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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Rezensionen

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Christian Feldmann: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler – Große Gestalten und Heilige für jeden Tag

Herder Verlag, Freiburg/Basel/Wien 2005, 664 Seiten mit 165 Abbildungen, 29,90 Euro, ISBN 3-451-27325-X

Vor längerer Zeit war ich in Utrecht und suchte im dortigen, halb als Ruine belassenen, Dom die „Gedachtneskapel“ auf.

An einer Wand mit Spuren einstiger Verwüstung sah ich ein modernes Gemälde von J.P. Reuter: „Die Wolke der Zeugen“ (1988). Bei genauerem Hinsehen konnte ich darauf Namen entziffern: große Lehrer der Kirche, Glaubenshelfer und Heilige – und nicht zuletzt Märtyrer. Ich fand auch die Namen von Kaj Munk und Dietrich Bonhoeffer. In einer Vitrine ein dickes Gedenkbuch – für jeden Tag eine Seite mit dem Namen des Menschen, an den gedacht werden soll, und einige Informationen über ihn. Auf einem Pult ein auf diese Person bezogenes Gebet, seitwärts Kopien zum Mitnehmen. Ständig kamen Menschen herein, die sich einige Zeit in der „Gedachtneskapel“ aufhielten, wohl auch die Hände über dem angebotenen Gebet falteten und nachdenklich wieder hinausgingen.

Christian Feldmanns Werk „Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler – Große Gestalten und Heilige für jeden Tag“ stellt für mich eine „Gedachtneskapel in Buchform“ dar. Früher hätte man wohl von einem „Hausbuch“ gesprochen, einem würdig gestalteten Lesebuch für die ganze Familie. In unserer Zeit der Individualisierungsschübe ist es wohl eher ein schönes Buch, durch das einzelne Menschen sich Tag für Tag – oder auch nur gelegentlich – an die „Wolke der Zeugen“ erinnern lassen, die uns umgibt. Es ist aufgebaut als ein Brevier mit Eintragungen für jeden Tag des Jahres – mit 720 Einträgen. Man begegnet also an manchen Tagen mehreren vorbildlichen Menschen: katholischen Heiligen (nach ihren liturgischen Gedenktagen), Glaubenszeugen der evangelischen Kirchen, Heiligen der Ostkirche, aber auch Menschen, die sich beispielhaft für andere eingesetzt haben oder großen Gestalten der Wissenschaft und Kunst. Es ist ein an Namen und Daten orientiertes Durchschreiten der jüdisch-christlichen Tradition, befreiend, ermutigend und manchmal auch beschämend.
Christian Feldmann, linkskatholischer Theologe und Schriftsteller, bekannt durch zahlreiche Biographien – Edith Stein, Elie Wiesel, Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp und viele andere – schildert in täglichen Hauptartikeln auf höchstens drei Seiten überaus treffend „Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler“, oft unter Verwendung eindrücklicher Zitate. Manchmal beleuchtet er die Situation einer solchen „Kämpferin …“ durch einen fiktiven Brief. So sind eindrucksvolle biographische Miniaturen entstanden. Feldmanns Sprache ist dabei stets klar verständlich und eindeutig – und nie moralisierend oder eindringlich missionierend. Wer einen der Texte liest, begegnet einer konkreten irdischen Gestalt, keinem verklärten Übermenschen in überirdischem Goldglanz. Der Leser kann sich mit diesem Menschen auseinandersetzen, weitere Informationen suchen, sich inspirieren oder in Frage stellen lassen.

