TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 81

editorial

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Liebe Leserinnen und Leser!

In Nordrhein-Westfalen beginnen die Sommerferien und wir von der Redaktion bemühen uns, das neue Heft so fertig zu stellen, dass Transparent als Urlaubslektüre mitreisen kann. Wir sind überzeugt, es lohnt sich erneut, Transparent zu lesen.
Das beginnt mit den beiden Kolumnen von Hans-Peter Lauer und Okko Herlyn und hört mit den Rezensionen auf. Die Kolumnen sind im letzten Heft zum ersten Mal erschienen und sollen nun fortlaufend die jeweiligen Ausgaben eröffnen. Wir bedauern sehr, dass wir Hans-Peter Lauer und Okko Herlyn als neue Mitarbeiter im letzten Heft nicht angemessen begrüßt haben. Herzlich willkommen und auf eine fruchtbare Zusammenarbeit!
„Wir werden an den ökumenischen Themen dran bleiben und kritisch beobachten, wie unsere kirchliche Landschaft mit dem größten weltweiten Instrument der ökumenischen Bewegung umgeht“, haben wir unseren LeserInnen im letzten Heft versprochen. Die „Ökumene der Profile“ – Bischof Hubers Stichwort vom Treffen mit Papst Benedikt in Köln – war Thema eines Symposions der Rheinischen Kirche in Düsseldorf. Dass es bei diesem Schlagwort nicht nur um den evangelisch-katholischen Dialog geht, sondern offensichtlich auch um Gegenwind gegen die Genfer Ökumene, können Sie in diesem Heft lesen. Wir bleiben dran!
„Rheinisches“ kann in diesen Zeiten nicht an der Prioritätendiskussion vorbeigehen. Aus der Fülle der Diskussionsbeiträge – gut im Internet zu verfolgen – bringen wir einen Beitrag aus dem Essener Norden. „Rheinisches“ kann vor allen Dingen nicht an der Problematik der jungen Theologinnen und Theologen vorbeigehen. Einer der „Etablierten drinnen“ – Heiner Süselbeck, Rektor des Pastoralkollegs – hat am Konvent der „Jungen draußen“ in Bad Godesberg teilgenommen und schildert in einem Kommentar seine Eindrücke. Zu unterstreichen ist der Wunsch, „dass in den weiteren Verhandlungen sich nicht nur die Jungen zu bewegen hätten, sondern auch die, die jetzt in kirchenleitend-projektierender Verantwortung stehen“.
Die „Solidarische Kirche“ erinnert an Demokratiedefizite in unserer Gesellschaft. Wenn Demokratie Armen ständig Leistungseinschnitte zumutet und rechten Demonstranten den Weg freimacht und Friedensdemonstranten „einkesselt“, dann ist Alarm zu schlagen. „Wahre Demokratie hat nicht in erster Linie mit einem Mehrparteiensystem zu tun, sondern damit, die Schwachen zu stärken“, erinnern wir mit Bischof Zephania Kameeta aus Namibia. Die kritische Masse in der Rheinischen Kirche hat zwei Mitstreiter zu betrauern, Rechtsanwalt Dr. Hans Wiesner und Pastor Wolfgang Kindling. Beide können auch jetzt noch Motivation für gesellschaftliches und kirchliches Engagement sein.
Das gilt auch für die Frauen und Männer, die in den Rezensionen von Friedrich Grotjahn und Paul Gerhard Schoenborn vorkommen. Die Frauen und Männer, die in dem Erinnerungsbuch „Sie schwammen gegen den Strom. Widersetzlichkeit und Verfolgung rheinischer Protestanten im ‚Dritten Reich‘“ vorkommen, sind genauso Beispiel und Vorbild wie Dietrich Bonhoeffer für politischen Widerstand, für den es nach wie vor Mut braucht. Bei den Vorträgen, Bibelarbeiten und Predigten von Ernst Käsemann besticht die Verbindung von biblisch-theologischer Vergewisserung und radikaler Gesellschaftskritik. Es wird sich in den Auseinandersetzungen heute als große Hilfe erweisen, mehr auf diesen Ansatz als auf Politikfähigkeit und Vermittelbarkeit in wirtschaftliche Zusammenhänge zu achten, wenn es denn darum geht, Menschen und Kirchen zum Dienst am Reich Gottes im Alltag zu befreien.

