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Nr. 84

Amos-Titelschutz-Verletzung – katholisch-kirchenamtlich

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Amos

In eigener Sache

Amos-Titelschutz-Verletzung – katholisch-kirchenamtlich

So haben wir Amos-Leute evangelisch-katholische Kommunikation schon seit vielen Jahren nicht mehr erlebt: Plötzlich haben wir es in unserem Metier – statt mit dem üblichen kollegialen Publizieren in einem ökumenisch orientierten Miteinander – zu tun mit einer schweren Verletzung des Titelschutzes durch eine kirchenamtlich große Einheit der katholischen Kirche, gerichtet gegen die Zeitschrift Amos, die – bereits im 39. Jahrgang – aus dem protestantisch-ökumenischen sozialethischen Raum parteilich wie der Prophet Amos die strukturellen Auseinandersetzungen der Gegenwart kritisch begleitet und kommentiert.

Mit großem PR-Aufwand und in hoher Auflage wurde eine neue, ebenfalls sozialethisch orientierte Zeitschrift in die Öffentlichkeit gebracht, und die Herausgeber nennen sie nicht Micha (wie es, so hörten wir, ebenfalls zur Diskussion stand), sondern „Amos“. Damit gibt es seit neuestem zwei Zeitschriften mit demselben Namen. Herausgeber dieser neuen – im Verlag Aschendorff (Münster/W.) erscheinenden – Zeitschrift sind

das Sozialinstitut Kommende Dortmund des Erzbistums Paderborn, namentlich Prälat Dr. Peter Klasvogt, sowie
die Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen katholischen Sozialethiker, namentlich Prof. Dr. Michael Schramm, Stuttgart, und Prof. Dr. Joachim Wiemeyer, Bochum.
Wir wissen, dass den Initiatoren die Existenz unserer Zeitschrift Amos sowie deren eindeutige sozialethische und ökumenische Orientierung bekannt gewesen ist und auch, dass im entsprechenden katholischen Raum Amos schon lange gelesen wird. Selbstverständlich kannten die Initiatoren die Verwechselungsgefahr und die entsprechend eindeutige Rechtslage zum Titelschutz. Dennoch waren nicht sie, sondern wir es, die, einen Tag nach Kenntnisnahme des Problems, am 25. November 2006 Kontakt aufnahmen – notwendigerweise juristisch detailliert und mit Hinweis auf die Rechtslage: Ein bestehender Zeitschriften-Titel bzw. Werktitel ist rechtlich geschützt – per Markengesetz (MarkenG) und dort v.a. in § 5 + § 15); das gilt auch dann, wenn irgendwelche Zusätze bzw. Unterzeilen verschieden sein sollten. Für unsere Zeitschrift Amos ist der Titelschutz seit der Nutzungsaufnahme vor fast 40 Jahren gültig. (Informationen zum Titelschutz z.B. das Dokument 24917 auf der Webseite der Handelskammer Hamburg: www.hk24.de.)

Nachdem in der Folgezeit alle unsere freundlich-kollegialen und argumentierenden und auch juristisch klärenden und eindeutigen Bemühungen bei den Verantwortlichen der neuen Zeitschrift sowie bei deren publizierendem Verlag Aschendorff keine Umkehr bewirkt haben, sehen wir uns zur juristischen Gegenwehr gezwungen – aus mehreren schwerwiegenden Gründen, unter anderem den folgenden:

Wir möchten nicht, dass Amos verwechselt wird – schon gar nicht mit einer Publikation, die sich zwar diesen Namen nimmt, aber (wie uns von einem der Initiatoren gesagt wurde, sei das „spannungsreicher“) „das ganze katholische Spektrum“ präsentiert.

Wir möchten nicht, dass eine Institution, egal, welche, in der Rolle des Goliath antritt und sich einfach einen attraktiven Zeitschriftentitel erschummelt. Der Verweis auf die angeblich unterschiedlichen Untertitel ist faden- bzw. scheinheilig, denn unser Amos hieß immer nur Amos. Die Zeile ‚Kritische Blätter aus dem Ruhrgebiet’, derzeit auf der Titelseite, ist nicht unsere programmatische Definition, nicht Teil des Titels, sondern nur Hinweis auf die Entstehungsregion. Und auch für das neue Blatt haben die Herausgeber keinen festen Untertitel: Sie treten an verschiedenen Orten sowohl nur mit dem Namen Amos (bzw. AMOS) auf als auch mit den Zeilen „Gesellschaft gerecht gestalten“ oder „Internationale Zeitschrift für christliche Sozialethik“.

Wir möchten nicht, dass eine solche Methode gegen Recht und Gerechtigkeit siegt, und diese Machtdemonstration widerspricht auch dem Geist einer Zeitschrift, die sich Amos nennt.

Die Herausgebenden des Amos

Die Zeitschrift „Amos“ gibt es bereits seit 1968. Sie erscheint im 39. Jahr, mit vier Ausgaben jährlich, also inzwischen 160 Heften. Und sie ist eine der wenigen weiterhin präsenten Publikationen aus dem herrschaftskritischen christlichen Zusammenhang der letzten Jahrzehnte und der Gegenwart – regional und global, interreligiös, ökumenisch, im konziliaren Prozess auf dem Weg zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung..

Als Zeitschriften-Titel tauchte Amos erstmals im Herbst 1968 auf aus Anlass der damaligen Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bethel. Seit Beginn des Jahres 1969 erscheint Amos als Quartalszeitschrift in Bochum; inzwischen ist der Sitz Marl. Wir – ein Herausgabe- und Redaktionskollektiv mit vielfältigen differenzierten Erfahrungen und Kenntnissen – publizieren vom Ruhrgebiet aus, und unsere AbonnentInnen sind in Deutschland sowie in einer Reihe von europäischen und außereuropäischen Ländern ansässig.

Formal trägt unser Amos die ISSN-Nummer 1615-3287, wird traditionell u.a. im Jahrbuch Stamm geführt, dem Nachschlagewerk für Presse und Werbung, und ist auch im Web – z.B. bei Wikipedia – präsentiert. Die eigene Internetpräsenz ist noch im Umbau (www.amos-zeitschrift.de).

Zum Verfahren seit dem Jahreswechsel



Am 10. Januar 2007 teilte der Verlag Aschendorff mit, dass durch die „Ausgestaltung der Titel“ „keine wechselseitige Marken- oder Titelverletzung“ vorliege.

Am 11. Januar 2007 unterstrich unser Anwalt, Dr. O. Fliedner, gegenüber dem Verlag Aschendorff – mit Verweis auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes (NJW RR 1996, 1004) – unsere Rechtsauffassung und setzte die Frist: 10.02.2007. Es ging keine Antwort ein.

Am 12. Februar 2007 schrieb unser Anwalt letztmalig an den Herausgeber, vertreten durch Prälat Klasvogt, die „Unterlassungserklärung“.

Am 15. Februar 2007 lehnte Prälat Klasvogt die Unterlassung des Titels Amos ab.

Am 15. März 2007 haben wir als Amos Titelschutz-Klage eingereicht.