Eine Leseprobe

Zum 8. Februar finden wir einen fiktiven Brief des Dichters Heinrich Heines „An die Menschen des 21. Jahrhunderts“

Meine lieben Frommen (vorzugsweise Christen)!
Gebt es nur ruhig zu: Ihr haltet mich immer noch für einen Zyniker, für einen, dem nichts heilig ist, weder Religion noch Moral. Nun ja, wenn einer die Ironie so liebt wie ich, Spott und Sehnsucht so gern ineinander webt, dann muss er mit solchen Urteilen rechnen. Ich bitte euch trotzdem: Schaut einmal genauer in meine Gedichte und Essays. Lest ihr dort nicht, die Freiheit der Menschen werde mit ‚Erd- und Himmelskräften‘ errungen und die Sprache dieser Freiheit werde eine biblische sein? [Nebenbei bemerkt: Penible Literaturwissenschaftler eurer Epoche haben ausgerechnet, dass meine Schriften weit über 400 Bibelzitate enthalten!] Gewiss, ich kämpfte mit schneidendem Sarkasmus gegen die Religion, wie sie die Reichen und Mächtigen meiner Zeit predigten: Seelenknechtung, Sündenangst, Vertröstung auf das himmlische Jerusalem für die Elenden. Aber habe ich nicht deutlich gesagt: ‚Wir lachen nur über das Zerrbild, nicht über den Gott‘? Tut doch nicht so, als hätte ich die Religion schlechthin zerstören wollen! Ich wünschte mir die Rückkehr von Sinnlichkeit und Lebenslust in die Frömmigkeit und einen Glauben, der wieder solidarisch sein sollte mit dem Leiden der Menschen.
Dogmen und Bekenntnisse habe ich abgelehnt, das ist richtig. Und trotzdem möchte ich behaupten, die Frage nach Gott hat mich mehr umgetrieben als manchen frommen Würdenträger. Meine Geschichte mit Gott ist eine Liebesgeschichte gewesen, zwischen Enttäuschung und Erfüllung, sicher auch mit Zügen einer Hassliebe.
Das Urteil darüber, ihr verzeiht, sollten wir ihm überlassen. Ihm, nach dem zu fragen ich einmal ‚die wichtigste Frage der Menschheit‘ nannte. Ihm, der auch für mich – jawohl, für mich, den Spötter, den ruhelos Umhergetriebenen! – in Jesus Gestalt angenommen hat. ‚Meinen armen Vetter‘ habe ich ihn genannt, einen befreienden Mystiker, Verteidiger der ‚Gottesrechte des Menschen‘, Christus, den ‚Gott, den ich am meisten liebe‘, weil er ‚ein bescheidener Gott des Volkes‘ sei: ‚Wahrlich, wenn Christus noch kein Gott wäre, so würde ich ihn dazu wählen!‘ Gott befohlen, meine Freunde!

Dazu dann noch folgendes Biogramm:

Heinrich Heine, 1797 in Düsseldorf geboren, jüdisch erzogen, evangelisch getauft, katholisch getraut, vollendete und parodierte in seinen Gedichten und Reisebildern die deutsche Romantik. Der allen bindenden Konfessionen herzlich Abgeneigte war ein besessen religiöser Mensch. ‚Die Frage nach dem Wesen Gottes‘, pflegte er zu sagen, ‚ist die wichtigste Frage der Menschheit.‘ Sein – oft schräger und spöttischer – Umgang mit der Bibel verrät erstaunliche Sachkenntnis. Als glänzender Stilist gefeiert, als revolutionärer Demokrat umstritten, starb er am 17. Februar 1856 in Paris.

Ich muss gestehen, so habe ich Heinrich Heine weder im Deutsch – noch erst recht im Religionsunterricht kennen gelernt.

 

Paul Gerhard Schoenborn

Christian Nürnberger: Mutige Menschen, für Frieden, Freiheit und Menschenrechte

Mit Illustrationen von Katharina Bußhoff, Gabriel Verlag (Thienemann Verlag GmbH) Stuttgart/Wien 2008, 256 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-522-301589

