbringen allgemeiner Regeln und Kriterien und lässt jedweden Klassenkampf da, wo er sich auch im öffentlichen Diskurs befindet, nämlich im Nebel. Aber schon Begriffe wie „gerechte Teilhabe“ oder „Beteiligungsgerechtigkeit“ können aus Sicht derer, die um ihre Vorrechte bangen, als bedrohlich empfunden werden. Dagegen kann die Bibel gegenüber der Behauptung eigener Privilegien noch viel bedrohlicher reden, als es kirchliche Verlautbarungen gemeinhin tun. Auch leitet sich ein Gerechtigkeitsverständnis im Sinne von Chancengleichheit aus liberalistischen Theorien ab und stellt nicht grundsätzlich die Trinität der bürgerlichen Gesellschaft – Leistungsprinzip, Eigenverantwortung und Wettbewerb – in Frage. Dennoch kommt Lauterbach zu dem Fazit: „Von der Wiege bis zur Bahre wird in Deutschland Chancengleichheit verweigert.“ Verweigert, das heißt doch: bewusst verwehrt.

In der Konkurrenzgesellschaft diszipliniert die Angst, den Zugang zu den Märkten zu verlieren, selbst noch die Privilegierten. So verkümmert Solidarität – immerhin noch im Titel des vor 10 Jahren erschienenen Sozialwortes der Kirchen programmatisch vorangestellt – zur Hilfe im Einzelfall. Aber unter Kostendruck kann auch diese wieder zur Disposition gestellt werden. Bleibt also jeder sich selbst der Nächste? Und ist eine Kirche folglich gut beraten, wenn sie für Erfolgreiche und Finanzkräftige einen individualistisch verengten Glauben als religiösen Maßanzug schneidert? Nein, gerade um des Glaubens willen ist es doch besser, die tabuisierten Ursachen der Ungleichheit klar zu benennen und die Bevorzugten zur Umkehr zu rufen.

Hans-Peter Lauer, Jg. 1957, ist Pfarrer für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) in Duisburg.

Kommentar schreiben (0 Kommentare)

„Bleibt alles anders…“

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Søren Asmus

„Bleibt alles anders…“


Die nächste Runde im Pfarrstellenspiel – ein Kommentar aus der Diskussion


Die letzte Synode zeigt nun Wirkung in der Praxis der Pfarrstellenbesetzung, die Beschlüsse finden ihren Weg in die Realität. Auch wenn die Auswirkungen für viele Gemeinden und Einrichtungen erst im kommenden Jahr spürbar werden, sind wir schon jetzt mitten drin in einem neuen System und einer neuen Praxis. Dabei fallen drei Aspekte auf: Zum einen ergeben sich durch die eingeleiteten Umstellungen einige Chancen für den „theologischen Nachwuchs“ und für die Gemeinden. Zum zweiten wird sich die Zahl der verfügbaren pfarramtlichen Kräfte deutlich verringern. Die gemeindliche Praxis und die Arbeit in den Kirchenkreisen stehen in den nächsten Jahren vor gewaltigen Änderungen. Und schließlich wird sich strukturell im Blick auf Pfarramt und Struktur der Gemeinden viel weniger ändern, als es lange den Eindruck machte. Natürlich gibt es viele Verlierer, aber eben auch einige Gewinner im neuen Szenario, abhängig davon, welche Chancen genutzt werden.

Alte Entscheidungen – neue Situation

Nach der letzten Synode hat man im LKA ein System entwickelt, das den Zugang von PfarrerInnen zur Anstellung (z.A.), PastorInnen im Sonderdienst (i.S.), sowie den VikarInnen, dem echten „theologischen Nachwuchs“, regeln soll.

Das vorgesehene System zeichnet sich durch zwei Aspekte aus: Es kommt zu einer differenzierten Bewertung der Fähigkeiten der BewerberInnen und es gibt eine echte Zugangschance für den Nachwuchs. Jetzt sind zusätzliche Stellen für den theologischen Nachwuchs vorgesehen, die es ohne diesen Zugang nicht geben würde. Denn grundsätzlich hatte die letzte Synode beschlossen, dass es gar keine neuen Stellen geben wird – bis der Wartestand soweit abgebaut wäre, dass wieder Stellen direkt durch Gemeindewahl besetzt würden.

Gerade über die letzte Regelung könnte man streiten. Sie wurde auf der Synode 2007 beschlossen, um die finanziellen Belastungen im Bereich der Personalpolitik der Landeskirche in den Griff zu bekommen. Ein innerkirchlich solidarisches Verfahren soll die gemeinsam von Gemeinden, Synoden und Einrichtungen verursachten Probleme bewältigen. Letztlich war es die Besetzungspraxis der Gemeinden bzw. ihr Umgang mit Pfarrstellen und dem Wartestand, der dazu führte, dass weit mehr PfarrerInnen in dieser Kirche bezahlt werden, als es reguläre Pfarrstellen gibt. Einerseits wurden Stellen auf Kosten der Allgemeinheit aufgehoben, KollegInnen im Amt in den Wartestand entlassen und auch nach weiter qualifizierenden Tätigkeiten in Funktionsämtern oder im Ausland nicht wieder in Gemeindestellen gewählt. Andererseits haben Gemeinden, Kirchenkreise und Landeskirche ihre geteilte Verantwortung für die langfristige Personalpolitik nicht wahrgenommen. Die Folgen davon führten zur jetzigen Situation.

