TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 89

editorial

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Liebe Leserin, lieber Leser,Köpfer deluxe
Informationen gehören zu den Dingen, die keinen Aufschub dulden und die keine Schönheitschirurgie brauchen.
Daher liegt Ihnen nun als „Sommergabe“ für die relaxten Stunden am Strand oder in der Hängematte unsere neueste Ausgabe vor. Beschweren Sie sich nicht wegen des „Übergewichts“ – es geht eben nicht alles ins Handgepäck.
Nach langer Zeit gibt’s auch wieder etwas über rheinische Skandale zu berichten: Doppelmoral bei der Behandlung der eingetragenen Lebenspartnerschaften und Borniertheit gegenüber fernöstlichen Lebens- und Denkgewohnheiten. (Schon mal was von Feng-shui auf Demenz-Stationen oder in Hospizen gehört?)



 

 

Dass außerdem menschenunwürdige Ausleseverfahren beim theologischen Nachwuchs praktiziert werden, verwundert nicht. Von den „Prüfern“ hätte keine(r) das Verfahren erfolgreich absolviert – wetten? Warum nennt niemand in Düsseldorf die Verantwortlichen für die verfehlte Personal- und Finanzpolitik? Weil gilt: De mortuis nihil nisi bene? Oder weil man den noch Lebenden für den Mist, den sie angerichtet haben, die Einkommen oder Pensionen kürzen oder streichen müsste?
Wo bleibt denn da die Frage nach der „Qualität“ der geleisteten Arbeit und die einkommensrelevante Beurteilung? Kirche regelt doch ihre Finanzdinge und die Besoldungsstufen autonom. Also los!

Für das zu erwartende EM-Ende zwischen Russland und der Türkei möchten wir auf Goethe zurückgreifen:

Nichts Besser‘s weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei
Die Völker aufeinanderschlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus
Und segnet Fried‘ und Friedenszeiten.
Herr Nachbar, ja! so lass ich‘s auch gescheh‘n;
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinandergehn;
Doch nur zu Hause bleibts beim alten.


Und nun: Rein ins Nass mit Badespaß!

Die Redaktion


PS. Sollten wider Erwarten die Iberer den Pokal ins Andalusische entführen, trösten wir uns ebenfalls mit dem Dichterfürsten auf seiner „Italienischen Reise“:
Auf einem Uferdamm, im Angesicht des Wassers, bemerkte ich schon einige Mal einen geringen Kerl, welcher einer größeren oder kleinern Anzahl von Zuhörern im venezianischen Dialekt Geschichten erzählte; ich kann leider nichts davon verstehen, es lacht aber kein Mensch, nur selten lächelt das Auditorium, das meist aus der ganz niedern Klasse besteht. Auch hat der Mann nichts Auffallendes noch Lächerliches in seiner Art, vielmehr etwas sehr Gesetztes, zu-gleich eine bewunderungswürdige Mannigfaltigkeit und Präzision, welche auf Kunst und Nachdenken hinwiesen, in seinen Gebärden.
Oder einfach mit Andi Möller: „Egal ob Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien.“

 

 

PS. Oder sollte am Ende doch Gary Lineker Recht behalten??{linkr:bookmarks;size:text;text:nn;separator:%20;badges:2,1,18,5,4,3,15,17}

Zum neuen Heft (Nr. 89/Juli 2008)

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Nur Reklame

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Hans-Peter LauerHans-Peter Lauer

Nur Reklame

Zum Verhältnis von Kirche und Öffentlichkeit

Der Blick in den Briefkasten enttäuscht. Nur Reklame. Kurz durchgesehen und dann als Altpapier entsorgt.

Dort liegen bereits die Prospekte aus der Zeitung, die selbst seitenweise Anzeigen enthält. Die morgendliche Durchsicht der Emails im Büro beginnt mit einem schon gewohnten Handgriff: das Betätigen der Löschtaste, um die Spams zu entfernen, die dem Filter entgangen sind. Mit ähnlicher Automatik geschieht das Umschalten beim Autoradio, wenn der Werbeblock einsetzt; und dass die Stimme am Telefon aus einem Callcenter kommt und im Auftrag eines Unternehmens anfragt, überrascht nicht mehr und lässt nur eine Reaktion zu: Auflegen.
Wie auch immer man diese alltägliche Flut privatwirtschaftlicher Werbung bewerten mag, sie ist doch als solche klar erkennbar und macht aus ihrer Absicht keinen Hehl: eine Ware an den Mann oder die Frau zu bringen. Sie durchdringt zwar alle Medien und nervt wohl auch viele ihrer möglichen Adressaten. Aber man kann sich ihr durch Abschalten, Wegwerfen, Auflegen oder Löschen entziehen. Vor allem scheint die Werbung der Privatunternehmen einen deutlich abgrenzbaren Bereich der Öffentlichkeit auszumachen, während andere Formen öffentlicher Kommunikation davon unberührt bleiben und ihren Eigensinn behaupten können. Die politische Debatte oder der Öffentlichkeitsauftrag der Kirche folgen ihrer eigenen Logik und halten sich an die Sachthemen, die zu den öffentlichen Angelegenheiten zählen. Aber ist das wirklich so?
Bereits 1962 bezweifelte Jürgen Habermas, dass die Werbung nur einen bestimmten Teilbereich der Öffentlichkeit darstelle, und vertrat dem gegenüber die These: „Die Öffentlichkeit übernimmt die Funktionen der Werbung. Je mehr sie als Medium politischer und ökonomischer Beeinflussung eingesetzt werden kann, um so unpolitischer wird sie im ganzen und dem Schein nach privatisiert.“ Das Kernproblem ist danach der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (so der Titel seiner Untersuchung), der tief greifender ist als die rein äußerliche Zunahme der Werbematerialien. Diese sind allenfalls ein Symptom für die gesellschaftliche Funktion der Öffentlichkeit, die ganz im Dienste von Werbung steht. Davon machen nicht allein die Privatunternehmen Gebrauch, sondern auch Verbände und Parteien bis hin zu den öffentlichen Einrichtungen. Was auch immer öffentlich von den Akteuren zur Erscheinung gebracht wird, es verfolgt direkt oder indirekt den Zweck einer Eigenwerbung. Zumindest wirkt die stets mitlaufende Frage, ob ein öffentliches Auftreten oder Positionieren werbewirksam und dem Image förderlich ist, wie ein Filter, der all das ausscheidet, was diesem Zweck nicht unterworfen ist.
Der Öffentlichkeitsauftrag der Kirche, also ihre öffentliche Verantwortung, und eine kirchliche Eigenwerbung müssen allerdings klar unterschieden werden. Dies gilt auch dann, wenn sich daraus ein gewisses Dilemma ergibt. Denn es ist nicht auszuschließen, dass die Tendenz, Öffentlichkeit für Werbung zu funktionalisieren, auch innerhalb der Kirche durchaus als attraktiv angesehen wird. Dann müsste sich der Öffentlichkeitsauftrag der Kirche entweder dieser Zwecksetzung unterordnen, oder er würde gegenüber einer kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit, die sich vor allem als Eigenwerbung versteht, nur noch ein misstrauisch beargwöhntes Randdasein führen. Dabei geht es nicht darum, dass im Rahmen der öffentlichen Debatte auch einmal etwas Kritisches oder Provokantes gesagt wird. Folgt man der Logik einer privatwirtschaftlichen Werbung, dann besteht der Adressatenkreis aus lauter Konsumenten, die in erster Linie auf ihre privaten Interessen und Bedürfnisse angesprochen werden. So kommt es nicht von ungefähr, dass heute wieder recht unbefangen von religiösen Bedürfnissen die Rede ist, die eine Kirche im Wettbewerb mit anderen Anbietern zu befriedigen habe. Unter den strukturellen Bedingungen dieser Öffentlichkeit wird das Privatleben zur Hauptsache, dagegen die öffentlichen, allgemeinen Angelegenheiten zweitrangig. Warum aber sollte das auf eine Konsumentenexistenz reduzierte Publikum gegenüber kirchlicher Werbung anders reagieren?
Nur Reklame. ☐

 

Hans-Peter Lauer, Jg. 1957, ist Pfarrer für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) in Duisburg.

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Die Seele des Ökonomen und andere „theologische Mucken“ der Globalisierung

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Søren Asmus und Patrik Mähling

Die Seele des Ökonomen und andere „theologische Mucken“ der Globalisierung

Warum es als Kirche so schwer ist, etwas zur Weltwirtschaft zu sagen

Die Synode der EKiR hat sich mit Globalisierung befasst, ein Papier verabschiedet und sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Was aber dazu theologisch zu sagen ist, dass scheint immer noch sehr unklar zu sein. Zwar wurde auf der Synode das Rad nicht neu erfunden, dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwähren, dass man sich doch im Kreis bewegte. An dieser Kreisbewegung will sich auch der folgende Text beteiligen, allerdings in der Hoffnung, dass das müßige Karusselfahren unterbrochen werden kann, ehe allen wieder nur schlecht wird. 
Dass die Globalisierung heute in Deutschland keinen guten Stand hat, wird immer dann deutlich, wenn der Wirtschaftsraum BRD von den Folgen des neoliberalen Projektes getroffen wird, statt davon zu profitieren. Wachstum ist etwas Gutes, wenn es Arbeitsplätze schafft, wenn es die Wirtschaft brummen lässt und wenn etwas davon auch denen zu gute kommt, die heute in sozialer Abhängigkeit stecken. Wachstum ist dann verwerflich, wenn es Menschen mit einem Gewinnstreben konfrontiert, das nicht auf Arbeitsplätze Rücksicht nimmt, sondern versucht wird, Gewinne um ihrer selbst willen zu steigern. Und das, was wir in Deutschland mal bei Siemens, mal bei Airbus, mal bei Nokia und bei anderen weltweit agierenden Unternehmen erleben, widerfährt anderen Menschen auf der Welt auch ständig. So gesehen sollte es ein leichtes sein, die negativen Folgen der Globalisierung wahrzunehmen und auch zu Vorschlägen zu kommen, wie damit umzugehen sei.
Aber Globalisierung ist leider keine Weltverschwörung einzelner Bösewichter, die Schaden produzieren wollen. Sondern es ist das wenig gesteuerte Zusammenspiel politischer und ökonomischer Faktoren, die gleichzeitig von verschiedenen Menschen bedient werden und denen diese Menschen sich auch ausgesetzt sehen. Und es scheint je länger je mehr ein Verschiebebahnhof von Verantwortlichkeiten zu werden. Denn die Globalisierung produziert eben beides: Gewinner und Verlierer, in allen Teilen der Welt. Und sie beruht auf Annahmen und Vorstellungen, die nicht nur materialen, sondern auch ideellen Charakter haben. Globalisierung ist eine Form des Handelns, welches Glück verheißt, welches Chancen eröffnet und welches Grenzen unterliegt, die sich dem Handeln einzelner entziehen. Da wird es schwierig, den Handlungsspielraum zu benennen, in dem Globalisierung gestaltet werden könnte. Schon Marx hatte darauf hingewiesen, dass es im Blick auf Kapital und Waren „theologische Mucken“ gibt – das hat sich in der Globalisierung nicht geändert. Deshalb erscheint es sinnvoll, dass sich Kirchen ihrer Theologie bedienen, um den sog. theologischen Mucken beizukommen.
Die EKiR hat auf ihrer Synode im Januar dieses Thema auf der Tagesordnung gehabt und ein umfangreiches Papier dazu verabschiedet, welches sowohl theologische Fragen bearbeitet, als auch eine sehr umfassende Übersicht darüber gibt, was im Bereich Globalisierung in den Kirchenkreisen der Landeskirche bereits passiert. Dieses Papier lohnt in weiten Teilen die Arbeit des Lesens, einen Einblick in die Fragen und Herausforderungen, die damit verbunden waren, ergab sich aber insbesondere durch das Diskussionsverhalten auf der Synode. Dabei fiel auf, dass die Debatte sich irgendwie zeitlos durch die Wirklichkeit zu bewegen schien. Denn am Ende stehen wir wieder am Anfang, aber der Reihe nach:
Am Anfang stand ein Papier – am Ende auch. Dazwischen wurde „hart gerungen“. Insbesondere scheint es so zu sein, dass zwischen der ökumenischen Verbundenheit der Kirche in aller Welt und der theologischen Kompetenz der rheinischen Kirche eine gewisse Spannung besteht, die aufzuheben nicht gelang. Das kann an der theologischen Kompetenz liegen, oder an der Schwierigkeit, auf die Geschwister zu hören. Da das im Vorfeld deutlich war, hatte sich die rheinische Kirche kompetente Vertreter geladen, die das Thema und die Vorlage für die Synode aus ihrer Sicht kommentierten.

