TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 91

editorial

Bewertung: 1 / 5

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Es ist kaum zu glauben,TP91-1 liebe Leserin, lieber Leser,

ein Jahr Recherche, Dokumentation, Analyse und viele Redaktionssitzungen für die vier Ausgaben und sage-und-schreibe 232 Druckseiten Transparent(*) liegen hinter uns (und vor Ihnen) und wir wissen: nun weihnachtet es sehr bald.
Es gab Überraschungen – positive und negative. Langjährige LeserInnen kündigten ihr Abonnement, obwohl wir unseren Bezugspreis seit Jahren stabil halten trotz steigender Kosten. Neue kamen hinzu, die ein Sprachrohr für ihre Situation und Probleme suchten und fanden.
Es gab Enttäuschungen. Zugesagte Hintergrundinformationen wurden zurückgehalten aus Angst vor Repressalien und wir konnten somit nicht(s) veröffentlichen. Es gab Frust. Wir kamen thematisch nicht so recht voran. Durch unseren Erscheinungszyklus sind wir öfter „out-of-date“.
Dass Sie uns trotzdem (noch) lesen, spornt uns an und verpflichtet uns zu Dank und weiterer Anstrengung, letzte freie rheinische Kirchenpresse zu sein und zu bleiben. Denn bei aller Mühe hat es auch Spaß gemacht. Neue Leute in der Redaktion bringen neue Ideen ein. Wir besprechen eine mögliche Umstrukturierung ohne Qualitätsverlust für unsere LeserInnen.
Wir werden den Blick wieder stärker auf Ökumene und Ökologie lenken – gerade in Zeiten der Krise, um dem Trend des „Sich-kleiner-setzens“ entgegenzuwirken. Globalisierung ist unumkehrbar. Und gemeinschaftliches-genossenschaftliches Teilen ist unumgänglich. Der ökumenische Kirchentag 2010 wirft seinen Schatten voraus.
Eine langjährige Weggefährtin zitiert Transparent auf ihrer Homepage als „Streitschrift für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche“. Yes, we are!

Die Redaktion

(*) Unsere Planung und Kalkulation geht von viermal 40 Druckseiten aus; erschienen sind also fast sechs Ausgaben im Jahr 2008!

Das aktuelle Heft (Nr. 91, Dezember 2008)

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Lob des Unternehmertums

Bewertung: 3 / 5

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Hans-Peter Lauer

Lob des Unternehmertums

Ein „Fürstenspiegel" für die Wirtschaftseliten

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es die literarische Gattung des „Fürstenspiegels". Einem König oder Fürsten wurden die Pflichten und Tugenden vorgehalten, die zu einem richtigen Regieren gehören. Gewissermaßen in dieser Tradition hat die EKD in diesem Jahr eine Denkschrift veröffentlicht.

Aber wie der Titel „Unternehmerisches Handeln in evangelischen Perspektive" verrät, richtet sie sich nicht vorrangig an staatliche, sondern wirtschaftliche Oberhäupter. Zudem soll sie „auch Pfarrer und aktive Gemeindeglieder dazu ermutigen, Unternehmern und unternehmerischem Handeln Wertschätzung zukommen zu lassen und eine verantwortliche unternehmerische Mentalität zu fördern" (S. 21). Das ist auch dringend nötig. da „das Verhältnis von Protestantismus und Unternehmertum in Deutschland von Spannungen durchzogen" (S. 7) ist. Sie beruhen jedoch häufig auf „Missverständnissen", wie der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber in seinem am 17. Juni (!) unterzeichneten Vorwort betont.

Die Freiheit des christlichen Glaubens kann der unternehmerischen Freiheit nicht nur ein „ureigenes evangelisches Profil" (S. 47) verleihen. Es geschieht sogar eine göttliche „Berufung zum unternehmerischen Handeln" (ebd.). Erbfolge allein reicht also nicht aus. Aber auch die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht dazu ausersehen, an die Spitze eines Unternehmens zu treten. Nur wenige sind geeignet. Denn „schon die Bibel zeigt: Nur eine Minderheit der Menschen ist bereit, ein Risiko einzugehen, um Güter und Talente zu vermehren. Weitaus die meisten Menschen blieben und bleiben von der Initiativkraft anderer abhängig und darauf angewiesen, Arbeitsplätze in Unternehmen zu finden." (S. 120). Diese Minderheit, die für den Wohlstand der Mehrheit notwendig ist, soll aber nicht überheblich werden, sondern „Dankbarkeit für das erfahrene Gute" erweisen und „Demut aufbringen" (S. 35).

Folgt man diesem theologischen Ansatz, dann ist auch die „ungleichgewichtige Beziehung zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern" (S. 58) gottgegeben, auch wenn dies die Verfasser nicht ausdrücklich sagen. Aus der Entscheidungsmacht des Unternehmers erwächst seine besondere Verantwortung für die ihm „anvertraute(n) Menschen" (S. 60). „Unternehmerische Führung gibt Ziele vor, muss Vertrauen schaffen und Wertmaßstäbe setzen." (S. 58) Es fällt auf, dass eine wirkliche Demokratisierung der Wirtschaft nicht erwogen wird. Zwar kommt die Mitbestimmung in einem eigenen Kapitel vor, aber sie dient vor allem dazu, „das notwendige Vertrauenskapital zu schaffen ... Und Vertrauen ist in unserer komplexen, arbeitsteiligen Wirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes Geld wert." (S. 66) Von Partizipationsrechten, die auch unabhängig von ihrem monetären Wert Gültigkeit haben, ist in diesem Zusammenhang keine Rede.