In diesem Sinn wünschen wir unseren Leserinnen und Lesern einen befreienden Sommer.

Die Transparent-RedaktionFußball in sehr kleinen Ländern
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Sparen am eigentlichen Ort

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Hans-Peter LauerHans-Peter Lauer

Sparen am eigentlichen Ort

„Die neue Situation ist (…) gekennzeichnet durch die Ortlosigkeit unserer Kirche. Sie will überall sein und ist darum nirgends.“ Mit diesen Worten könnte eine Sparsynode eröffnet werden. Es müsste dann nur der Hinweis folgen, dass die knappen Mittel eine solche Allgegenwart der Kirche in der Welt nicht mehr erlauben. Nun sei es unumgänglich, sich auf kirchliche Kernbereiche zu konzentrieren. Rückzug auf das Eigentliche als Gebot der Stunde? Wer wollte bestreiten, dass es sich um ein ernsthaftes Entscheidungsproblem handelt? In der Wirtschaftswissenschaft ist es mit dem Begriff der „Allokation“ verbunden, also der Zuweisung von Ressourcen. Wo sollen die begrenzten Mittel einer Kirche eingesetzt werden, und wo nicht? Eine naheliegende Antwort lautet: am eigentlichen Ort der Kirche. Aber wo ist er?
Tatsächlich stammt das obige Zitat aus einer Vorlesung Dietrich Bonhoeffers über das „Wesen der Kirche“ aus dem Jahre 1932. Bonhoeffer wirft der Kirche seiner Zeit vor, „den Maßstab für den Ort verloren“ zu haben. Stattdessen lässt sie sich „im Verlust ihres eigentlichen Ortes nur noch an bevorzugten Orten der Welt vorfinden“ und „fühlt sich jetzt an einem Ort wohler als an einem anderen“. Dazu gehört das „Bürgertum“ und ein „Konservativismus, der sich an Altes klammert“. Die Kirche ignoriert, so würde man heute wohl sagen, den gesellschaftlichen Traditionsabbruch und bleibt auf traditionelle Milieus beschränkt, „wo die Verbindung zur inzwischen verlorengegangenen Zeit ihrer Orthaftigkeit noch gepflegt wird“. Wenn heute recht doppeldeutig vom „Rückbau“ kirchlicher Strukturen die Rede ist, dann geht es im Grunde um eine restaurative Sparpolitik.
Nun gibt es für Bonhoeffer einen weiteren bevorzugten Ort der Kirche, dem durchaus eine auch heute noch verbreitete Vorstellung vom kirchlichen Kernbereich entspricht: „Wo das Leben des einzelnen an Höhe- und Wendepunkten steht (Geburt, Konfirmation, Ehe, Tod), sind auch die Höhepunkte kirchlicher Aktivität. Da ist Kirche vornehmlich anzutreffen. (…) Kirche wird zur Ausnahme vom Alltag, wird Feier; wird gesucht und begehrt, um das Alltägliche zu unterbrechen. (…) Kirche soll ablenken, vertiefen, veredeln.“ Aber auch die religiöse Erwartungshaltung der Mitgliedschaft kann nicht das Kriterium für den eigentlichen Ort der Kirche sein. Eine funktionale Betrachtung der Gesellschaft, bei der die Kirche die Funktion „Religion“ als ihren spezifischen Platz zugewiesen bekommt, auch nicht. Denn ihr eigentlicher Ort ist „die ganze Alltagswirklichkeit der Welt“, allerdings „unter dem Urteil Gottes“. Bei der Produktion von über den Alltag hinausgehenden Erlebnissen vermag die Kirche sowieso nicht mit modernen kommerziellen Anbietern zu konkurrieren. „Dem Bedürfnis zum Feiern kommt nämlich das Kino besser entgegen als die Kirche.“ Eine Zuweisung kirchlicher Mittel an dieser Stelle wäre also theologisch und ökonomisch gesehen eine Fehlinvestition.
Wohin also mit dem ganzen Geld? Schwierig, wenn der eigentliche Ort der Kirche, der mit dem „Ort des gegenwärtigen Christus in der Welt“ zusammenfällt, „nicht von vornherein anzugeben“ ist. Wenn „Gottes Wille (…) diesen oder jenen Ort dazu“ wählt. Wenn damit „der Kirche (…) die Verfügung darüber, einen geschichtlichen Ort zum Ort Gottes zu machen, nicht in die Hand gegeben“ ist. Wenn erst alle Orte „in gleicher Weise des Kommens Gottes“ bedürfen. Wenn daraus für die Kirche folgt: „Auf Gottes Wahl wartend verzichtet sie darauf, sich an bevorzugten Orten niederzulassen.“ Kann die Biographie Bonhoeffers als Wegweiser dienen? Dann war der eigentliche Ort der Kirche während der nationalsozialistischen Herrschaft der kirchliche und politische Widerstand, Gefängnis und Galgen. Und heute in der Zeit des globalen Kapitalismus? An der Seite seiner Opfer und Verlierer? Ist es möglich, dass eine Kirche ihre Mittel vorrangig für den Kampf gegen seinen Götzendienst und seine Ungerechtigkeit einsetzt? Kaum, aber sie könnte zumindest die Kluft zwischen der faktischen Allokation ihrer Ressourcen und dem unverfügbaren Ort Gottes in der Welt verringern. ☐