Kirche und Globalisierung

Zunächst stellte Konrad Raiser das Papier der EKiR in den Kontext der kirchlichen Debatten der letzten Jahrzehnte. Dass dies wichtig war, zeigte auch die folgende Plenardebatte, auf der immer wieder der beschwörende Satz zu hören war: „Wir stehen hier am Anfang einer Debatte…“ Diese Deba…tte dreht sich um die Frage, wann ein gesellschaftliches Handeln und Nichthandeln die Integrität des theologischen Bekennens und des Glaubens angreift. (Ein Schelm, wer hier an die Wiederholung der Apartheitsfrage und des kirchlichen Bekennens dabei denkt... – Allerdings erinnerte auch Prof. Raiser daran.) Soll es einen „Processus Confessiones“ in Fragen der Weltwirtschaft geben, oder reicht es, wenn wir verantwortliches Handeln einfordern? Darum ringt die Stellungnahme der EKiR und darum rang auch die Synode…
Letztlich war es die Redlichkeit Raisers, der die Spannung beschrieb und für die intensive Auseinandersetzung warb, ohne der Synode klare Anweisungen zu geben, die verhinderte, dass die Synode sich entscheiden musste. Sie hätte es wahrscheinlich auch nicht gekonnt und es wurde durch das intensive Synoden-Management verhindert, dass die Unentschiedenheit zu einer völligen Lähmung führte. Denn was kann ein Kreis von Menschen schon kompetent entscheiden, wenn sich die Mehrheit der Anwesenden nie intensiv mit dem Thema befasste? Hier wäre es sicher hilfreich gewesen, wenn die Entscheidung in diesem Punkt in dem Rahmen getroffen worden wäre, in den die Kirchenkreise ihre theologische Arbeit an der Globalisierung ansonsten auslagern, bei den Partnerschaftsgruppen in den Gemeinden und den Engagierten im Bereich der GMÖ. Denn dort ist seit Jahren das Wissen um die Zustände der Globalisierung erarbeitet worden. Auch eine Anfrage bei der Diakonie hätte so manchen Synodalen im Vorfeld der Synode deutlich aufklären können, wo die Probleme der Globalisierung liegen. Leider scheint das Konzept der Aufteilung: Hier die inhaltliche Arbeit am Thema und mit den Betroffenen, dort die kirchlichen Entscheidungen, sich in diesem Falle als nicht hilfreich zu erweisen. Im Grunde ist es erschütternd, dass die Synode – oder ihre Synodalen – es im Vorfeld versäumte, die eigenen Fachleute und deren Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen. Zwar waren viele Gruppen im Foyer präsent, die die Entwicklungspolitische- und Gerechtigkeitsarbeit der rheinischen Kirche vorstellten. Allerdings fehlten die lebenden Stimmen, fehlte die Diakonie und fehlten eindeutig die Verlierer der Globalisierung, die sehr deutlich hätten machen können, was das „Problem“ konkret ist.

Globalisierung und Kirche

Da sollte wohl Meinhard Miegel helfen. Der Professor der Ökonomie wollte die Wahrheit über die Globalisierung in den theologischen Kontext stellen. Das war spannend, weil es nichts Neues brachte: Die Globalisierung sei einerseits gewollt und andererseits Zeichen der menschlichen Hybris, im Leben die Entgrenzung zu wollen. Und in der Tat –da hat er Recht – Globalisierung ist der Versuch, die ganze Welt zum Ort zu machen, an dem der Gewinn erwirtschaftet werden kann, aus dem das bessere Leben finanziert wird. In der Tat ist die Geschichte der Moderne und der Globalisierung auch eine Geschichte des Wachstums: Mehr Menschen können ernährt, mehr Krankheiten bekämpft, mehr Güter umgesetzt werden. Das heute beängstigende Wachstum der Menschheit verdankt sich auch der Globalisierung. Und plötzlich waren wir an dem Punkt, an dem es eigentlich ums Rechnen gegangen wäre: Es gibt die Gewinner und die Verlierer der Globalisierung. Und nun bleibt die Frage: Gewinnen mehr oder verlieren mehr Menschen – und welches Gewicht haben die Verlierer gegenüber den Gewinnern? Diese Rechenaufgabe aber wollte Miegel nicht durchführen, hatte er doch auf seiner Seite die Tatsache, dass die Globalisierung „mehrheitlich gewollt sei“. In der Tat, wer versucht zu überleben und die Chance bekommt, durchs Mitspielen in der Globalisierung, dieses zu ermöglichen, der / die macht mit. Keine Frage: Ob in den Slums der großen Städte des Südens, wo die Nahrung unbezahlbar wird, oder in den Wohnungen der Hartz IV Empfänger hier: Wer verspricht, da hinaus zu führen, der hat das Engagement der Menschen auf seiner Seite. Und „böse“ ist für die Mehrheit der Menschen hier die Globalisierung in der Tat erst geworden, seit die Einbahnstraße zu unserem Vorteil sich in eine mehrspurige Autobahn in alle Richtungen entwickelt hat und wir feststellen müssen, dass es „Grenzen des Wachstums“ gibt und es nicht ewig nur mehr werden kann. (Ein Schelm, wer da an den Bericht des Club of Rome von 1972 denkt – aber das ersparte Miegel seinen ZuhörerInnen.)
In der Tat gelang es aber, einen echten theologischen Impuls zu setzen, indem Miegel einerseits den menschlichen Traum von der Entgrenzung, vom unendlichen Wachstum mit dem Sündenfall in Beziehung setzte und dann auch nach einer „Spiritualität des Genug“ fragte. Dies sei eine Aufgabe der Kirchen: Sie müssen darum werben, dass wir hier im Norden lernen, zu teilen, abzugeben und uns mit weniger bescheiden. Es gehe eben weniger um die Verlierer der Globalisierung, sondern darum, dass wir nun lernen müssen, das was da ist so gerecht zu verteilen, dass alle etwas mehr gewinnen und so doch alles gut werden könne. Dieser Impuls schien viele auf der Synode zu beeindrucken, hier war ein theologisches Thema, dass man kennt und wo man eine klare Rolle zu haben scheint. Und in der Tat, dieser theologische Impuls beschreibt sehr genau, wo christlich-theologische Tradition und die Welt des Wirtschaftens zusammen kommen.
Schon der Kirchenvater Evagrios Ponticos (346-400) mahnte ja: „Beim Kaufen und Verkaufen kannst du Sünde kaum vermeiden. So achte sorgsam darauf, dass du bei der Transaktion ein wenig verlierst.“ Vielleicht sprach diese Weisheit auch aus den Worten Miegels, ohne dass er sie so beim Namen nennen wollte. Denn bei seinem Appell wurde die alternative Strategie der Kirche im Blick auf ihre Glieder deutlich: Nicht politische Ziele formulieren, sondern die moralische Entwicklung der Gläubigen befördern. Daran ist sicher auch gesellschaftlich gesehen viel Richtiges, hat Kirche doch gar nicht die politische Macht, außer durch ihren eigenen Umgang mit ihrem Geld, wirtschaftliche und politische Regelungen einzufordern und umzusetzen. Es bleibt ihr nur, das Gewissen, den Glauben der Menschen zu befördern, dass sie erkennen können, wann ihr Verhalten sie von Gott und vom Heil wegführt und ihnen so ewigen Schaden zuführt. Vielleicht hat die EKiR diese Lehre der Alten Kirche und auch des römischen Katholizismus vergessen? Allerdings vergaß auch Prof. Miegel wohl – im Blick auf die Synodalvorlage – daran zu erinnern, dass es auch Aufgabe der Kirche war, diejenigen, die in die Irre gingen, zu vermahnen und darauf hinzuweisen, dass ihr Weg sie in die Sünde führt. Und wenn das nicht half, musste die Trennung von Gemeinde und beharrlich sündigem Menschen durchgeführt werden – am Ende landen wir wohl doch durch diesen theologischen Impuls beim „status confessiones“, bei der Erklärung dass dauerhaft sündiges Verhalten dem Glauben widerspricht. Auch die Reformatoren waren ja nicht der Meinung, dass die Formel „simul justus et peccator“, des gleichzeitigen Sünder und Gerechtfertigtseins bedeute, nun immer weiter zu Sündigen, weil ich ja im Herzen meinen Jesus hätte und alles andere egal sei.

Ein immer neuer Anfang

Und als dann die Weisheit der Alten Kirche und die der gegenwärtigen Ökumene zusammengekommen war, stand die Synode am Anfang. Bewegt von soviel Geschichte, wurde der Anfang eines langen Weges beschworen. Hier aber machte sich Erschütterung breit beim unschuldigen Zuhörer aus der jüngeren Riege. Als ein gestandener Synodaler meinte, dies wäre ja alles so schwierig, dass es noch einer langen Diskussion bedürfe, die vordem nicht geführt worden wäre, da stellte sich die Frage ein: Wo warst Du beim Konfirmandenunterricht in den 1980er Jahren, bei den Religionsstunden der jüngeren Vergangenheit? Ehe noch die Welt gut war, weil Deutschland wiedervereint, da mussten zumindest wir Jüngeren schon eifrig lernen, dass es eine Welt ist, dass unser Wohlstand die anderen arm macht. Und wir durften weisen Männern und Frauen im Pfarramt und in der Gemeinde zuhören, dass es eben nicht um die neue Jeans und das tolle Auto im Leben gehe, sondern um eine Bescheidenheit, um eine Kultur des Genug und des Bewahrens – man muss nicht alles wegwerfen, man kann es reparieren usw. Nicht, dass es immer gefruchtet hätte, aber neu ist das alles definitiv nicht. Und dem theologisch halbgebildeten fiel der Satz Karl Barths ein, man müsse Morgens die Bibel und die Tageszeitung lesen – aber vielleicht ist das auch zu sehr von Gestern und hilft heute nicht weiter (obwohl man beides: Die Schrift und die neuesten Nachrichten auch im Internet lesen kann…).
Vielleicht verstellt aber auch hier die Leidenserfahrung des Kirchlichen Unterrichts den Blick auf den wirklichen Neuanfang: Was können wir als Kirche wirklich machen, was sollen wir tun? Die Synode zeigt vor allem, dass es in der Tat um eine zentrale Aufgabe der Kirche geht. Globalisierung und die Diskussion darüber erinnert an zwei Wahrheiten, die der Kirche eigentlich immer bewusst waren:

  1. Die Kirche Christi ist eine weltweite Kirche. Mehr als Nationen, Kulturen und ökonomische Gegebenheiten uns als ChristInnen trennen können, verbindet der Glaube und die Ausrichtung auf die Beziehung zu Gott. Daher können wir in der EKiR nicht anders, als auf die Stimmen der Geschwister weltweit zu hören. Und diese Stimmen zeugen im Moment vor allem davon, dass unser Wirtschaften viele Menschen leiden, verhungern und ohne Bildung bleiben lässt usw. Diese Stimmen weisen uns darauf hin, was auch Prof. Miegel einschärfte: Die Art, wie heute Wirtschaft betrieben wird, beruht auf einer Denkhaltung, die eindeutig der Sünde, dem „Sein-wollen-wie Gott“ geschuldet ist. Der Wunsch nach Entgrenzung lag – so Miegel – dem Fall aus dem Paradies zu Grunde und er liegt auch unserem heutigen Wunsch nach Wachstum, Wohlstand und Fortschritt zu Grunde. Damit aber müssen wir heute lernen, dass es kein ethisches Problem ist, wenn wir über Wirtschaft reden, sondern letztlich ein theologisches im engeren Sinne. Es geht um die Grenzen des Menschen und darum, worauf Menschen ihre Hoffnung setzen.
  2. Es geht auch um die Grenzen dessen, was die Kirche sagen kann. Den Sachverstand der Wirtschaft zu beurteilen ist ein schweres Unterfangen. Einerseits kann man versuchen, die Prämissen zu hinterfragen – und das ist nicht nur theologisch geboten. Auch in der Ökonomie ist längst klar, dass die Modelle, nach denen Volkswirtschaft beschrieben wird, nicht mehr in der Lage sind, sinnvolle Prognosen und Handlungsanweisung zu treffen. Aber hier scheint es weniger darum zu gehen, dass die Kirche versucht, den besseren Sachverstand zu haben. Kirche hat hier den Vorteil und die Grenze der weltweiten Verbundenheit: Sie kann die Stimme der Opfer hörbar machen, seien es die im Süden oder die im Norden. Politische Vorgaben zu machen ist auch eine Option der Kirche als gesellschaftlicher Organisation, aber eben dabei als eine Stimme unter vielen. Hier kommt es auf Kompetenz an, die gibt es auch in der Kirche und es ist gefordert, sie weiterhin in die politischen Debatten einzubringen. Aber eine vergangene (?) Allmacht in diesem Kontext ist hier keine Option. Wenn Kirche etwas zu Wirtschaft zu sagen hat, dann wird sie daran gemessen, wieweit es anschlussfähig an die politischen und ökonomischen Diskurse ist. Als Kirche hat sie da kein Privileg.

