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Denn sie wissen nicht was sie tun

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Patrik Mähling

Denn sie wissen nicht was sie tun

Vom landeskirchlichen Umgang mit der „Ware" Nachwuchs

Anfang Oktober 2008 erhielten die ExamenskandidatenInnen auszugsweise angefügten Brief aus dem LKA (s. Kasten)

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Aus dem Brief vom 2.10.2008
für die Aufnahme in den kirchlichen Vorbereitungsdienst zum 1. April 2009 haben sich wesentlich mehr Kandidatinnen und Kandidaten [...] beworben als Plätze im Seminar [...]zur Verfügung stehen.
Da ab 2009 auch Anträge für den Vorbereitungsdienst aus denjenigen Landeskirchen möglich sind, bei denen sich Studierende aus der Evangelischen Kirche im Rheinland bewerben dürfen, wird sich die Anzahl der Anträge noch erhöhen. Wegen der hohen Anzahl an Anträgen, müssen wir entscheiden, welche Kandidatin/welcher Kandidat nach bestandener [...]Prüfung zum 1. April 2009 oder zu einem späteren Zeitpunkt in den kirchlichen Vorbereitungsdienst berufen wird. Derzeit werden die Modalitäten beraten. Über unsere Entscheidung werden wir Sie zu gegebener Zeit unterrichten.

 