Hans-Peter Lauer, Jg. 1957, ist Pfarrer für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) in Duisburg.

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„Mit uns spart sich die Kirche ihre Zukunft…“

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Zusammenfassung von Andrea Hofacker und Sören Asmus

„Mit uns spart sich die Kirche ihre Zukunft…“

Auszüge aus dem Positionspapier des Rheinischen Konventes zur AG II

Eine absurde AltersstrukturAlterspyramide ThologInnen

Die überwiegende Zahl der jetzigen TheologInnen im Amt ist zwischen 40 und 50 Jahren alt. In 15 Jahren sind diese Jahrgänge mit 100-150 Personen zwischen 55-65 Jahren. Dann steht die Alterspyramide auf dem Kopf! Sie hat eine schmale Basis und eine breite Spitze. Ein alter Jahrgang ist so stark, wie mehrere, junge zusammen! Eine Altersstruktur, die absurder kaum vorzustellen ist. Sie kann nicht das Ziel einer verantwortbaren Personalpolitik sein. Eine nachhaltige Personalpolitik muss auch jetzt schon an Morgen denken, nicht nur beim Sparen, auch bei der Altersstruktur

Die Mehrbelastung für die PfarrerInnen im Dienst

Ein radikaler Abbau um 50 % bedeutet erhebliche Mehrbelastung für die verbliebenen KollegInnen. 50 % der heutigen PfarrerInnen müssen ⅔ der Gemeindeglieder versorgen. Die Zahl der über Sechzigjährigen – und damit auch ein erheblicher Teil der Gemeindearbeit (Altenarbeit, Beerdigungen, Hausbesuche) – bleibt konstant. Insgesamt dürfte die Arbeitsbelastung um 50 % steigen. Die überwiegend ältere PfarrerInnengeneration wird dann immer mehr Aufgaben übernehmen müssen. Die Vorschläge der AG II muten darum auch den PfarrerInnen im Amt zuviel zu.

Fehlende Geschlechtergerechtigkeit

Die AG II postuliert, dass in allen Maßnahmen das Prinzip des Gender-Mainstreaming beachtet wird. Bei den PfarrerInnen im Dienst sind jedoch nur 28 % Frauen zu finden. Für den Bereich des „theologischen Nachwuchses“ hingegen liegt der Frauenanteil bei über 50 %. Wird der Vorschlag der AG II umgesetzt, wird es über Jahre bei einer männlich dominierten Pfarrerschaft bleiben.

Die Folgen für die Gemeinden

Die Stellenhalbierung wird den Prozess von Gemeindezusammenlegungen beschleunigen. Besonders betroffen ist der ländliche Raum mit der Mehrheit der Gemeindepfarrstellen. Die Flächengemeinden werden sich deutlich ausweiten. Die alten PfarrerInnen müssen in übergroßen Bezirken umhereilen. Szenarien, wie sie in der katholischen Kirche schon bittere Realität sind. Es wird immer schwerer werden, vor Ort „ein lockendes Zukunftsbild der Kirche von morgen und übermorgen“ zu zeigen.