Aber darin hat sie ein Privileg, eine eigene Aufgabe, dass sie ihre Glieder daran erinnert, worauf im Glauben die Hoffnung liegen kann, und wo nicht. Es ist ihre ureigenste Aufgabe, denen, die den Traum der Entgrenzung und des immer wachsenden Wohlstands träumen, zu sagen, dass sie sich damit aus der Gemeinschaft mit Gott herausbewegen. Kann ein Mensch sich auf Gott und auf die Sünde verlassen? Muss die Kirche da nicht doch ihre Stimme erheben, wenn es ganz altmodisch darum geht, ob man das „Seelenheil“ verliert? Sünde, das hat die Synode und haben ihre Diskussionen wieder gezeigt, ist ein Thema, dem wir nicht entkommen und dass sich immer auf den Einzelnen bezieht.
Diese Diskussion haben wir als Kirche vielfach geführt und müssen sie immer weiter führen. Und es ist das Recht der Gemeinden, dass sie von ihren TheologInnen dabei begleitet werden, ihr Leben vor Gott so zu führen, dass die Grenzen sichtbar bleiben, in denen der Mensch vor Gott leben kann. Deshalb ist es dringend geboten zu fragen: Worauf verlässt sich der Mensch? Wo unterliegen wir einem Irrtum, wenn wir meinen, dass unser Verhalten keinen Einfluss auf unseren Glauben hat? Können wir glauben und leben, als gäbe es die Geschwister nicht? Schon Paulus mahnte die Korinther, dass sie nicht das Mahl des Herrn zum Heil essen können, wenn sie nicht das Mahl der Sättigung mit den Geschwistern teilen. Eine Theologie und Gemeindepraxis, die die Geschwister und ihre Situation ignoriert, versündigt sich am Leib Christi. Und die Überwindung der Trennung von Gott durch das Kreuz Christi bedeutet doch nicht wirklich, dass Nachfolge dann nicht auch beinhaltet, sich von dem Abzuwenden, was von Gott auch vordem getrennt hat. Die Reformatoren hatten das im Blick, warum soll eine Kirche in der Tradition von Luther und Calvin dies nicht mehr im Blick haben müssen?

Vertrauen in die Gemeinde

Wenn aber dies die theologischen Themen der Globalisierung sind, dann täte die rheinische Synode und Kirche gut daran, sich darauf zu besinnen, was die Aufgaben und die Chancen sind. Die Aufgabe liegt darin, die theologische Dimension des heutigen Wirtschaftens und Lebens in der Globalisierung offen zu legen, Sünde am Leib Christi und im Vertrauen auf anderes als auf Gottes Weisung zu benennen. Dazu braucht die Gemeinde die TheologInnen und die Leitung der Kirche. Wenn aber diese Dinge klar und verständlich benannt sind, dann wird es in der Gemeinde genug Kompetenz und Kreativität geben, damit umzugehen. Die Freiheit des Glaubens bedeutet doch auch, dass zum einen Menschen sich von dem trennen dürfen, was sie bindet. Das hat Auswirkungen auf die Gemeinde, sei es, weil es um eine „Spiritualität des Genug“ geht – und weniger Geld da ist, weniger Gewinn gemacht werden wird und Teilen zu einem Grundbestandteil des Lebens wird, sei es, weil Menschen sich entscheiden, sich lieber auf Wachstum und „Immer-mehr“ verlassen wollen sich deshalb von der Gemeinde trennen. Zum Heil zwingen können und wollen wir in der Kirche wohl nicht mehr – Gott sei Dank.
Gemeinden sind ein lustig Ding: Sie haben Raum für Menschen, die sich der weltweiten Verbundenheit der ChristInnen stellen, die danach suchen, ihr Leben so zu führen, dass es im Blick auf die Gegenwart und die eschatologische Zukunft angemessen ist. Diese Menschen auch dort zu Wort kommen zu lassen, wo es nicht um eine weitere Sitzung eines Arbeitskreises geht, tut sicher allen in der Gemeinde gut. Gemeinden haben auch Raum für die Menschen, die hier an den Folgen des Wirtschaftens leiden und nicht wissen, wie es weitergeht. Diese Menschen zu Wort kommen zu lassen und sie dabei zu unterstützen, ihren Weg in der Welt nicht ohne die Gemeinschaft der Geschwister gehen zu müssen, tut der Gemeinde gut. Und sie hat Raum für Menschen, die sich in ihrem Leben nicht davon beeinflussen lassen, was das Vertrauen auf Gott und die Gemeinschaft im Leibe Christi für Konsequenzen hat. Diesen Menschen schuldet die Gemeinde, schuldet die Gemeinschaft der Glaubenden die ernste Vermahnung und den Hinweis, was dies bedeutet. Und sich selbst schuldet die Gemeinde und die Kirche, dass sie darin wahrhaftig ist und nicht um des Wunsches nach Größe und Wachstum selbst vergisst, wo die Grenzen der Gemeinschaft sind. Wir stehen vor der Frage – nicht des Bekenntnisses, aber vor der der Grenzen des Glaubens und der Wahrhaftigkeit. Diese Frage aufzunehmen bleibt der EKiR auch nach der Synode im Januar wohl nicht erspart und leider scheint es, dass wir damit wirklich ganz am Anfang stehen. Aber der Blick zurück zeigt auch, dass wir dabei nicht mit leeren Händen stehen und jedeR theologisch Ausgebildete kann leicht entdecken und vermitteln, was die Kirche in ihrer Geschichte dazu schon beigetragen hat und für die Gegenwart beitragen kann.

Mut zum zweiten Schritt

Aus den theologischen (Vor-) Klärungen müssen dann aber auch konkrete Konsequenzen gezogen werden. Am Handeln ist das Reden der Kirche zu messen. Auch die EKiR ist ob sie will oder nicht ein global player und ein Subunternehmen des weltweiten Konzerns „Christentum“. Ihre Position im Blick auf die Globalisierung muss sich messen lassen können am kirchlichen Handeln sowohl der Gesamtinstitution als auch vor Ort. Wie wird den dort gewirtschaftet? Da sind strukturelle Änderungen fundamentaler Art nötig. Blickt zur Zeit nicht auch bei Kirchens jeder auf seinen eigenen Säckel? Gut, da gibt es Kollekten für die Geschwister in der Ökumene und soziale Projekte etc. alles sinnvoll und gut, aber soll das alles sein?
Es wird gespart und eingespart, aber nicht um die Mittel anders zu verteilen, um zumindest innerhalb des Christentums für eine gerechte Verteilung zu sorgen. Gespart wird bloß um des eigenen Systems willen – und das erfolgreich wie es scheint. Dass auch hier Gewinner und Verlierer produziert werden würde man wohl lieber verschweigen. Und jeder ringt dabei – nachvollziehbar – um seinen Platz, um seine Absicherung. Das ist legitim! Allerdings sollten die Theologen und Theologinnen sich dabei vielleicht noch einmal besonders auf Paulus und die neutestamentliche Botschaft zurückbesinnen. Trotz aller Bemühungen und engagierten Arbeit im globalen Kontext des Christentums scheint es letztlich doch der eigene Anteil am Kuchen zu sein, der auf jeden Fall festgehalten werden soll und die Sicherung und Ausgestaltung des eigenen Tellers steht im Vordergrund. Doch was nützt der, wenn die Tischplatte auf der er steht, durchbricht?
Stehen wir als christliche Gemeinden nicht in der Verantwortung darüber hinaus zu gehen? So abgedroschen es klingen mag: Wenn innerhalb der EKiR (und in allen anderen Landeskirchen auch) die christliche Verantwortung in und für die Welt im Kontext der Globalisierung ernstgenommen werden soll, dann sind viel einschneidendere Konsequenzen gefordert und überfällig. Welcher rheinische PfarrerIn würde jeden Monat auf einen Teil seines Gehaltes verzichten um damit z.B. eine Pfarrstelle in Nigeria zu finanzieren? Butter bei die Fische! Die Eine-Welt-Läden, die wirklich guten partnerschaftlichen Projekte, sind angesichts der Verteilung in der Welt weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn wir unseren Wohlstand christlich mit den Geschwistern in der weltweiten Ökumene teilen, dann wird das hier vielleicht wehtun, aber wir leben, reden und handeln als Christen doch für mehr als das eigene Hier und Jetzt. „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden […] Sammelt euch aber Schätze im Himmel.“
Kirche handelt heute allem Anschein nach nicht anders als Wirtschaftsunternehmen im eigenen finanziellen Interesse. Und letztlich unterliegen auch die meisten Gemeindeaufbau-Konzepte nicht auch einem latenten Gewinnstreben – mehr Menschen = mehr Kirchensteuern?
Solange wir selber Gewinner und Verlierer erzeugen, trotz gutgemeinter diakonischer Projekte für Arbeitslose, 1-Euro Jobs, sind wir es auch nicht, die Arbeitsplätze und damit eine Existenzgrundlage für andere Menschen hier bei uns schaffen. Und wenn die Mittel dafür fehlen, muss einmal über die Mittelverteilung in der Kirche nachgedacht werden. Und da stehen dann vielleicht teure Beamten- und Funktionärsgehälter sowie Pensionen zur Disposition.
Und da muss auch weiterhin nach der ökologischen Verantwortung gefragt werden. Globalisierung und ökologische Nachhaltigkeit sind nicht zu trennen. Was trägt die EKiR als Ganze zur CO2 Reduzierung bei? Es könnten ja auch z.B. verbindliche Standards für alle kirchlichen Gebäude geschaffen werden, aber Investitionen sind ja nicht das Gebot der Stunde. Und das Stichwirt der Nachhaltigkeit wird in rheinischen Synoden im Blick auf Personal, Finanz- und Umweltentscheidungen sicherlich erst einmal breit diskutiert werden müssen, da es sich ja ebenso wie bei Globalisierung und Demographischem Faktor um neue Themen handelt, die sozusagen gerade erst vom Himmel gefallen sind.
Das Projekt muss doch sein, Globalisierung nach christlichen Grundsätzen zu gestalten für eine besserer, gerechtere Welt, eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes und die Bewahrung der Schöpfung für die kommenden Generationen. Dies ist nicht bloß zu fordern und auch nicht nur partikular zu fördern. Dafür muss eingetreten werden und christliches Handeln vor Ort und in der Welt wird sich daran messen lassen müssen.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Mit all diesem sollen die Ansätze, die bereits gemacht werden und die Arbeit im Kontext von Lebensdienlichkeit und Verteilungsgerechtigkeit nicht klein geredet werden. Es gehört auch zu den ermutigenden Signalen, wenn die EKiR als Mitglied der Vereinten Evangelischen Mission versucht, ihren Beitrag zur VEM möglichst konstant zu halten. Aber es muss uns allen in der Kirche, die wir entweder über „Kirche Jesu Christi“ reden, oder über Globalisierung, klar werden, dass Gerechtigkeit nicht nur geboten ist, sondern das glaubensgebundene Gerechtigkeit richtig an die finanzielle Substanz geht. Das in einer Zeit zu erinnern, wo in unserer Kirche alle unter den Einschnitten stöhnen und viele Ausgebildete JugendmitarbeiterInnen, MusikerInnen, PflegerInnen und PfarrerInnen keine Stelle mehr finden, tut nochmals mehr weh. Es macht die Schwierigkeit bewusst, in der sich eine Kirche im Westen immer mehr wieder finden wird: Sie wird ärmer. Sie hat Verantwortung für die Gemeinden und die Mitarbeitenden, aber sie hat auch eine Verantwortung für ihre Praxis in der Welt – sei es den Geschwistern hier oder denen in anderen Ländern gegenüber.
Wem das zu moralisch ist, der oder die hat sicher recht. Auch beim Schreiben dieser Zeilen bewahrheitet sich der Satz, dass Menschen auf Probleme, die zu komplex zu werden drohen, mit moralischem Appell oder Urteil reagieren. Die Lösung für die Fragen der Globalisierung können diese Zeilen nicht bieten und manche Forderung ist vielleicht auch mehr „Aufschrei der Empörung“, als klare Handlungsanweisung. Aber zweierlei sollen diese Gedanken zeigen:

 

  1. Globalisierung ist mehr als eine ökonomische Frage; Globalisierung ist ein theologisches Problem im Blick auf die ihr zugrunde liegenden Hoffnungen und Erwartungen. Dazu hat und dazu kann Kirche und Theologie etwas sagen – sie muss es nur auch klar und deutlich tun.
  2. Wenn wir wirklich bei diesem Thema am „Anfang eines langen Diskussionsprozesses“ stehen, dann lohnt sich dieser nur, wenn er wirklich alle Ebenen kirchlichen Handelns erfasst.