Bitte um Prozesskosten-Hilfe

Wer sich – mehr oder weniger – an den Kosten für Rechtsbeistand und Gericht beteiligen kann, ist hiermit dringend gebeten um Spenden:

Amos – Verein zur Förderung

interkultureller, interreligiöser und sozialpolitischer Bildung e.V.

Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank) – BLZ: 350 601 90

– Konto: 21 10 137 012

– Zweck: Titelschutz Amos

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Literatur zu Helmuth James von Moltke

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Günter Brakelmann: Helmuth James von Moltke 1907 – 1945. Eine Biographie

Verlag C. H. Beck, München 2007, 432 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 978-3-406-55495-7, € 24,90.

Freya von Moltke: Erinnerungen an Kreisau 1930 – 1945

Verlag C. H. Beck, München, 2. Auflage 2006, 138 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, ISBN 3-406-51064-7, € 9,90.

Günter Brakelmann: Der Kreisauer Kreis – Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand

Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e.V. – Band 3, LIT Verlag Münster, 2. Auflage 2004, 372 Seiten, ISBN 3-8258-7025-1, € 29,90.

Günter Brakelmann: Die Kreisauer: folgenreiche Begegnungen. Biographische Skizzen zu Helmut James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Carlo Mierendorff und Theodor Haubach

Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e.V. – Band 4, LIT Verlag Münster, 2. Auflage 2004, 412 Seiten, ISBN 3-8258-7026-X, € 24,90.

Vor 100 Jahren, am 11. März 1907, wurde Helmut James von Moltke in Creisau – ab 1930 Kreisau – bei Schweidnitz in Schlesien geboren. Am 23. Januar 1945 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Er und Peter Yorck von Wartenberg waren die zentralen Persönlichkeiten einer Gruppe von Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern, Gewerkschaftlern, Pädagogen und Theologen beider Konfessionen, die ab 1940 grundsätzliche Überlegungen darüber anstellten, wie ein radikaler Neuanfang in Deutschland und Europa nach dem zu erwartenden Zusammenbruch des Hitlerregimes aussehen müsse. Diese subversiven Gespräche fanden in wechselnden Kleingruppen meist in der Reichshauptstadt Berlin statt. Aber dreimal traf sich die Gruppe 1942 und 1943 zu Arbeits-Wochenenden auf Gut Kreisau.

Moltke lehnte einen Staatsstreich und die Beseitigung Hitlers ab, weil er die dazu notwendigen Generäle für unfähig und unzuverlässig hielt und weil er das Entstehen einer neuen „Dolchstoßlegende“ befürchtete. Er wollte abwarten, bis das Dritte Reich entgültig am Boden lag. Erst kurz vor seiner Verhaftung revidierte er angesichts der dramatischen Verschlechterung der Gesamtlage seine Skepsis gegenüber den Umsturzplänen. Weil er einen Bekannten vor dessen bevorstehender Verhaftung gewarnt hatte, wurde er selbst am 19. Januar 1944 verhaftet. Danach näherten sich die übrigen Teilnehmer der Gruppe Claus Schenk von Stauffenberg und dem Goerdelerkreis an und befürworteten einen baldigen Staatsstreich. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler gerieten ihre planerischen Aktivitäten ins Visier der Untersuchungen. Allerdings wurden ihre ausführlichen Dokumente nie entdeckt. Auch dass Moltke mit großem Geschick ein Netz von Oppositionellen im Großdeutschen Reich und in den besetzten Ländern Westeuropas und Skandinaviens geknüpft und dass er Kontakte zu alliierten Politikern und Repräsentanten von Geheimdiensten hatte, blieb der Gestapo verborgen. Es war übrigens die Gestapo, die erstmals in ihren zusammenfassenden Berichten die Bezeichnung „Kreisauer Kreis“ verwendete.

Der Bochumer Theologe, Sozialethiker und Historiker Günter Brakelmann hat im Münchener Beck-Verlag nun eine überaus gründliche Biographie Moltkes vorgelegt. Sie gründet sich auf jahrelange intensive Forschung, von der zwei umfangreiche Arbeitsbücher und Dokumentensammlungen Zeugnis ablegen, die im LIT Verlag in Münster erscheinen sind.

Brakelmann schildert aufgrund seiner umfassenden Quellenkenntnis detailliert und einfühlsam Moltkes Lebensweg vom ausgehenden Kaiserreich bis zu seiner Hinrichtung. Er zeichnet die Einflüsse der schlesischen „Arbeitslagerbewegung“ von Eugen Rosenstock-Huessy und seinen Freunden, die auf eine andere, soziale, nicht in Stände und gegeneinanderstehende Interessengruppen zerfallende Gesellschaft hinarbeitet, auf den Studenten der Rechts- und Staatswissenschaft nach. Er erzählt, wie der junge schlesische Adlige der Jurastudentin Freya Deichmann aus Köln im Kreis um die Wiener Humanistin Eugenie Schwarzwald begegnet. Die beiden heirateten 1931. Er zeigt Moltkes durch die Mutter und deren südafrikanische Eltern gegebene starke Beziehungen zur angelsächsischen Welt und politischen Kultur. Sie führen dazu, dass er die Qualifikation eines „Barrister“, eines britischen Rechtsanwalts, erwirbt und durchaus eine Option für eine erfolgreiche Karriere im Commonwealth hat. Man erfährt Einzelheiten über den erfolgreichen Kampf des jungen Mannes, das Gut Kreisau vor dem drohenden Bankrott zu retten und es trotz gleichzeitiger Belastung durch seine Anwaltstätigkeit in Berlin zusammen mit einem fähigen Verwalter schuldenfrei zu machen.

Helmuth James von Moltke wie seine Familie lehnen Hitler und den Nationalsozialismus von Anfang an ab. Als Wirtschaftsanwalt in Berlin und auch privat verhilft der junge Adlige vielen jüdischen Deutschen zur Auswanderung. Nach Kriegsausbruch wird er als Fachmann für Völkerrecht Mitarbeiter im Amt Canaris, der (Spionage)Abwehr der Wehrmacht, wo er auch Dietrich Bonhoeffer begegnet. Es beginnt für ihn eine Doppelexistenz mit vielen Dienstreisen durch das von Deutschland besetzte Europa und in die neutralen Länder Schweiz, Schweden und Türkei. Auf der einen Seite berät er Besatzungsbehörden in völkerrechtlichen Problemen. Dabei setzt er sich im Auftrag seines Amtes dafür ein, dass Repressalien und Geiselerschießungen unterbleiben und rettet auf diese Weise viele hundert Menschenleben. Auf der anderen Seite lotet er überall mit großem diplomatischen Geschick aus, welche hochrangigen Offiziere die politische Lage ähnlich wie er beurteilen und über Alternativen mitzuüberlegen bereit sind. Auch trifft er sich – zum Beispiel in Norwegen und in den Niederlanden – mit Repräsentanten der jeweiligen Résistance. Er vernetzt auf diese Weise zahlreiche oppositionelle Initiativen, weil er die Vision einer europäischen Neuordnung hat. Schließlich versucht er auch, Kontakte zu den Alliierten zu bekommen, um nach Ansatzpunkten für eine Nachkriegspolitik zu suchen.