Überhaupt ist der Mangel an Vertrauen groß, wie die „Vertrauenskrise gegenüber dem Unternehmertum" (S. 30) in der Bevölkerung zeigt. Entsteht dieses Misstrauen bloß durch eine Berichterstattung, die „von wiederkehrenden Vorurteilen entstellt" (S. 29) ist? Am Ende lüftet die Denkschrift den Schleier und wirft einen kurzen Blick ins Innerste der kapitalistischen Maschine, in das Allerheiligste: „Die moderne Wirtschaftswelt bleibt in ihrem Kern angetrieben durch das Eigeninteresse und die Selbstverwertung des Kapitals." (S. 118) Da reibt sich der vertrauensselige Leser die Augen. Plötzlich erscheinen sogar die hoch gelobten Unternehmer eher als von „herrenlosen Gewalten" (Karl Barth) Getriebene denn als von Gott Berufene. Aller gutgemeinten Ethik zum Trotz herrscht da ein „automatisches Subjekt" (Karl Marx), eben die Selbstverwertung des Werts, wie ein Abgott oder Souverän über Wirtschaft und Gesellschaft, auch über einem evangelischem Unternehmertum. Diese düstere Sicht des Kapitalismus, wo alles einer absurden und zerstörerischen Geldvermehrung unterworfen ist, trübt etwas das optimistische Pathos der Denkschrift. Denn solange der Wettbewerb funktioniert und die Unternehmen langfristige Gewinnziele verfolgen, leben wir in einer Welt, die immer reicher wird. Fragt sich nur: für wen?

 


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Abberufungen und Wartestand in der Evangelischen Kirche im Rheinland

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Abberufungen und Wartestand in der Evangelischen Kirche im Rheinland

Die Reaktion des Verbandes

Mit großer Sorge und Betroffenheit beobachten wir schon seit längerer Zeit die Entwicklungen im Blick auf Abberufungen und Wartestand in der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Wir teilen diese Sorge mit dem Evangelischen Pfarrverein im Rheinland und stehen mit ihm in dieser Angelegenheit in einem intensiven Austausch. In der EKiR befinden sich momentan etwa 120 Pfarrerinnen im Wartestand. Abberufungen mit der möglichen Folge des Warte- und Ruhestandes beschränken sich dabei nicht nur auf Verfahren mangels gedeihlichen Wirkens.

In § 84 Pfarrerdienstgesetz der UEK (PfDG), das im Ausführungsgesetz der EKiR zum PfDG konkretisiert wird, werden noch eine Reihe weiterer Gründe für eine Abberufung, z.B. die Änderung des Stellenumfangs, genannt. Die Rechtsfolgen einer Abberufung bestehen im Verlust der Pfarrstelle. Die Dienstbezüge werden zunächst weitergezahlt, die Dienstwohnung ist allerdings zu räumen. Die Betroffenen haben sich um eine neue Pfarrstelle zu bemühen. Wenn es nicht binnen eines Jahres zu einer Pfarrstellenübertragung kommt, erfolgt die Versetzung in den Wartestand. Die Pfarrerinnen erhalten dann Wartegeld, das in der Regel 75% der aktiven Dienstbezüge beträgt. Sie können sich weiterhin um die Übertragung einer Pfarrstelle bewerben. Wenn nicht innerhalb von drei Jahren erneut eine Pfarrstelle übertragen werden kann, so erfolgt die Versetzung in den Ruhestand. Die Frist wird allerdings für die Dauer eines übertragenen Dienstauftrags gehemmt. Die Rheinische Landessynode hat in diesem Jahr ein Rahmenkonzept für Stellen mit besonderen Aufgaben (mbA) beschlossen und die Kirchenleitung hat Richtlinien für ein „Zentrales Auswahlverfahren für Pfarrerinnen und Pfarrer im Wartestand und für aus der Pfarrstelle Abberufene“ erlassen, um dem Problem der hohen Zahl von Pfarrerinnen im Wartestand zu begegnen. Danach wird ein Pool von Stellen mit besonderen Aufgaben gebildet, der zu einem kleineren Teil für Pfarrstellenbewerber des theologischen Nachwuchses, im Übrigen für Pfarrerinnen und Pfarrer bestimmt ist, die von ihrer Pfarrstelle abberufen wurden oder sich bereits im Wartestand befinden. Sie haben sich einem zentralen Auswahlverfahren zu unterziehen. Bei Bestehen werden sie in eine mbA-Stelle eingewiesen. Nichtbestehen oder Teilnahmeverweigerung führt in der Regel nach drei Jahren zur Ruhestandsversetzung. Die mbA-Stellen sind auf sechs Jahre befristet. Die Inhaber haben sich auf freie Stellen zu bewerben. Wird nach Ablauf der 6-Jahres-Frist keine Pfarrstelle übertragen, so treten die Inhaber wieder in den Wartestand, der nach weiteren drei Jahren in den Ruhestand führt. Eine erneute Teilnahme am Auswahlverfahren ist ausgeschlossen. Das Auswahlverfahren liegt in Händen eines Ausschusses, der sich aus je zwei Dezernentinnen des Landeskirchenamtes, Pfarrerinnen und Gemeindegliedern zusammensetzt. Entscheidungsgrundlage ist die Personalakte und schriftliche Unterlagen, die von den Betroffenen einzureichen sind. Am Auswahltag wird die Eignung für den Pfarrdienst durch „eine Selbstpräsentation, ein strukturiertes Interview und eine Aufgabe zur Überprüfung der theologischen Fachlichkeit“ gemessen. Die Bewertung erfolgt durch ein Punktesystem.