    Nur wenn wir bei Finanzen und Zukunftsperspektiven unsere Geschwister in Hartz IV und in anderen Ländern vor Augen haben und unser Handeln für diese eine Besserung bringen kann, dann lohnt es sich. Wo nicht, sollte die Kirche wenigstens ökologisch nachhaltig Handeln und weitere Papiere ersparen. Alles Wichtige ist schon gesagt, spannend bleibt, was davon soviel Gewicht und Weisheit hat, dass es auch das Handeln ändert. ☐

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Wirkungen eines (Vor-)Urteils

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Vor einiger Zeit brachte die überregionale Presse, so die Münchener SZ, die Meldung, die Siegburger Pfarrerin Ulrike Cyganek sei wegen ihres Engagements als Feng-Shui-Beraterin vom Dienst in der Gemeinde suspendiert worden. Ohne damit eine Wertung von Feng-Shui vorzunehmen, gibt Transparent im Folgenden eine öffentliche Stellungnahme des theologischen Beistands von Frau Cyganek, Professor Dr. Manfred Josuttis, Göttingen, wieder. Darin geht es vorzugsweise um Genese und merk- und fragwürdige „Abwicklung“ dieses Falles.

Manfred JosuttisManfred Josuttis

Wirkungen eines (Vor-)Urteils

Nachträgliche Bemerkungen zum Fall Cyganek

In der Rolle des theologischen Beistands, die ich im Verfahren gegen Pfarrerin Cyganek im September 2005 übernommen hatte, ist mir in Frau Cyganek eine Pfarrerin begegnet, die ihre Arbeit aus innerer Überzeugung, auf biblischer Grundlage, voller Fürsorge für die ihr anvertrauten Menschen, mit dem Ziel einer umfassenden Lebensgestaltung versieht. 
Zwei Jahre später, nach der Abberufung von Frau Cyganek aus ihrer Pfarrstelle und dem vergeblichen Versuch, zusammen mit einem renommierten Rechtsanwalt als theologischer Beistand Frau Cygenek Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sehe ich mich zu meinem Bedauern gezwungen, diesen Fall an die Öffentlichkeit zu tragen.

Ich habe im Verlauf dieser zwei Jahre in der Evangelischen Kirche im Rheinland, in der ich am 17.02.1963 ordiniert worden bin, Dinge erlebt, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte und in anderen Landeskirchen als Gutachter bzw. theologischer Beistand auch nicht erlebt habe. Immerhin ging es dabei u.a. um sehr schwerwiegende Fragen, ob man nämlich als Mitglied der DKP oder als Homosexueller von der Ordination ausgeschlossen werden dürfe (vgl. meine Stellungnahmen in: M. Josuttis u.a. (Hg.), Pfarrer in der DKP? Theologische und kirchenrechtliche Gutachten, ThExh 197, München 1977, 9ff, sowie H. Kentler (Hg.), Die Menschlichkeit der Sexualität, München 1983, 107ff).
In der folgenden Skizze will ich die Erfahrungen, die ich im Umgang des LKA mit Pfarrerin Cygenek machen musste, kurz, parteilich, aber möglichst realitätsgerecht zusammenfassen. Dieser Fall zeigt für mich exemplarisch, wie ein Votum, ein in die Welt, in diesem Fall in die Landeskirche gesprochenes Urteil, wirkt und auch durch Argumente nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.

I

Am 30.08.2005 erhält die Pfarrerin Ulrike Cyganek einen Anruf, dass sie am nächsten Tag zum 13.00 Uhr zu einem unaufschiebbaren Dienstgespräch im Düsseldorfer Landeskirchenamt zu erscheinen habe. Da Frau Cyganek während dieser Woche ihren Urlaub in Irland verbringt, kommt das Gespräch erst am 06.09.2005 zustande. Der Anlass für diese Vorladung wird ihr erst auf Nachfrage mitgeteilt. Das Protokoll, das Frau Cyganek auf Antrag ihres später hinzugezogenen Anwalts zugesandt wird, nennt als Grund für die Vorladung: „Dem Landeskirchenamt liegt ein Bericht des Landespfarrers für Sekten- und Weltanschauungsfragen Andrew Schäfer vor, aus dem zu entnehmen ist, dass Frau Cyganek Aktivitäten im Zusammenhang mit der Akademie für Feng-Shui in Troisdorf nachzugehen scheint“. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass sich in diesem Zusammenhang für das LKA zwei kritische Problembereiche im Blick auf das Verhalten der Pfarrerin ergeben. Zunächst geht es um die Frage, warum sie sich eine Nebentätigkeit in der Akademie nicht hat genehmigen lassen. Neben diesem disziplinarrechtlichen Vorwurf tritt aber immer stärker die Frage in den Vordergrund, ob die dort vermutete Tätigkeit als Feng-Shui-Beraterin „mit der Tätigkeit als Pfarrerin und ihrer Ordinationsverpflichtung zu vereinbaren sei“.
Bei der Lektüre des im LKA nachträglich angefertigten Protokolls springt sofort in die Augen, dass dabei elementare rechtsstaatliche Grundsätze unberücksichtigt geblieben sind. Die Pfarrerin wird nicht von vornherein darüber informiert,

  • dass die Inhalte dieses „Gesprächs“ zu einem Disziplinar- bzw. Lehrbeanstandungsverfahren führen können;
  • dass sie deshalb gegenüber allen vorgetragenen Fragen ein Aussageverweigerungsrecht hat;
  • dass sie in beiden Fällen das Recht auf die Anwesenheit eines juristischen wie eines theologischen Beistands hat.

Schon diese Einleitungsphase ist durch zwei auffällige Sachverhalte bestimmt, die die ganze Angelegenheit bis zum Ende begleiten werden:

 

  1. Es ist und bleibt unklar, ob das LKA gegenüber Frau Cyganek disziplinarrechtlich oder im Rahmen einer Lehrbeanstandung vorgehen möchte.
  2. Gleichzeitig wird an wichtigen Stellen immer wieder deutlich, dass in kirchlichen Kreisen die Anwendung rechtsstaatlicher Grundsätze schwierig zu sein scheint.

II

Auf nachträglichen Antrag ihres Rechtsanwalts wird Frau Cyganek dann das amtsinterne Schreiben des Sektenbeauftragten Schäfer zugesandt, das die Untersuchung ausgelöst hat. Darin wird zunächst mitgeteilt, dass sie „den spirituellen Namen ‚Lalinea’ angenommen hat und neben ihren pfarramtlichen Aufgaben (100 %-Stelle) seit einiger Zeit, vermutlich entgeltlich, als energetische Feng-Shui-Beraterin nach dem System des umstrittenen Esoterik-Avatars und Heilpraktikers ‚Shalin’ Steed Dölger aus Troisdorf tätig ist“.
Dieser disziplinarrechtlich relevanten Information folgt alsbald eine theologische Bewertung, die auf den folgenden Seiten breit ausgeführt und, auf den ersten Blick jedenfalls, begründet wird: „Aus der Perspektive eines christlichen Weltbild-, Gottes- und Menschenbildes widerspricht dies dem mit der Ordination verbundenen Verkündigungsauftrag und ist in seinem weltanschaulichen Gehalt nicht in Einklang zu bringen mit der jüdisch-christlichen Tradition der Bibel, wie sie in der Evangelischen Kirchen im Rheinland gilt“.
Diese beiden Aussagen, die Sachinformation und das darauf bezogene theologische Urteil haben die weiteren Ermittlungen, die Anhörungen im LKA und die Entscheidungen in Presbyterium der Gemeinde so grundsätzlich bestimmt, dass Frau Cyganek auf Antrag der Gemeinde abberufen und in den Wartestand versetzt worden ist.
Auch ich selbst bin, als ich die Rolle des theologischen Beistands nach der Lektüre dieses Schreibens übernommen habe, zunächst davon ausgegangen, dass die im Schreiben von Pfarrer Schäfer erhobenen Vorwürfe im Kern zutreffend sind. In seinem Bericht werden ja Tatsachen festgestellt. Frau Cyganek „hat“ einen spirituellen Namen angenommen. Sie „ist“ als Feng-Shui-Beraterin tätig geworden. Beides, in der Troisdorfer Akademie realisiert, „widerspricht“ dem mit der Ordination verbundenen öffentlichen Verkündigungsauftrag. Dass es sich hierbei zunächst nur um Verdachtsmomente handelt und dass sich Pfarrer Schäfer, wie sich später für uns herausstellt, damit in das Aktionsfeld einer privaten Familienfehde begeben hat, wird an keiner Stelle angemessen formuliert.
Was nach seinen Schilderungen „als Manifestation eines religiösen Identitätswechsels, bzw. eines entsprechenden, weit fortgeschrittenen Konversionsprozesses“ erscheint, stellt sich, wenn man nach der Motivation von Frau Cyganek und den realen Abläufen fragt, ganz anders dar. Aber eine solche Frage ist im ganzen Verfahren unter dem Eindruck des eindeutigen Urteils von Herrn Schäfer seitens des LKA niemals ernsthaft gestellt worden.
Wie viele Christinnen und Christen, Pfarrer und Pfarrerinnen strebt auch Frau Cyganek nach einem „Leben in Harmonie mit der Umgebung“ (so die Anschuldigungsschrift über die Troisdorfer Akademie). Wie viele Christinnen und Christen, Pfarrer und Pfarrerinnen, auch im Rheinland, ist sie dabei auf die chinesische Tradition des Feng-Shui gestoßen. Dass es sich dabei nur um „Glaubens- und Aberglaubensvorstellungen“ handelt, wie Pfarrer Schäfer es in seiner dogmatischen Art behauptet, ist angesichts der Jahrtausende alten Tradition und der weltweiten Verbreitung dieser Methodik nicht anzunehmen. Heilverfahren wie Akupunktur und Akupressur, die nach demselben Polaritätsgesetz von Yin und Yang arbeiten, sind inzwischen auch in Europa als wichtige Ergänzung der Schulmedizin anerkannt. Eine solche Anschauung muss man persönlich nicht teilen. Aber in einer offiziellen Position darf man die eigene Meinung auf keinen Fall zum Maßstab einer theologischen Beurteilung machen. Vielmehr darf man als Theologe davon ausgehen, dass Gottes Schöpfung so reichhaltig ist, dass ihre Wirklichkeit nur von verschiedenen Modellen erfasst werden kann, mögen sie auf den ersten Blick auch befremdlich wirken.
Frau Cyganek hat sich, nachdem sie auf Feng Shui als Möglichkeit einer harmonischen Lebensgestaltung gestoßen war, nicht mit der Lektüre von Büchern begnügt, und zwar auch deswegen, weil sozusagen in ihrer Nachbarschaft ein Institut arbeitet, dass eine methodische Ausbildung vermittelt und, was in vielen derartigen Zentren geschieht, danach die Möglichkeiten bietet, das Gelernte an andere weiterzugeben. Aus den Veröffentlichungen zu Feng-Shui, wie man sie auch sonst in rheinischen Pfarrhäusern finden kann, ist wenig über den geschichtlichen Hintergrund, etwas über das anthropologische Modell, beinahe gar nichts über die religiösen Kontexte zu erfahren. Insofern hat Frau Cyganek keinen Anlass gehabt, sich durch ein zeitraubendes Internet-Studium über mögliche weltanschauliche Implikationen des Troisdorfer Instituts zu informieren. Wie sich inzwischen ergeben hat, sind zahlreiche Internetseiten, die Herr Schäfer zitiert, zu Beginn ihrer Ausbildung auch gar nicht mehr greifbar gewesen. Schließlich darf von einer examinierten Theologin und einer ordinierten Pfarrerin auch erwarten, dass sie, wenn sie unerwartet in religiös strittige Situationen gerät, zwischen dem christlichen Glauben, der immer auch Phänomene der Schöpfung umfasst, und widerchristlichen Sachverhalten zu unterscheiden vermag. Diese Fähigkeit zu einer theologisch fundierten Unterscheidung der Geister wird ihr indirekt in allem, was das LKA vorträgt, andauernd grundsätzlich bestritten. „Prüfet alles, und das Gute behaltet“ (1Thess 5,21). Auf dieser Basis hat sich Frau Cyganek zur Ausbildung als Feng-Shui-Beraterin entschlossen.
Pfarrer Schäfer ist spätestens am 24.06.2005 auf die beabsichtigte Mitarbeit von Frau Cyganek in der Troisdorfer Akademie hingewiesen worden, und zwar durch eine Mitteilung eines Herrn N.N. Er hat es nicht für nötig gehalten, mit ihr über die erhobenen Vorwürfe persönlich zu sprechen. Ob es dienstrechtlich korrekt ist, dass ein Mitarbeiter des LKA Ermittlungen gegenüber einem Pfarrer/einer Pfarrerin beginnt, ohne ihn/sie davon zu benachrichtigen, kann ich nicht entscheiden. Werden derartige Vorwürfe beim Superintendenten vorgetragen, hat der m.W. zunächst mit dem/der Betroffenen zu sprechen.
Pfarrer Schäfer ist bei der Aufgabe, den ihm zugetragenen Verdachtsmomenten gegenüber Pfarrerin Cyganek nachzugehen, offensichtlich überfordert gewesen.