Brakelmann bezeichnet den 16. Januar 1941 als die Geburtsstunde des Kreisauer Kreises (Seite 137). An diesem Tag besuchte Helmuth James von Moltke Peter und Marion Yorck von Wartenberg in deren Wohnung in der Hortensienstraße 50 in Berlin-Lichterfelde. In intensivem Gespräch entdecken sie, dass sie in die gleiche Richtung denken, was die politische Gestaltung der europäischen Zukunft angeht: Abschaffung des totalitären NS-Staates und seiner inhumanen auf ihn selbst bezogenen Ideologie, Rückkehr zu den Werten der europäischen christlichen, humanistischen und sozialen Traditionen, Stärkung der Selbstverwaltung an der Basis, Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit der Person, Minimierung des Nationalstaatsprinzips zugunsten einer völkerübergreifenden Zusammenarbeit.

Yorck wie Moltke hatten bereits vielfältige Kontakte zu Gleichgesinnten, die sie in der Folgezeit in ihre Gedanken einweihen und zusammenführen. Es beginnen vielseitige Fachgespräche in kleinen Gruppen. Die Ergebnisse schlagen sich in Arbeitspapieren und Direktiven nieder, an denen gefeilt und über deren Inhalt Konsens hergestellt wird. Besonders Moltke sorgt dafür, dass eine verlässliche Einmütigkeit entsteht und erhalten bleibt.

Brakelmann stellt Entstehung, Treffen, Arbeitsweise und Dokumente der Kreisauer detailliert aus der Perspektive Moltkes dar. Er hat – wie die beiden Arbeitsbücher aus dem LIT Verlag zeigen (Band 3, Seite 5 – 44; Band 4, Seite 7 – 104 zu Moltke, 129 – 183 zu Yorck; Seite 299 – 309 zu Carlo Mierendorff und Seite 373 – 379 zu Theodor Haubach) – chronologische, Tag-genaue Tabellen erarbeitet und er hat den zum Teil unveröffentlichten Briefwechsel zwischen James und Freya von Moltke, aber auch Berichte der Überlebenden akribisch ausgewertet. So erhält man als Leser einen intensiven Eindruck sowohl der äußeren wie der inneren Bedingungen, unter denen diese Oppositionsgruppe ihre Gedanken zur Neuordnung Deutschlands und zur europäischen Nachkriegspolitik erarbeitet hat. Die drei Treffen in Kreisau – 22. bis 25. Mai 1942, 16. – 18. Oktober 1942, 12. – 14. Juni 1943 und die entsprechenden Dokumente werden referierend dargestellt, ihr besonderes Anliegen wird paraphrasierend herausgestellt, aber nicht problematisierend relativiert.

Noch heute bemerkenswert und erstaunlich sind die wirtschaftsethischen Normen und Kriterien, auf die man sich einigt. Erstmalig wird in hier in einem nichtsozialistischen Programm in Deutschland die Vergesellschaftung der Großindustrie proklamiert. Brakelmann führt aus:

„Der zentrale Grundsatz lautet: «Das Grundprinzip der Wirtschaft ist der geordnete Leistungswettbewerb, der sich im Rahmen staatlicher Wirtschaftsführung vollzieht und hinsichtlich seiner Methoden ständiger staatlicher Aufsicht unterliegt.» Wettbewerb und staatliche Lenkung sind für die Kreisauer keine Gegensätze. Wo der Wettbewerb durch Monopole, Kartelle und Konzerne verzerrt wird, muss der Staat eingreifen. Vor allem die Grundindustrien erfordern eine «straffe Wirtschaftsführung des Staates. Schlüsselunternehmungen des Bergbaues, der eisen- und metallsschaffenden Industrie, der Grundchemie und der Energiewirtschaft sind in das Eigentum der öffentlichen Hand zu überführen. Die Betriebe der öffentlichen Hand sind nach den allgemeinen für die Wirtschaft geltenden Grundsätzen zu führen und zu beaufsichtigen.» Hier ging es nicht um eine staatliche Lenkung der Unternehmen, die weiter am Markt operieren sollten, sondern um eine Übernahme in die öffentliche Hand.“ (Seite 231)

Im August 1943 einigten sich die Kreisauer auf abschließende „Grundsätze für die Neuordnung» nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft“ Die Präambel zeigt den schroffen Gegensatz zur Ideologie des totalitären NS-Staates:

„Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft. Der Ausgangspunkt liegt in der verpflichtenden Besinnung des Menschen auf die göttliche Ordnung, die sein inneres und äußeres Dasein trägt. Erst wenn es gelingt, diese Ordnung zum Maßstab der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern zu machen, kann die Zerrüttung unserer Zeit überwunden und ein echter Friedenszustand geschaffen werden. Die innere Neuordnung des Reiches ist die Grundlage zur Durchsetzung eines gerechten und dauerhaften Friedens. Im Zusammenbruch bindungslos gewordener, ausschließlich auf die Herrschaft der Technik gegründeter Machtgestaltung steht vor allem die europäische Menschheit vor dieser Aufgabe. Der Weg zu ihrer Lösung liegt offen in der entschlossenen und tatkräftigen Verwirklichung christlichen Lebensgutes.“ (Seite 266)

Brakelmann sieht die Bedeutung des Engagements Moltkes innerhalb des Kreisauer Kreises weniger in den Formulierungen der theoretischen Entwürfe, als vielmehr in der Vernetzungsarbeit, in der Einbindung verschiedener politischer Lager vom liberalen Großgrundbesitzer bis zum sozialistischen Gewerkschaftler. Er ist flankierend zu der Arbeit des Kreises in ständigem Gespräch mit evangelischen und katholischen Theologen bis hin zum evangelischen Bischof Theophil Wurm und zu dem katholischen Bischof von Berlin, Konrad von Preysing, um die Zukunftspläne an christlichen Maßstäben auszurichten und kirchliche Interessen zu integrieren.

Brakelmann stellt besonders heraus: Moltke wie auch zahlreiche andere Kreisauer handeln als gläubige Christen. Ihre Hinwendung zum Christentum tritt im Prozess der Konsultationen immer deutlicher zu Tage. Das sie gefährdende Engagement ist ohne ihre Frömmigkeit, ihre selbständige „Laien-Theologie“ und ihre politische Verantwortung aus christlichem Glauben nicht zu verstehen. Sie werden zu christlichen Märtyrern.

