TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Glückliches Rheinland …

Bewertung: 1 / 5

Stern aktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Klaus Matthes

Glückliches Rheinland …

dir ist großer Schwachsinn erspart geblieben!

Manchmal hat es etwas Gutes, wenn die kirchliche Presselandschaft sich lichtet. Den WEG gibt es nicht mehr im Rheinland. Das mag man zuweilen bedauern, aber es kann einem auch manchen Schwachsinn ersparen. So mussten Christenmenschen in Westfalen und Lippe, die UNSERE KIRCHE (noch) abonniert haben, im September 2008 Ungeheuerliches zur Kenntnis nehmen. Eine ganze Seite Schwachsinn – vorsätzlich oder zumindest grob fahrlässig.

Es geht um einen Reisebericht aus Afrika. Der Autor malt ein heimeliges Bild der kleinen deutschsprachigen lutherischen Kirche in Namibia: 5.200 Gemeindeglieder mit einem Bischof, Gemeinden so weitläufig wie Schleswig-Holstein und Niedersachsen zusammen. Eine kleine Kirche, in der Pfarrer auf Jugendfreizeiten und im Konfirmandenunterricht großen Wert auf die deutsche Sprache legen. „Für die Deutschsprachigen in Namibia ist ihre Kirche ein kultureller Rückzugsraum“, heißt es im Bericht. Solche Sätze lassen den Lesenden bereits fragen, was dieser Bericht in einer Kirchenzeitung soll. „Kirche als Rückzugsraum“ – ist das die inspirierende Botschaft für eine Kirche im 21. Jahrhundert, die mit Reformen beschäftigt ist? Allein dafür müsste der Redakteur, der diese Seite zu verantworten hat, zur Besinnung gerufen werden und sich fragen lassen, mit welchem ökumenischen und historischen Bewusstsein man/frau ausgestattet sein muss, um so etwas ungestraft zu schreiben.

Aber die größere Unverschämtheit kommt noch – in den Fotos, die diese Seite illustrieren und die ihre eigene Sprache sprechen. Ein großes Bild zeigt eine tolle namibische Landschaft. Eine Sandstraße führt auf ein großartiges Bergmassiv zu, das in der Abendsonne leuchtet. Afrikanische Romantik pur. Die Lesenden erfahren nicht, was das Foto abbildet. Sie erfahren aber beim zweiten Bild auf der Seite, dass die Glasfenster der Kirche – es handelt sich um die Christuskirche in Windhoek – einst von Kaiser Wilhelm II. gestiftet wurden. Welch ein Nachrichtenwert für Christenmenschen im Jahre 2008! („Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder ha'm!“)
Sie erfahren nicht, dass diese Kirche „ein Wahrzeichen von der Würde des siegreichen deutschen Reiches werden sollte“, wie ein am Bau beteiligter Pfarrer es 1907 formulierte. Hinter dem siegreichen deutschen Reich steht der erste Völkermord im 20. Jahrhundert, der ca. 70.000 afrikanischen Menschen das Leben kostete. Konsequenterweise gibt es bis heute eine große Tafel in der Kirche für die „gefallenen“ Deutschen. 2.000 Namen füllen eine ganze Wand in der Kirche. An die ermordeten afrikanischen Menschen wird in keiner Weise erinnert. Stattdessen gibt es eine neue Tafel, durch die an den Absturz eines Düsenjägers der Bundesluftwaffe über Namibia im Jahre 1997 erinnert wird. Die Toten waren keine Mitglieder der Gemeinde in Windhoek. Es waren deutsche Soldaten. Das reicht immer noch für eine Gedenktafel in dieser Kirche. Das alles verschleiert der Redakteur bewusst (?) mit dem Hinweis auf die vom Kaiser gestifteten Glasfenster. Für diese Verschleierung wäre eine journalistische Ohrfeige nach k.u.k-Manier die angemessene Reaktion.
Schlimmer geht immer – und es kommt: Das romantische Landschaftsbild trägt keine Unterschrift. Kenner des Landes entdecken sehr schnell: Es zeigt den Waterberg. Und am Fuße des Waterbergs begann 1904 der Genozid an afrikanischen Menschen. Und den Unsere-Kirche-lesenden Christenmenschen wird das alles verschwiegen. Sie dürfen ein schönes Foto aus Afrika betrachten. Die Erinnerung an die Ereignisse der Jahre 1904-1908 darf das gezeichnete Bild der kleinen feinen deutschen Kirche in Namibia nicht stören.
Unwissenheit oder Dummheit des Redakteurs? Oder hat er eine vorgefertigte Seite einfach übernommen? Was auch immer der Grund für diesen Schwachsinn sein mag, eine Entschuldigung bei den Lesern für dieses Verschleiern wäre unabdingbar gewesen. Und eine von der Chefredaktion angeordnete Fortbildung zum Thema „Bilder haben ihre eigene Sprache“ hätte der verantwortliche Redakteur besuchen müssen. Nichts von alledem ist geschehen – bis auf den Abdruck von drei Leserbriefen. Bei jedem wurde aber eine Spitze weggekürzt.
Diese Seite Schwachsinn ist nachweislich auch im Kirchenblatt der Kirche von Hessen-Nassau (Evangelische Sonntagszeitung) erschienen. Vermutlich ist sie auch in anderen Kirchenblättern innerhalb der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland) nachgedruckt worden.
Felix Rhenania, dir ist dieser Schwachsinn erspart geblieben! ☐

Empfehlung

Benutzer-Anmeldung