  1. Bei der Vorlage des ihm zugesandten Materials unterläuft ihm ein für Frau Cyganek in der Wirkung verhängnisvoller Fehler. Statt eines Verdachts, der zu untersuchen ist, präsentiert er ein Urteil, das zu bestätigen ist und das dann, ohne auf Gegenargumente einzugehen, auch von vielen ohne eigene Überprüfung nachgesprochen worden ist.
  2. Wer in einer dienstlichen Äußerung die Ansicht vertritt, dass die „ursprünglich hinter Feng Shui stehende Ideenwelt … einen großten Teil der komplexen chinesischen Glaubens- und Aberglaubensvorstellungen“ widerspiegele, wiederholt nicht nur in aller Naivität den eurozentrischen Horizont gegenüber einer Jahrtausende alten Kultur, sondern verrät auch, dass ihm ernsthafte religions- wie kulturwissenschaftliche Reflexionen fremd sind.
  3. Gleichzeitig wird an diesem Punkt ein erhebliches theologisches Defizit fassbar. Denn die biblische wie die reformatorischen Tradition lassen sich keineswegs auf die „Perspektive eines christlichen Welt-, Gottes- und Menschenbildes“ fixieren. Vielmehr rechnet sie im Rahmen der Schöpfungslehre selbstverständlich damit, dass es in der gefallenen Welt auch jenseits des jüdisch-christlichen Kulturkreises gute, für das menschliche Leben und das Bestehen der Schöpfung hilfreiche Ordnungen und Einsichten gibt.
  4. Von einem Theologen, der sich anmaßt, über eine Kollegin ein theologisches Urteil zu fällen, und zwar ohne jede Rücksprache mit ihr, sollte man erwarten dürfen, dass er fähig ist, seine Aussagen theologisch korrekt zu formulieren. Aus der Heiligen Schrift jedenfalls lässt sich kein eindeutiges und einheitliches „christliches Welt-, Gottes- und Menschenbild“ deduzieren; vielmehr wird dort bekanntlich(?) ein solcher Versuch nachdrücklich verboten.

III

Die folgenden Anhörungen im LKA kreisten um eine Vielzahl von Fragen. Offiziell ging es um ein Disziplinarverfahren, faktisch wurde meist über Probleme gesprochen, die in den Bereich der Lehrbeanstandung gehören. So spielte dabei die Frage, ob Frau Cyganek eine Ausbildung in Feng-Shui oder speziell in „Feng-Shui nach S. Dölger“ erhalten habe, eine zentrale Rolle. Im zweiten Fall wäre sie nach Meinung des LKA mit den weltanschaulichen Hintergründen der Akademie vertraut und wahrscheinlich auch darauf verpflichtet worden. Frau Cyganek hat in den Anhörungen immer wieder versichert, dass sich die Ausbildung in allen Details immer nur auf sach- und personbezogene Aspekte der Lebensgestaltung nach Feng-Shui bezogen habe. Sie hat sich auch von den Materialien, die ihr von älteren Internetseiten der Akademie vorgelegt wurden, immer wieder inhaltlich distanziert.
Trotz aller Klarstellungen und Beteuerungen ihrerseits wurden die Vorwürfe gegen sie weiter aufrecht erhalten. Ihren Informations- wie ihren Bekenntnisaussagen wurde immer wieder ein simples „nicht glaubwürdig“ entgegengehalten.
Bevor es dann am 24.11.2006 zur Verhandlung vor der Disziplinarkammer der Evangelischen Kirche im Rheinland gekommen ist, hat sich für Pfarrerin Cyganek ein weiteres Konfliktfeld aufgetan. Durch Pressemitteilungen von unterschiedlicher Sachqualität und zeitweise ausgesprochene Beurlaubungen war die „Sache Cyganek“ Gegenstand öffentlicher Diskussionen geworden und hatte insbesondere im Presbyterium der Kirchengemeinde zu erstaunlichen Reaktionen geführt.
Noch am 3.11.2005 hatte das Gremium eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es sich klar und nachdrücklich hinter die Pfarrerin der Gemeinde stellte. Im Dezember, also einen Monat später, ist die Stimmung radikal umgeschlagen. Der RA Dr. Baden muss im LKA monieren, dass das Presbyterium jetzt seinerseits den Versuch unternimmt, das, was in einem ordentlichen Disziplinarverfahren geklärt werden soll, eigenständig aufzuarbeiten. Ein solcher Meinungswandel ist nur verständlich, wenn man annimmt, dass Personen außerhalb der Gemeinde, über die man nur Vermutungen anstellen kann, in der Zwischenzeit Stimmungsmache gegen die Pfarrerin betrieben haben.
Dass bis zum Abschluss eines Verfahrens gegenüber dem Betroffenen die Unschuldsvermutung zu gelten hat, wurde in keiner Weise respektiert. Die Weigerung der Pfarrerin, während des laufenden Verfahrens im Landeskirchenamt auf Einzelheiten der Vorwürfe einzugehen und damit im Presbyterium eine neue Untersuchung einzuleiten, wurde als Starrsinn bzw. als Schuldeingeständnis angesehen. Dass sie auf die absurde Forderung, jeden persönlichen Kontakt mit Angehörigen der Akademie sofort zu vermeiden, nicht eingegangen ist, weil sie damit auf ein persönliches Grundrecht und auf die Wahrnehmung pastoraler Aufgaben verzichtet hätte, hat man, vorsichtig formuliert, nicht verstanden. Auch einzelne Versuche seitens des LKA, die Gemüter zu beruhigen, haben die aufgebrachte und teilweise aufgehetzte Atmosphäre nicht zu ändern vermocht. Das Urteil stand, von Herrn Schäfer auch durch persönliche Aktivitäten verbreitet, fest.

IV

Fixiert auf die (Vor-)Urteile von Pfarrer Schäfer, ohne Rücksicht auf die untadelige Amtsführung von Pfarrerin Cyganek, unbeeindruckt von den Einwänden und Argumenten der beiden Beistände, hat das LKA das Verfahren an die Disziplinarkammer weitergereicht. Die Strategie, von der die Anschuldigungsschrift geprägt war, enthält eine merkwürdige Kombination von Vorwürfen, teils disziplinarrechtlicher, teils lehrbeanstandungsbezogener Art. Wie sich beim Verhandlungstermin am 24.11.2006 sehr schnell herausgestellt hat, hatte sich das LKA mit dieser Strategie selbst eine Falle gestellt.
Die Anschuldigungsschrift vom 20.07.2006 endet mit dem „Antrag auf Amtsenthebung unter Versetzung in den Wartestand gemäß § 30 DG EKD“. Der zentrale Vorwurf bezieht sich auf § 40 DG EKD: „Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen eine Vereinigung nicht unterstützen, wenn sie dadurch in Widerspruch zu ihrem Auftrag treten oder in der Ausübung ihres Dienstes wesentlich behindert werden“.
Um den aus kirchlicher Sicht problematischen Charakter der Feng-Shui-Akademie zu unterstreichen, bietet die Anschuldigungsschrift eine relative ausführliche Zusammenfassung aller Gesichtspunkte, die in den Materialien von Pfarrer Schäfer zusammengetragen sind und in der Tat belegen, dass das Institut von biblischen und reformatorischen Anschauungen durchaus nicht geprägt ist. Dass es sich hier um eine christliche oder gar kirchliche Vereinigung handelt, ist im Laufe des Verfahrens auch von niemandem behauptet worden. Strittig ist immer nur gewesen, ob das Verhalten von Pfarrerin Cyganek als eine unzulässige Unterstützung im Sinne einer positiven Förderung des Instituts zu bewerten ist.
Pfarrerin Cyganek hat am 31.05.2006 dem Landeskirchenamt eine „Persönliche Erklärung“ eingereicht, in der sie noch einmal versichert, dass sie sich jederzeit gegenüber der Kirche loyal verhalten habe. Ihr christlicher Glaube sei über Jahre gewachsen und zur Gewissheit geworden. Mittlerweile wisse sie, dass es ein Fehler war, sich mit Bild und Namen im Prospekt abbilden bzw. im Internet aufführen zu lassen, auch die Aufnahme im Veranstaltungskalender der Akademie sehe sie heute als Fehler an. Sie sei weder im Widerspruch zu ihrem Auftrag getreten noch in der Ausübung ihres Dienstes behindert worden. Sie habe in ihrer Ausbildung keine Inhalte kennengelernt, geschweige denn übernommen, die im Widerspruch zum christlichen Glauben stehen.
Die vom LKA angeführten Belege, die eine theologische unzulässige Unterstützung der Akademie ergeben sollen, sehen vollkommen anders aus, wenn man sie im Rahmen dieser Erklärung von der Motivation her interpretiert, die Frau Cyganek zur Akademie geführt hat. In der Erwiderung auf meine pastoraltheologische Stellungnahme zur Anschuldigungsschrift stellte der theologische Vertreter des LKA fest, dass „die zu klärenden Sach- und Beurteilungsfragen … meist nicht in der tatsächlich gestellten Form …, sondern in einer veränderten Diktion“ auftauchen, „die ein positives Ergebnis für Pfarrerin Cyganek nahe legt“. Was hier offensichtlich Verwunderung ausgelöst hat, ist in der Tat meine Aufgabe als theologischer Beistand gewesen. Gegen alle Vermutungen und Verdächtigungen habe ich versucht, Ablauf und Inhalt der Verbindung von Pfarrerin Cyganek zur Akademie in Troisdorf so wiederzugeben, wie sie sich in der Perspektive von Frau Cyganek abgespielt haben. Wer sich unvoreingenommen, also ohne das von Herrn Schäfer formulierte Vorurteil, mit dem strittigen Sachverhalt beschäftigt, kann nur feststellen:
Dass sich Frau Cyganek für die Ausbildung zur Feng-Shui-Beraterin keine Genehmigung eingeholt hat, stellt in der Tat eine Amtspflichtverletzung dar, der man aber keineswegs sofort ein „erhebliches Ausmaß“ zuschreiben kann. Durch die Ausbildung sind dienstliche Termine in keinem Fall tangiert worden. Auch die finanziellen Leistungen, die sie dabei zu erbringen hatte, lassen sich nicht als Unterstützung bezeichnen, weil sie die Honorierung einer Ausbildungsleistung darstellen.
Dass sie im Verlauf der Ausbildung das Angebot erhalten und angenommen hat, auf dem Forum der Troisdorfer Akademie als Feng-Shui-Beraterin tätig zu werden, hat sie in der Erklärung vom 31.05.2006 selbst als Fehler bezeichnet. Faktisch hat sie auch keine Beratungen in dieser Funktion durchgeführt. Sie ist dafür auch keineswegs auf irgendwelche weltanschaulichen Grundlagen verpflichtet worden, sondern von der Erwartung bewegt gewesen, in diesem Rahmen mit aller gebotenen Zurückhaltung auch die lebensgestaltende Kraft des Evangeliums zur Geltung bringen zu können.
Eine explizite Unterstützungshandlung gegenüber der Akademie ist auch in allen anderen vom LKA vorgetragenen Vorwürfen nicht zu entdecken. Viel wesentlicher ist die grundsätzliche Frage, die unausgesprochen im Hintergrund steht: Dürfen Christen und Christinnen, Pfarrer und Pfarrerinnen sich in „Gemeinschaften“ hineinwagen, die erklärtermaßen nicht auf dem Boden der biblischen Tradition und der reformatorischen Bekenntnisschriften stehen?
Das Neue Testament ist in dieser Hinsicht erstaunlich offen. Ausgerechnet Paulus, dem man wahrlich nicht einen fahrlässigen Umgang mit den Glaubensinhalten vorwerfen kann, reagiert auf einen Konflikt in der Gemeinde von Korinth souverän und gelassen. Gegenüber Gemeindegliedern, die an Götzenopfermahlzeiten teilgenommen haben, verlangt er keine Kirchenzucht und erst recht keinen Ausschluss. Grundsätzlich gilt für ihn: „Wir wissen, dass es keine Götzen gibt in der Welt und keinen Gott außer dem einen“ (1Kor 8,4). Auf dieser Basis geht es nur darum, das eigene Verhalten so zu gestalten, dass andere Gemeindeglieder, die diesen starken, radikalen Glauben noch nicht aufbringen, in ihrem Gewissen nicht belastet werden.
Für den Kontakt mit Menschen im fremd­religiösen Bereich gibt es in der Gegenwart drei Möglichkeiten:

  • die Verkündigung des Evangeliums als missionarischen Akt, der zum Glauben führt;
  • die eigene Suche nach einer festen Weltanschauung, die zur Anpassung an den fremdreligiösen Horizont führen kann;
  • die begrenzte Übernahme von Fertigkeiten, die einem bei der Lebensgestaltung helfen können, ohne dass man den fremdreligiösen Hintergrund übernimmt.