Auch in Christian Nürnbergers neuem Buch geht es um Vorbilder, genauer um sieben Frauen und fünf Männer, die sich im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert (Ausnahmen aus dem 16. Jahrhundert: Bartholomé de Las Casas und Martin Luther) mutig für Frieden, Freiheit und Menschenrechte eingesetzt haben. Der Autor, engagierter, kritischer Journalist und meinungsfreudiger protestantischer Freibeuter, ist den Transparent-LeserInnen wohlbekannt [siehe Transparent Nr. 54 (Juli 1999), Nr. 61 (April 2001) Nr. 87 (Dezember 2007)]. Es geht ihm darum – wie in allen bisher angezeigten Büchern – das kritische, die Welt menschlicher machende Potential in seinen LeserInnen zu wecken und zu verstärken.
„Von Natur aus sind die meisten feige. Angst und Furcht sind natürliche, evolu­tionär entstandene genetische Überlebensprogramme. Darum ist Mut die Ausnahme und Feigheit die Regel. Eben deshalb ist instinktives, gedankenloses Mitläufertum die beste Basis für jeden Diktator und der Mut weniger Einzelner die größte Gefahr für die Inhaber der Macht. Wer Mut beweist, riskiert etwas, gefährdet sich, setzt seine Karriere aufs Spiel, seine Gesundheit, seine Freiheit, sein Leben. Er riskiert den Bruch mit seiner Familie, mit Freunden, mit Traditionen, nimmt Liebesentzug in Kauf, Drohungen, Spott und Verletzungen. Und in dem Moment, in dem er das tut, kann er nie wissen, ob sich der Einsatz lohnt, ob er zum Erfolg führt. Aber Erfolg, der ‚Lohn‘ ist nicht das höchste Ziel des Mutigen. Vielmehr zeigt er Mut, weil er davon durchdrungen ist, dass bestimmte Werte – Würde, Anstand, Frieden, Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit – unbedingt gelten müssen.“ (Seite 11)
Wir Menschen, so Nürnberger, sind nicht mutig von Geburt an, als sozusagen spärliche Ausnahmen in einer Masse von Feiglingen. Wir können aber eine Entwicklung durchlaufen von Angepasstheit und vorsichtiger Zurückhaltung zu bewusstem Eintreten für humane und emanzipatorische Werte. Es kann Latenzphasen geben, in denen verschiedene Einflüsse auf uns einwirken und Verhaltensänderungen vorbereiten. Manchmal verstärken kleine Gruppen diesen Prozess. Die Lebensläufe der Frauen und Männer, die Nürnberger in ausführlichen, spannenden Erzählungen schildert – Texte in Vortragslänge, mit vorangestelltem knappem Biogramm, nicht kurze Lesetexte wie bei Feldmann – belegen das.
Die Auswahl der Vorgestellten beschränkt sich nicht auf prominente Christen. Wie die Liebe, so ist auch mutiges En­gage­ment kein christliches Monopol. Es fällt auf, dass Nürnberger nicht nur mehr Frauen als Männer porträtiert, sondern dass es ausgesprochen emanzipierte Frauen sind. Besser sollte man wohl sagen, Frauen, die den Emanzipationsprozess – nicht nur ihrer Geschlechtsgenossinnen, sondern auch der Männer – voranbringen: Bertha von Suttner, Ayaan Hirsi Ali, Alice Schwarzer, Rosa Parks, Wangari Maathai, Anna Politkowskaja, Bärbel Bohley. Die Namen signalisieren, dass es um weltweit bedeutsame Politik geht, mal handfest-zielorientiert, mal visionär. Das gilt auch für die Männer in diesem Buch: Außer den oben genannten Martin Luther und Bartholomé de Las Casas sind es Nelson Mandela, Mahatma Gandhi und der Gründer von Amnesty International, Peter Beneson. An ihnen allen können wir sehen:
„Immer dort, wo ein Samenkörnchen Mut in den Boden fällt und ausnahmsweise mal aufgeht, verändert sich die Welt. Am Anfang jeder Weltveränderung steht meistens ein Mutiger. Oder der Mut einer kleinen Gruppe. Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Der Mut, einfach die Wahrheit auszusprechen. Der Mut, einer Übermacht die Stirn zu bieten. Der Mut, sich einen neuen Weg zu bahnen. Der Mut, die Dinge anders zu sehen. Der Mut zur Umkehr. Der Mut, etwas Neues zu wagen. Der Mut zu einem Umweg. Der Mut, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen. Der Mut, mit seiner eigenen Tradition zu brechen, aus einer Religionsgemeinschaft auszutreten – oder auch das Gegenteil davon: der Mut, an einer Tradition festzuhalten, die von allen verraten wird, der Mut, in eine Religionsgemeinschaft einzutreten oder einen bestimmten Glauben gegen deren eigene Priester zu verteidigen.“ (Seite 12)
Die Lebensprozesse in Christian Nürnbergers „Mutige Menschen, für Frieden, Freiheit und Menschenrechte“ beweisen: Eine andere Welt ist möglich.