Die Kreisauer waren eine offene, in mehrfacher Hinsicht ökumenische Widerstandsgruppe. Das belegt er in vielen Einzelheiten. So hat Moltke sich während seiner einjährigen Haft eingehend in die biblische Botschaft und in Luthers Theologie vertieft (vgl. dazu Anmerkung 4 auf Seite 406, wo Brakelmann die zahlreichen von Moltke studierten Schriften Luthers aufführt). Im Juli steht seine Entlassung aus der „Schutzhaft“ kurz bevor. Nach dem 20. Juli 1944 ändert sich seine Situation zum Schlechteren. Vor dem Volksgerichtshof wirft ihm der Blutrichter Freisler gerade sein christliches Engagement und seine ökumenischen Kontakte vor:

„Ein Jesuitenpater, und ausgerechnet mit dem besprechen Sie Fragen des zivilen Widerstandes! Und den Jesuitenprovinzial kennen Sie auch! Und der war auch einmal in Kreisau! Ein Jesuitenprovinzial, einer der höchsten Beamten von Deutschlands gefährlichsten Feinden, der besucht den Grafen Moltke in Kreisau! Und da schämen Sie sich nicht! Kein Deutscher kann doch einen Jesuiten auch nur mit der Feuerzange anfassen! … Und der andere Geistliche, was hatte der dort zu suchen? Die sollen sich ums Jenseits kümmern, aber uns hier in Ruhe lassen. Und Bischöfe besuchen Sie! Was haben Sie bei einem Bischof, bei irgendeinem Bischof, verloren? Wo ist Ihre Befehlsstelle? Ihre Befehlsstelle ist der Führer und die NSDAP! Für Sie so gut wie für jeden anderen Deutschen, und wer sich seine Befehle in noch so getarnter Form bei den Hütern des Jenseits holt, der holt sie sich beim Feind und wird so behandelt werden.“

So berichtet Moltke seiner Frau in einem Brief, den der Gefängnispfarrer Harald Poelchau aus dem Gefängnis herausschmuggelt. Und er fährt fort:

„Letzten Endes entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt … Wir werden für etwas umgebracht, was wir getan haben und was sich lohnt“

Brakelmann interpretiert:

„In Moltkes Augen hatte Freisler die eigentliche Ebene der Auseinandersetzung betreten und ausgesprochen, was die Kreisauer von Anfang an gesehen hatten: dass der Nationalsozialismus die historische Alternative zur bisherigen europäisch christlichen Tradition sein wollte und nur aus taktischen Gründen Kompromisse mit den alten Religions- und Bildungsmächten geschlossen hatte. … Die Kreisauer Gespräche und Entwürfe hatten an vielen Stellen die Frage nach einer neuen Bedeutung des Christentums für eine demokratische Zukunft gestellt. Schon allein diese Frage aufgeworfen und Umrisse für eine neue Ordnung sowie für ein neues, menschliches Selbstverständnis entwickelt zu haben, wurde vor dem Volksgerichtshof zu einem todeswürdigen Verbrechen. Und ein Weiteres kam hinzu: Die Kreisauer hatten keine Standes- oder Klasseninteressen, sondern «menschheitliche» Interessen vertreten. Für die Werte einer freiheitlichen und solidarischen Menschheit zu sterben, darin konnte Moltke Sinn für die Lebenden und für die Kommenden erkennen.“ (Seite 354ff)

Vor seiner Hinrichtung kann Moltke seine Frau noch einmal sehen. Brakelmann zitiert Harald Poelchau, der in seinen Erinnerungen schreibt:

„Helmuth hat unter der Spannung gelitten, leben zu wollen und auch immer noch an eine gewisse Chance für eine Begnadigung glauben zu können und zugleich stündlich für den Tod bereit zu sein; auf der einen Seite machte er Pläne für weitere Gesuche und Interventionen bei Himmler und seinen Leuten, auf der anderen Seite hatte er den Abschied vollzogen und vollzog ihn ständig in all den täglichen Briefen, die er mit Freya wechselte. Eine Spannung, die im Laufe der langen Zeit fast über das hinausging, was ein Mensch ertragen kann. … Er wuchs ja in diesen Monaten immer tiefer in das Christentum hinein und kämpfte sich immer wieder durch, das, was Unglück, Politik oder menschliche Bosheit heißen konnte, als Gottes Hand zu sehen und so innerlich zu überwinden. Er las in den letzten Monaten kein anderes Buch als Bibel und Gesangbuch. Besonders in diesem entdeckte er wahre Schätze an Tiefsinn und Trost und ließ Freya daran teilhaben.“ (Seite 360)

Günter Brakelmann hat mit seiner Biographie Helmuth James von Moltkes ein Werk vorgelegt, dass wie keine andere Untersuchung bisher Weg, Arbeitsweise und Hintergründe der Kreisauer schildert: einfühlsam, genau – und in vielen Details überraschend. Wegen seiner gründlichen Fülle verlangt die Lektüre des stattlichen Buches Beharrlichkeit, ist aber gerade dadurch eine echte Alternative zur Oberflächlichkeit der uns in letzter Zeit zugemuteten zeitgeschichtlichen Darstellungen und Deutungen aller Art, besonders in Fernsehfilmen! Die Biographie enthält für die Weiterarbeit gute und nützliche Anhänge: Anmerkungen, Literatur, Zeittafel, Register. Es ist ein hervorragend ausgestattetes und darum auch – ein würdiges Buch!

Als Anhang enthält das Werk ein anrührendes Dokument: einen 25 Seiten langen Brief, den Molke in den ersten Tagen seiner Haft an seine beiden kleinen Söhne schreibt: „Wie alles war, als ich klein war.“ Es ist ein Bericht über seine Kreisauer Kindheit und seine Schul- und Jugendzeit, gibt manche Hintergrundinformation über die Eltern und schenkt dem heutigen Leser den Einblick in eine versunkene Welt. (Seite 365 – 390)

Wegen der persönlichen Schilderung und der damit gegebenen Ausleuchtung von Hintergründen möchte ich ausdrücklich auf das Buch von Freya von Moltke: „Erinnerungen an Kreisau 1930 – 1945“ hinweisen, das in erster Auflage bereits 1997 erschienen ist. Es stellt für mich eine unverzichtbare Ergänzung von Brakelmanns Werk dar. Nicht nur das Leben auf Kreisau, sondern auch die Arbeitsweise und Ziele der Kreisauer werden in diesen Erinnerungen plastisch deutlich. Und es erzählt das bittere Ende von Kreisau 1945.

Wer sich noch genauer und gründlicher mit dem Kreisauer Kreis beschäftigen will, findet in den beiden bereits erwähnten Arbeitsbüchern und Dokumentensammlungen aus dem LIT-Verlag von Günter Brakelmann hervorragend zusammengestelltes Material.

Der Band „Der Kreisauer Kreis – Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand“ bietet in Kapitel 1 einen Überblick über die Geschichte des Kreisauer Kreises im zeitgeschichtlichen Kontext (Seite 5 – 44). Kapitel 2 enthält 25 Kurzbiographien der Mitglieder des Kreisauer Kreises, jeweils einer speziellen Bibliographie (Seite 45 – 98). Kapitel 3 listet Kontaktpersonen in engerer und weiterer Konsultation und Kooperation mit den Kreisauern auf (Seite 99 – 101).

Kapitel 4: Eine Bibliographie zum gesamten Widerstand in Auswahl (Seite 103 – 107). Kapitel 5 enthält den für eine Weiterarbeit unverzichtbaren Hauptteil des Bandes: 43 Texte der Kreisauer (Seite 109 – 372).