Frau Cyganek hat sich bei ihrer Ausbildung als Feng-Shui-Beraterin in diesem dritten Bereich bewegt.
Dass die Troisdorfer Akademie Menschen aus ihren kirchlichen Bindungen nicht einfach herauslöst, belegen jene Zeugnisse, die bekunden, dass sie durch die dortige Arbeit erst zu einem vertieften Verständnis des christlichen Glaubens und der kirchlichen Wirklichkeit gefunden hat. Der im Kirchenkreis zuständige Superintendent, über dessen Rolle in dem abgeschlossenen Verfahren hier nicht zu diskutieren ist, hat selbst, ohne es zu wissen, eine durch die Akademie geprägte Frau in die Evangelische Landeskirche aufgenommen und ihre Kinder auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft.

V

Die fundamentale Fixierung der juristischen und theologischen Anschuldigungsschriften auf den nicht kirchlichen Charakter der Troisdorfer Akademie sollte die besondere Schwere der erhobenen dienstrechtlichen Vorwürfe und den Antrag auf Amtsenthebung begründen. Die dabei vorgenommene Vermischung zwischen den Bereichen des Disziplinarrechts und der Lehrbeanstandung wurde seitens der Disziplinarkammer mit einer eindeutigen Stellungnahme beantwortet.
Im Beschluss der Disziplinarkammer heißt es:

  1. „Die Disziplinarkammer ist für die Verhandlung und Entscheidung über den der Anschuldigungsschrift vom 13.06.2006 zugrunde liegenden Sachverhalt nicht zuständig.
  2. Die Vorgänge werden dem Landeskirchenamt zur Einleitung eines Verfahrens nach der Lehrbeanstandungsordnung zugeleitet.“

Nüchtern stellt die Kammer in der Begründung fest, sie habe „über die angeschuldigten Amtspflichtsverletzungen nicht mehr zu verhandeln und entscheiden, da diese untrennbar mit dem theologischen Hintergrund des der Pfarrerin angelasteten Fehlverhaltens verbunden sind“. In der mündlichen Erläuterung hat der Vorsitzende die angeführten Amtspflichtsverletzungen, wenn man den theologisch zu beurteilenden Hintergrund außer acht lässt, nur als „peanuts“ bewertet.
Das Landeskirchenamt ist durch diesen Beschluss mit dem Versuch, die in der einleitenden Stellungnahme des Herrn Pfarrer Schäfer formulierten Urteile juristisch verifizieren zu lassen, gescheitert. Das Ansinnen, auf dienstrechtlichem Weg Lehrbeanstandungsvorwürfe gegen Frau Cyganek zur Geltung zu bringen, hat sich als Falle erwiesen; denn gegen Verkündigung und Lehre in ihrer Gemeindetätigkeit sind vor, während und nach dem Verfahren, mit Recht, keine Vorwürfe erhoben worden. Das hat freilich nicht bedeutet, dass dieser Fall vom LKA in einer fairen, rechtlich und theologisch gebotenen Form abgeschlossen worden ist.
Erst auf Anfrage des Rechtsanwalts Dr. Baden wurden ihm am 01.02.2007 zwei Entscheidungen mitgeteilt, deren Inhalt Frau Cyganek aus der Presse erfahren hatte: „Bezüglich des Disziplinarverfahrens gehen wir davon aus, dass das Verfahren durch Beschluss der Disziplinarkammer der Evangelischen Kirche im Rheinland vom 24.11.2006 eingestellt worden ist. … Bezüglich eines Lehrbeanstandungsverfahrens teile ich Ihnen den Beschluss der Kirchenleitung vom 07.01.2007 mit: ‚Gegen Pfarrer (sic!) Ulrike Cyganek … wird kein Lehrbeanstandungsverfahren eingeleitet’. Die Entscheidung wird damit begründet, dass Pfarrerin Cyganek nicht mehr an ihrer als schriftwidrig beanstandeten Lehre festhält“.
Demgegenüber hat RA Dr. Baden am 14.02.2007 zur Klarstellung gegenüber dem LKA festgehalten, „dass Frau Pfarrerin Cyganek zu keiner Zeit eine schriftwidrige Lehre vertreten hat, so dass es gar nichts gegeben hat, an dem nicht mehr hätte festgehalten werden können. Und zweitens ist die Lehre von Frau Cyganek zu keiner Zeit als schriftwidrig beanstandet worden“.
Die Erklärung, die das LKA Frau Cyganek vorgelegt und die sie auf Anraten ihrer Beistände am 29.12.2006 unterschrieben hatte, lautete im entscheidenden Satz: „1. Ich distanziere mich von den Inhalten, wie sie auf den Internetseiten der Akademie … zu finden sind, soweit sie dem christlichen Glauben widersprechen“. Damit hat sie eine Abweisung fremder Texte, aber keinen Widerruf eigener Positionen ausgesprochen.
Dass das LKA trotz des eindeutigen Wortlauts dieser Aussage an seiner Interpretation bis heute in seinen Schriftsätzen festhält, kann man nur als skandalös bezeichnen.
Eine indirekte, aber folgenschwere Bestätigung der Vorverurteilung ist von anderer Seite erfolgt. Am 16.04.2007 hat des Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Siegburg beschlossen (15 Ja-, 1 Nein-Stimme(n): „Das Presbyterium der Ev. Kirchengemeinde Siegburg beantragt bei der Kirchenleitung Pfarrerin Ulrike Cyganek gem. § 84 Abs. 1 Nr. 2 PfDG abzuberufen“.
Als Begründung werden drei Bereiche in ihrem „Kommunikationsverhalten“ angeführt. Sie habe emotional nicht vermitteln können, dass sie sich eindeutig von der Akademie getrennt habe. Damit habe sie an Glaubwürdigkeit verloren. Sie habe nicht abschätzen können, „was ihr uneindeutiges Verhalten bei anderen Menschen bewirke“. Und sie habe „mit oder ohne ihren Willen“ dazu beigetragen, dass in der Gemeinde in den vergangenen eineinhalb Jahren eine Gruppenbildung zwischen Ablehnung und Befürwortung entstanden ist.
Eine schon vorher vereinbarte Supervision im Rahmen des Presbyteriums war vom Supervisor nach zwei Sitzungen wegen mangelnder Erfolgsaussichten abgebrochen worden. Gegen alle Verhaltensregeln, die von ihm auch nach dem Abschluss seiner Arbeit strikte Neutralität und Vertraulichkeit verlangen, hat er gegenüber dem Presbyterium und durch dessen Vermittlung auch dem Landeskirchenamt eine Stellungnahme abgegeben, die eindeutig zu Lasten von Frau Cyganek Partei ergreift. Darin teilt er mit, er habe „Frau Cyganek darauf hingewiesen, dass sie sich meiner Wahrnehmung nach überhaupt nicht von dem Institut distanziert habe, im Gegenteil, sogar eher für dessen Akzeptanz werbe“. Und den Abbruch der Supervision begründet er nicht mit dem Hinweis auf das Verhältnis zwischen beiden Parteien, sondern schiebt die Schuld daran ausschließlich Frau Cyganek zu: „Da diese Beziehung m.E. nach so gründlich gestört ist und ich keine Zeichen von Einsicht bei Frau Cyganek erkennen kann, empfehle ich dem Presbyterium, sich von Frau Cyganek zu trennen“. Offensichtlich ist er dabei nicht imstande gewesen, zwischen Supervision und Gemeindeberatung zu unterscheiden.
Die gegen Frau Cyganek erhobenen Vorwürfe sind rechtlich in keiner Hinsicht verifiziert worden. Frau Cyganek hat am Ende aller Untersuchungen nicht nur die ihr entstandenen erheblichen finanziellen Kosten selber zu tragen, sondern bekommt am 21.08.2007 vom LKA offiziell mitgeteilt, dass sie „gemäß § 84 Abs. 1 Nr. 2 Pfarrerdienstgesetz aus ihrer Pfarrstelle abberufen“ sei. In der Erläuterung zu diesem Beschluss und der dabei angestellten Güterabwägung wird auch auf die zu vermutende Aussichtslosigkeit weiterer Bewerbungen in der Landeskirche hingewiesen. „Unter Berücksichtigung ihrer bisherigen Laufbahn, den positiven Einschätzungen über ihren Dienst einerseits, das in der Vergangenheit liegende Disziplinarverfahren und die geringe Anzahl von freien Pfarrstellen andererseits, werden ihre Chancen, eine andere Pfarrstelle zu finden, als nicht sehr gut angesehen. … Gegenüber den Nachteilen für die Kirchengemeinde werden die Nachteile von Pfarrerin Cyganek als hinnehmbar gewertet“.
Das Votum des Herrn Schäfer hat sich als Fatum erwiesen, als Schicksalsmacht, die eine pastorale Existenz zu beenden droht.
Eine Landeskirche, die öffentlich immer wieder für „Recht und Gerechtigkeit“ einzutreten versucht, nimmt ohne ein rechtlich, weil richterlich fundiertes Urteil einer examinierten Theologin und ordinierten Pfarrerin sehenden Auges die Chance, weiterhin ihrer Berufung zur folgen.
Dass das Landeskirchenamt selbst durch einen Mitarbeiter und mit seinen Aktionen erheblich dazu beigetragen hat, dass aus einzelnen Fehlern der Betroffenen Turbulenzen in der Gemeinde entstanden sind, hat man in Düsseldorf nicht wahrhaben wollen.
Ein unverzichtbarer Grundsatz jeder Rechtsprechung lautet: Nicht der Beschuldigte hat seine Unschuld, sondern der Beschuldiger hat seine Vorwürfe zu beweisen – nicht für sich selbst, sondern vor einer unabhängigen Instanz. Diesen Grundsatz hat das LKA der Evangelischen Kirche im Rheinland in meinen Augen verletzt. ☐

 

Manfred Josuttis studierte evangelische Theologie in Wuppertal, Bonn und Göttingen. Er promovierte über Karl Barth. Josuttis war Pfarrer in Seibersbach und Gödenroth (Hunsrück), bevor er 1968 auf den Lehrstuhl für Praktische Theologie in Göttingen berufen wurde, den er bis zu seiner Emeritierung innehatte.
Kontakt zum Autor: Prof. i. R. Dr. Manfred Josuttis, Hagenring 39, 37133 Friedland

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„Vertraut den neuen Wegen …?“

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Søren Asmus

„Vertraut den neuen Wegen …?“

Zentrales Auswahlverfahren statt Zentralabitur

Von „Mutter Kirche“ zu einem professionellem Betrieb

Die Auswahlverfahren für „Nachwuchs“ und Wartestand führen einen Weg weiter, den die Landeskirchen schon lange gehen: Pfarramt als Professionalismus statt als Profession.  Dies ist im Blick auf die weitergehenden Umstrukturierungen der Landeskirche nicht zu übersehen, bleibt Aufgabe auch für die KollegInnen „im Amt“. Denn nachdem die einzelnen Schritte des Umbaus der EKiR bisher nur für diejenigen zu spüren waren, die keine Stelle mehr bekommen, trifft es jetzt auch Schritt für Schritt die Gemeinden und die verbeamteten PfarrerInnen. Von der Reaktion und Kreativität der Leute „im System“ wird es abhängen, wie es weiter geht.
Nachdem die Synoden der letzten Jahre eifrig vorgearbeitet haben, ist es jetzt „Showtime“: Durch das zentrale Bewerbungsverfahren für den Nachwuchs und das zentrale Auswahlverfahren für den Wartestand werden die Beschlüsse für die Gemeinden und AmtsinhaberInnen sichtbar umgesetzt. Nun gilt es, die Konsequenzen realistisch einzuschätzen. Dabei spielt die Perspektive und die jeweilige Betroffenheit eine große Rolle, bei der Einschätzung. Unbemerkt von vielen bricht sich eine Sicht auf die pfarramtliche Rolle Bahn, die so lange vorbereitet ist, aber nun konkrete Gestalt gewinnt. Konnte man noch vor wenigen Jahren trefflich über „das Pfarramt als Profession“ debattieren und damit meinen, dass es zwar benennbare Anforderungen an PfarrerInnen und ihre Amtsführung gebe, die Umsetzung aber letztlich diesen selbst überlassen bleiben müsse, so kommt jetzt der OURPP: der old urban and rural professional Pastor in den Blick.