Ob es zum Beschluss vom Januar 2007 eine Alternative gegeben hätte, erscheint mir gegenwärtig wenig sinnvoll zu diskutieren. Im Vorfeld waren den Gemeinden, Kirchenkreisen und Synodalen die Fragen und Perspektiven, aber auch die Suche nach Alternativen bekannt – oder hätten bekannt sein können. Das Ergebnis der synodalen Entscheidung: Möglichkeiten für PastorInnen und PfarrerInnen z.A. wurden zugunsten einer finanziellen Konsolidierung aufgegeben. Die neue Praxis stellt den Anfang einer realistischen Personalpolitik im Blick auf die finanziellen Grenzen und Möglichkeiten der EKiR dar. In diesem Kontext hat sich auch der Rheinische Konvent mit den Vorschlägen befasst und eine Stellungnahme zur geplanten Praxis verfasst.

„Wählen statt Würfeln“ – das Wahlverfahren in den „mbA-Pool“

Die zentralen Anliegen des Konventes in diesem Zusammenhang sind Fairness und Professionalität. Wie soll aus einem großen Kreis von geeigneten und z.T. seit Jahren in der Kirche arbeitenden TheologInnen sinnvoll ausgewählt werden, damit nicht zufällige Bekanntschaften, lokale Gegebenheiten oder Unbeweglichkeit über den Zugang zu den wenigen Stellen entscheiden? Man hätte unter allen, die die Anstellungsfähigkeit haben – also in Examina und in der dienstlichen Bewährung gezeigt haben, dass sie für den Dienst geeignet sind – würfeln können. Dann wären die Chancen gleich gewesen und niemand würde übervorteilt. Es ist beruhigend, dass stattdessen ein echtes Wahlverfahren zustande gekommen ist. Einige wichtige Aspekte (mehr in der Konventsstellungnahme): Es geht um eine echte Bewerbung, d.h. die Fähigkeiten und das persönliche Profil der BewerberInnen soll zum Zuge kommen. Das gewählte Verfahren unterscheidet sich nicht von den Gegebenheiten in anderen Bereichen des Arbeitsmarktes. Dennoch muss über die folgenden Fragen diskutiert werden: Wie viele Personen braucht die Kirche aus der Gruppe der noch nicht verbeamteten, um ihre Arbeit angemessen zu tun? Wie viele davon kann sie sich leisten? Nach welchen Kriterien wird ausgewählt, d.h. was braucht die Kirche im Moment?

Gerade die letzte Frage ist zunächst die große Herausforderung im Blick auf die Professionalität des Verfahrens. Bisher wurde in der Praxis nach unausgesprochenen und nur zum Teil transparenten Kriterien in die Gemeinden berufen. Nun muss ein allgemeines Einverständnis in der EKiR entstehen, welche Fähigkeitsprofile in dieser Kirche für das Pfarramt gebraucht werden. Nur wenn dies a) gelingt und b) auch bereits in der Ausschreibung der Stellen, wie auch im folgenden Verfahren transparent vermittelt wird, kann es zu Berufungen kommen, die auch zu einer dienstlichen Perspektive in der Kirche führen. Hier brauchen wir eine zielgerichtete Diskussion, damit die BewerberInnen wissen, worauf sie sich einlassen und die Gemeinden, wen sie bekommen werden. Gleichzeitig brauchen wir bei der anstehenden Auswahl professionelle Beratung von außen, damit das Auswahlgremium in seiner Arbeit angemessen entscheiden kann.

Ebenso dringend nötig ist eine breite Diskussion über die Ziele kirchlicher Arbeit in den Kirchenkreisen und Gemeinden, vor allem im Blick darauf, wer diese Arbeit tun soll. Zurzeit sorgt eine beachtliche Zahl an zusätzlichem Pfarrpersonal in Form von ProbedienstlerInnen und SonderdienerInnen für das Leben in den Gemeinden und Kirchenkreisen. Dies wird sich schon in naher Zukunft dramatisch ändern, wenn es pro Kirchenkreis nur noch ca. 3 mbA-Stellen gibt. Wie soll die jetzige Arbeit dann getan werden?

Es ist absehbar: Bleibt es bei den vorgesehenen Zahlen, die sich aus der Finanzsituation nahe legen, dann wird es zu plötzlichen und heftigen Umstellungen kommen. Wie sich dieser Übergang gerade im Blick auf die Tätigkeitsprioritäten verantwortlich gestalten lässt, dazu fehlen im Moment von allen geteilte Perspektiven. Nur mit diesen aber wird der Übergang ins neue System sinnvoll und mit neuen Chancen gestaltet werden können.

Berufen und Berufung

Was bleibt eigentlich den Gemeinden? Zieht nicht ganz unpresbyterial in der EKiR ein Zentralismus ein, der die Gemeinden entmündigt?