Ein verheerender Verlust an Flexibilität, Kreativität und Innovationskraft

Die heutige Gesellschaft ist durch schnelle Veränderungsprozesse gekennzeichnet. Die Generation der jungen TheologInnen ist damit groß geworden. Sie bringt die Flexibilität mit, die die Kirche von Morgen dringend benötigt. Zudem wurden in den letzten Jahren die Ausbildungspläne den neuen Anforderungen angepasst. Es ist paradox, wenn Innovationskraft, Kreativität und Visionen dieser Generation flächendeckend verloren gehen. An der Kirche kann dies nicht ohne Schaden vorübergehen.
Fazit: Wir meinen: So kann es nicht gehen. Die Reduktion auf 5 Neueinstellungen jährlich ist uns gegenüber in hohem Maße ungerecht. Sie bringt nicht den von der AG II erwünschten Effekt an Stellenreduktion. Sie ist personalpolitisch langfristig fatal, bedeutet erhebliche Mehrbelastung für die KollegInnen im Dienst und hat negative Folgen für die gesamte Kirche. Zu all dem sagt die AG II kein Wort. Ihr Blick ist auf die Finanzen verengt.

  • • Wir fordern eine maßvollere Personalpolitik, die dem schleichenden Rückgang mit einem flexiblen Personalabbau entgegentritt.

Zur Neuregelung des Wartestandes

Wir stimmen mit AG II überein, dass um der Betroffenen und der Kosten willen eine Lösung des Wartestandsproblemes hohe Priorität hat.
Die Einrichtung von zbV Stellen halten wir für eine Möglichkeit. Allerdings befindet sich der theologische Nachwuchs in einer noch dramatischeren Lage. Wer vom Wartestand betroffen ist, hat eine finanzielle Grundabsicherung. Hier greift die Fürsorgepflicht für Lebenszeitbeamte.
Der theologische Nachwuchs indessen steht vor der Existenzfrage.
Deshalb fordern wir eine prozentuale Quotierung, die angemessen Warte­ständlerInnen und den theologischen Nachwuchs berücksichtigt. Diese kann z. B. so aussehen:
40 % zbV-Stellen für den Wartestand (i.W.)
15 % zbV-Stellen für den jetzigen Probedienst
15 % zbV-Stellen für den Sonderdienst
15 % zbV Stellen für PastorInnen im Ehrenamt
15 % zbV-Stellen für den zukünftigen Probedienst (jetzige VikarInnen)
Es können einerseits finanzielle Anreize für Wartestands-zbV-Stellen erhalten bleiben, andererseits ein Anrecht von Probe- und Sonderdienstlern auf zbV-Stellen gewährleistet sein.
Die absolute Zahl der zbV-Stellen ist jährlich durch die Kirchenleitung festzulegen. Grundlage ist, wie von der AG II ausgeführt (S. 33), die „Personal- und Pfarrstellenentwicklung, deren aktueller Stand und mittelfristige Prognose jährlich durch die Kirchenleitung zu überprüfen und evtl. anzupassen ist.“
Bei den einzurichtenden zbV-Pfarrstellen müssen in prozentualer Quotierung ­PfarrerInnen i. W. und die Personengruppen des theologischen Nachwuchses berücksichtigt werden. ☐

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Sola scriptura

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Okko HerlynOkko Herlyn

Spuren protestantischer Identität I:

Sola scriptura

In Zeiten eines religiösen „anything goes“ erscheint es sinnvoll, sich protestantischerseits noch einmal der grundlegenden reformatorischen Erkenntnisse zu erinnern: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide. Und sich vor allem der Frage zu stellen, was diese Erkenntnisse uns heute noch zu sagen haben.
Dass die Wahrheit uns in Jesus Christus begegnet, hatte sich Luther nicht ausgedacht. Es war vielmehr das Ergebnis eines langen und intensiven Bibelstudiums. Und dass die von ihm wieder entdeckte Wahrheit nun so sehr mit der von der Kirche in Besitz genommenen Wahrheit kollidierte, lag für ihn daran, dass diese Kirche eben nicht mehr ernsthaft die Bibel aufschlug. Für Luther war auch dies eine Entdeckung: Gott finden wir nicht in In­stanzen und Traditionen, nicht in Lehrsätzen und noch so frommen Frömmigkeiten. Gott finden wir einzig in seinem Wort.
Und dieses Wort begegnet uns nun einmal in einem bestimmten Text, dem einzigartigen Zeugnis von Jesus Christus, in der Heiligen Schrift. Sie, nur sie – und nicht etwa auch noch Dogmen und Traditionen – ist das Dokument, der Kanon, die Richtschnur der Wahrheit. Deshalb kritisiert Luther die römische Kirche auch nie aus einer sozusagen pubertären, antiautoritären Haltung heraus. Er kritisiert sie immer nur über der aufgeschlagenen Bibel. Deshalb „kann er nicht anders“. Der Satz, der jenem berühmten Wort vor Kaisern und Königen vorausgeht, lautet nämlich so: „Weil mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, so kann und will ich nichts widerrufen …“ In Gottes Wort gefangen. Sola scriptura.
Wir werden als evangelische Christen heute uns nur an dem Streit um die Wahrheit sinnvoll beteiligen können, wenn wir uns dieses einzigen, wenn man so will, „Mediums“ erinnern. In der ökumenischen Begegnung, im christlich-jüdischen Gespräch, im interreligiösen Dialog wird es nicht darum gehen können, wer recht hat – ein fruchtloses und, wie uns die Geschichte bitter gelehrt hat, auch häufig gefährliches Unterfangen. Es wird protestantischerseits in solchen Begegnungen nur darum gehen können, wieder und wieder die Bibel aufzuschlagen und also darauf zu verweisen, wo unserer Glaubensüberzeugung nach die Wahrheit zu finden ist.
Wir werden aber nicht nur bei solchen Begegnungen, sondern vor allem in unseren eigenen Reihen wieder und wieder die Bibel aufzuschlagen haben. Wir werden eben auch selbstkritisch zu fragen haben, ob das wirklich in jedem Gottesdienst geschieht, oder ob da nicht manches Mal irgendeine hübsche Alltagsgeschichte, irgendeine Allerweltsweisheit an die Stelle der biblischen Botschaft getreten ist. Ich kann mich jedenfalls etwa an manchen Ostergottesdienst erinnern, in dem mir mehr über aufsprießende Maiglöckchen als über den auferstandenen Christus mitgeteilt wurde.
Auch werden wir selbstkritisch zu fragen haben, welche Rolle die aufgeschlagene Bibel in unserem übrigen Gemeindeleben spielt. Gewiss mag es Bibelkreise geben. Gewiss mag zu Beginn einer Presbyteriumssitzung oder eines Frauenhilfsnachmittags die Tageslosung verlesen werden. Aber ist es wirklich so, dass die Gemeinde in ihrer Breite von der lebendigen Begegnung mit den biblischen Texten lebt? Ist die Bibel in unserer Gemeinde ein wirklich offenes Buch und nicht nur ein Topf mit ausgewählten Sprüchen, in den man bei besonderen Gelegenheiten ungeniert hineingreifen zu können meint? Ist die Bibel wirklich ein Buch, das mit uns geht, mit uns lebt, uns täglich tröstet, ermutigt, vielleicht auch einmal heilsam irritiert?
Wir müssen uns der Bibel wahrhaftig nicht schämen. Mancherlei andere Menschen entdecken die biblischen Texte mittlerweile als überaus „interessant“, als „spannend“ und nicht zuletzt auch als künstlerisch „inspirierend“. Nur wir finden sie langweilig. Da kann etwas nicht stimmen. Sola scriptura heißt heute: Für die Gemeinde muss das Lesen der Bibel, das Bibelgespräch, auch das kreative Umgehen mit biblischen Texten wieder selbstverständlich und regelmäßig werden und darf nicht länger bloß Spielwiese einiger weniger Interessierter sein. ☐

Okko Herlyn, Ev. Theologe, 1977-1994 Gemeindepfarrer in Duisburg, seit 1994 Professor an der Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum, seit 1996 Privatdozent an der Ruhruniversität Bochum.
Zahlreiche Veröffentlichungen. Nebenher kabarettistische Auftritte in Kulturzentren, Kleinkunstbühnen, politischen und kirchlichen Szenen.