Die Ziele des neuen Verfahrens

Dahinter stehen zwei Ziele, die je für sich sehr lobenswert sind: Zum einen geht es darum, den Gemeinden die Wahl zu geben zwischen geeigneten, umfassend fähigen und kompetenten PfarrerInnen mbA, die sie auf die wenigen Stellen bekommen werden, die noch frei werden. Zum anderen geht es darum, aus einer großen – fast übergroßen Zahl von geeigneten NachwuchspfarrerInnen einige wenige auszuwählen, die heute über die rechnerische Notwendigkeit hinaus eingestellt werden sollen, damit es in der Zukunft keine Engpässe bei der Versorgung der Pfarrstellen geben soll. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass das Rheinland weiter Pfarrstellen abwickeln wird und die Anforderungen an die KollegInnen im Amt weiter wachsen, weil die Seelsorgebezirke wachsen und zusätzliche Aufgaben übernommen werden müssen, um die gewachsenen und notwendigen Arbeitbereiche abzudecken. Wie Pfarrstellen berechnet werden und nach welchen Kriterien sie eingerichtet werden, wird wohl im Juli-Amtsblatt nachzulesen sein; wie sie in den Kirchenkreisen verteilt werden, beschließen die Kreissynoden. Wer aber diese Stellen ausfüllen soll, darüber entscheidet das zentrale Verfahren der EKiR um den Zugang in den Pool der mbA-lerInnen.
Um dieses Verfahren soll es hier gehen, und um die Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Ohne selbst dieses Verfahren durchlaufen zu haben, geht es um eine Einschätzung aus der Distanz. Betroffene mögen einiges anders sehen, und es wäre sicher hilfreich, wenn diese ihre Wahrnehmung in die Debatte werfen – betroffen werden über kurz oder lang alle PfarrerInnen und PastorInnen sein, und auch die Gemeinden. Genau genommen geht es um zwei Verfahren, die auch streng auseinander gehalten werden müssen. Zunächst das „zentrale Bewerbungsverfahren“ für diejenigen, die noch nicht in der EKiR verbeamtet sind – der „Nachwuchs“.

Bewerben ist eine Sache …

Bewerbungsverfahren heißt: in einem umfassenden Verfahren werden zunächst auf Grundlage einer Bewerbung einige wenige KandidatInnen ausgewählt, die dann in einem zentralen Verfahren vor einer Bewerbungskommission nach vorher benannten Kriterien ins Rennen gehen. Weitere Bewerbungsversuche bleiben möglich. Im Grunde hat sich hier nur verändert, dass nicht mehr zahllose Bewerbungen an überforderte Presbyterien geschickt werden, sondern diese zentral von der Landeskirche unter Hinzuziehung externer Beratung ausgewertet und die Gespräche in einem hochkomplexen Verfahren recht professionell geführt werden. Die Stärke dieses Verfahrens ist, dass einerseits mehr oder weniger gleichwertige Kriterien an alle KandidatInnen angelegt werden, und dass die Vorauswahl und Bewerbungsgespräche mit nachvollziehbaren und überprüften Anforderungen an die gesuchten Qualitäten vollzogen werden. Die Schwäche im Blick auf die bisherige Praxis ist, dass nun die spezifischen Anforderungen einer bestimmten Stelle nicht ins Gewicht fallen, sondern vor allem die Fähigkeit, in allen Bereichen der EKiR eingesetzt werden zu können, im Vordergrund steht. Problematisch ist und bleibt für diejenigen, die es nicht ins Gespräch schaffen, dass sie ausbaden, was in der Vergangenheit versäumt wurde, und auch als sehr geeignete PfarrerInnen an Kriterien scheitern, denen viele der KollegInnen nie ausgesetzt waren. Die geringe Zahl derer, die in diesen Verfahren in den Probe- bzw. mbA-Dienst übernommen werden, wird sich langfristig als Problem für die EKiR insgesamt, mittelfristig und zum Teil schon jetzt absehbar zu einem erheblichen Problem für die Kirchenkreise entwickeln. Die mbA-Stellen treten nämlich in den nächsten Jahren sukzessive an die Stelle der bisherigen z.A.- und Sonderdienststellen, allerdings in einem zahlenmäßig erheblich geringerem Umfang. Dadurch kommt auf die Kirchenkreise eine erhebliche Reduktion der pastorale „Entlastungskräfte“ zu, die gerade diejenigen, die in den Kirchenkreisen verantwortlich Aufgaben wahrnehmen, zu spüren bekommen werden. Es wird maximal drei mbA-Stellen pro Kirchenkreis geben.

Rückmeldungen und Erfahrungen beim „Nachwuchs“

Dabei ist nach den Rückmeldungen, die den rheinischen Konvent erreicht haben, festzuhalten, dass die Gespräche im Bewerbungsverfahren fair und gut geführt wurden, und dass die Kriterien, nach denen ausgewählt wird, allen vorher bekannt sind. Im Grunde kann sich jedeR bereits aufgrund der eigenen Examensnoten ausrechnen, wie weit er oder sie kommen dürfte, und dann geht es eben um die Art der breit gefächerten Qualitäten, die sich schriftlich und im Gespräch unter Beweis stellen lassen. Das ist ein Gewinn für diejenigen, die hineinkommen, weil ihnen Unterstellungen wie „Mitleidsbonus“, „Kontakte“ oder andere sachfremde Kriterien für ihre Auswahl erspart bleiben. Und es hat den „Gewinn“ für alle anderen, dass sie im Vorfeld wissen können, worauf es ankommt – zu allererst auf die Noten, dann auf eine nicht zu tiefgehende Spezialisierung und schließlich auf eine gewisse allround-Einsetzbarkeit. Allerdings darf und sollte weiter über diese Kriterien gesprochen werden, vor allem im Hinblick darauf, dass Noten lange eine sehr geringe Rolle im Rheinland spielten, und dass die Chance, hoch spezialisierte Personen für Stellen, die diese hohe Spezialisierung erfordern, auszuwählen, nicht mehr gegeben ist.
Es bleiben auch hier Auffälligkeiten, wie die, dass unter den ersten 10 Personen, die es durch das Verfahren geschafft haben, nur eine aus dem Kreis der bereits Entlassenen kommt, und es aus dem Sonderdienst niemand geschafft hat – andererseits ist eine Gruppe von 10 Personen noch nicht wirklich aussagefähig im Blick auf das gesamte Verfahren. Bedauerlich ist in jedem Falle, dass viele gute und erprobte PfarrerInnen z.A. und PastorInnen im Sonderdienst oder außerhalb des kirchlichen Dienstes nicht übernommen werden, weil in der Vergangenheit versäumt wurde, klare Personalpolitik zu betreiben.
Dieses Bewerbungsverfahren läuft in einer doppelten Konkurrenzsituation: Zum einen konkurrieren die Nachwuchsleute untereinander – mit noch nicht recht absehbaren Auswirkungen vor allem unter den VikarInnen, die bisher unter der Prämisse der Kollegialität ausgebildet wurden. Dies ist eine Qualität, die gerade in Zukunft der EKiR immer wichtiger werden wird. Seit einigen Jahren wird hier ein besonderer Schwerpunkt gelegt, werden die PfarrerInnen ausgebildet, die die EKiR braucht, bei zunehmender „Verdichtung“ der Arbeit und gemeindeübergreifenden Aufgaben. Nun aber steht das ganze Vikariat nicht mehr unter der Prämisse der Persönlichkeitsbildung und der Kollegialität, sondern unter der Prämisse der Profilierungen gegeneinander und der Fixierung auf die einzelnen Examensprüfungen, denn die Note ist dort nahezu alles, um die nötigen 40 Punkte zu erreichen, die den Zugang in den mbA-Pool eröffnen können (39 Punkte reichen nicht!). Das wird auch Konsequenzen für die Gemeinden haben, deren VikarInnen nun sehr funktional sehen müssen, wie sie ihren Weg gehen, und wenig Platz dafür haben, sich auf die Gemeinde einzulassen, sofern es nicht der Note nutzt – alles andere wäre im Blick auf die landeskirchlichen Anforderungen von den VikarInnen sehr kurzsichtig. Aber – so ist auch hier im Blick auf das gesamte Bewerbungsverfahren festzuhalten: Es ist das Verfahren, welches die Synode beschlossen hat, für das also letztlich alle Gemeinden die Verantwortung tragen und es über ihre Synodalen festlegten. Und es wird allein die Synode sein, die dieses Verfahren ändern kann, wenn es ihr nicht sinnvoll erscheint. Das allerdings wird einen hohen Aufwand bedeuten, weil es nicht der Kontrolle der Synode unterliegt – auch dies wurde so beschlossen.

Ausgewählt werden ist eine andere Sache …

Daneben befindet sich der Nachwuchs aber auch in einer Konkurrenz zum Wartestand, wenn auch nur indirekt. Beschlossen wurde ein Pool, aus dem die Gemeinden ihre PfarrerInnen bekommen können. Dieser Pool wird gespeist von der einen Seite mit den wenigen jungen PfarrerInnen aus Vikariat, Probe-, Sonderdienst und denen, die es von einer anderen Stelle durch die Bewerbung schaffen. Auf der anderen Seite soll der Pool gespeist werden von den PfarrerInnen im Wartestand. Hier gibt es zwei Gruppen: Zum einen diejenigen, die aus befristeten Stellen (z.B. im Ausland) kommen, bzw. in den Wartestand kamen, weil die Stelle, die sie bislang hatten, aufgehoben wurde. Diese Personen werden direkt in den mbA-Dienst übernommen. Zum anderen diejenigen, die sich im Wartestand befinden, weil sie aus spezifischen? Gründen abberufen wurden. Bislang dienten viele von ihnen in sog. Beschäftigungsaufträgen der Kirche. Diese Personen müssen nun ein spezifisches Auswahlverfahren durchlaufen. Die Anforderungen an dieses Verfahren gleichen denen des Bewerbungsverfahrens (mit dem Ziel der Gleichwertigkeit der mbA-ler). Aber es gibt hier zur Zeit keine Möglichkeit, sich erneut auf den Pool zu bewerben. Entweder es klappt beim „ersten Mal“ oder die Person ist draußen, beendet den Beschäftigungsauftrag und geht nach Ende der Wartestandszeit unweigerlich in den Vorruhestand. Dies kann zu harten finanziellen Einbußen führen. Vor allem aber bedeutet es, sich mit Anforderungen konfrontiert und darin für nicht ausreichend zu finden, die bislang nie im Umlauf waren. Zwar wussten eigentlich immer alle irgendwie, was ein Pfarrer, eine Pfarrerin können solle: Predigen, Gemeinde leiten, seelsorgerlich und theologisch „gesprächsfähig“ sein, Arbeit organisieren und vieles anderes mehr. Bislang wurden diese Fähigkeiten mit der Zuerkennung der Anstellungsfähigkeit festgestellt. Nur wenige PfarrerInnen haben ihre Arbeit dem Urteil der KollegInnen aussetzten und sich von diesen beurteilen lassen müssen. Nun müssen sich PfarrerInnen neu in ihrer Eignung beurteilen lassen
Wer sich noch an die Debatten um das „Pfarrbild 2000“ oder das ROSTA-Papier erinnert, kann ahnen, dass hier etwas passiert, was vorher nicht gelingen wollte: Es scheint ein Pfarrbild zu geben, an welchem man auch scheitern kann, obwohl man lange im Amt war.
Auch hier gibt es Gewinne und Verluste: Ein Gewinn dieses Verfahrens ist zunächst wieder für diejenigen, die das Verfahren bestehen, dass sie vor den Gemeinden als im vollen Sinne geeignet dastehen. Wer sich früher mit einem Stigma des Wartestandes herumschlagen musste, ist nun davon frei. Und die Gemeinden können ganz klar davon ausgehen, dass diejenigen, die sie nun auf ihre freien Pfarrstellen bekommen, trotz ihres Alters oder ihrer Vorgeschichte den Anforderungen entsprechen, die auch an die jungen KollegInnen gestellt werden. In diesem Sinne ist das Verfahren auch eine Hilfe gegen eine Benachteiligung erfahrener, älterer KollegInnen. Der Verlust besteht in der Ungleichbehandlung der Amts­trägerInnen: Nur ein kleiner Teil der rheinischen PfarrerInnen und auch längst nicht alle WarteständlerInnen müssen dieses Verfahren durchlaufen. Leider hat es offenkundig keine Art des Trainings oder der Vorbereitung auf dieses Auswahlverfahren gegeben. Dies macht es notwendigerweise schwer für KollegInnen, die bislang auf Stellen beschäftigt waren, die sie spezifisch forderten und nun aus dem Stand eine allgemeine Mulitfunk­tionskompetenz an den Tag legen sollen.
Die ersten Ergebnisse dieses Auswahlverfahrens zeigen allerdings, dass hier der Pool nicht so gefällt werden konnte, wie geplant. Faktisch fehlen zurzeit mbA-lerInnen, mit denen die Kirchenkreise gerechnet haben. Andere werden an Stellen eingesetzt, die eigentlich eine sehr spezielle Qualifikation erfordern würden, die sie aber durch das Verfahren gerade nicht haben können.

