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Tumult im Oberhaus

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Hartmut Ludwig

Tumult im Oberhaus

Am 3. Oktober vor 50 Jahren starb Lordbischof George Bell von Chichester (1883-1958). Er war ein bedeutender Ökumeniker, ein Fürsprecher der Bekennenden Kirche, ein Helfer der Flüchtlinge, ein mutiger Kritiker der Verletzung der Menschenrechte und Kämpfer für ein versöhntes Europa.

„Niemals dürfen wir die Welt sich selbst überlassen … Die Parole der irdischen Herrscher heißt Macht und Ehre. Aber die Weisung, die den Nachfolgern des Herrn Jesus Christus gegeben ist, lautet: Haltet euch … zu den Niedrigen!“

Der Erzbischof von Canterbury, Randall Davidson, versuchte die Sorge der Mutter des Studenten George Bell, ihr Sohn könne ein Revolutionär werden, zu zerstreuen: Die Theologie der Nachfolge werde an Radikalität verlieren, wenn er in der Gemeinde einer Großstadt arbeite. Doch genau das passierte nicht. Als er als Sozialpfarrer der Arbeitergemeinde in Leeds sah, dass die Laienprediger der Methodisten unter den Arbeitern so viele Anhänger hatten, schrieb er dem Erzbischof: „Wir Anglikaner können von den Freikirchen lernen, was es heißt, Menschen aller Rassen, aller Völker und aller Stände zu lehren und von jedem einzelnen eine … Entscheidung zur persönlichen Nachfolge Jesu“ zu fordern.

Von 1910-1914 war Bell Studentenpfarrer und Tutor am Christ Church College in Oxford. Wegen der „gefährlichen Lehre“, von den Freikirchen lernen zu wollen, verweigerte man ihm die Habilitation. So wurde er Privatsekretär des Erzbischofs und übernahm das Referat für interkonfessionelle Beziehungen. Den Plan des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom, einen „Weltrat der Kirchen“ zu gründen, unterstützte er. Da der Begriff „Kirche“ bei den Anglikanern zum kanonischen Recht gehörte, fanden beide dafür die Bezeichnung „Ökumenischer Rat für Praktisches Christentum“ (ÖRPC). Der Rat wurde auf der Weltkonferenz in Stockholm 1925 konstituiert. Zu den vordinglichsten Aufgaben gehörte für Bell die Friedensfrage. Im September 1929 legte er der Tagung des ÖRPC in Eisenach eine Resolution vor, den Krieg als Mittel zur Konfliktlösung zu verurteilen. Er nahm damit den Briand-Kellog-Pakt zur Ächtung des Krieges auf, den die Außenminister der USA und Frankreichs 1928 initiiert hatten. Doch deutsche Lutheraner lehnten Bells Entwurf in Eisenach ab.
Trotz heftiger Kritik hochkirchlicher Anglikaner setzte der Erzbischof 1929 den „politisierenden Pragmatiker“ Bell als Bischof von Chichester ein. Als Präsident des ÖRPC von 1932 bis 1934 wurde er einer der Verteidiger und Förderer der deutschen Bekennenden Kirche in der Ökumene. Dietrich Bonhoeffer, von 1933 bis 1935 Pfarrer der deutschen Gemeinde in London, informierte ihn über die Verfolgung der Kirche, die Bell dann in Leserbriefen an die Londoner Times publik machte. Die Barmer Theologische Erklärung verstand er auch als Warnung vor anglikanischer Staatshörigkeit. Im August 1934 setzte er bei der Tagung des ÖRPC im dänischen Fanö eine Solidaritätserklärung für die Bekennende Kirche durch – gegen den Protest der Vertreter der Reichskirche. Gegen die Judenverfolgung trat Bell öffentlich auf und übernahm 1936 den Vorsitz des „Interna­tionalen Christlichen Komitees für deutsche Flüchtlinge“, das sich für Christen jüdischer Herkunft einsetzte. Nach dem Novemberpogrom 1938 bürgte er für eine große Zahl Christen jüdischer Herkunft, damit sie nach England emigrieren konnten.
Im Juni 1942 traf Bell im neutralen Schweden Dietrich Bonhoeffer. Der informierte Bell über den Widerstand zum Sturz Hitlers. Bell teilte das dem britischen Außenminister Eden mit und bat ihn zu erklären: Es sei nicht beabsichtigt, „ein Deutschland zu versklaven, das Hitler, Himmler und ihre Mitschuldigen beseitigen will.“ Damit setzte er sich für die Unterscheidung zwischen Nazis und Deutschen ein. Doch er bekam nur eine schroffe Abfuhr.
Mehrfach kritisierte Bell im Oberhaus die Bombardierung deutscher Städte. Am 9. Februar 1944 sagte er: „Das ist, rundheraus gesagt, Vernichtungspolitik … Die Alliierten kämpfen für etwas Größeres als Macht. Das Wort, das zu oberst auf unserem Banner steht, ist ‚Recht‘.“ Die Rede führte zu Tumulten im Oberhaus, zu Ablehnung im Unterhaus und zu heftiger Kritik in der Kirche. Als der Erzbischof von Canterbury, William Temple, acht Monate später starb, verhinderte Premier Churchill, dass Bell zum Primas der Kirche von England gewählt wurde.
Im Oktober 1945 trafen sich der neu gewählte Rat der EKD und eine Delegation der Ökumene in Stuttgart. Es entstand die „Stuttgarter Erklärung“. Bell gehörte zu dieser Delegation und reiste anschließend durch deutsche Städte. Am 28. Oktober fand in der Marienkirche in Berlin ein ökumenischer Gottesdienst statt. Bell sagte: „Ich reiche Euch die Hand der Bruderschaft … Wir brauchen Gerechtigkeit und Liebe. Und da es allen daran gefehlt hat, müssen alle Buße tun … Dann wird allen die Versöhnung zu Füßen des Kreuzes geschenkt werden.“ Weil es eine von der christlichen Minderheit getragene Widerstandsbewegung gab, plädierte Bell dafür, dass das deutsche Volk ein „Recht auf Freiheit und politische Selbstbestimmung“ erhalte. Wo immer Menschen aus ideologischen Gründen erneut verfolgt wurden, sei es 1953 in der DDR oder 1956 in Ungarn, schwieg Bell nicht. Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen wählte Bischof Bell 1948 zum Vorsitzenden des Zentralausschusses und 1954 zum Ehrenpräsidenten. Im Oberhaus in London wird zum Gedenken an Bischof Bell am 2. Oktober 2008 eine Ausstellung eröffnet. Auch wir sollten uns an den Freund unseres Volkes wieder mehr erinnern. ☐

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