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Der Rat(svorsitzende) der EKD, Bischof Wolfgang Huber, im Südlichen Afrika

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Klaus Matthes

Der Ratsvorsitzende der EKD Bischof Wolfgang Huber im Südlichen Afrika

Der Rat der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) hat im September 2008 die deutschsprachigen und -stämmigen evangelischen Kirchen in Namibia und Südafrika besucht. Der Delegation gehörten u.a. Präses Schneider, Bischöfin Käßmann und Auslandsbischof Schindehütte an. Wer sich über die Reise auf der EKD-Seite im Internet informieren wollte, bekam den Eindruck, als sei Bischof Huber alleine unterwegs gewesen. In Bild und Wort kam nur er vor.

Zum Abschluss der Reise veröffentlichte die EKD ein Interview mit dem Ratsvorsitzenden. Diese Berichterstattung der EKD ist ein sprechendes Beispiel für die hierarchische Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Deutsche Ökumene weltweit

Was macht der Rat der EKD im Südlichen Afrika? Er besuchte die weißen evangelisch-lutherischen Kirchen in Namibia und Südafrika, mit denen die EKD vertragliche Beziehungen unterhält. Dorthin werden Pfarrer und Pfarrerinnen entsandt und finanzielle Zuschüsse fließen ebenfalls. Die drei kleinen Kirchen gehören zu dem Netz deutscher Auslandskirchen und -gemeinden, das sich über die ganze Welt erstreckt. Deutsche Volkskirche und deutscher Protestantismus – seine theologischen und kirchlichen Erfahrungen – sollen nicht nur im Heimatland der Reformation, sondern an möglichst vielen Orten in der Welt präsent sein. Auf diese Art und Weise pflegt die EKD eine deutsche Sonderökumene, die sich zunehmend als Konkurrenz zur Genfer Ökumene, dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) zeigt. Wie die Kirche in Deutschland vor 100 Jahren den herrschenden Politikern und Militärs gefolgt ist und mit Hilfe von Kaiser Wilhelm II. Christus- und Erlöserkirchen in Daressalam, Windhoek und Jerusalem errichtet hat, so folgt sie heute der deutschen Wirtschaft und gründet für deren Angestellte evangelische Gemeinden in Peking und Dubai.

Multikulturalität und Mehrsprachigkeit als Normalfall im Südlichen Afrika?

Nach der unrühmlichen Rolle, die die drei weißen Kirchen während der Apartheid gespielt haben, verdient ein Besuch des Rates der EKD bei diesen Kirchen besondere Beobachtung. Denn in den 80er Jahren waren sie häufig Thema auf EKD-Synoden und 1984 wollte die Synode die Verträge mit ihnen eigentlich auflösen. Kirchenamt und Rat der EKD haben es aber geschafft, dass aus diesen fragwürdigen wieder normale Beziehungen wurden. Nach einem Besuch einer Ratsdelegation im Jahr 2000 wurden aus einer „Übergangsregelung“ unbefristete Verträge, die diesen ehemaligen Apartheidkirchen weiterhin Pfarrer und Gelder garantieren. Was kam bei der jüngsten Reise heraus?
Im Bericht des Rates auf der EKD-Synode im November 2008 heißt es lapidar: „… so sind fünfzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid in Südafrika und achtzehn Jahre nach der Unabhängigkeit Namibias in vielen Gemeinden Mehrsprachigkeit und Multikulturalität zur Normalität geworden“. Das bleibt auf der Synode unwidersprochen und kann deshalb Geltung beanspruchen. Außerhalb und vor der Synode gibt es Widerspruch – von MAKSA, dem Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika –, aber ohne Beachtung. Aber Widerspruch an der Stelle tut Not, denn es kann doch nicht nur das gelten, was man sehen will oder was einem verkauft wurde.
Mehrsprachigkeit und Multikulturalität in der deutschen Kirche in Namibia? Pastor Rudolf Schmid, Pfarrer der deutschen Gemeinde in Windhoek, sieht das offensichtlich anders, wenn er im Kirchenblatt seiner Kirche im Juni 2008 in einem Interview sagt: „Hier (sc. Namibia) dagegen ist die Gemeinde homogener, alle sprechen Deutsch, es gibt kaum Gemeindeglieder aus anderen Kulturen“. Da wird sich in den drei Monaten vor dem Besuch der EKD-Delegation wenig geändert haben.

Die Deutschen in Namibia – integrationsresistent?

Es ist schon erstaunlich, dass die EKD sich verantwortlich weiß für evangelische Menschen, in deren Kirche die deutsche Sprache bewusst in einer anderssprachigen Umgebung gepflegt wird. Die EKD auf ihrer Internetseite am 12.9.2008:
Für die Deutschsprachigen in Namibia ist ihre Kirche ein kultureller Rückzugsraum. „Für viele ist das eine der seltenen Gelegenheiten, sich auf Deutsch zu unterhalten“, sagt Pfarrerin Katharina Lotz. „… Ich habe erst hier begriffen, wie schnell eine Sprache aussterben kann“. Oft reiche es schon, dass die jüngste Generation nicht mehr auf eine deutschsprachige Schule gehe. „Das klingt erstmal so toll: Die Kinder lernen schon früh Englisch, aber mit der deutschen Sprache verschwindet hier auch eine ganze Kultur.“
In der Integrationsdebatte in der Bundesrepublik Deutschland setzt die EKD andere Maßstäbe und gehört zu denen, die von MigrantInnen erwarten, dass sie die deutsche Sprache beherrschen. Dass türkische Imame im Freitagsgebet ihre Ansprachen in Deutsch halten sollen, klingt dann wenig überzeugend, wenn Deutschen durch die Auslandarbeit der EKD nahezu weltweit ermöglicht wird, ihren Glauben in der Muttersprache zu praktizieren. Existieren doppelte Standards bei der EKD?

