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Lob des Unternehmertums

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Hans-Peter Lauer

Lob des Unternehmertums

Ein „Fürstenspiegel" für die Wirtschaftseliten

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es die literarische Gattung des „Fürstenspiegels". Einem König oder Fürsten wurden die Pflichten und Tugenden vorgehalten, die zu einem richtigen Regieren gehören. Gewissermaßen in dieser Tradition hat die EKD in diesem Jahr eine Denkschrift veröffentlicht.

Aber wie der Titel „Unternehmerisches Handeln in evangelischen Perspektive" verrät, richtet sie sich nicht vorrangig an staatliche, sondern wirtschaftliche Oberhäupter. Zudem soll sie „auch Pfarrer und aktive Gemeindeglieder dazu ermutigen, Unternehmern und unternehmerischem Handeln Wertschätzung zukommen zu lassen und eine verantwortliche unternehmerische Mentalität zu fördern" (S. 21). Das ist auch dringend nötig. da „das Verhältnis von Protestantismus und Unternehmertum in Deutschland von Spannungen durchzogen" (S. 7) ist. Sie beruhen jedoch häufig auf „Missverständnissen", wie der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber in seinem am 17. Juni (!) unterzeichneten Vorwort betont.

Die Freiheit des christlichen Glaubens kann der unternehmerischen Freiheit nicht nur ein „ureigenes evangelisches Profil" (S. 47) verleihen. Es geschieht sogar eine göttliche „Berufung zum unternehmerischen Handeln" (ebd.). Erbfolge allein reicht also nicht aus. Aber auch die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht dazu ausersehen, an die Spitze eines Unternehmens zu treten. Nur wenige sind geeignet. Denn „schon die Bibel zeigt: Nur eine Minderheit der Menschen ist bereit, ein Risiko einzugehen, um Güter und Talente zu vermehren. Weitaus die meisten Menschen blieben und bleiben von der Initiativkraft anderer abhängig und darauf angewiesen, Arbeitsplätze in Unternehmen zu finden." (S. 120). Diese Minderheit, die für den Wohlstand der Mehrheit notwendig ist, soll aber nicht überheblich werden, sondern „Dankbarkeit für das erfahrene Gute" erweisen und „Demut aufbringen" (S. 35).

Folgt man diesem theologischen Ansatz, dann ist auch die „ungleichgewichtige Beziehung zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern" (S. 58) gottgegeben, auch wenn dies die Verfasser nicht ausdrücklich sagen. Aus der Entscheidungsmacht des Unternehmers erwächst seine besondere Verantwortung für die ihm „anvertraute(n) Menschen" (S. 60). „Unternehmerische Führung gibt Ziele vor, muss Vertrauen schaffen und Wertmaßstäbe setzen." (S. 58) Es fällt auf, dass eine wirkliche Demokratisierung der Wirtschaft nicht erwogen wird. Zwar kommt die Mitbestimmung in einem eigenen Kapitel vor, aber sie dient vor allem dazu, „das notwendige Vertrauenskapital zu schaffen ... Und Vertrauen ist in unserer komplexen, arbeitsteiligen Wirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes Geld wert." (S. 66) Von Partizipationsrechten, die auch unabhängig von ihrem monetären Wert Gültigkeit haben, ist in diesem Zusammenhang keine Rede.

Überhaupt ist der Mangel an Vertrauen groß, wie die „Vertrauenskrise gegenüber dem Unternehmertum" (S. 30) in der Bevölkerung zeigt. Entsteht dieses Misstrauen bloß durch eine Berichterstattung, die „von wiederkehrenden Vorurteilen entstellt" (S. 29) ist? Am Ende lüftet die Denkschrift den Schleier und wirft einen kurzen Blick ins Innerste der kapitalistischen Maschine, in das Allerheiligste: „Die moderne Wirtschaftswelt bleibt in ihrem Kern angetrieben durch das Eigeninteresse und die Selbstverwertung des Kapitals." (S. 118) Da reibt sich der vertrauensselige Leser die Augen. Plötzlich erscheinen sogar die hoch gelobten Unternehmer eher als von „herrenlosen Gewalten" (Karl Barth) Getriebene denn als von Gott Berufene. Aller gutgemeinten Ethik zum Trotz herrscht da ein „automatisches Subjekt" (Karl Marx), eben die Selbstverwertung des Werts, wie ein Abgott oder Souverän über Wirtschaft und Gesellschaft, auch über einem evangelischem Unternehmertum. Diese düstere Sicht des Kapitalismus, wo alles einer absurden und zerstörerischen Geldvermehrung unterworfen ist, trübt etwas das optimistische Pathos der Denkschrift. Denn solange der Wettbewerb funktioniert und die Unternehmen langfristige Gewinnziele verfolgen, leben wir in einer Welt, die immer reicher wird. Fragt sich nur: für wen?

 


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