Der Band: „Die Kreisauer: folgenreiche Begegnungen – Biographische Skizzen zu Helmut James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Carlo Mierendorff und Theodor Haubach“ stellt, wie oben schon erwähnt, den vier biographischen Skizzen jeweils eine minutiöse persönliche Chronologie „im Kontext der politischen Geschichte und der Geschichte des Widerstands“ voran. Dem Moltke gewidmete Vortrag „Widerstand aus christlichem Glauben – das Beispiel des Helmuth James von Moltke“ sind als Anhang dessen Abschiedsbriefe beigegeben. Der Vortrag „Peter Graf Yorck von Wartenburg im Kreisauer Kreis“ wird ergänzt durch „Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof (Protokoll)“ und Abschiedsbriefe Yorcks. Der „biographischen Skizze über Carlo Mierendorff“ wird eine Übersicht über „Veröffentlichungen von und über Mierendorff“ vorangestellt, ebenso auch dem abschließenden Kapitel „Eine biographische Skizze über Theodor Haubach“, das mit Briefen Haubachs schließt.

Beide Arbeitsbücher – Vorarbeiten zu seiner großen Moltke-Biographie (und vielleicht zu noch weiteren Biographien – etwa über Yorck?) – belegen, wie umfassend Günter Brakelmann sich in den Komplex „Kreisauer Kreis“ hineingearbeitet hat. In den „biographische Skizzen“ genannten exzellenten Essays – besonders über Moltke und Yorck – arbeitet er mit großer Klarheit die Besonderheit und Einmaligkeit dieser Widerstandsgruppe heraus, die, wie Moltke seiner Frau vor seiner Hinrichtung schreibt, umgebracht wird, weil „wir zusammen gedacht haben!“

Brakelmann stellt heraus – und ich möchte ihn ausführlich zitieren:

„Im Kreisauer Freundeskreis ereignet sich unter den Bedingungen der befohlenen Einheit der sogenannten Volksgemeinschaft etwas völlig Neues, nämlich das Sich-Kennenlernen und Verstehen-Lernen zwischen Angehörigen ehemals distanzierter oder gar feindlicher Gruppen: Junge Adelige sprechen mit alten Sozialdemokraten, Sozialdemokraten reden mit katholischen Priestern und Laien, Protestanten mit Jesuiten. Was sonst selten sich ereignet hatte, wird hier zum dominierenden Stil.

Und ein Nächstes: Keiner der Partner will über den anderen siegen, sondern mit ihm einen Grundkonsens erarbeiten, der eine neue Kooperation möglich macht und die verbleibenden Unterschiede tragen lässt. Man nimmt den mühsamen Prozess der Entfeindung auf sich und übt einen Dialogstil ein, der die eigenen Schwächen und die Ergänzungsbedürftigkeit durch die Partner erkennen lässt. Dass Yorck und Moltke einmal Freundschaften mit Menschen aus der Arbeiterbewegung und Freundschaften mit Menschen aus dem Jesuitenorden schließen würden, liegt nicht auf der Linie ihrer Herkunft, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie sich nun mit der katholischen Soziallehre auseinandersetzen und Gespräche mit katholischen Bischöfen führen.

Und Mierendorff und Haubach hätten sich ihrerseits nicht vorstellen können, in einem bewusst christlichen Kreis zu Hause zu sein und ihre eigene Position in Fragen des Glaubens und der Kirche neu zu bedenken.

Jeder ist im Laufe der Monate und Jahre durch die anderen ein anderer geworden. Die Gemeinsamkeit beschränkt sich nicht auf das Produzieren von politischen Texten. Ihren Grund hat ihr Konsens im vorpolitischen Raum in tiefer geistiger und geistlicher Übereinstimmung von Menschen, die auf dem Wege zu anderen und damit zu sich selbst sind. Es wird eine ökumenische Gemeinschaft, die sich hier bildet, jenseits von traditionellem Konfessionalismus und Kirchentümern. Dieser Verschwörerkreis ist nie nur eine politische Aktionsgruppe, sondern gleichzeitig für ihre Mitglieder immer eine ständige Provokation zur Reflexion über ein gemeinsames Menschenbild, über ein gemeinsames Welt und Geschichtsverständnis geworden. Es gibt keinen konzeptionellen Text, der nicht philosophisch und theologisch reflektiert ist. Das macht unter allen Widerstandsgruppen in Berlin die Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit der „Kreisauer“ aus, ganz zu schweigen von ihrer soziologischen Zusammensetzung, die kaum Parallelen hat.“ (Band 4, Seite 219)

Brakelmann liegt es sehr daran, dass man die Dynamik und Entwicklung der engagierten christlichen Frömmigkeit der Kreisauer wahr- und ernstnimmt:

„Verankert war der Widerstand der Kreisauer in christlich-humanistischen und aufgeklärten emanzipatorischen Traditionen. Für alle aber wurde mit zunehmender Kriegsdauer der christliche Glaube mit seiner personalen und sozialen Ethik als Grund der eigenen Existenz und als Fundament einer politisch gesellschaftlichen Ordnungswelt immer bedeutsamer. Es war nicht ursprünglich ‚Widerstand aus Glauben’, sondern in komplizierten geistig-seelischen Prozessen entdeckte man für sich den christlichen Glauben und die christliche Ethik als weltanschauliche und politische Alternative zur chaotischen Bindungslosigkeit der säkularen Selbsterlösungsreligion des Nationalsozialismus. Ihn als politisch weltanschauliche Pseudoreligion durchschaut zu haben, bedeutete für diese Männer, die Wahrheiten des Christentums über die Personwürde des Menschen und über Freiheit und Gerechtigkeit in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft neu zu entdecken und in eine umfassende Neuordnung der deutschen Verhältnisse einzubringen.

Am Ende stand für die meisten der radikale Gegensatz: entweder Gott oder Abgott, Christus oder Antichrist. Eine religiöse Zeit- und Geschichtsdeutung gab ihnen praktisch politisch die innere Kraft, die harte Arbeit im Widerstand durchzustehen. Die Gewissheit, als glaubende Christen für reale Humanität in der Zukunft einzustehen, ließ sie in ihrer Ohnmacht auch das Opfer des eigenen Lebens bejahen. Auch im möglichen Scheitern war ihnen das mögliche und schließlich gewiss werdende Opfer ein Zeichen zukünftiger Hoffnung.“ (Band 4, Seite 113)

An anderer Stelle sagt er:

„Kreisau“ war nie nur eine politische Oppositions und Widerstandsgruppe, es war immer auch für die Beteiligten eine religiöse Reformationsbewegung. Jeder ist auf seine Weise ein neuer homo religiosus geworden, und alle zusammen sehen im christlichen Glauben und in christlicher Ethik die notwendige Grundlage eines neuen Gemeinwesens nach Krise und Katastrophe.“ (Band 4, Seite 254)

Jeden zeitgeschichtlich interessierten evangelischen Christen in Deutschland muss Brakelmanns Nachwort zu seinem Essay über Helmuth James von Moltke nachdenklich machen:

„Nachwort: Es erstaunt, dass dieser ‚protestantische Märtyrer’ (Kennan) bis heute im kirchlich protestantischen Bewusstsein keinen festen Platz hat. Auch die übrigen Kreisauer werden selten im Zusammenhang der kirchlichen Zeitgeschichte behandelt. Männer wie Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Otto Dibelius, Theophil Wurm oder Hans Meiser sind von größerem Interesse. Die protestantischen Laien im Widerstand warten noch auf ihre Aufnahme ins kirchliche Geschichtsbewusstsein. Oder sind wir immer oder schon wieder eine ‚Pastorenkirche’“, die die Geschichte ihrer ‚Amtsbrüder’ schreibt, aber ihre Christen in weltlicher Verantwortung randständig bleiben lässt?“ (Band 4, Seite 115)

Paul Gerhard Schoenborn

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Das Umweltproblem

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Wolfgang Wewer

Das Umweltproblem

Es ist erstaunlich: Auf einmal ist das Umweltproblem in aller Munde. Es ist eigentlich längst bekannt, dass die Erdatmosphäre aufgeheizt wird und der Wasserstand der Weltmeere ansteigt, aber viele glauben es anscheinend erst, wenn es ein UNO-Bericht fest stellt. Auf einmal gibt es ziemlich widersprüchliche, hektische Vorschläge und Schlagzeilen in allen Medien: Müssen wir in Zukunft nach Sylt reisen statt auf die Seychellen, gar auf dem Balkon die Ferien verbringen?

