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Europa mitgestalten

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Helmut Aston

„Europa mitgestalten“

Ein einmaliges Projekt im Rheinland und sein (langsames) Ende

Die Euregio-Pfarrstelle im Dreiländereck Belgien-Deutschland-Niederlande war die einzige grenzübergreifende, mit einem hauptamtlichen Pfarrer besetzte Pfarrstelle in der gesamten EKD. Gleichzeitig mit der Öffnung des EU-Binnenmarktes im Jahr 1992 hatte die Kirchenleitung der EKiR – auch unter dem Eindruck eines Besuches bei Institutionen der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel – aus dem Pfarrstellenpool den Kirchenkreisen Aachen, Jülich, Gladbach-Neuss und Krefeld-Viersen eine Stelle zugewiesen, die unter Federführung und mit Dienstaufsicht des Kirchenkreises Aachen mit Helmut Aston besetzt wurde (vorher Studierendenpfarrer der ESG Aachen).

Die Classis (Kirchenkreis) Limburg der Vereinigten Protestantischen Kirche in den Niederlanden und der Distrikt Lüttich der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien beteiligten sich an dem Projekt, zunächst ohne finanziellen Beitrag. Kommunale und kulturelle Institutionen, Wirtschafts- und Touristikverbände u.a. hatten vor Jahren, sogar Jahrzehnten, grenzübergreifende Netzwerke aufgebaut, die in den Euregios (Maas-Rhein und Rhein-Maas-Nord) gemeinsame In­teressen und Vorhaben erfolgreich bündeln. Lediglich im kirchlichen Bereich gab es bis auf gelegentliche punktuelle Aktionen nichts Vergleichbares. Hier musste grundlegend Aufbauarbeit geleistet werden, die anfänglich eher mit Skepsis und Vorbehalten begleitet wurde als mit konstruktivem Elan. Grenzen gibt es in den Herzen und Köpfen. Mit dem Überfall Deutschlands auf die „kleinen“ Nachbarn Belgien und Niederlande im Jahr 1940 hatte es einen tiefen Riss durch einen bis dahin kulturell, sprachlich und auch verwandtschaftlich gemeinsam geprägten Lebensraum gegeben. Hier musste um Versöhnung und Vertrauen gerungen werden.

In Bezug auf Gegenwart und Zukunft wurde häufig die Frage nach dem „Mehrwert“ euregionaler kirchlicher Zusammenarbeit gestellt. Man hatte sich in den jeweiligen gemeindlichen Strukturen eingerichtet und war damit zufrieden.
Nach einigen Anlaufschwierigkeiten fanden sich Menschen aus den drei Ländern, die verschiedene Projekte gemeinsam starteten. So wurden sog. Dreiländertage, später „Euregionale Gemeindetage“ genannt, durchgeführt, aus denen sich verschiedene kontinuierliche Arbeitsgemeinschaften entwickelten, wie z.B. das „Comité für die Rechte der Flüchtlinge und Migranten in der Euregio“, der „Arbeitskreis Grenzenlos“ (Schwerpunkte: Belastete Vergangenheit und gefährdete Gegenwart) und „Euregionale ökumenische Konferenzen“ (aktuelle soziale, ethische und wirtschaftliche Themen). Von Anfang an arbeiteten hier evangelische, katholische und nicht-kirchliche Gruppen im euregionalen Verbund. Besondere Aufmerksamkeit wurde den Menschen zuteil, die aus Deutschland ins benachbarte Ausland verzogen und damit ihre Mitgliedschaft in der Ev. Kirche in Deutschland verloren und kirchlich eine neue Heimat suchten. Über kirchliche Grenzen hinaus fand das Projekt erfreuliche Beachtung, denn hier ging es nicht um theoretische Erwägungen über Europa, sondern vor allem um Maßnahmen, die Menschen vor Ort erreichten und grenzübergreifend miteinander vernetzten. Begleitet wurde die gesamte Arbeit durch ein Kuratorium, das paritätisch durch Abgeordnete aus den sechs Kirchenkreisen und dem Landeskirchenamt besetzt war und wertvolle Anregungen gab, sowie die Planungen und Ergebnisse der Arbeit in die entsendenden Kirchenkreise rückkoppelten.
Trotz dieser „Erfolgsgeschichte“ waren die vier deutschen Kirchenkreise mit dem Eintritt des Euregiopfarrers in den Ruhestand im Jahr 2002 nicht mehr willens oder in der Lage, die Pfarrstelle weiter zu finanzieren. Die niederländischen und belgischen Partner hingegen baten dringend um Fortführung der Arbeit und sicherten nach ihrem Vermögen finanzielle Unterstützung zu. Dennoch wurde die Pfarrstelle aufgehoben. Die EKiR hat dann das Projekt nicht abrupt abbrechen lassen wollen. Sie hat eine Sonderdienststelle im Kirchenkreis Aachen eingerichtet. Diese ist mit Pastor Dr. Markus Coeleveld besetzt worden. Er hat die Arbeit in den Jahren 2002 bis 2007 fortgesetzt. Die bis dahin beteiligten Kirchenkreise haben zu den Sachkosten weiterhin beigetragen. Eine Verlängerung des Dienstes von M. Coeleveld für weitere fünf Jahre war bereits bei seinem Dienstantritt ausgeschlossen worden. Außerdem ist das Sonderdienstprogramm der Landeskirche inzwischen grundsätzlich beendet worden.
Ohne eine hauptamtliche Kraft ist die umfangreiche und vielfältige Arbeit nicht zu leisten. Es sind zwar einige wenige grenzüberschreitende Initiativen fortgeführt worden. Aber die Chance der Kirchen in der Euregio, Europa vor Ort mitzugestalten, ist vertan. Einige bisher in die Euregio-Arbeit eingebundene Menschen wollen daher dennoch im Jahr 2009 einen neuen Anlauf nehmen, grenzübergreifende Projekte im Bereich der Kirchen zu starten, bzw. fort zu führen . ☐

Eine Dokumentation über die Arbeit der Euregiopfarrstelle ist unter dem Titel „Europa mitgestalten – ein Beitrag der protestantischen Kirchen im Dreiländereck Belgien-Deutschland-Niederlande“ im Jahr 2007 erschienen.
Sie kann bestellt werden bei der Superintendentur des Kirchenkreises Aachen, Frère-Roger-Str. 8-10, 52062 Aachen (Tel.: 0241/453118) bzw.: Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Kosten: 3.– € (incl. Porto)

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