Diese Diskussion wurde schon vor der letzten Synode geführt; durch die Vorschläge aus dem Landeskirchenamt bricht diese Frage wieder auf. Die Kirche hat eine Verantwortung gegenüber ihren ausgebildeten TheologInnen. In jedem Fall gewinnen die Gemeinden nun Wahlmöglichkeiten. Hätte sich die Position der Finanzkonsolidierung allein durchgesetzt, dann könnten Gemeinden auf absehbare Zeit gar nicht mehr wählen. Und wenn es dann wieder echte freie Stellen gäbe, wäre es sehr fraglich, ob es noch KandidatInnen gäbe, die nicht bereits im Dienst sind. Die Stellen, die durch das Verfahren nun besetzt werden, sind nicht nur für den Nachwuchs „zusätzlich“, sondern auch für die Gemeinden. Bereits jetzt suchen sich viele TheologInnen, die ihrer Berufung folgen und in der Kirche Christi Dienst tun wollen, vielerlei andere Orte: Gemeinden und Stellen in der Schweiz, Frankreich, den USA und im nicht-kirchlichen Umfeld. Alle diese TheologInnen wollen und werden jetzt ihre Gaben einbringen. Und wenn sie erst ein paar Jahre woanders gearbeitet, sich dort eine neue Lebens- und Berufsperspektive aufgebaut haben, werden sie es sich gleich mehrmals überlegen, ob eine rheinische Stellenausschreibung in 3 bis 4 Jahren für sie noch interessant ist. Das nun gewählte Verfahren bindet junge fähige Kräfte an die EKiR und stärkt die Wahlmöglichkeit für die Gemeinden.

Dennoch werden sehr viele fähige PfarrerInnen nicht in der EKiR arbeiten können. Sie wandern aus, sie müssen sich eine neue Lebensperspektive aufbauen und von ihren Wünschen und Hoffnungen im Blick auf die EKiR Abschied nehmen. Wie endgültig dieser Abschied sein wird, kann man jetzt noch nicht absehen – das wird stark davon abhängen, wie die Gemeinden und Kirchenkreise mit ihnen umgehen und welche neuen Perspektiven sie mir ihnen entwickeln werden. Aber eines muss klar sein, wenn hier angemessen entschieden werden soll: Wie viele Stellen und welche Arbeit können die Gemeinden bezahlen? Es ist unfair, in der Diskussion den Eindruck zu erwecken, man würde ja gerne diese oder jenen PfarrerIn übernehmen, wenn man nur dürfte. Es geht nicht um wollen, es geht um können: Menschen, die im Pfarramt arbeiten wollen und sollen, müssen von irgendetwas leben. Und so muss sich die EKiR eingestehen, dass sie nur „kaufen“ kann, was sie auch bezahlen kann. Sei es die volle Pfarrstelle, sei es das besondere Projekt, sei es der Gottesdienst oder die Amtshandlung: Irgendwoher muss das Geld kommen, von dem der Mensch leben soll, der das tut. Das ist der unumgängliche reality check im Blick auf die Finanzen.

Gewiss kann und soll der kirchliche Dienst nicht am Geld allein ausgerichtet werden, gewiss bedeutet Berufung zum Pfarramt nicht auch immer Bestallung als PfarrerIn, gewiss muss es viele neue Formen der kirchlichen Präsenz in der Gesellschaft geben. Aber da, wo es um die Notwendigkeit geht, in unserer Gesellschaft zu leben, für sich und die Familie zu sorgen usw., da haben nun mal Finanzen ihr Recht. Das zu lernen hat die evangelische Kirche als Ganze erst angefangen.

Dies gilt auch im Blick auf die PastorInnen, die bereits jetzt neben ihrem Broterwerb ehrenamtlich in der EKiR tätig sind und noch hinzukommen werden. Einerseits wird es diejenigen geben, die im echten Ehrenamt ihrer Berufung nachgehen wollen. Andererseits wird sich damit nicht die anstehende Arbeit abdecken lassen. Wie diese fair und gerecht und realistisch finanziert wird, das steht noch aus. Der Versuch, eine Agentur zu entwickeln, die pfarramtliche Dienste den Gemeinden anbieten kann, steckt noch am Anfang.

Qualität und Leistung – auch im Pfarramt?

Die Diskussion um Anforderungsprofile und die neue Praxis, auch die PfarrerInnen im Wartestand einer Eignungsprüfung zu unterziehen, setzt eine neue Realität in der Pfarrpraxis: es geht um Qualitäten und Fähigkeiten, es geht um eine viel weitergehende Erwartung an das Pfarramt, als sie sich jetzt in Examina und Anstellungsfähigkeit ausdrückt. Das wird nicht ohne Folgen für die PfarrerInnen in Gemeinden und Einrichtungen bleiben. Wenn sich wirklich eine Praxis der Profilierung der Anforderungen an die KollegInnen im mbA-Pool etabliert, dann werden die KollegInnen in Gemeinden davon nicht unberührt bleiben können. Kriterien gibt es bereits, niedergelegt in den Prüfungsanforderungen im neuen Zweiten Examen. Wenn hier liturgisch-präsentes Gottesdienstgestalten, höhere Anforderungen an Unterricht in Kirche und Schule, theologische Alltagsgespräche und anderes mehr erwartet werden, dann kann sich dies nicht nur auf den Nachwuchs beziehen. Wenn vom Wartestand erwartet wird, nach vielen Jahren Dienst in der Kirche wieder die theologischen und methodischen Kompetenzen unter Beweis stellen zu müssen, um sich weiterhin auf Pfarrstellen bewerben zu dürfen, dann wird sich dies auch auf die Wahrnehmung der GemeindepfarrerInnen niederschlagen. Denn es kann und wird nicht so sein, dass es unter den PfarrerInnen zwei Qualifikationsstufen gibt: Die einen, die zu ihren formalen Qualifikationen auch die gegenwärtigen besonderen Fähigkeiten beweisen sollen und die anderen, die sich durch ihre Gemeindestelle qualifiziert fühlen.