Der Verbandsvorstand hat sich nach ersten Erfahrungsberichten von Betroffenen in Abstimmung mit dem Evangelischen Pfarrverein im Rheinland entschlossen, bei diesem komplexen Thema einen Gutachter zu beauftragen. Wir konnten dazu den anerkannten und hoch geschätzten Kirchenjuristen Professor Dr. Christoph Link gewinnen. Bei der Aufgabenstellung für das Gutachten ging es uns zum Einen um die Frage der Legitimität von Warte- und Ruhestandsversetzungen und zum Anderen um den Umgang mit dem Problem der hohen Zahl an Pfarrerinnen im Wartestand und um die vermeintliche Lösung durch ein zentrales Auswahlverfahren. Das Gutachten stellt zunächst den Grundsatz der Unversetzbarkeit einer Pfarrerin und eines Pfarrers heraus. Schon das mittelalterliche Kirchenrecht habe diesen Grundsatz gekannt. Er sei von der Reformation aufgenommen worden und gelte in nahezu allen evangelischen Landeskirchen im Prinzip bis heute. Der Grundsatz der Unversetzbarkeit gründe im notwendigen engen Vertrauensverhältnis zwischen Pfarrerin bzw. Pfarrer und Gemeinde. Die grundsätzliche Unversetzbarkeit und die in untrennbarem Zusammenhang damit stehende, auf Dauer angelegte Übertragung des Pfarramts würden Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Unparteilichkeit der Amtsführung bezwecken. In der Wahrnehmung des Predigtamtes als geistlich-theologischer Aufgabe sollen Pfarrerinnen frei und nur ihrem Gewissen verpflichtet sein – im Interesse der Verkündigung der christlichen Botschaft. Der nach wie vor maßgebende Grundsatz der Unversetzbarkeit gelte aber nicht ausnahmslos. Die Rechte des Amtsträgers müssten dann zurücktreten, wenn ihre Sicherung mit dem im konkreten Amtsbereich zu erfüllenden Auftrag der Kirche in einen ernsthaften, anders nicht zu behebenden Konflikt gerate. Unversetzbarkeit und Versetzungsmöglichkeit im Einzelfall um des kirchlichen Auftrags willen, seien deshalb, so Link, unverzichtbare Teile des einen reformatorischen Amtsverständnisses. „Eine Versetzung bzw. Wartestandsversetzung kann im Lichte der grundsätzlichen Unversetzbarkeit ‚als ultima ratio‘ nur dort in Betracht kommen, wo die Kirchenleitung nach eingehender Prüfung des Sachverhalts und seelsorgerisch verantworteten Anhörungen zu dem Schluss kommt, dass im konkreten Fall der Riss zwischen Gemeinde und Amtsträger(in) wirklich unheilbar geworden ist, sich also auch durch intensive Vermittlungsbemühungen kirchenleitender Instanzen nicht mehr schließen lässt. Was im staatlichen Recht als selbstverständlicher Grundsatz gilt, dass Aufsicht in erster Linie auf Beratung, Hilfe und gütliche Konfliktbereinigung zielt und erst bei deren Versagen Rechtseingriffe als letztes Mittel angezeigt sind, das muss erst recht in der ‚christokratischen Bruderschaft‘ (Erik Wolf) der Kirche gelten.“
Daraus folgt nach Link, dass auf der einen Seite Wege zur Konfliktlösung verfahrensrechtlich im Pfarrerdienstrecht verankert sein müssen. Er nimmt dabei auf Regelungen Bezug, die schon in einzelnen Landeskirchen erfolgreich praktiziert werden. Auf der anderen Seite müssen Versetzungen, vor allem Wartestandsversetzungen, auf wenige Ausnahmefälle beschränkt bleiben. Der Tatbestand des nichtgedeihlichen Wirkens hat übrigens im staatlichen Beamtenrecht keine Parallele. Dienstverletzungen sind hier durch spezielle Verfahren der Lehrbeanstandung oder des Disziplinarrechts zu sanktionieren. Link nimmt in seinem Gutachten eine Reihe von Punkten im Zusammenhang mit Abberufungsverfahren auf, die schon im Gutachten von Dr. Wolfgang Bock genannt wurden, das er 1999 im Auftrag des Verbandes erstellt hat. Der Schwerpunkt der Untersuchung lag aber diesmal beim neu eingeführten Auswahlverfahren in der EKiR. Nach der ausführlich begründeten Darlegung von Link bestehen schon erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Grundlage für das Auswahlverfahren. Die EKiR sei Gliedkirche der UEK und habe die Gesetzgebungskompetenz für das kirchliche Dienstrecht an die UEK übertragen (Art. 6, Abs. 4 Nr. 2 GO. UEK). „Eine explizite Öffnungsklausel, auf die die EKiR Einführung und Gestaltung des Auswahlverfahrens stützen könnte, findet sich im PfDG (und insbes. in dessen §§ 88-91) nicht.“ Die EKiR sei deshalb bereits durch das höherrangige Recht der UEK an der Einführung eines Auswahlverfahrens in der gegenwärtig praktizierten Form gehindert.
Link hält auch die Rechtsgrundlage für nicht ausreichend. Einführung und Ausgestaltung des Auswahlverfahrens hätten ihre Rechtsgrundlage in einem Synodenbeschluss, der das von der Kirchenleitung erstellte Rahmenkonzept billige, sowie in den zu seiner Ausführung erlassenen und der Synode zur Kenntnis gebrachten Richtlinien der Kirchenleitung. Für das kirchliche Dienstrecht gebiete Art. 130 Buchstabe (e) der Kirchenordnung und Art. 6, Abs. 4 Nr. 2 der Grundordnung der UEK zwingend die Regelung in Gesetzesform. Ein „schlichter“ Synodenbeschluss und eine Kenntnisnahme der Richtlinien der Kirchenleitung genügten diesen Anforderungen nicht. Die Einführung des zentralen Auswahlverfahrens verstoße deshalb gegen Art. 130 Buchstabe (e) der Kirchenordnung der EKiR und sei kirchenverfassungswidrig. Die Regelungen verletzten außerdem die Grundsätze des Vertrauensschutzes. Man hätte angemessene Übergangsregelungen für die schaffen müssen, die sich 2007 schon im Wartestand befanden. Diese Personengruppe hätte man von der Teilnahmepflicht am Auswahlverfahren ausnehmen müssen. Im hohen Maße problematisch sei ferner die Verfahrensweise zur Vorbereitung der Auswahlentscheidung. Die Berufung in ein öffentlich-rechtliches Pfarrdienstverhältnis schließe grundsätzlich die Bestätigung ein, dass der Berufene zur Ausübung seines Berufes geeignet sei. Gegen die gewählte Form einer verpflichtenden erneuten Eignungsprüfung bestünden deshalb schwerwiegende Bedenken. Eine bloße Abberufung wegen nichtgedeihlichen Wirkens oder das Ende einer Freistellung nach Zeitablauf rechtfertige nicht die Vermutung der mangelnden Eignung. Darüber hinaus wecke die Prüfungsgestaltung selbst gravierende Bedenken, weil es fraglich sei, ob sie eine angemessene Weise zur Eignungsfeststellung darstelle. Link kommt deshalb zu dem Schluss: „Jedenfalls bietet das Auswahlverfahren auch in seiner gegenwärtigen Ausgestaltung und praktischen Handhabung keine tragfähige Rechtsgrundlage für einen derart gravierenden Eingriff in ein auf Lebenszeit begründetes öffentlich-rechtliches Dienst- und Treueverhältnis.“
Besonders hellhörig sollte die Kirchenleitung im Rheinland und alle Kirchenleitungen in der EKD machen, was Link am Schluss seines Gutachtens zu bedenken gibt: „Zwar sind die Kirchen kraft ihrer verfassungsrechtlich garantierten Ämterhoheit nicht unmittelbar an die hergebrachten ‚Grundsätze des Berufsbeamtentums‘ (Art. 33, Abs. 5 GG) gebunden, wohl aber an die Beachtung eines strukturbildenden Minimums, das ihre Dienstverhältnisse als solche des öffentlichen Rechts noch erkennbar macht und deshalb deren Exemption aus dem staatlichen Arbeitsund Sozialrecht legitimiert. Die Kirchen unterliegen, wenn sie ihre Dienstverhältnisse öffentlich-rechtlich ausgestalten, einem gewissen ‚Typenzwang‘. Dazu gehört im besonderen Maße auch das Lebenszeitprinzip.“ Sollte es bei der Überprüfung der Rechtmäßigkeit von Wartestandsversetzungen zu einer Vielzahl von Prozessen auch vor staatlichen Gerichten kommen, „so werden sie sich einer genaueren Prüfung am Maßstab auch kirchenspezifisch nicht abdingbarer Grundsätze des öffentlichen Dienstrechts nicht mehr entziehen können. Dann drohen den Kirchen nicht nur unliebsame Prozessniederlagen, sondern ihre Dienstherrnfähigkeit könnte selbst auf den Prüfstand geraten.“
Das Gutachten lässt nach unserer Überzeugung keinen Spielraum in der Beurteilung des neu eingeführten „Zentralen Auswahlverfahrens“. Für uns ergibt sich daraus nur eine Folgerung: Das Auswahlverfahren muss ausgesetzt und zurückgenommen werden und es müssen neue Wege gesucht werden, das Problem der großen Zahl von Pfarrerinnen und Pfarrern im Wartestand zu lösen. ☐