Paul Gerhard Schoenborn

Wolfram Kistner – Gerechtigkeit und Versöhnung. Theologie und Kirche im Transformationsprozess des neuen Südafrika

Sammelband mit Beiträgen aus den Jahren 1985 – 2006., Hrsg. Von Rudolf Hinz, Christian Hohmann und Hanns Lessing, Hannover, Lutherisches Verlagshaus, 2008. 24,90 €

Der deutschsprachige Südafrikaner Wolfram Kistner hat sich bis zum Schluss seines Lebens immer wieder zu kontroversen Fragen geäußert, die die kirchliche und gesellschaftliche Diskussion in Südafrika und Deutschland bis heute bestimmen. Darum ist es verdienstvoll, dass zwei Jahre nach seinem Tod wichtige Aufsätze und Essays von ihm in einer deutschen Ausgabe vorliegen. „Ein leiser Prophet“ (Rudolf Hinz) wird er genannt und so wird seine nachdenkliche und entschiedene Art, sich öffentlich zu äußern, treffend beschrieben. Bischof Zephanja Kameeta aus Namibia hat bei der Vorstellung der englischsprachigen Ausgabe im Oktober d.J. in Pretoria/Südafrika den Verlust dieses Propheten für unsere Kirchen wie folgt ausgedrückt: „Die Propheten sind gegangen (Beyers Naudée, Kistner) und die Kirchen werden stiller und stiller“. Es lohnt sich , dem „leisen Propheten“ in aktuellen Fragen und heutigen Debatten zuzuhören.
Das lohnt sich, wenn es um die Beziehungen der Evangelischen Kirche in Deutschland zur deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe im Südlichen Afrika geht, die in dieser Ausgabe von Transparent durch drei Beiträge (vgl. S. 25ff; 28f; 30) problematisiert werden: „Ist der ‚Geist der Väter’ (sc. deutsche Sprache) wirklich der höchste Wert, für den wir uns als Menschen und Christen einsetzen sollen?“, fragt der leise Prophet. Bei Wolfram Kistner finden sich hilfreiche Ausführungen zu „Globalisierung und Menschenrechte“ ebenso wie zum Stellenwert von prophetischer Theologie. Und die böse Auswirkung der Apartheid in der südafrikanischen Gesellschaft beschreibt er so: „Ist es nicht die schlimmste Folge der Unterdrückung, dass der Stempel des Unterdrückers dem Unterdrückten oft unbewusst aufgeprägt wird, dass sein Denken ins Unterbewusstsein eindringt, so dass man auch, nachdem der Unterdrücker besiegt ist, davon letztlich nicht frei wird?“ Wer die gesellschaftliche Situation in Südafrika seit dem Ende der Apartheid beobachtet, wird dieser Frage nur zustimmen können.
Dass ein Beitrag in diesem lesenswerten Sammelband zuerst in Transparent erschienen ist, zeigt, dass die Herausgeber an den richtigen Stellen gesucht haben und dort auch fündig geworden sind. Es handelt sich um den Beitrag „Meine Erfahrungen mit der Solidaritätsbewegung in den beiden Deutschlands“ in: Transparent Nr. 50 (1998).