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Prioritäten-Diskussion in der Landeskirche

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Wolfgang Blöcker Wolfgang Blöcker

Prioritäten-Diskussion in der Landeskirche

I.: Ergebnis der AG I

Ein wesentlicher zentraler Punkt der Ergebnisse der AG I ist das Verhältnis der Entscheidungsbefugnisse zwischen den verschiedenen Ebenen unserer presbyterial-synodal strukturierten Kirche. Ganz vereinfacht gesagt geht es um die Frage: Was soll auf Ebene des Presbyteriums geregelt und entschieden werden, was bei der Kreissynode, was bei der Landessynode.

Grundgedanke unserer Kirchenverfassung ist, dass der wesentliche Gestaltungs- und Entscheidungsspielraum die Ortsgemeinde darstellt – die vom gewählten Presbyterium geleitet wird. Aufgaben, die notwendigerweise oder von ihrer Sache her über die Gemeinde hinaus gestaltet werden müssen, werden durch Vereinbarungen zwischen den Presbyterien (in der Regel also synodal) verantwortet – d.h. von den Presbyterien gewählte Mitglieder der Synoden auf Kirchenkreisebene oder auf Landeskirchenebene tragen die Leitungsverantwortung.
Die AG I versucht eine Konkretisierung und Neubestimmung des Verhältnisses zwischen diesen drei Ebenen. Es kann bei allen Diskussionen um diese Neubestimmung meines Erachtens also nicht um die Frage gehen, ob überhaupt irgendwelche Befugnisse vom Presbyterium auf übergemeindliche Ebenen bzw. die Kirchenkreisebene (oder gar Landeskirchenebene) übertragen werden (denn das ist ohnehin schon in vielen Bereichen sinnvolle Realität), sondern nur um die Frage: In welchen Bereichen das notwendig und sinnvoll ist, dass zwischengemeindliche und übergemeindliche Instanzen Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum bekommen – und in welchen nicht!
An dieser Stelle besteht meines Erachtens dringender und eingehender Diskussionsbedarf – die landeskirchliche Vorlage der AG I drückt sich mindestens in Teilbereichen davor, diese Frage konkret zu beantworten. Ein gründlicher Diskurs und eine breite Meinungsfindung ist dabei aber unerlässlich, um zu einem solidarischen und von allen getragenem Strukturvorschlag zu kommen. Dies scheint mir in der Kürze der Zeit bis zur Landessynode 2007 nicht wirklich machbar.
Aus der Erfahrung der Arbeit in der Kirchengemeinde Essen-Katernberg und im Kirchenkreis Essen-Nord möchte ich gerne einige Eckpunkte als Einstieg in die Diskussion skizzieren:
Die Kirchengemeinde Essen-Katernberg profitiert in vielerlei Hinsicht von den übergemeindlichen Entscheidungen der Synoden (bzw. in Essen als Sonderfall: der Verbandsvertretung, also des gemeinsamen Gremiums aller Essener Kirchengemeinden):
1. Das System der Kirchensteuerverteilung (dass nämlich nicht jede Ortsgemeinde von den in ihr eingehenden Kirchensteuern lebt, sondern alle Essener Gemeinden die gleiche Pro-Kopf-Steuerzuweisung bekommen) hat unsere Kirchensteuereinnahmen auf einem Niveau gehalten, das uns Gestaltungsspielraum lässt.
2. Die Kirchengemeinde hat in mehreren Jahrzehnten eine überdurchschnittliche Ausstattung mit TheologInnen gehabt, was uns viel Entwicklungschancen geboten hat. Auch heute noch profitieren wir von einer leicht überdurchschnittlichen Besetzung mit Pfarrstellen – ohne Weggang oder Versetzung eines der drei Kollegen wird sich das in den nächsten 5-10 Jahren sogar noch drastisch erhöhen.
3. Die Gemeinde hat die Solidarität der Gesamtkirche immer wieder erbeten (und oft auch bekommen), bei Fragen wie z.B. der Abwicklung der Schuldenlast des Vereins VorOrt. Zur Zeit warten wir auf die übergemeindliche Entscheidung in Fragen der Gemeindegrenzen.
Die Kirchengemeinde Essen-Katernberg hat andererseits auch immer wieder gespürt, wie sehr fehlende Gesamtkonzeptionen der gemeindlichen Arbeit in einem Kirchenkreis bzw. einer Stadt zu unguten, unsolidarischen und überfordernden Entwicklungen führen können:
1. In der Frage der Aufrechterhaltung des evangelischen Beitrags zur sozialen Infra-Struktur in Katernberg hat die Gemeinde öfters ein Stück gesamtkirchlicher Solidarität vermisst. Die Frage des Bestands und Erhalts von Einrichtungen und Projekten liegt oft allein in unserer eigenen (finanziellen) Kreativität – die z.B. in Bezug auf die Kita Neuhof und auf den Verein VorOrt nicht mehr ausreichte.