Es ist wichtig, ruhig und sachlich zu bleiben.


Zunächst: Niemand kann bestreiten, dass im Umweltbereich erhebliche Probleme vor der Menschheit liegen. Nach Sylt oder auf den Aletschgletscher zu reisen ist deshalb nicht verkehrt. Man sollte es aber nicht zulange aufschieben, sonst wird man diese und viele andere europäische Naturschönheiten nicht mehr so sehen können wie heute. Deshalb müssen aber keineswegs alle die Ferien in Deutschland verbringen: Auch in die Nachbarländer gibt es z.B. komfortable Schlafwagenverbindungen, mit denen sich weiter umweltverträglich reisen lässt. Die Aufheizung der Erdatmosphäre schreitet unaufhaltsam voran, aufhalten kann man sie nicht mehr, nur abmildern. Ob sie nur linear fort schreitet oder schwer vorhersehbare Sprünge macht, z.B. durch Veränderung des Golfstroms, kann niemand sicher vorher sagen. Extreme Wetterlagen werden zu nehmen, die Pflanzen- und Tierwelt wird sich verändern, bei uns bisher unbekannte Krankheiten werden sich verbreiten, das ist sicher.

Zurzeit scheinen nur das Kohlendioxyd und der Feinstaub von Interesse. Deshalb sollte gelegentlich daran erinnert werden, dass wir es auch mit Lärm, Strahlenbelastungen, begrenzten Rohstoffen, Zerstörung der Ozonschicht und Unfällen zu tun haben.

Aber: Es ist möglich, etwas zu tun. Auch in der Vergangenheit sind manche Umweltprobleme durchaus wirksam angegangen worden. Es gibt in Deutschland auf großen Flächen Schutzgebiete, die großen Flüsse sind nicht umgekippt, wie es vor 30 Jahren von vielen befürchtet wurde, sondern haben inzwischen eine akzeptable Qualität, und der Smog über unseren Städten ist längst nicht mehr so schlimm.

Bei manchen Angstszenarien kann außerdem Entwarnung gegeben werden: Dass großflächig die Lichter aus gehen oder die Tankstellen ohne Sprit da stehen droht dank umfangreicher Vorratshaltung und ausgeklügelter Verbundsysteme eher nicht. Es ist stattdessen davon aus zu gehen, dass sich Probleme über den Preis regulieren: Treibstoffe und Energie werden nicht teurer, sie werden viel teurer werden. Öl und Gas sind zwar noch nicht zu Ende, aber beim Öl ist die derzeit übliche preiswerte Förderung nur noch etwa 50 Jahre möglich. Weitere Vorräte sind z.B. in Ölschiefer gebunden und müssen ähnlich wie beim Bergbau abgebaut werden, was natürlich ein Mehrfaches kostet. Hinzu kommt: Der Zeitpunkt, an dem die geförderte Ölmenge nicht mehr gesteigert werden kann, ist wahrscheinlich bereits erreicht.

Allerdings ist Deutschland in mehrfacher Hinsicht schlechter aufgestellt als die Nachbarländer, um die Probleme an zu gehen. Die Kombination von steuerlicher Förderung von Einfamilienhäusern mit der großzügigen steuerlichen Abschreibung der Fahrt zur Arbeit hat zu einer in Europa einmaligen Zersiedelung der Landschaft und besonders viel Berufsverkehr geführt. Eine Dienstwagenregelung, die auch die private Nutzung erlaubt und alle Kosten, auch den Kraftstoffverbrauch, einschließt, hat dazu geführt, dass inzwischen jeder 2. PKW ein Dienstwagen ist, der seinen Nutzer kaum etwas kostet, und auch der Arbeitgeber zahlt nur einen Teil, den anderen zahlt der Steuerzahler. Der Steuervorteil ist umso höher, je größer, PS-stärker und verbrauchsintensiver das Auto ist. Jedenfalls ist der Zusammenhang mit den Tatsachen, dass Deutschland das einzige Land ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen und mit einer auf besonders PS-starke Modelle spezialisierten Autoindustrie nicht von der Hand zu weisen. Das Bundesreisekostengesetz, an dem sich auch viele nicht öffentliche Arbeitgeber orientieren, sieht eine akzeptable Erstattung für das Auto nutzende Arbeitnehmer vor, die Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel kriegen faktisch selten etwas. Auch andere Länder haben in der Vergangenheit den Flugverkehr gefördert, aber es gibt nirgendwo in Europa so viele. Flughäfen wie in Deutschland, und zusätzlich hat Deutschland einen großen Teil der Mittel, die für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs bestimmt sind, in die Anbindung der Flughäfen gesteckt. Nirgendwo in Europa werden Bahnfahrkarten so hoch besteuert wie in Deutschland und damit unnötig verteuert. Das alles rächt sich nun, denn während sich bei den anderen Umweltproblemen durchaus Lösungen abzeichnen, wird jetzt klar, dass der Flug- und Autoverkehr auf keinen Fall weiter wachsen darf, sondern im Gegenteil deutlich abnehmen muss.

Zwei Lösungen verbieten sich: Die Energie durch Krieg oder dessen Androhung zu „sichern“, oder sie mit Atomwirtschaft zu erzeugen. Jeder kennt inzwischen die Risiken: Die Technik ist nicht beherrschbar, immer wieder werden Beinahe-GAUs gemeldet, der Müll strahlt unvorstellbar lang, und es gibt keinen Ort, wo man ihn lassen kann, und das spaltbare Material lässt sich immer auch militärisch nutzen.

Fragwürdig ist es, auf Biokraftstoffe zu setzen. Großflächige Regenwälder in Indonesien sind deshalb schon gefällt worden und der Preis von Tortillas in Mexiko ist unvertretbar angestiegen. Gegen Gentechnik oder Einsatz von Pestiziden lässt sich schwer argumentieren, wenn die erzeugten Pflanzen gar nicht für den Verzehr gedacht sind. Ein sinnvoller und bewährter alternativer Kraftstoff ist das wesentlich sauberer verbrennende Gas, aber auch dessen Vorräte sind begrenzt. Und ein mit Gas betriebenes Auto verursacht ebenso Kohlendioxyd, Lärm und Unfälle, und viel Platz zum parken und fahren braucht es auch.