Diesen Artikel drucken wir mit freundlicher Genehmigung aus dem Deutschen Pfarrerblatt (11 / 2008, S. 574f) nach. Auf der Homepage des Pfarrverbands (www.pfarrverband.de/interaktiv) findet sich u.a. ein Forum zum Thema „Nichtgedeihlichkeit und Wartestand“.

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Wachsen gegen den Trend

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Sören Asmus

Wachsen gegen den Trend

Das Rheinland und die Zukunft des Gemeindewachstums

Während sich EKD-weit keine klaren Strategien ablesen lassen, wie es geht, dass Gemeinden „gegen den Trend“ wachsen, zeigt das Rheinland durch die vielfältigen Fusionen, wie man einerseits wieder große Gemeinden schafft, andererseits aber auch, welche Probleme Gemeindewachstum mit sich bringt: Wer soll denn die Arbeit tun? Immer häufiger tauchen Anzeigen von Gemeinden auf, die Vertretungen auch freigewordenen Pfarrstellen suchen – wenn auch nur vorübergehend. Zeichnet sich hier ein goldener Weg in die kirchliche Zukunft ab, oder nur eine weitere Übergangsschwierigkeit in einem zunehmend unübersichtlicheren Prozess?

Die Frage bleibt: Wie geht man mit den Zahlen um und den Problemen, die sich nicht durch die vorhandenen Zahlen und Statistiken lösen lassen.