Systemanfragen

Am Ende ergeben sich zurzeit einige drängende Fragen die über die Verfahren hinausweisen:

 

  1. Sind die vom Finanzausschuss vorgegebenen Zahlen für die Neuzugänge (20 + 10 pro Jahr) ausreichend, um die in der EKiR anstehende Arbeit auch auf dem Niveau zu leisten, welches durch die Verfahren vorgegeben ist? Die Erfahrungen der Kreissynoden werden zeigen, ob im Ganzen die Qualität und Vielfalt der Arbeit in der EKiR gehalten werden kann. Allein scheint es noch keine kreativen Lösungen in der Frage Geld gegen Kompetenz zu geben, was ja auch bereits KirchenmusikerInnen, JugendmitarbeiterInnen und viele andere Kräfte erfahren mussten. Hier ist dringend viel mehr Kreativität im Bereich der Mittelaufwendung erforderlich. „Fundraising“ für die EKiR muss mehr sein, als clevere Gemeinden, die Geld für ihren Kirchturm oder Kindergarten auftreiben; Fundraising muss eine Aufgabe der gesamten Kirche sein, die hier in ihre Zukunft investiert, um koordiniert und professionell die finanzielle Basis der Arbeit zu erweitern. Es kann nicht sein, dass diese Frage weiterhin entweder den ohnehin überlasteten PfarrerInnen oder einigen fähigen PresbyterInnen und Ehren­amtlern aufgeladen wird. Wenn Geld fehlt, kann es nicht nur ums Sparen gehen, sondern auch darum, woher neues Geld kommen kann, wenn die Arbeit, für die es gebraucht wird, gut ist.

 

Was ist mit der Arbeit, die nun auf die KollegInnen im Amt zukommt, von ihnen aber nicht mehr geleistet werden kann? Die geringer werdende Zahl der AmtsinhaberInnen heißt auch, dass diese weniger Zeit in Seelsorge, in Predigtvorbereitung und Unterricht investieren können. Die geringere Zahl bedeutet auch, dass neue Aufgaben hinzukommen. Wer sich einmal in der Gemeinde dem Prozess ausgesetzt hat, realistisch die Arbeitszeit von PfarrerInnen in Beziehung zu ihren Aufgaben zu setzen weiß, dass der Satz: „Weniger Leute bedeutet, weniger Arbeit, die getan werden kann.“ zwar wahr ist, aber das Problem nur festschreibt, nicht löst. Gerade in Seelsorge, Unterricht und Predigt, bei Amtshandlungen und in der theologischen Leitung aber lässt sich die Arbeit nicht ohne weiteres „ehrenamtlich“ tun. Hier ist neben Engagement und Motivation auch eine besondere Qualifikation gefordert. Zum einen wird es nötig sein, viel mehr Menschen aus der Gemeinde so zu qualifizieren, dass sie einzelne Aufgaben übernehmen können. Hier gilt es in Bildung zu investieren, um mittelfristig die Arbeit zu sichern. Und es gilt, einen guten Weg zu finden, wie die KollegInnen im Amt mit den KollegInnen im „Ehrenamt“ zusammenzuarbeiten lernen. Denn wer von anderer Arbeit lebt, der / die kann nicht mal eben bei einer Beerdigung aushelfen und wird auch seine eigenen Sommerferien nicht für den Predigtdienst opfern wollen. Hier müssen die ordinierten Geschwister zusammen kommen und sich gegenseitig befähigen, die vorhandene Arbeit zu teilen, wenn die bestallten PfarrerInnen sich nicht alleine vor wachsenden Aufgaben finden wollen. An dieser Stelle müssen die Anstrengungen für eine Agentur für Pastorale Dienstleistungen intensiviert und auf eine solide finanzielle Basis gestellt werden. Sich allein auf die Verpflichtungen im Rahmen der Aufrechterhaltung der Ordinationsrechte zu berufen, stellt auf jeden Fall keine Lösung dar, denn am Ende verlieren Gemeinden und Kirche mehr, wenn die Ordinationsrechte aberkannt werden, als diejenigen, die ihre Gaben und Qualifikationen nun nicht mehr in den Dienst der Kirche stellen werden.

Wie ist mit dem neuen Bild von Profession und Professionalität im Pfarramt umzugehen? Es hat sich durch die Studien- und Examensreformen der letzten Jahrzehnte, durch die Veränderungen in der Ausbildung und durch die organisatorischen Vorgaben für die Arbeit der PfarrerInnen in den letzten Jahren vorbereitet, was nun im Bewerbungs- und Auswahlverfahren ebenfalls niederschlägt: An die professionelle Arbeit der PfarrerInnen werden nun externe Kriterien angelegt und abgeprüft, die dem Urteil der einzelnen PfarrerInnen entzogen sind. War es bisher so, dass diese selbst beurteilten, was eine gute Amtsführung sei – und dabei Schwerpunkte gemäß ihrer Gaben und theologischen Überzeugungen setzen konnten, so entsteht auf dem Verwaltungsweg und durch die Wahlverfahren nun eine spezifische Vorgabe, deren Inhalte mittel- und langfristig normierend wirken werden. Durch die Mitarbeitergespräche, Zielvereinbarungen und anderes werden diese Kriterien auch auf die KollegInnen im Amt zukommen, sei es, weil die Gemeinden von ihren PfarrerInnen fordern werden, was sie auch im Auswahlverfahren sehen, sei es, weil Instrumente geschaffen werden, Erwartungen zu formulieren usw. Dabei wird dann deutlich werden, dass eine breite Diskussion gefehlt hat, was für PfarrerInnen die EKiR als Ganze will.

Weiterhin muss offen bleiben, ob die Konzentration auf ein „virtuelles Gemeindepfarramt“ wirklich allen Bedürfnissen der EKiR entspricht. In der EKiR gibt es inzwischen 290 Pfarrstellen an Schulen, das entspricht knapp 15 % aller Pfarrstellen – Tendenz steigend. Es besteht die Gefahr, dass die Leute, die durch das zentrale Verfahren kommen, vielleicht für den Gemeindedienst geeignet sind, es aber an den Schulen nicht schaffen. Andere – für diese Arbeit durchaus geeignete – BewerberInnen werden ausgesiebt und letztlich können Stellen nicht besetzt werden. Denn von Seiten der Schulen und des Landes werden an die möglichen BewerberInnen für die Schule hohe Anforderungen an die didaktischen Fähigkeiten angesetzt. Dies wird allerdings durch die Ausbildung im Vikariat und auch später nicht sinnvoll von Seiten der Kirche vermittelt, sodass sich hier Engpässe bei der Versorgung der Schulpfarrstellen ergeben können. Wer aber weiß, welche wichtige Vermittlungsarbeit die KollegInnen in den Schulen leisten – und auch, wie sehr die Arbeit dort sich von der Arbeit in den Gemeinden unterscheidet, wird leicht sehen, dass es hierfür eine spezielle Auswahl geben muss, oder im Bereich der Fortbildung hier neue und gewichtige Herausforderungen auf die EKiR zukommen.

Unsachlicher Nachtrag

Bis hierher habe ich versucht, das Verfahren, welches die Kirche zurzeit einschneidend verändert, recht neutral darzustellen. Dazu gibt es aber auch noch andere Aspekte, die sich schlecht „sachlich“ darstellen lassen. Zum einen wird auf diese Weise sehr grundlegend umgesetzt, was von Anfang an der Geburtsfehler des ganzen Verfahrens ist und bleibt: Nachdem in der Vergangenheit eine Personalplanung und ein angemessner Umgang mit der Pensionskasse und den Finanzen über Jahrzehnte unterblieben ist, heißt es nun: Wer darf’s ausbaden? Der Nachwuchs, d.h. all die vielen Menschen, die sich auf Zusagen verlassen haben und nun trotz lang anhaltender Arbeit für die EKiR vor dem Nichts stehen. Ebenso wird das „Wartestandsproblem“ nun auch auf dem Rücken der WarteständlerInnen „gelöst“, ohne das die anderen Gründe für das entstehen dieser Gruppe, oder aber die Situation der dort Betroffenen ausreichend berücksichtig wird. Wer sich auf Fortbildungen des Pastoralkollegs für Gemeindeorganisation oder Konfliktmanagement umhört bekommt es ehrlicherweise mit der Angst zu tun, welcher Umgang in vielen Gemeinden gepflegt wird...
Um hier unsachlich theologisch zu argumentieren: Wenn in einer Kirche die Mitarbeitenden zu einem „Problem“ werden, stimmt etwas mit dem Menschenbild nicht. Wenn aber andererseits nicht über Verantwortlichkeit geredet wird, d.h. auch nicht gefragt wird, wer in den letzten Jahrzehnten die politischen Vorgaben geliefert hat, die zu den jetzigen Schwierigkeiten führten, kann sich nicht vor dem Vorwurf schützen, hier werde bei Tätigen „an der Basis“ und den Leitenden mit zweierlei Maß gemessen. Im Grunde steht neben der gegenwärtigen Umstrukturierung der EKiR eine kleine Lehrstunde in Vergangenheitsaufarbeitung ins Haus. Dies umso mehr, als das absehbar scheint, dass diejenigen, die nun nicht ins System hereingenommen werden verwaltungstechnisch entsorgt sind. Wer einmal raus ist, ist eben kein „Problem“ mehr. Und so hat man sich langfristig dieser Anfrage scheinbar entledigt. Schade nur, dass das auch bei den Theologiestudierenden dazu führt, doch eher etwas anderes zu suchen. Denn wer will sich nach diesem Desaster darauf verlassen, dass nun von vielen Seiten gesagt wird: Für euch gibt es Stellen, also ab ins Studium …?
Es ist zu hoffen, dass sich – nachdem an dieser Stelle die Rahmenbedingungen geklärt sind – viele Stimmen aus dem Rheinland melden, die einerseits die Reichweite der Betroffenheit anschaulich machen und andererseits auch gemeinsam nach neuen Perspektiven suchen.
Gewiss steht die EKiR nicht alleine da mit der Frage, wie PfarrerInnen und Gemeinden mit immer größeren Seelsorgebezirken und Parochien sinnvoll arbeiten können sollen. Das „Verwaltungsproblem“ scheint gelöst, die Frage nach lebendiger Vermittlung des Glaubens, nach Gemeinden und Schulen, in denen Evangelium nahe gebracht wird und die Frage, wie Kirche in der Zukunft da stehen will und ihren Auftrag „das Evangelium auszurichten an alles Volk“ wahrnehmen will. ☐

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