Bisher fehlt eine angemessene Form, sich als PfarrerIn einer regelmäßigen Rückmeldung zu unterziehen, inwieweit die einmal erworbenen Fähigkeiten auch heute noch auf dem angemessenen Stand sind, wie weit durch Fortbildung und zusätzlichen Engagement die Diensttätigkeit verbessert wurde usw. Im Zuge einer beginnenden Personalpolitik in der EKiR wird es da auch zu Veränderungen kommen. Einerseits stellt jede Stelle andere Anforderungen, die längst nicht alle im Vorhinein mitgebracht werden, andererseits ist von allen PfarrerInnen in der EKiR zu erwarten, dass sie ihren Dienst so gut gestalten wie möglich. Also wird der Weg zu einer individuellen Kompetenzwahrnehmung und -entwicklung kommen müssen. Im ökumenischen Zusammenhang ist es längst Praxis, die Idee des Ressource Developments & Managements für die Kirche bei ehrenamtlich und hauptamtlich Tätigen – einschließlich der PfarrerInnen – umzusetzen. Hier nach Wegen zu suchen, die alle PfarrerInnen in der EKiR dabei unterstützen und fördern, wird sich durch die Realität im mbA-Pool aufdrängen. Und wenn es gelingt, aus den klar formulierten Anforderungen und den realen Fähigkeitsprüfungen ein sinnvolles Konzept von Begabungsentwicklung und -einsatz zu etablieren, dann würde aus der veränderten Anforderungslage eine solidarische und perspektivenreiche Chance entstehen.

Grenzen, Chancen, Frustrationen

Der Zirkus geht weiter … Auch wenn bisher viele neue Fragen und Herausforderungen formuliert worden sind, die Grenzen der jetzigen Situation sind offensichtlich:

Auch das neue Bewerbungsverfahren und die Einrichtung des mbA-Pools wird die grundlegende Art der gemeindlichen bzw. kirchlichen Strukturen und Einstellungen nicht einfach ändern. Ob es zu einer konsensorientierten und perspektivischen Entwicklung von Personalpolitik im Pfarramt kommt, hängt vom Engagement und den Diskussionen in Gemeinden und Kirchenkreisen ab. Aber keine noch so gute Personalpolitik kann die jetzigen finanziellen Probleme lösen. Durch die demografische Entwicklung müssen immer weniger Kirchenmitglieder für die Finanzierung aufkommen; auch die größte missionarische Initiative wird die kommenden finanziellen Begrenzungen nicht ausgleichen können. Bei diesem Umbau der Strukturen geht es immer auch um Abbau der bezahlten Arbeit.

Die Zahlen der Studierenden gehen seit langem zurück, daraus wird auch für die Gemeinden und Werke in der EKiR ein Problem entstehen – nicht heute, aber in absehbarer Zeit. Chancen gibt es aber im Blick auf die PfarrerInnen, die heute in der EKiR keine Stelle finden: Es kann zu ganz neuen Perspektiven von theologischer Präsenz in der Gesellschaft kommen, die von der Kirche als Institution nicht geleistet werden kann. Vielleicht kehren auch die Optionen des 19. Jahrhunderts in neuer Gestalt wieder: Gemeinden und Einrichtungen stellen ihre Arbeit durch Vereine, Stiftungen und Fundraising neu auf die Beine, die im 20. Jahrhundert zunehmend durch das beamtete Pfarrpersonal getan wurde. Auch hier ist die geistliche und organisatorische Kreativität in unserer Kirche herausgefordert.

Dennoch bleiben Frustrationen: Es ist nicht gelungen, frühzeitig in der EKiR über den Kreis der unmittelbar Betroffenen eine weitreichende Diskussion über die Zukunft der PfarrerInnen zu führen, vieles wurde nicht beachtet, bis es zu spät war. Diejenigen, die am heftigsten von den Veränderungen betroffen sind – PfarrerInnen, PastorInnen und VikarInnen, die in der EKiR trotz aller Fähigkeiten und trotz allen Engagements für ihre Kirche keine Stelle finden werden – sind gleichzeitig diejenigen, die die jetzige Situation nicht zu verantworten haben. Wie hier Gemeinden, Kirchenkreise und die Landeskirche als ganze mit den Lebensperspektiven und Hoffnungen des „theologischen Nachwuchses“ von umgegangen ist, bleibt ein trauriges Kapitel rheinischer Praxis. Diese Frustrationen haben heute oftmals das letzte Wort. Und es ist noch nicht deutlich, ob sich das ändern kann.
Kommentar schreiben (0 Kommentare)

„Den Sabbattag heiligen“

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Okko Herlyn

„Den Sabbattag heiligen“

Das vierte Gebot

„Es ist sagenhaft, sensationell. Es macht richtig Spaß. Wir freuen uns.“ Der Prokurist des großen Bochumer Modehauses reibt sich die Hände. Wir befinden uns mitten im Trubel eines verkaufsoffenen Sonntags. In der Fußgängerzone drängen sich die Massen. Vor den Parkhäusern bilden sich Autoschlangen. Nicht nur an den Dönerbuden stehen die Menschen in Dreier-Reihen. „Dieser Sonntag schlägt alle Rekorde.“