Ein mutmachendes Buch ist erschienen: Die EKD sammelt Beispiele von Gemeinden, die „gegen den Trend“ wachsen. Zwar stellt sich bei der gründlichen Lektüre heraus, dass dieses Gemeindewachstum oft gar keines ist, oder zumindest sich nicht sagen lässt, was da eigentlich gewachsen ist und wo die Probleme dennoch liegen, aber es soll ja auch wohl eher zeigen, wie man mit dem Problem umgeht, dass die Gemeinden wieder wachsen sollen. So will es die „Kirche der Freiheit“, also muss auch gezeigt werden, dass es geht. Am Ende aber bleibt bei diesen Aufbrüchen nur eines: Dass sich immer wieder zeigt, dass die Probleme im Blick auf Gemeinde, Pfarramt und kirchenleitendes Handeln immer noch dieselben sind, wie schon vor Jahrzehnten.
Es könnte sich hier zeigen, dass der Versuch, Kirche über Zahlen und Finanzen zu steuern, vor ähnlichen Problemen steht, wie die Finanzmärkte: Wenn die Zahlen vorliegen, dann kann man sie a) sehr unterschiedlich interpretieren und b) ist es dann meist schon zu spät. Das ist aber keine Absage an die Notwendigkeit der Planung, ebenso auch nicht gegen einen finanziellen Realismus. Es scheint nur, dass die Wirklichkeit dann doch schwieriger ist, als der Plan. (Wen eine herausfordernde Analyse der gegenwärtigen Fragen der Organisation Kirche und die Diskussion der Logik kirchenleitenden Handelns interessiert, der/die sei auf das Oktoberheft der Zeitschrift „Pastoraltheologie“ verwiesen.)
Dabei ist es in der Tat so, dass im Rheinland viele Gemeinden wachsen: Durch die Fusionen, die vollbracht sind und die noch anstehen, werden immer mehr Gemeinden, die übrig bleiben, erst einmal größer: Im Blick auf die Haushalte der Gemeinden, im Blick auf das Verhältnis von Pfarrstellen und Hauptamtlichen zu Gemeindegliedern, im Blick auf die prognostizierte Entwicklung der Mitgliedszahlen werden Verbesserungen erzielt, deren positive Wirkung auf den Haushalt der EKiR sicher unbestreitbar ist. Das ist die eine Seite im derzeitigen Prozess. Hinzu kommt, dass durch das neue mbA-Verfahren die Zahl der PfarrerInnen, die nicht in sicher finanzierten Beschäftigungen stehen, deutlich abnimmt. Wenn man sich anschaut, wie schnell mbA-lerInnen in den Kirchenkreisen von den Entlastungsstellen wieder verschwinden, auf die sie platziert wurden, lässt sich auch hier hoffen, dass die Pläne der Landssynode und der Kirchenleitung aus den letzten Jahren aufgehen. Der Haushalt soll saniert werden, PfarrerInnen sollen in den Stellen arbeiten, für die eine direkte Finanzierung möglich ist, Gemeinden sollen eine lebensfähige Größe haben. All dies sind sinnvolle Ziele und die gegenwärtig angewandten Strategien scheinen zu greifen. Und da die EKiR keine Landesbank ist oder kein produzierender Großbetrieb, wird sie auch nur durch Einsparungen weiterkommen – auf einen finanziellen Rettungsschirm der Bundesregierung ist hier nicht zu hoffen, auch wenn unser Haushalt ebenso von der Finanzkrise betroffen sein wird wie der Rest der Republik auch.
Dies sei alles zu Anfang gesagt, damit den folgenden Anfragen nicht unterstellt wird, sie seien in Unkenntnis der Lage gestellt, oder schlicht blauäugig. Denn Fragen bleiben. Selbst wenn man annimmt, dass es sich bei vielen der folgenden Phänomene um „Übergangsschwierigkeiten“ handelt, scheinen sie doch auf Grenzen der gegenwärtigen Sanierungsbemühungen hinzuweisen. Und sie werden gestellt im Blick auf Erfahrungen eines Ehrenamtlers, der zufällig einmal Pfarrer war. Sie zu stellen geschieht in der Hoffnung, dass die Suche nach einer Antwort der EKiR als Ganzer helfen kann. Denn dieses Gemeindewachstum ist natürlich nicht das, was man sich erhofft: Die Größe der Gemeinden wächst, aber weder erreicht man zunehmend Menschen, die bisher fern waren, noch erreicht man in Zukunft die, die bisher näher waren …
Im Umfeld des Rheinischen Konventes tauchen in letzter Zeit immer wieder Ausschreibungen für halbe Stellen auf, die von Gemeinden befristet zu besetzen sind, weil die freie Pfarrstelle im Zuge einer Fusion als solche wegfallen wird, bzw. mit einer anderen Stelle zusammen gelegt wird, die aber erst noch zu besetzen ist. Mir ist gegenwärtig nicht bekannt, wie hoch der Erfolg solcher Ausschreibungen ist, aber sie weisen darauf hin, dass die Personaldecke dünn wird: Wo früher entweder KollegInnen aus der Nachbarschaft aushelfen konnten, oder aber KollegInnen im Probe- oder Sonderdienst die Vertretung übernahmen, muss jetzt außerhalb des Stellenplans gesucht werden. Wenn die Stelle zu lange frei bleibt, dann schadet das der Gemeindearbeit. Also sucht man Leute, die einspringen können – und zwar so verlässlich und planbar, wie man das nur von fest Angestellten erwarten kann. Und die – so scheint es – hat man nicht im ausreichenden Maße. Also muss der „freie Markt“ her. (Da ist es im Zweifel klug gewesen, so viele Leute zu entlassen, denn so gibt es überhaupt einen „freien Markt“. Ein Schelm, der sich an Leiharbeit erinnert fühlt – Leiharbeiter haben wenigstens eine Agentur, die sie vermittelt …Wenn sie auch letztlich sozialethisch fragwürdig bleibt.) Die Frage sei erlaubt, wofür dieses ein Anzeichen ist?
Auf jeden Fall ist es ein Zeichen dafür, dass es noch eine Menge Arbeit in den Gemeinden gibt – also ein gutes Zeichen. Überhaupt zeichnet sich ja dies deutlich ab: MitarbeiterInnen in den Gemeinden werden gebraucht: In der Jugendarbeit, in der Kirchenmusik, in der Seelsorge in Altenheimen und Krankenhäusern, bei der Begleitung von ReligionslehrerInnen und von Schulen und an vielen anderen Orten mehr. Eine lebendige Volkskirche zeichnet sich dadurch aus, dass sie da ist, wo die Menschen sind. Und auch wenn die Einnahmen weniger werden – die Menschen werden es nicht in dem Maße. Und so ist es zu begrüßen, wenn nach Wegen gesucht wird, weiterhin all die zu erreichen, die nach der Kirche suchen. Allein: Es geschieht zur Zeit eben auch auf der Basis von unterfinanzierten Kleinverträgen, die ihrerseits nicht dafür ausreichen, dass man davon leben kann, und andererseits die Gemeinden damit rechnen müssen, dass es genug Menschen gibt, die entweder verzweifelt genug darauf angewiesen sind, oder es sich aus anderen Sicherungen heraus leisten können, sie anzunehmen. Das aber ist nicht wirklich das, was zu wünschen ist.
Und im Blick auf die Zukunft ist klar: Es werden weiter Menschen gebraucht, die sich auf die Arbeit in der Kirche bewerben werden. Zur Zeit sieht es gut aus: Das Rheinland hat zu viele PfarrerInnen und zu viele JugendmitarbeiterInnen etc. Sie zu entlassen und dann zu rufen, wenn man sie kurzfristig braucht, ist eine Option. Aber die Bewer­berInnen müssen in den Zeiten, wo sie hier nicht bezahlt werden, für ein Auskommen sorgen. Viele haben das getan, indem sie z.B. in die Schweiz abgewandert sind, oder bei anderen Kirchen, bzw. Anstellungsträgern untergekommen sind. Solange man darauf hoffen kann, dass sie auf Anforderung zurückkommen oder zur Verfügung stehen, wenn man sie dereinst braucht, kann dies eine plausible Strategie sein. Aber wie realistisch ist das auf Dauer? Gewiss, da gibt es eine große Zahl, die von befristeten Stellen zurück kommen werden – nur kennt man die Zahl nicht. Gewiss, es gibt noch Studierende und VikarInnen, die für die Zukunft bereit zu stehen scheinen – aber ihre Zahlen gehen deutlich zurück und die derzeitige Lage ist definitiv keine, die für den kirchlichen Dienst wirbt. Was also ist übermorgen?