Zwei Lösungen bieten sich an: Die erste sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht: Internationale und europäische Abkommen und Verordnungen müssen ohne wenn und aber umgesetzt werden. Paradoxerweise weigern sich jedoch zahlreiche Städte, die EU-Feinstaubverordnung umzusetzen, obwohl sie an ihrem Zustandekommen mitgewirkt haben. Ähnliches zeichnet sich ab, wenn es um die Begrenzung des Kohlendioxyd-Ausstoßes bei Kraftfahrzeugen geht.

Die zweite ist fast ebenso einfach zu formulieren: Man hört auf; umweltpolitisch bedenkliche Vorgänge, vor allem im Verkehr, weiter zu fördern und lernt dabei von anderen Ländern. Das ergibt eine lange Liste, die natürlich noch längst nicht vollständig ist:

  • Statt einem komplizierten System der Kfz-Steuer wird der Treibstoff besteuert. Dann zahlt der viel, der viel fährt, und genau das muss passieren.
  • Flugbenzin muss endlich besteuert
  • werden.
  • Start- und Landegebühren müssen in Kosten deckender Höhe erhoben werden, besonders auf abgelegenen Flughäfen. Die meisten sogenannten Billigfluglinien können nur fliegen, weil sie für ihre Kosten nichts bezahlen.
  • Parkraumbewirtschaftung in allen Städten in Höhe der tatsächlich anfallenden Kosten – Einführung einer City-Maut und Verwendung der Einnahmen für den Ausbau des ÖPNV und des Radwegenetzes. Besonders am Beispiel London kann man beobachten, dass sich in den letzten 10 Jahren der Verkehr dadurch völlig verändert hat, wovon auch die profitieren, die weiter Auto fahren, weil sie nun wieder vorwärtskommen.
  • Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h in Wohngebieten; 50 km/h nur auf Durchgangsstraßen in den Städten, 80 km/h auf Landstraßen und 100 km/h auf Autobahnen. Dies bewirkt nicht nur einen Rückgang der Lärmbelastung, des Schadstoffausstoßes, der Unfälle und des Energieverbrauchs, sondern auch eine Verkehrsverlagerung auf die Bahn, die dann ohne weitere Maßnahmen einen Geschwindigkeitsvorteil hat.
  • Ende der steuerlichen Förderung von Dienstwagen.
  • Fahrtkostenerstattung muss unabhängig vom genutzten Verkehrsmittel erfolgen. Nach dem Bundesreisekostengesetz, das auch in den großen Kirchen Anwendung findet, erhalten Autonutzer großzugige km-Pauschalen, während Bahnfahrer ihre (viel geringeren) Kosten nur erhalten, wenn sie Nachweise vorlegen. Da Vielfahrer meistens Zeit- oder Netzkarten besitzen, gehen sie oft ganz leer aus.
  • Reduzierter Mehrwertsteuersatz auf alle Fahrkarten. Deutschland ist das einzige Land in der EU, das auf Fernfahrkarten der Bahn den vollen Satz erhebt. Fahrkarten sind dadurch in Deutschland unnötig teuer.
  • Ende der steuerlichen Absetzbarkeit von Fahrten zum Arbeitsplatz als Werbungskosten
  • Nicht Vergrößerung (Gigaliner), sondern Verkleinerung der LKW, z.B. auf max. 28t wie in der Schweiz
  • Erhebliche Erhöhung der LKW-Maut mit dem Ziel der Reduzierung des LKW-Verkehrs und Verlagerung auf die Bahn
  • Deutschland hat viele Jahre den Auto- und Flugverkehr enorm gefördert. Das rächt sich nun. Nachbarländer wie die Niederlande und die Schweiz zeigen, dass bei entsprechender Förderung viel mehr Verkehr mit Fahrrädern und öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigt wird, ohne dass Verbote ausgesprochen werden müssen.

Eine ähnliche Liste lässt sich auch für die derzeit sehr verunsicherten Staatsbürgerinnen und Staatsbürger aufstellen. Sie müssen ja nicht warten, bis ihr Staat das Nötige veranlasst, sondern können selbst aktiv werden.

  • Strom von einem alternativen Anbieter beziehen, der keinen Atomstrom einspeist.
  • Für das Haus oder die Wohnung ein (vom Land gefordertes) Energiegutachten erstellen lassen. Das listet die Investitionskosten für sinnvolle Maßnahmen wie verbesserte Wärmedämmung und Einsatz von Energiesparlampen auf.
  • Wo immer möglich Produkte aus der Region kaufen
  • Nur ausnahmsweise Auto fahren, stattdessen Zug-Bus-Strab-Fahrrad
  • Wenn das Auto das Hauptverkehrsmittel ist: einen Umzug in Erwägung ziehen.
  • Autos besser ausnutzen durch Car-Sharing oder privates Teilen eines PKW und Fahrgemeinschaften.
  • Kleine Autos ohne Klimaanlage und elektrisches Schiebedach benutzen.
  • Keine Urlaubsflugreisen machen.
Zu Recht ist das Umweltproblem in aller Munde, endlich. Aber wir können etwas tun. Wir brauchen weder auf die Urlaubsreise zu verzichten noch zu frieren noch müssen wir das Auto abschaffen. Wir müssen nur einige Gewohnheiten ändern.
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Das Imperium kehrt zurück. Das Imperium in der Bibel und als Herausforderung für die Ökumene heute

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Das Imperium kehrt zurück. Das Imperium in der Bibel und als Herausforderung für die Ökumene heute

Hrsg von Luise Schottroff, Gerard Minnaard ua., Erev-Rav-Hefte. Glaubenszeugnisse unserer Zeit Nr. 6. Wittingen: Erev-Rav, 2006. ISBN 3-932810-35-X, 150 Seiten, 16 €.

Auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Porto Alegre im Februar 2006 wird im sog. AGAPE-Aufruf das Stichwort moderat benannt. „Wir verpflichten uns erneut, uns aus biblischer und theologischer Sicht über die Frage von Macht und Imperium Gedanken zumachen …“ Leidenschaftlich entfaltet Nancy Cardoso, brasilianische Pastorin und Dozentin, in ihrem – wohl dem bemerkenswertesten Vortrag auf der Vollversammlung – Beitrag ihre Kritik am Imperium mithilfe des Vaterunser und der Kain-und-Abel-Geschichte: „Und wir müssen hören, was der Geist den Imperien dieser Welt sagt: Ihr seid nicht Gott! Beugt euren Kopf! Auf dass die Raubtiere beherrscht werden! Mercedes Benz, Volkswagen, Monsanto, Cargill, Swift, Anglo, ADM, Nestlé, Danone, Syngenta, Bunge“. Das ist das erste Verdienst dieses Buches mit 17 Beiträgen deutscher, US-amerikanischer und niederländischer AutorInnen, dass Cardosos Beitrag, den sie in Porto Alegre nur teilweise vortragen konnte, nun in einer lesbaren deutschen Übersetzung vorliegt.