Angesichts etwa der allgemeinen Notdienste, angesichts etwa der Hochöfen, die auch über das Wochenende weiter betrieben werden müssen, angesichts etwa mannigfacher Spezialtransporte auf den Autobahnen, die doch den Feiertag nur zum Wohle aller „brechen“, scheint es nur konsequent zu sein, wenn mittlerweile zahllose Tankstellen frische Brötchen am Sonntagmorgen feilbieten und in ihrem Gefolge die Geschäftswelt mehr und mehr darauf dringt, die Ladenschlussgesetze gefälligst weiter zu lockern – zum Wohle aller, versteht sich. Der verkaufsoffene Sonntag sei nämlich, so jener Prokurist, „ein wichtiges Service-Angebot an unsere Kunden“. Könnte er sich damit, sofern bibelfest, nicht sogar auf Jesus selbst berufen: „Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder seinen Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke?“ (Lukas 13, 15)

Dem gegenüber scheint uns das biblische Gebot, des Sabbattages zu „gedenken“, ihn zu „halten“, gar zu „heiligen“ (2. Mose 20, 8, 5. Mose 5, 12 u.ö.) merkwürdig fremd anzublicken. Das hebräische Wort „schabbat“ bedeutet schlicht: „unterbrechen“. Gemeint ist die Unterbrechung der Arbeit. Für Israel ist die Arbeit „im Schweiße deines Angesichts“ (1. Mose 3, 19) vor allem Mühsal als eine Folge des Sündenfalls. Das harte bäuerliche Leben auf dem kargen Boden Palästinas wird als Fron empfunden, seine Unterbrechung als eine – zumindest zeitweilige – Befreiung davon. Diese soll nicht nur dem einzelnen, sondern dem ganzen Volk inklusive der Sklaven und „Fremden“, ja sogar den arbeitenden Tieren zugute kommen. Soweit in Kürze der biblische Befund. Aber kann man ihn so einfach auf eine gesellschaftliche Situation übertragen, die unter völlig anderen Bedingungen als zu biblischen Zeiten, lebt? Wovon könnte uns heute das Gebot, den Sabbat – bzw. in seiner Nachfolge den Sonntag – zu „heiligen“, befreien?

Das Sabbatgebot befreit zunächst und vor allem von der Wahnvorstellung, alles in unserem Leben hänge an Arbeit, an Leistung, an Erfolg und Profit. Die Brechung der Allmacht des Marktes, die Entgötterung von Arbeit und Wirtschaft, die grundsätzliche Verweigerung der Anbetung von Leistung, Erfolg und Profit als totale, gewissermaßen rund um die Uhr auf dem Thron sitzende Potentaten täten unserer Gesellschaft gut.

Das Sabbatgebot befreit zudem von dem geradezu schicksalhaften Zwang zur weiteren Entsolidarisierung unseres Gemeinwesens. Das Gebot galt ja allen.

Die Erinnerung an diese zumindest zeitweilige Aufhebung aller sozialen Unter-schiede hält eine wichtige Vision wach, die unserer Gesellschaft gut täte.

Das Befreiende des Sabbatgebots liegt auch darin, dass es eben dieser und kein anderer Tag ist. Wer meint, jeder könne doch seine Erholungszeit selber wählen, ist im Grunde schon Opfer der Marktlogik mit ihrer Forderung nach einem „flexiblen“, d.h. den Bedürfnissen der Wirtschaft angepassten Menschen. Die von Gott geschenkte Ruhe hat ihre eigene Würde, ist – entgegen gängiger Wirtschaftsideologie – mehr als bloße Regeneration der Arbeitskraft.

Für den christlichen Glauben schließlich bleibt das Sabbatgebot zudem der unverzichtbare Aufruf zum Gottesdienst. Gegenüber einer Öffentlichkeit, die an dieser Stelle der Kirche gerne religiöse Sonderinteressen vorwirft, wäre hier allerdings einmal offensiv ein Gottesdienstverständnis geltend zu machen, das nicht nur Christinnen und Christen, sondern der Gesellschaft im Ganzen gut täte, weil hier nämlich etwas grundsätzlich anderes zu hören ist als in den Werbespots und Chefetagen.

Wenn sich also die Kirche im Sinne des Sabbatgebots für den Erhalt der Sonntagsruhe einsetzt, dann wird sie es nicht so sehr um ihrer selbst, sondern vor allem um der Menschen willen tun.

Kommentar schreiben (0 Kommentare)

Wählen statt Würfeln

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Wählen statt Würfeln

Stellungnahme des Rheinischen Konvents zum zentralen Bewerbungsverfahren in den mBA-Dienst

Der Rheinische Konvent begrüßt, dass er durch Abteilung I frühzeitig in den Beratungsprozess über das zentrale Bewerbungsverfahren einbezogen wurde und nimmt die sich dadurch bietende Gelegenheit, in dem laufenden Meinungsbildungsprozess Stellung beziehen zu können, mit dieser Stellungnahme wahr.