Ein anderes aber zeigt sich auch: Die Arbeit im Übergang wird nicht weniger, die Kräfte aber der Hauptamtlichen werden es. Da alle neuen Wege am Ende umgesetzt werden müssen, wird heftig Arbeit umverteilt. Auf der einen Seite wächst damit die Zuständigkeit, wächst die Notwendigkeit, immer neu die Arbeit zu strukturieren und dasselbe von immer weniger Menschen tun zu lassen. Auf der anderen Seite zieht man sich aus Arbeitsbereichen zurück, die scheinbar nicht so nötig sind, wie vordem. Immerhin geschieht dies immer häufiger im Rahmen einer Überlegung über das Gesamtkonzept, aber es geschieht sehr häufig eher auf Basis der Zahlen, nicht auf Basis der Präsenz der Kirche in der Lebenswelt. Und es geschieht häufig in einem Klima der Abwertung der geleisteten Arbeit. Denn es scheint so zu sein, dass bisher von zu vielen Leuten zu wenig getan wurde. Die Schwierigkeiten bei Entlastungen und Vertretungen, die Suche nach befristeten Beschäftigten zeigt aber auch: Es muss neben dem „Gesundsparen“ auch Wege geben, die Arbeit in den Gemeinden zu tun, weil für sie ein Bedarf da ist. Reichen die Möglichkeiten, dafür alternative Formen der Beschäftigung zu finden? Oder fordert die Arbeit eigentlich noch mehr Kreativität? Und wer ist geeignet, diese Kreativität zu entfalten?
Denn auch dies wird deutlich: Durch die lange Geschichte des Stellenabbaus im Bereich der Kirchenmusik und der Jugendarbeit wird es immer schwieriger, in Zukunft auf geeignete Personen zugreifen zu können, denen man in Vergangenheit und Gegenwart keine Perspektive bieten konnte. Und Ähnliches wird sich auch im Blick auf das Pfarramt zeigen: Es findet eine notwendige Abwanderung von gut ausgebildeten und einstmals hoch motivierten Personen in andere Bereiche statt. Gegenwärtig geschieht dies auf dem Rücken derer, die nicht das Glück hatten, zu besseren Zeiten verbeamtet zu werden. Woher aber die Menschen in Zukunft kommen sollen, die die Arbeit tun, wenn diejenigen, die sie tun können, weggeschickt wurden, ist noch nicht klar. Und die Arbeit muss von Menschen getan werden, die dafür geeignet sind. Deshalb hat die EKiR ja die diversen Auswahlverfahren eingeführt, die sicherstellen sollen, dass die BewerberInnen auf freie Stellen einem hohen Anforderungsprofil gewachsen sind.
Dabei ist auch dieses Verfahren höchst ambivalent: Im Blick auf „den Nachwuchs“ haben wir einerseits ein Verfahren, welches sehr klar und transparent ist, bei dem sich viele schon vor der Bewerbung ausrechnen können, dass sie aufgrund ihrer Examensnoten sich gar keine Mühe machen müssen, eine Bewerbung auszufüllen. Egal, welche Leistungen man in seinem weiteren Berufsleben erbracht hat, egal, welche zusätzlichen Fähigkeiten und Spezialisierungen man erworben hat – die Examensnoten filtern dominant. Das heißt zum einen: Wer dann ausgewählt wird, verfügt über viele und gute Kompetenzen und die EKiR tut gut daran, diese Menschen einzustellen! Zum anderen aber heißt es auch: Es entgehen der Kirche Menschen, die sich über die Jahre spezialisiert haben, die besondere Kenntnisse haben und damit in der Lage wären, spezifischen Anforderungen mit hoher Kompetenz zu begegnen. Noch gibt es diese Leute im Umfeld der Kirche, aber sie werden aus den üblichen ökonomischen Notwendigkeiten weggehen – und es scheint sehr zweifelhaft, ob sie irgendwann da sind, wenn man sie zu brauchen meint. Und da es immer noch kein mutiges und klares Konzept gibt, das auch bei der Anstellung von PastorInnen zu kreativen Perspektiven führt und über das Bekannte hinausgeht, bleibt wenig Hoffnung, dass sich hier etwas Wegweisendes ergibt.
Die Ambivalenz besteht aber auch im Blick auf die verbeamteten KollegInnen, die sich ebenfalls für den mbA-Pool bewerben müssen. Zwar wissen oft die Kirchenkreise, was sie an den qualifizierten KollegInnen haben, die sie gerne mit ihren Erfahrungen in besonderen Arbeitsbereichen einsetzten würden, aber es sind nicht diese Fähigkeiten, die abgefragt werden. So hat es in der ersten Runde so mancher gewünschte Kandidat nicht in die Auswahl geschafft. Und diejenigen, die man dann bekommen hat, bleiben eben – wie gewünscht – häufig nicht lange, sodass eine perspektivische Arbeit von ihnen eigentlich nicht getan werden kann. Das ist der Preis, den man wohl für die Haushaltskonsolidierung zu zahlen bereit ist. Hinzu kommt aber auch, dass das Auswahlverfahren nicht nur bei vielen lang gedienten PfarrerInnen zu Kränkungen geführt hat, erneut ihre Fähigkeiten beweisen zu müssen. Inzwischen sind auch rechtlich begründete Anfragen an das Verfahren gestellt worden. Ein Gutachten im Auftrag des Pfarrvereins (s. folgende Seiten) zeigt, dass die rechtliche Grundlage der gegenwärtigen Regelung höchst fragwürdig ist und nicht nur im Widerspruch zum EKU-Pfarrdienstrecht, sondern auch zu den Grundsätzen des Beamtentums zu stehen scheint, und damit auch sowohl zukünftige Probleme mit sich bringen wird als auch bereits jetzt sich negativ auf die Motivation und Einstellung der PfarrerInnen auswirkt, deren Kompetenz und Engagement man ja braucht und schon bezahlt. Hier ist auch im Blick auf die Zukunft der EKiR dringend Handlungsbedarf geboten. Denn keine Organisation, erst Recht nicht die Kirche, kann sich leisten, dass in ihr kein echtes Vertrauen in die Kompetenz der Mitarbeitenden von Seiten der Leitung – und gegen die Leitung von Seiten der Mitarbeitenden – besteht.
Nun kann man einerseits sagen: Wir sind auf einem Weg, der die Kirche konsolidieren wird, dabei ist es unvermeidlich, dass es zu Problem beim Übergang kommt. Das ist richtig, aber die Erfahrung in anderen Organisationen zeigt, dass gerade solche Übergänge zeigen, dass dabei Vertrauen in die Kompetenz und die Aktionen zentral sind und dass auch besonders diejenigen gebraucht werden, die Erfahrung mit Kreativität und Innovationsbereitschaft verbinden. Wer nur auf die Bedürftigkeit und auf Druck durch äußere Zwänge setzt, verliert letztlich im Prozess das nötige Potential für die Zukunft. Andererseits lässt sich nicht übersehen, dass die reine Orientierung an erfassbaren Zahlen den Herausforderungen der Kirche nicht gerecht wird. Zum einen stellt sich immer wieder heraus, dass die Zahlen unvollständig sind, zum anderen aber vor allem, dass die Zahlen, die in Anschlag gebracht werden (Finanzierung, Status quo, messbare Größe im Blick auf die Verwaltung), nicht den Zielen entsprechen, die sich eine Volkskirche stellt: Präsenz im Leben der Menschen, die sich zur Kirche zählen, und Suche nach Menschen, die von der Botschaft und Gemeinschaft der Gemeinde Jesu Christi noch nicht erreicht werden. Bisher fehlt ein schlüssiger Zusammenhang von Sparzielen und Wachstums­perspektiven. Während die reine Hoffnung auf das „nicht berechenbare Handeln des Heiligen Geistes“ sicher nicht reicht, so ist aber auch das gegenteilige Hoffen auf eine marktförmig berechenbare Zukunft ebenso unzureichend. Immerhin könnte es auch sein, dass schon jetzt die auftretenden Probleme und Unstimmigkeiten zeigen, dass die Herausforderungen nicht weniger Menschen brauchen, die auf sie reagieren, sondern mehr. Denn, wie man von den Gemeinden nicht verlangen kann, dass sie mit immer weniger Hauptamtlichen dieselbe Arbeit tun und neue Felder erschließen, so kann man auch von einem Landeskirchenamt oder Superintendentur nicht erwarten, dass weniger Menschen mehr Arbeit mit einem Zuwachs an Kreativität und Problemlösungskompetenz leisten. Hier steht die Kirche eben auch vor der Zwickmühle, dass nicht nur der gegenwärtige Haushalt stimmen muss, sondern nach Wegen gesucht werden muss, in die Zukunft zu investieren und neue Wege zu finden, um das zu tun, wozu die Kirche berufen ist.
Es ist im Blick auf die neue Landessynode und auch für die Arbeit der Kreissynoden und Presbyterien daher festzuhalten, dass die „alten Probleme“ immer noch – wenn auch mitunter in veränderter Gestalt – auf dem Tisch liegen. Dafür ist den PresbyterInnen und Synodalen viel Mut und Kreativität zu wünschen. Dafür ist aber auch daran zu erinnern, dass es viele Menschen gibt, die zwar nicht mehr in den Zahlen auftauchen, aber als PastorInnen und ausgebildete PädagogInnen, MusikerInnen über die Gaben verfügen, die die Kirche jetzt braucht – und mitwirken wollen und können, nach neuen Wegen zu suchen. Noch … ☐