2. Bei der Aufrechterhaltung eines Mindestmaßes an kultureller und kirchenmusikalischer Arbeit erfahren wir wenig Unterstützung durch die Gemeinschaft der Gemeinden.
3. Viele (zum größten Teil sinnvollerweise) übergemeindlich tätige kirchliche oder kirchennahe Einrichtungen arbeiten in großer Distanz, manchmal gar in Konkurrenz zur Ortsgemeinde (vergleiche nur zuletzt die Auseinandersetzungen um den Diakonie-Laden).
Angelehnt an einige Gedanken der AG I versuche ich ein paar konkrete Thesen zur Neubestimmung des Verhältnisses der verschiedenen Ebenen:
1. Anstellungsträger für alle gemeindlich tätigen MitarbeiterInnen muss die Gemeinde/das Presbyterium sein. Nur so ist die Nähe, die Begleitung, die Unterstützung und die Profilierung der Konzeption einer Kirchengemeinde zu gewährleisten.
2. Für einige sozial-diakonische Tätigkeiten (insbesondere die Drittmittel-finanzierten) erscheint ein stadtweites Gesamtkonzept sinnvoll. So kann die Evgl. Kirche als ein großer Träger eine tragfähige Rahmenvereinbarung mit der öffentlich Hand erreichen. Um diese Vereinbarungen dauerhaft zu garantieren, ist das Gesamtkonzept kreissynodal zu verantworten und – im Rahmen einer Art Vorwegabzug – auch durch die Solidarität aller Gemeinden zu finanzieren. Aus Katernberger Sicht wäre dabei wohl über Kindertagesstätten und offene Jugendarbeit zu diskutieren;
3. Das Modell der Pfarrstellenzuteilung in Essen hat sich meines Erachtens bewährt und könnte Muster für andere Bereiche sein: Die synodale Gemeinschaft bestimmt den Rahmen, nach dem die übergemeindliche Finanzierung gewährleistet wird – die Ausschreibung, Besetzung und Profilierung erfolgt jedoch bei der (Orts-)Gemeinde.
4. Um in einigen für evgl. Kirche prägenden Bereichen den völligen Kahlschlag zu verhindern, könnte ich mir eine regionale Grundversorgung, die ebenfalls im Vorwegabzug übergemeindlich finanziert ist, vorstellen, z.B. der Bereich Kirchenmusik. Auch diese Stellen sollten aber in einer konkreten Gemeinde angebunden sein.
5. Die Frage der Anzahl bzw. Lage von Gemeindezentren sollte in meinen Augen nicht synodal, sondern in den Gemeinden selbst entschieden werden. Es muss Gestaltungsspielraum von Gemeinden bleiben, die eigene Arbeit konzeptionell unterschiedlich auszulegen – die eine Gemeinde z.B. eher in mehreren dezentralen Standorten, die andere z.B. durch mobile Angebote um ein größeres Zentrum herum. Wünschenswert und sinnvoll erscheinen mir dabei zwar Absprachen und Planungen von benachbarten Gemeinden, diese können aber nicht „verordnet“ werden, sondern müssen wachsen.
6. Die Entscheidung über den Zuschnitt von Gemeindegrenzen obliegt in Konfliktfällen bisher der Kirchenleitung und soll nach den Vorschlägen der AG I der Kreissynode zukommen. Ich denke aber, dass hierbei die größere Ferne der Kirchenleitung mehr Entscheidungsspielraum lässt. Unsere Erfahrung der letzten Jahre zeigt, wie schwer sich eine Kreissynode und ein KSV mit der Beurteilung unterschiedlicher Interessen an dieser Stelle tut.
7. Das Gefühl für das synodale Element unserer Kirchenverfassung muss wachsen, nicht zuletzt auch, weil ohnehin schon weite Arbeitsbereiche unserer Stadtkirche formal „synodal“ verankert sind/werden (Schulpfarrämter, Krankenhausseelsorge, Behindertenreferat, Jugendreferat, Telefonseelsorge, kirchl. Dienst in der Arbeitswelt, u.v.m.). Hier haben beide „Seiten“ (also die gemeindliche wie die übergemeindliche) meines Erachtens noch viel zu lernen und zu entdecken.
8. Grundsätzlich halte ich Schulungen von Presbyterien und Synoden für sinnvoll – bin aber auch skeptisch, was die „verordnete“ Fortbildung anbelangt. Gleichwohl scheint mir angesichts der wachsenden Konfliktpotentiale, die in den Presbyterien und den (Kreis-)Synoden zu entscheiden sind, ein sehr sorgsamer Umgang mit Fragen der Leitungsfähigkeit und Leitungskultur außerordentlich wichtig zu sein. Dazu können Schulungen und Begleitungen verhelfen.
Als Anriss einiger konkreter Fragestellungen mag das genügen. Fazit: unsere Strukturen müssen vor allem mit Leben gefüllt werden. Da wo sie hinderlich sind, müssen sie angepasst werden. Entscheidend aber ist das Wachsen von gemeindlich und übergemeindlicher Verantwortungsgefühl. Dafür braucht es Zeit und Diskussion.