Wir beobachten, dass die angespannte Situation zu Konflikten zwischen unterschiedlichen Interessengruppen sowohl innerhalb des theologischen Nachwuchses als auch im Gesamtgefüge der Kirche zu führen droht. Wir sehen es als unsere dringende Aufgabe an, nach solidarischen Wegen zu suchen, die dem Interesse unserer Kirche dienen. Daher orientieren wir unsere kritischen Äußerungen an den Konsequenzen, die das geplante Verfahren für den Bestand und das Leben dieser Kirche haben wird, weisen aber auch auf die Verpflichtungen hin, die die Kirche moralisch gerade gegenüber denen hat, die schon über lange Zeit in ihr tätig sind.

Dass mit dem entwickelten Bewerbungsverfahren erste Schritte für eine Personalplanung unternommen werden, begrüßt der Konvent sehr. Zugleich bedauern wir, dass viele kompetente Theologinnen und Theologen der Evangelischen Kirche im Rheinland verloren gehen – auch durch gravierende Fehlentscheidungen in der Vergangenheit und fehlende Personalpolitik. Im Blick auf die Ausgestaltung des Bewerbungsverfahrens fällt positiv ins Gewicht, dass nach jetzigem Diskussionsstand auf jegliche Form der direkten Konkurrenz unter den Bewerbern in Form von „Gesprächsrunden“ oder anderen Formen des gegenseitigen Ausstechens verzichtet werden soll. Dies entlastet die eigene Präsentation in der Bewerbungssituation und ermöglicht die langfristig nötige Solidarität unter denen, die in mbA-Stellen kommen und denen, die als Pastorinnen und Pastoren im Ehrenamt tätig werden.

1. Anzahl der zu besetzenden Probedienst- bzw. mbA-Stellen

Die zur Zeit diskutierte Gesamtzahl von 30 Stellen pro Jahr (20 in den mbA-Dienst, zehn in den Probedienst) erachten wir für einen langfristigen Ausgleich der Generationen und für den Erhalt von 1.000 Pfarrstellen im Jahr 2030 als zu niedrig. Ausdrücklich warnen wir vor der Annahme, dass eine langfristige Unterbesetzung durch Bewerber aus anderen Landeskirchen ausgeglichen werden könnte. Die Zahl der Theologiestudierenden ist deutschlandweit rückläufig. Einen Überschuss an Interessenten für den Pfarrdienst wird es daher auch deutschlandweit nicht geben und somit auch keine potentiellen Interessenten für den Pfarrdienst in der EKiR.

Die Zahl von zehn Probedienststellen für Vikarinnen und Vikare pro Jahr scheint uns angesichts der zu erwartenden Stärke kommender Examensjahrgänge gerade noch angemessen. Eine weitere Reduzierung dieser Zahl allerdings würde Sinn und Organisation der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern durch die EKiR grundsätzlich in Frage stellen. Die Anzahl von 20 mbA-Stellen für die anstellungsfähigen Pastorinnen und Pastoren halten wir für deutlich zu gering, weil sich schon mittelfristig aus der Reduktion der Pfarrerinnen und Pfarrer z.A. und i.S. ein deutlich höherer Bedarf in den Kirchenkreisen und Gemeinden ergeben dürfte. Noch stehen viele gut ausgebildete und engagierte Theologinnen und Theologen dafür bereit, sich im Pfarrdienst dieser Kirche zu engagieren. Werden nur 30 Theologinnen und Theologen pro Jahr übernommen, so verpasst die Kirche die Gelegenheit, für die Zukunft des Pfarrdienstes mittel- und langfristig vorzusorgen. Zudem gehen der Kirche die geistlichen und theologischen Impulse gleich mehrerer Generationen weitgehend verloren. Zwar stehen hier deutliche finanzielle Herausforderungen im Raum, die zu einer Reduktion nötigen. Das jetzt geplante Verfahren wird jedoch schon kurz- und mittelfristig zu einer äußerst radikalen Kürzung an Stellen im pastoralen Dienst führen, die einen sinnvollen Umbau der Gesamtstruktur der EKiR verhindern wird und vielerorts Gemeindeleben im Keim ersticken könnte. Wie drastisch die mittelfristige Kürzung an Stellen ausfällt, verdeutlicht die folgende Rechnung: Zurzeit (Herbst 2007) gibt es 157 aktive Pfarrerinnen und Pfarrer z.A, 113 im Sonderdienst, 118 im Wartestand, von denen ca. 48 (40%) einen Beschäftigungsauftrag mit entlastender Funktion haben. Das heißt zurzeit werden Pfarrerinnen und Pfarrer in ordentlichen Pfarrstellen durch ca. 318 Theologinnen und Theologen in ihrem Dienst entlastet. Ende 2009 wird es keine Pfarrerinnen und Pfarrer z.A. nach altem Recht mehr geben, lediglich 20 nach neuem Recht, die aus dem Vikariat 2008 und 2009 ausgewählt wurden. Hinzu kommen 40 Pfarrerinnen und Pfarrer, die 2008 und 2009 in den mBA-Pool übernommen werden und großzügig geschätzt ca. 90 Pfarrerinnen und Pfarrer mbA, die aus dem Wartestand übernommen wurden. Das heißt, es wird dann zur Entlastung in den Kirchenkreisen und Gemeinden noch höchstens ca. 150 Pfarrerinnen und Pfarrer z.A. bzw. mbA geben (also etwa 3-4 pro Kirchenkreis). Die Zahl der Pastorinnen und Pastoren im Sonderdienst wird äußerst gering sein, ab 2011 wird es auch keine Pastorinnen und Pastoren i.S. mehr geben.