Auf einer Tagung zur Nacharbeit von Porto Alegre äußerte Prof. Dr. Konrad Raiser, ehemaliger Generalsekretär des ÖRK, sein Erstaunen darüber, dass sich in Deutschland Theologie und Kirche schwer tun mit der „Imperiumsdebatte“, in den USA aber frei und offen darüber diskutiert werde. Das ist das zweite Verdienst dieses Buches, dass es amerikanische bzw. in den Staaten lehrende TheologInnen zu Wort kommen lässt, die Raisers Erstaunen bestätigen. Auch das „Zögerliche“ in Deutschland dokumentiert dieses Erev-Rav-Heft. Ruth Gütter, Pfarrerin und Beauftragte für Kirchlichen Entwicklungsdienst in Kurhessen-Waldeck, lehnt es aus politischen und theologischen Gründen ab, das neoliberale globale Wirtschaftssystem als „Imperium“ zu bezeichnen (S. 27-36). Klara Butting, eine der HerausgeberInnen, kommt in ihren Überlegungen zum Propheten Sacharja zu einer komplementären Sicht von radikalem Nein zum herrschenden System und einer pragmatischen Politik der kleinen Schritte (S. 93-103).

Ulrich Duchrow, Theologieprofessor aus Heidelberg, stellt sich in bekannter einsamer Position der Frage: „Warum verweigern europäische Kirchen ein klares Bekenntnis gegen das Imperium?“ (S. 16-26). Seine Position ist unmissverständlich: „Inhaltlich zentral ist es, eindeutig zu erklären, dass dieses immer totalitärer werdende System mit dem christlichen Glauben und dem Kirchesein aus Glaubensgründen unvereinbar ist, und danach zu handeln“.

Die biblischen Traditionen sind im Einflussbereich von Imperien entstanden, so dass es Verbindungen und Spannungen zwischen beiden Größen gibt. Aber es zeigt sich, dass das Imperium das Christentum nie ganz unter seine Kontrolle bringen konnte (Jörg Rieger, S. 84-92). Interessant und weiterführend sind natürlich die Spannungen. „Die Jesustradition ist unerschöpflich in ihrem Reichtum zu lehren, Gott zu dienen statt den Herrschaften dieser Welt“ (Luise Schottroff, S. 122-133). Eine neue Interpretation des Galaterbriefes legt Brigitte Kahl, Professorin für Neues Testament am Union Theogical Seminary in New York, vor (S. 134-46): Nicht antijüdisch gegen Werkgerechtigkeit und als Kerndokument der reformatorischen Rechtfertigungslehre sei dieser Paulusbrief zu verstehen, sondern als Polemik gegen den römischen imperialen Götzendienst, der im Kaiserkult seinen Ausdruck findet. Mit der Beschneidung erfüllen die Galater nicht nur Forderungen der Thora, sondern auch das römische Gesetz, das nur richtige Juden vom Kaiserkult freistellt. In Kurzfassung kann das auch in ihrer Einleitung zum Galaterbrief in der „Bibel in gerechter Sprache“ nachgelesen werden. Claudia Janssen, Neutestamentlerin aus Marburg, liest 1.Kor. 15 nicht als Text zur individuellen Auferstehungshoffnung, sondern im Zusammenhang der benutzten apokalyptischen Bilder als einen Text, der durch „seine Bilder-Sprache subversiv Herrschaftsverhältnisse aufdecken und zu deren Veränderung aufrufen will“ (S. 147-156).

In einem Satz: Ein Buch voller Anregungen, Hinweise, Materialien und Informationen zu einer in Deutschland überfälligen Debatte!

Klaus Matthes

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G8 – Gipfel in Heiligendamm – Aufruf an alle ChristInnen

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Erika Franze-Haugg

G8 – Gipfel in Heiligendamm – Aufruf an alle ChristInnen

www.attac.de:

„Vom 6.-8. Juni 2007 findet in Heiligendamm der Gipfel der acht mächtigsten Industriestaaten (Gruppe der Acht, G8) statt. Verschanzt hinter einer Mauer und dem größten Polizeiaufgebot, das Mecklenburg Vorpommern je erlebte, werden Gastgeberin Angela Merkel, US-Präsident George Bush sowie die Regierungschefs von Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Japan und Russland Strategiegespräche führen, die das Schicksal der Welt bestimmen. Doch wir haben genug von Krieg und Menschenrechtsverletzungen, von Umweltzerstörung, Sozialabbau, Steuergeschenken und Konzernhörigkeit!

Die Welt, in der wir leben wollen, sieht anders aus!

Darum fahren wir nach Heiligendamm! Wir machen Globalisierung, aber fair. Und zeigen es vor Ort.“

Nicht nur attac fordert zu Protesten gegen diesen Wirtschaftsgipfel auf, auch viele NGO’s und Einzelne wollen sich offen für eine Welt einsetzen, in der alle Menschen ein würdiges Leben führen und die Reichtümer unserer Erde gerecht verteilt werden können.

Das komfortable Heiligendamm wurde von den Staats- und Regierungschefs der „G8“ ausgesucht, um im Geheimen über die Weltwirtschaft und deren Politik zu beraten. Schon am 15. Januar wurde begonnen, einen 12 km langen Zaun mit zwei Kontrollstellen zu errichten. Im Umkreis von 30 km gibt es seit langem keinerlei Übernachtungsmöglichkeiten mehr.

Die Evangelisch-Lutherische Innenstadtgemeinde in Rostock ruft derzeit zu einer Andacht während des G8-Gipfels auf. Geplant ist am Sonntag, den 3. Juni ein Gottesdienst im Bad Doberaner Münster, in dem 30.000 Kerzen angezündet werden sollen. Die Kerzen sollen an die Kinder der Erde erinnern, die an diesem Tag aufgrund ihrer Armut sterben müssen. In Heiligendamm soll es dann einen „Heiligen Damm des Gebets“ geben. Am 6. Juni, dem ersten Gipfeltag werden um 18.00 Uhr in allen Kirchen entlang der Ostsee, und hoffentlich auch deutschlandweit, die Glocken läuten und anschließend eine Andacht zum Thema stattfinden („Acht Minuten für Gerechtigkeit“). Zur gleichen Zeit erklingen auch die Glocken zum Eröffnungsgottesdienst des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Köln, wo ebenfalls dieses Thema aufgegriffen wird.

Das Institut für Theologie und Politik in Münster koordiniert einen internationalen Aufruf an alle Christinnen und Christen in Deutschland, sich an den Protesten zu beteiligen. Darin heißt es u.a.: „Wir rufen daher alle ChristInnen in Deutschland auf: Setzt euch in euren Gemeinden dafür ein, dass das Leben der Menschen am Rand der Gesellschaften und das Thema Gerechtigkeit wieder ins Zentrum des Glaubens rücken und die gesellschaftlichen Verhältnisse eine bedeutende Rolle spielen. Baut Gruppen auf, die die gesellschaftliche Situation reflektieren und Widerstand denk- und lebbar machen! Beteiligt euch aktiv an Protesten …“

Der G8-Gipfel sollte zum Anlass genommen werden, in Gruppen oder Gemeinden über Globalisierung ins Gespräch zu kommen. Die Rostocker Gemeinde regt an: „Laden Sie zum 6.06.2007 ein, weisen Sie die Öffentlichkeit breit darauf hin, warum an diesem Tag die Glocken läuten!“

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