II: Ergebnis der AG II

Beschlussvorschlag

Das Presbyterium der Egl. Kirchengemeinde Essen-Katernberg hat die Ergebnisse der AG II zur Kenntnis genommen und ist zu folgender Position gekommen:
Wir erkennen ein in sich schlüssiges Konzept des Umgangs mit Pfarrstellen und mit Warteständlern. Wir bezweifeln auch im Wesentlichen nicht, dass die finanzielle Situation tatsächlich dramatische Ausmaße angenommen hat bzw. in den nächsten Jahren - ohne flankierenden Maßnahmen – zunehmend annehmen wird. Wir unterstützen ebenfalls den Versuch, die Pfarrstellenkosten im Verhältnis zum Gesamtvolumen insgesamt zu begrenzen.
Neben all diesen „Richtigkeiten“ und juristischen „Zwängen“ halten wir allerdings das Ergebnis des Papiers für katastrophal. Allein schon die Beschneidung des Zugangs von gut ausgebildeten und qualifizierten jungen TheologInnen in den nächsten Jahrzehnten (von der Tendenz her bis auf 0%!) ist für die Entwicklung der evangelischen Kirche fatal.
Bei allem Verständnis für die Vorteile der Anbindung an öffentliche Dienstverhältnisse und für die juristischen Implikationen wie Bestandsschutz u.a. erwarten wir von der Kirche eine andere Herangehensweise an die anstehenden Probleme. Problemlösungsansätze der freien Wirtschaft oder der öffentlichen Hand, die wir in vielen Synodenpapieren mit Recht kritisieren und auf deren negative Folgen für die Menschen wir immer wieder hinweisen, dürfen nicht zur Maxime des Handelns in der Kirche werden.
• Wir erwarten, dass sich die evgl. Kirche auf allen Ebenen von ihrem geistlichen Moment her leiten lässt – auch und gerade bei Fragen der Personalentwicklung.
• Wir erwarten, dass kreative Formen der Finanzierung und Einnahmeverbesserung gerade auch auf der Ebene der Landessynode und Kirchenleitung stärker in den Blick kommen.
• Wir erwarten, dass die Landesynode neben allen „Sachzwängen“ visionär Linien aufzeigt, wie Besoldungs- und Arbeitsstrukturen (auch und gerade bei den PfarrerInnen) auf neue, solidarische und zukunftsfähige Grundlagen gestellt werden können.

Zur Klärung all dieser und weiterer Fragen fordern wir bezüglich der Ergebnisse der AG II ein Moratorium in der Landessynode – verbunden mit weitreichenden Arbeitsaufträgen im obigen Sinne an Kirchenleitung und landessynodale Ausschüsse sowie an die Gremien der Kirchenkreise und Gemeinden. ☐

Wolfgang Blöcker, Jg. 1962, ist Pfarrer der Gemeinde Essen-Katernberg und Assessor im Kirchenkreis Essen-Nord

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