Die Zahl der Entlastungspfarrstellen wird binnen zwei Jahren um rund die Hälfte reduziert! Das gilt allerdings nicht für die Arbeit, die von diesen Theologinnen und Theologen geleistet wird. Sie bleibt auf den Schultern von immer weniger Pfarrerinnen und Pfarrern in ordentlichen Pfarrstellen liegen.

Deshalb halten wir es im Interesse der Gemeinden und Kirchenkreise für dringend angeraten, die geplante Zahl von 30 Stellen pro Jahr, zumindest in den ersten zwei Jahren, deutlich zu erhöhen.

2. Vorauswahl

Das zum gegenwärtigen Zeitpunkt diskutierte Verfahren sieht vor, dass die Bewerbungsunterlagen professionell (voraussichtlich durch eine externe Personalfirma) aufbereitet werden. Die Mitglieder des Bewerbungsausschusses erhalten dann für jede Bewerberin und jeden Bewerber eine Übersicht, aus der die unterschiedlichen Qualifikationen hervorgehen (Note, Zusatzqualifikationen etc.). Aufgrund dieser Übersicht wird der Bewerbungsausschuss eine Liste derer erstellen, die zu einem Bewerbungstag eingeladen werden (Ranking).

Grundsätzlich begrüßen wir, dass dieses Verfahren der Vorauswahl sowohl Examensnoten als auch weitere Qualifikationen berücksichtigt. Wir halten es aber für angeraten, dass die formalisierten Qualifikationsübersichten dem Bewerbungsausschuss in anonymisierter Form übergeben werden. Damit wäre sichergestellt, dass die Entscheidung der Vorauswahl allein auf der Grundlage der vorliegenden Fakten geschieht. Persönliche Bekanntschaften, Sympathien, Antipathien etc. können so außen vor bleiben. Dadurch wird die Arbeit des Bewerbungsausschusses auch entlastet! Die anonymisierte Übersicht sollte sich auf Qualifikationen beschränken und keine Sozialfaktoren berücksichtigen.

Die Kriterien für das Bewerbungsverfahren müssen vorab festgelegt und veröffentlicht werden. Nur anhand vorher festgelegter Kriterien kann eine vergleichende, zusammenfassende Darstellung der Bewerbungsunterlagen professionell vorgenommen werden. Nur wenn es klare Kriterien gibt, kann der Bewerbungsausschuss die ihm anonymisiert vorliegenden Unterlagen aufgrund dieser Kriterien sichten und ein Ranking der Bewerberinnen und Bewerber erstellen. Diese Kriterien müssen vor Beginn der Ausschreibung durch die Kirchenleitung festgelegt werden und sind Teil der Stellenausschreibung.

3. Gewichtung der Qualifikationen

Nach bisherigem Diskussionsstand wird es zwei Bewerbungsverfahren geben: eines für Vikarinnen und Vikare in den Probedienst und ein anderes für alle anderen Theologinnen und Theologen mit Anstellungsfähigkeit in den mbA-Dienst. Das Gesamtergebnis der jeweiligen Bewerber im Bewerbungsverfahren setzt sich, je nach Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Gruppen im pastoralen Dienst unterschiedlich gewichtet, aus drei Faktoren zusammen: Examensnoten, Qualifikation im Dienst (Gutachten, Personalakte, Referenzen, Zeugnisse etc.), Bewerbungstag. Die folgende Tabelle stellt dar, wie die Gewichtung z.Zt. diskutiert wird – dabei sind die Zahlen noch sehr offen, zeigen aber die grundsätzliche Tendenz an, das Examen geringer zu gewichten, je länger es bei der Bewerbung zurück liegt.

 Vikariat  Probedienst
Sonderdienst 
Examensnoten50% 40% 30% 
Dienstliche Qualifikation 10% 10%20%
Bewerbungstag 40%50% 50% 


Diskutiert wird, Pastorinnen und Pastoren im Ehrenamt in der Regel wie Pastorinnen und Pastoren im Sonderdienst zu behandeln. Die Noten des ersten und zweiten Examens sollen dabei unterschiedlich miteinander verrechnet werden: Bei allen, die ihr 2. Examen nach der alten Examensordnung abgelegt haben, sollen erstes und zweites Examen im Verhältnis 1:1 gewichtet werden. Bei allen, die ihr 2. Examen nach der neuen Examensordnung abgelegt haben, soll das zweite Examen im Verhältnis 2:1 zum ersten gewichtet werden.

Die unterschiedliche Gewichtung der drei relevanten Größen zueinander trägt auch unseres Erachtens der jeweils unterschiedlichen Lebensleistung der betroffenen Personengruppen Rechnung. Wir geben jedoch zu bedenken, dass die Orientierung allein an den unterschiedlichen Gruppierungen im pastoralen Dienst der Wirklichkeit kaum Rechnung trägt. Sinnvoller erscheint uns, die Gruppierung an der faktischen Dienstzeit zu orientieren, da diese z.T. auch innerhalb der Gruppen erheblich schwankt und es hier zu Überlappungen zwischen den Gruppen kommt.