Empirische Untersuchungen fehlen

Aber in Südafrika? Da ist es doch anders? Ein wenig schon. So erzählt Bischof Zephanja Kameeta in einem Gespräch im September 2008 von einem Besuch der Synode der ELCSA-NT (Evangelisch-lutherische Kirche Südafrikas–Natal/Transvaal), dass auf ihr auch Englisch gesprochen wurde. Das sei auf einer Synode der deutschen Kirche in Namibia undenkbar. Und ein Pfarrer dieser Kirche erklärt, dass es in seiner Kirche nur noch zwei Gemeinden gäbe, in denen Deutsch gesprochen werde. Ein anderer Pfarrer zählt auf Nachfrage mindestens fünf bis sechs deutschsprachige Gemeinden auf. „Immer mehr Gemeinden verstehen sich als multikulturell“, sagt Bischof Huber nach der Reise. Der Pfarrer in Johannesburg merkt dazu an: „Wenn in einer Gemeinde zwei Schwarze sind, ist das dann gemischt? Als gemischt –, so verkaufen wir uns“.
Fazit: Nach einem Besuch von drei oder vier Tagen kann der Ratsvorsitzende die Situation in den Kirchen im Südlichen Afrika ohne vorausgegangene empirische Untersuchungen nicht sachgemäß beurteilen. Und empirische Untersuchungen gibt es zurzeit nicht. Der Lutherische Weltbund, der einst diese Kirchen wegen ihrer Haltung während der Apartheid suspendierte, sie nach dem Ende der Apartheid wieder als Mitglieder aufnahm, wäre die richtige Instanz, gründliche empirische Untersuchungen in diesen Kirchen durchzuführen, damit die wirklichen Verhältnisse und nicht nur persönliche Eindrücke über diese Kirchen formuliert werden.

Ratschläge

Ein weiteres Ergebnis der Reise des Rates der EKD sind Ratschläge, die der Ratsvorsitzende den Kirchen im Südlichen Afrika – nicht nur den besuchten weißen Kirchen – erteilt. Sie müssten eine neue Rolle finden, „die an ihre große Bedeutung im Kampf gegen die Apartheid anschließen könnte“ und sie haben „sich stärker als Alternative zu den rasant wachsenden unabhängigen Kirchen und Pfingstkirchen zu profilieren“. Die schwarzen Kirchen wurden von der Delegation nur am Rande besucht bzw. Vertreter von ihnen wurden am Rande getroffen. Diesen Kirchen, die sich im Kampf gegen die Apartheid als „bekennende“ Kirchen verstehen gelernt und bewährt haben, Richtungsvorgaben zu machen, zeigt wohl das Selbstbewusstsein des deutschen Bischofs, aber wenig geschwisterliche Sensibilität. Transparent hat darüber mit Bischof Zephanja Kameeta am 3. Oktober 2008 in Windhoek gesprochen (s. S. 30 in dieser Ausgabe). Das muss nicht weiter kommentiert werden.

Auseinandersetzung findet in der „Kirche der Freiheit“ nicht statt

„Für die Evangelische Kirche in Deutschland gibt es derzeit oder in naher Zukunft jedenfalls keinen erkennbaren Grund, an den Verträgen mit den Partnerkirchen etwas zu ändern“, lautet ein weiteres Fazit von Bischof Huber nach dem Besuch im Südlichen Afrika. Und wenn der Ratsvorsitzende im selben Interview zum Ausdruck bringt, dass er „an eine baldige Vereinigung der lutherischen Kirchen in Südafrika“ nicht glaube, so entzieht er diesen Verträgen eigentlich die Grundlage, die die Synode der EKD seit 1984 (Travemünde) im Zusammenwachsen der schwarzen und weißen Kirchen im Südlichen Afrika gesehen hat. Beide Äußerungen nehmen Bezug auf ein Memorandum des Mainzer Arbeitskreises Südliches Afrika (MAKSA), das unmittelbar vor der Reise in der Zeitschrift „afrika süd“, Nr.4/2008 veröffentlicht wurde (EKD unterwegs ins Südliche Afrika. Auseinandersetzung mit der Kirchenpolitik der EKD im Südlichen Afrika) und durch die zuständige Oberkirchenrätin im Kirchenamt den Mitgliedern der Ratsdelegation zur Kenntnis gegeben worden ist. Bischof Huber nimmt also Bezug auf dieses Memorandum, ohne dies ausdrücklich zu erwähnen oder gar sich mit ihm auseinanderzusetzen. Denn er geht nicht auf die im Memorandum genannten Gründe für eine Kündigung der Verträge ein. Wer die Hoheit in der Presse- und Medienlandschaft hat, braucht sich keiner Auseinandersetzung zu stellen. Anders ist ein Telefonat mit Oberkirchenrätin Dr. Ruth Gütter nicht zu interpretieren. Die Bitte um den offiziellen Bericht der Ratsreise wird negativ beschieden. Der Hinweis, der Rat der EKD bzw. das Kirchenamt könne doch auf dieses Memorandum eingehen, wird abgewiesen mit der Bemerkung, dass wir das bisher nicht getan haben und es auch nicht tun werden. Eine Auseinandersetzung findet nicht statt. ☐

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