Sören Asmus ist Assistent an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und Redaktionsmitglied bei Transparent

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Denn sie wissen nicht was sie tun

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Patrik Mähling

Denn sie wissen nicht was sie tun

Vom landeskirchlichen Umgang mit der „Ware" Nachwuchs

Anfang Oktober 2008 erhielten die ExamenskandidatenInnen auszugsweise angefügten Brief aus dem LKA (s. Kasten)

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Aus dem Brief vom 2.10.2008
für die Aufnahme in den kirchlichen Vorbereitungsdienst zum 1. April 2009 haben sich wesentlich mehr Kandidatinnen und Kandidaten [...] beworben als Plätze im Seminar [...]zur Verfügung stehen.
Da ab 2009 auch Anträge für den Vorbereitungsdienst aus denjenigen Landeskirchen möglich sind, bei denen sich Studierende aus der Evangelischen Kirche im Rheinland bewerben dürfen, wird sich die Anzahl der Anträge noch erhöhen. Wegen der hohen Anzahl an Anträgen, müssen wir entscheiden, welche Kandidatin/welcher Kandidat nach bestandener [...]Prüfung zum 1. April 2009 oder zu einem späteren Zeitpunkt in den kirchlichen Vorbereitungsdienst berufen wird. Derzeit werden die Modalitäten beraten. Über unsere Entscheidung werden wir Sie zu gegebener Zeit unterrichten.

 