Anders als bisher vorgeschlagen, votieren wir dafür, dass erstes und zweites Examen grundsätzlich bei allen gleich gewichtet werden, da dadurch die theologische Kompetenz stärker zum Tragen kommt. Werden die Noten, wie geplant, für diejenigen, die das 2. Examen nach der neuen Ordnung abgelegt haben, mit 2:1 gewichtet (2. Examen 2fach gegenüber dem 1. Examen), fällt die theologische Kompetenz, die primär im ersten Examen abgeprüft wird, insgesamt mit lediglich 16, 5% ins Gewicht. Gerade das novellierte 2. Examen hat seinen Schwerpunkt eher auf der Abprüfung methodischer Kompetenzen für den Pfarrdienst. Dass diese Kompetenz ausgebildet und geprüft werden, ist ohne jeden Zweifel wichtig. Da jedoch der Rest des Bewerbungsverfahrens in keiner Weise mehr die theologische Kompetenz berücksichtigt, sondern ausschließlich methodische Kompetenzen und „Softskills“ im Blick hat, sehen wir hier auf das Ganze gesehen ein Ungleichgewicht. Außerdem entspricht eine Gewichtung von 2:1 nicht dem, was an Lebenszeit und Lebensleistung in die Examina investiert wurde.

Klar definiert werden muss, was als Zusatzqualifikation anerkannt wird und wie diese nachzuweisen sind. Wir halten es darüber hinaus für notwendig zu prüfen, inwieweit weitere theologische (Dissertationen, Diakoniestudium, kirchliche Publizistik etc.) und zusätzliche berufliche Qualifikationen (z.B. therapeutische Zusatzausbildungen, Ausbildung und Berufserfahrung in anderen Berufen) in dem Verfahren angemessen berücksichtigt werden. Des Weiteren muss beachtet werden, dass in den vergangenen Jahren verschiedene Studien-, Ausbildungs- und Examensreformen stattgefunden haben, die die Vergleichbarkeit der Noten zum Teil erheblich beeinträchtigen. Das ist unseres Erachtens in dem bisher erarbeiteten Verfahren noch nicht hinreichend berücksichtigt.

4. Professionelle Gestaltung und Transparenz des Bewerbungsverfahrens

Im Blick auf die konkrete Ausgestaltung des Bewerbungsverfahrens halten wir es für wichtig, dass die folgenden Aspekte beachtet werden:

Die Kriterien für die Besetzung der Bewerbungskommission – abgesehen von der Notwendigkeit zur paritätischen Besetzung (Männer – Frauen, Nord – Süd etc.) – müssen transparent sein. Welche Qualifikationen werden hierbei vorausgesetzt?
Für die Ausschussmitglieder im Bewerbungsausschuss dürfen keine Interessenkonflikte entstehen, z.B. weil ein Ausschussmitglied vormals Pfarrerin oder Pfarrer in einer Gemeinde war, in der einer der Bewerber im Vikariat bzw. im Probe- oder Sonderdienst tätig war.
Eine Begleitung und Reflexion des Bewerbungsverfahrens durch außenstehende professionelle Personalberater halten wir – gerade im Hinblick auf die Bewertung von „Softskills“, aber auch bezogen auf das gesamte Prozedere des Bewerbungsverfahrens – für dringend angeraten. Jeder Bewerbungsausschuss sollte daher um mindestens einen externen Personalberater ergänzt werden, der die Einhaltung professioneller Standards überwacht.
Die Kriterien, die die Bewerbungskommission ihren Entscheidungen zugrunde legt, müssen in der Ausschreibung der Stellen dargestellt werden, ebenso, welche „Softskills“ am Bewerbungstag nach welchen Kriterien abgeprüft werden. Nur so ist eine sinnvolle Bewerbung überhaupt möglich.
Die Bedarfserhebung der Superintendentenkonferenz und die Berechnung des langfristigen Bedarfs an Pfarrstellen (unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung) durch das Landeskirchenamt muss in Bälde und regelmäßig offen gelegt werden.
Unklar ist bisher, warum die Letztentscheidung über die Aufnahme in den mbA- bzw. den Probedienst bei der Kirchenleitung liegt. Auch hier drängen wir auf mehr Transparenz.
Sinnvoll erscheint uns, dass der Kirchenleitung eine Möglichkeit zur außerordentlichen Besetzung für solche Pfarrstellen eingeräumt wird, die ein hohes Maß an Spezialisierung erfordern. In diesem Fall muss die Kirchenleitung die Möglichkeit haben, hochspezialisierte Theologinnen und Theologen, die für derartige Stellen geeignet sind, nach einem eigenständigen Verfahren auszuwählen. Pfarrstellen, die nach diesem Recht besetzt werden, sollten aber zusätzlich zu dem festgelegten Kontingent an mbA- bzw. Probedienstellen besetzt werden. Auch hier ist eine offene Ausschreibung, sowie Offenlegung der Gründe für die andersartige Ausschreibung und Besetzung erforderlich.
Für den Fall, dass ausgeschriebene Stellen am Ende des Bewerbungsverfahrens nicht besetzt werden – sei es, weil die Zahl der Bewerber zu gering ist oder sei es, weil sich Bewerber, die das Verfahren durchlaufen haben, für eine andere Stelle entscheiden – sollte eine Nachrückliste angelegt werden.
Im Hinblick auf die langfristige Personalentwicklung im Pfarrdienst sollte bei dem Bewerbungsverfahren berücksichtigt werden, dass Frauen im Pfarramt nach wie vor unterrepräsentiert sind.




Kommentar schreiben (0 Kommentare)

Empfehlung

Benutzer-Anmeldung