Mitten im Examen, während der Abfassungszeit der Hausarbeiten kommt dieser Brief, erzeugt Unsicherheit und stellt irgendwelche „Modalitäten“ in Aussicht.
Personalplanung und Personalpolitik sind eine Sache, aber Menschen inmitten der angespannten Zeit ihres Examens derart zu verunsichern ist ein hartes Stück. In dieser Zeit einen solchen Brief zu versenden, der zu Recht Existenzängste auslöst, ist grob fahrlässig, ist ein Akt seelischer Grausamkeit, zumal die Übernahme ins Vikariat nach bestandenem Examen bislang noch als „sicher“ galt.
Nun liegt mittlerweile ein weiterer Brief des LKA vor, in welchem den KandidatInnen mitgeteilt wird, dass sie selbstverständlich in den Vorbereitungsdienst übernommen werden. In diesem Brief heißt es „Mit Bedauern haben wir zur Kenntnis genommen, dass unser Schreiben vom 02.10.08 bezüglich der Einweisung zum 01.04.09 sehr missverständlich aufgefasst werden konnte. Dies lag ganz und gar nicht in unserer Absicht.“ Aber was war denn die Absicht des ersten Schreibens, an dem man so ganz und gar nichts missverständliches finden kann? Weiter heißt es zur Erläuterung: „Die entsprechende Passage […] bezog sich auf die unerwartet hohe Anzahl der Meldungen […], unter anderem mitverursacht durch mehrere Anfragen nach einem Gastvikariat im Rheinland. Ihre generelle Berufung in den Vorbereitungsdienst stand selbstverständlich zu keiner Zeit in Frage. Die durch unseren Hinweis unbeabsichtigt verursachte Beunruhigung tut uns sehr leid. Für Ihre weiteren Examensvorbereitungen wünschen wir Ihnen viel Kraft und viel Weisheit durch den guten Geist Gottes.“ Diesen Wunsch mag man gerne zurückgeben, in der Hoffnung, dass Weisheit und vor allem der Geist Gottes einmal im LKA einziehen.
Die Praxis dieser Briefe erschreckt. Offenbart sich an diesem Vorgang doch, wie unsensibel der theologische Nachwuchs verwaltet wird. Exemplarisch zeigt sich hier, wie von Seiten des LKAs mit Menschen umgegangen wird und das sich verstecken hinter einem konstruierten Missverständnis zeigt wieder einmal: die Bereitschaft für Fehler Verantwortung zu übernehmen gehört nicht zur Politik des LKA; und vor allem zeigt sich überhaupt kein Verständnis für die Betroffenen und ihre Situation. Denn sie wissen anscheinend nicht was sie tun in Düsseldorf?!
Die undurchsichtige Personalpolitik der Landeskirche hat endgültig, nachdem wenig transparente Eignungsgespräche für die Aufnahme auf die Liste der Theologiestudierenden stattfinden, das unterste Ende der Nachwuchskette erreicht und durchdrungen. Der Sinn der Liste scheint generell ein verborgener zu sein.
Was müssen sich NachwuchstheologInnen in der EKiR denn noch alles gefallen lassen? Neoliberales Denken und Wirtschaften ist zur Prämisse erhoben worden. Sozial­darwinismus, ja das Prinzip des survival of the fittest, entscheidet über den Zugang zum Pfarramt. Was ist ein Studierender in den Augen der Landeskirche? Er ist kein hochqualifizierter junger „Nächster“, der am Anfang seines beruflichen Werdegangs steht, er hat alles zu schlucken was ihm verordnet wird, ist ein potentieller Haushaltsposten. Ebenso ein Vikar, er ist ein Bittsteller, ein Vikar ist ein Haushaltsposten der einzusparen ist. Was ist dann ein zweifach examinierter TheologIn? Besteht man das Auswahlverfahren nicht, ist man ein eingesparter Haushaltsposten. Landeskirchliche Logik?!
Wie es um die EKiR und ihr Kirche-Sein bestellt ist, sieht man an ihrem Umgang mit dem theologischen Nachwuchs und engagierten spezialisierten Kräften. Und wo bleibt eigentlich der Widerstand und die Solidarität von Seiten der Gemeinden und der PfarrerInnen? Ihr PfarrerInnen, ihr Gemeinden seit gefordert! Es wird Zeit, sich dem vermeintlichen Primat der Finanzen, unter dem jede Entscheidung in dieser Kirche als gerechtfertigt akzeptiert wird, zu entziehen, und dass das Evangelium und die Menschen wieder an der ersten Stelle stehen; es wird Zeit, dass diese Landeskirche sich wieder fragt, was es heißt Kirche zu sein. Es wird Zeit, dass in dieser Kirche, will sie Kirche Jesu Christi sein, der Geist des Kapitalismus und die in imperialistischer Manier stattfindende Machtkonzentration in Düsseldorf endlich ein Ende findet. Wo sind denn die Synodalen wenn man sie braucht? Wo der Mammon regiert ist nicht die Kirche Jesu Christi. Man fühlt sich mit Blick auf das LKA ja unweigerlich an das Rom der Reformationszeit erinnert. Dass der Antichrist dort residiert wissen wir – es scheint ihm wohl mittlerweile langweilig geworden zu sein. So ist es wohl nur eine Frage der Zeit bis pfiffige Betriebswirte unter dem Deckmantel der ‚Rettung der Kirchenfinanzen’ in der EKiR Ablass und Palliengelder etc. wiederbeleben …
Und wenn in Zukunft zu wenig Vikariats­plätze und zu wenig Stellen da sind, dann sind endlich die PfarrerInnen, PfarrerInnen i.R. und die Gemeinden gefordert, dass trotzdem alle ausgebildet werden können, dass trotzdem für alle ein Job da ist, denn noch brauchen Menschen engagierte PfarrerInnen, die ihnen zur Seite stehen. Dies scheint in Düsseldorf weniger im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Hier wird lediglich sortiert und reduziert. Die freie Pfarrwahl der Gemeinden, ein Ergebnis der reforma­torischen Entwicklungen des 16. Jahrhunderts, interessiert dort heute anscheinend niemanden mehr, denn offensichtlich ist, dass diese durch das zentrale Bewerbungsverfahren mehr als untergraben worden ist.
Wo bleiben jetzt die Modelle der Solidarität, an denen sich zeigt, dass die rheinische Kirche noch Kirche ist? Vielleicht braucht es dazu wieder freie, unabhängige Predigerseminare? Dann gibt es auch theologischen Nachwuchs, der nicht vorsortiert wurde, dann wird es weiterhin auch kritische PfarrerIn­nen geben. Vor allem braucht es Modelle, die Pfarrstellen schaffen – nicht welche die diese abbauen. Das wird an die eigene Substanz gehen, aber der Blick ins Neue Testament liefert keine Grundlage für eine Beamten- und eine Existenzsicherungskirche. Die Zeit des Evangeliums aber war schnell vorbei, es kamen Bürokratie und mit der Bürokratie die Juristen. Jetzt herrschen die Betriebswirte und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Was kommt als nächstes? Das durch gezielte Verunsicherung Existenzängste geschürt werden? Neben Predigt und Sakrament geht es doch vor allem um Seelsorge, Beratung und soziale Arbeit. Kirche in der Welt zu sein bedeutet in erster Linie dienen, also Eintreten für die Schwachen, und nicht herrschen. Dies verträgt sich nicht mit Machtstrukturen, Hierarchien und permanentem Finanzgedudel.
Die PfarrerInnen nun, die sagen, dass sie sich keine Solidarität mit dem Nachwuchs leisten können, sind Lügner; wenn sie sagen es gehe sie nichts an oder wenn sie die Probleme nicht erkennen wollen, dann sind sie Heuchler. Schon die Amtsinhaber, die nicht einmal auf die Idee kommen an dieser Stelle die Stimme zu erheben, und Worten auch Taten folgen zu lassen, sind PfarrerIn und TheologIn nur dem Namen nach, sie dienen nur sich selbst – und vielleicht noch ihren Allernächsten. ☐

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