Mitten im Examen, während der Abfassungszeit der Hausarbeiten kommt dieser Brief, erzeugt Unsicherheit und stellt irgendwelche „Modalitäten“ in Aussicht.
Personalplanung und Personalpolitik sind eine Sache, aber Menschen inmitten der angespannten Zeit ihres Examens derart zu verunsichern ist ein hartes Stück. In dieser Zeit einen solchen Brief zu versenden, der zu Recht Existenzängste auslöst, ist grob fahrlässig, ist ein Akt seelischer Grausamkeit, zumal die Übernahme ins Vikariat nach bestandenem Examen bislang noch als „sicher“ galt.
Nun liegt mittlerweile ein weiterer Brief des LKA vor, in welchem den KandidatInnen mitgeteilt wird, dass sie selbstverständlich in den Vorbereitungsdienst übernommen werden. In diesem Brief heißt es „Mit Bedauern haben wir zur Kenntnis genommen, dass unser Schreiben vom 02.10.08 bezüglich der Einweisung zum 01.04.09 sehr missverständlich aufgefasst werden konnte. Dies lag ganz und gar nicht in unserer Absicht.“ Aber was war denn die Absicht des ersten Schreibens, an dem man so ganz und gar nichts missverständliches finden kann? Weiter heißt es zur Erläuterung: „Die entsprechende Passage […] bezog sich auf die unerwartet hohe Anzahl der Meldungen […], unter anderem mitverursacht durch mehrere Anfragen nach einem Gastvikariat im Rheinland. Ihre generelle Berufung in den Vorbereitungsdienst stand selbstverständlich zu keiner Zeit in Frage. Die durch unseren Hinweis unbeabsichtigt verursachte Beunruhigung tut uns sehr leid. Für Ihre weiteren Examensvorbereitungen wünschen wir Ihnen viel Kraft und viel Weisheit durch den guten Geist Gottes.“ Diesen Wunsch mag man gerne zurückgeben, in der Hoffnung, dass Weisheit und vor allem der Geist Gottes einmal im LKA einziehen.
Die Praxis dieser Briefe erschreckt. Offenbart sich an diesem Vorgang doch, wie unsensibel der theologische Nachwuchs verwaltet wird. Exemplarisch zeigt sich hier, wie von Seiten des LKAs mit Menschen umgegangen wird und das sich verstecken hinter einem konstruierten Missverständnis zeigt wieder einmal: die Bereitschaft für Fehler Verantwortung zu übernehmen gehört nicht zur Politik des LKA; und vor allem zeigt sich überhaupt kein Verständnis für die Betroffenen und ihre Situation. Denn sie wissen anscheinend nicht was sie tun in Düsseldorf?!
Die undurchsichtige Personalpolitik der Landeskirche hat endgültig, nachdem wenig transparente Eignungsgespräche für die Aufnahme auf die Liste der Theologiestudierenden stattfinden, das unterste Ende der Nachwuchskette erreicht und durchdrungen. Der Sinn der Liste scheint generell ein verborgener zu sein.
Was müssen sich NachwuchstheologInnen in der EKiR denn noch alles gefallen lassen? Neoliberales Denken und Wirtschaften ist zur Prämisse erhoben worden. Sozial­darwinismus, ja das Prinzip des survival of the fittest, entscheidet über den Zugang zum Pfarramt. Was ist ein Studierender in den Augen der Landeskirche? Er ist kein hochqualifizierter junger „Nächster“, der am Anfang seines beruflichen Werdegangs steht, er hat alles zu schlucken was ihm verordnet wird, ist ein potentieller Haushaltsposten. Ebenso ein Vikar, er ist ein Bittsteller, ein Vikar ist ein Haushaltsposten der einzusparen ist. Was ist dann ein zweifach examinierter TheologIn? Besteht man das Auswahlverfahren nicht, ist man ein eingesparter Haushaltsposten. Landeskirchliche Logik?!
Wie es um die EKiR und ihr Kirche-Sein bestellt ist, sieht man an ihrem Umgang mit dem theologischen Nachwuchs und engagierten spezialisierten Kräften. Und wo bleibt eigentlich der Widerstand und die Solidarität von Seiten der Gemeinden und der PfarrerInnen? Ihr PfarrerInnen, ihr Gemeinden seit gefordert! Es wird Zeit, sich dem vermeintlichen Primat der Finanzen, unter dem jede Entscheidung in dieser Kirche als gerechtfertigt akzeptiert wird, zu entziehen, und dass das Evangelium und die Menschen wieder an der ersten Stelle stehen; es wird Zeit, dass diese Landeskirche sich wieder fragt, was es heißt Kirche zu sein. Es wird Zeit, dass in dieser Kirche, will sie Kirche Jesu Christi sein, der Geist des Kapitalismus und die in imperialistischer Manier stattfindende Machtkonzentration in Düsseldorf endlich ein Ende findet. Wo sind denn die Synodalen wenn man sie braucht? Wo der Mammon regiert ist nicht die Kirche Jesu Christi. Man fühlt sich mit Blick auf das LKA ja unweigerlich an das Rom der Reformationszeit erinnert. Dass der Antichrist dort residiert wissen wir – es scheint ihm wohl mittlerweile langweilig geworden zu sein. So ist es wohl nur eine Frage der Zeit bis pfiffige Betriebswirte unter dem Deckmantel der ‚Rettung der Kirchenfinanzen’ in der EKiR Ablass und Palliengelder etc. wiederbeleben …
Und wenn in Zukunft zu wenig Vikariats­plätze und zu wenig Stellen da sind, dann sind endlich die PfarrerInnen, PfarrerInnen i.R. und die Gemeinden gefordert, dass trotzdem alle ausgebildet werden können, dass trotzdem für alle ein Job da ist, denn noch brauchen Menschen engagierte PfarrerInnen, die ihnen zur Seite stehen. Dies scheint in Düsseldorf weniger im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Hier wird lediglich sortiert und reduziert. Die freie Pfarrwahl der Gemeinden, ein Ergebnis der reforma­torischen Entwicklungen des 16. Jahrhunderts, interessiert dort heute anscheinend niemanden mehr, denn offensichtlich ist, dass diese durch das zentrale Bewerbungsverfahren mehr als untergraben worden ist.
Wo bleiben jetzt die Modelle der Solidarität, an denen sich zeigt, dass die rheinische Kirche noch Kirche ist? Vielleicht braucht es dazu wieder freie, unabhängige Predigerseminare? Dann gibt es auch theologischen Nachwuchs, der nicht vorsortiert wurde, dann wird es weiterhin auch kritische PfarrerIn­nen geben. Vor allem braucht es Modelle, die Pfarrstellen schaffen – nicht welche die diese abbauen. Das wird an die eigene Substanz gehen, aber der Blick ins Neue Testament liefert keine Grundlage für eine Beamten- und eine Existenzsicherungskirche. Die Zeit des Evangeliums aber war schnell vorbei, es kamen Bürokratie und mit der Bürokratie die Juristen. Jetzt herrschen die Betriebswirte und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Was kommt als nächstes? Das durch gezielte Verunsicherung Existenzängste geschürt werden? Neben Predigt und Sakrament geht es doch vor allem um Seelsorge, Beratung und soziale Arbeit. Kirche in der Welt zu sein bedeutet in erster Linie dienen, also Eintreten für die Schwachen, und nicht herrschen. Dies verträgt sich nicht mit Machtstrukturen, Hierarchien und permanentem Finanzgedudel.
Die PfarrerInnen nun, die sagen, dass sie sich keine Solidarität mit dem Nachwuchs leisten können, sind Lügner; wenn sie sagen es gehe sie nichts an oder wenn sie die Probleme nicht erkennen wollen, dann sind sie Heuchler. Schon die Amtsinhaber, die nicht einmal auf die Idee kommen an dieser Stelle die Stimme zu erheben, und Worten auch Taten folgen zu lassen, sind PfarrerIn und TheologIn nur dem Namen nach, sie dienen nur sich selbst – und vielleicht noch ihren Allernächsten. ☐

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