Klaus Matthes

Berufung – Rufmord – Abberufung. Der Ungedeihlichkeitsparagraf in den evangelischen Kirchen: Der falsche Weg, Konflikte zu lösen

Hrsg. von Karl Martin, Sabine Sunnus und Ingrid Ullmann im Auftrag des Vereins D.A.V.I.D. gegen Mobbing in der Kirche e.V., Wiesbaden/Berlin 2007, ISBN-10:3-9809376-5-8, 9,80 €.

Man möchte es nicht glauben, aber es ist so: Auch in der Kirche gibt es Rufmord und Mobbing. Warum sollte es in der Kirche auch anders zugehen als im normalen Leben? Nur, im „normalen Leben“ haben die Betroffenen die Möglichkeit, sich gerichtlich zur Wehr zu setzen gegen die auf sie zielende Beschädigung ihrer Person. Dieser Weg steht zwar auch den kirchlichen Angestellten offen, den Kirchenbeamten aber – also vor allem den Pfarrerinnen und Pfarrern – bleibt er bis jetzt versperrt: Mit Hinweis auf Artikel 140 des Grundgesetzes, der das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und somit auch die Autonomie der innerkirchlichen Gerichtsbarkeit garantiert, werden diesbezügliche Eingaben von den Arbeitsgerichten und höheren Instanzen in aller Regel abgewiesen.
Worum geht es genau? Sabine Sunnus bringt es in ihrer Einführung zum vorliegenden Buch auf den Punkt: „Es ist weitgehend unbekannt, dass evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer mit Hilfe eines so genannten ‚Ungedeihlichkeits‘-Gesetzes aus dem Dienst entfernt werden können, ohne dass ihnen schuldhaftes Verhalten nachgewiesen werden muss. Es genügt, einen – wie auch immer konstruierten – Konfliktfall zu einem ‚Ungedeihlichkeitsfall‘ zu erklären, um die Pfarrperson einem Verfahren zu unterziehen wonach sie am Ende in den ‚Wartestand‘ und nach einer gewissen Frist in den vorgezogenen Ruhestand versetzt werden kann. Unter erheblicher Minderung der Bezüge, unter hohem Ansehensverlust, in der Kirche sozial ausgegrenzt. Um dieses Ziel zu erreichen, scheuen die betreibenden Personen nicht vor Verleumdungen, Gerüchten, Rufschädigungen, kurz: der ganzen Palette von Mobbingstrategien gegenüber ihrem Gemeindepfarrer oder ihrer Gemeindepfarrerin zurück. Die erwartete oder erhoffte Unterstützung der Pfarrperson von kirchenleitender Seite bleibt in solchen Fällen aus. Diese greift dann gerne zu dem Paragrafen des ‚ungedeihlichen Wirkens‘ im Pfarrdienstgesetz, um den Konflikt so leise, so bequem und so schnell wie möglich zu lösen.“ (S. 9) Wer meint, hier handle es sich um vereinzelte extreme Ausnahmefalle, wird von den Autor/innen des Buches eines anderen belehrt. Der Straftatbestand des Mobbing kommt innerhalb der kirchlichen Arbeitswelt immerhin so oft vor, dass sich im März 2001 in Wiesbaden eine Gruppe von Menschen entschloss, einen Verein zu gründen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die kirchliche Öffentlichkeit über derartige Vorgänge aufzuklären und die Betroffenen zu unterstützen. Den äußeren Anlass hierzu gab eine besonders unappetitliche Variante eines aktuellen Abberufungsverfahrens.
Der Name des Vereins, „DA.V.I.D.“, steht für das Programm: „Dokumentation – Aufklärung – Vertrauen – Intervention – Deeskalation.“ Ober seine Arbeit sowie die der „Interessengemeinschaft Rechtsschutz für Pfarrerinnen und Pfarrer und Gewaltenteilung in der Kirche (IGRecht)“ und des daraus hervorgegangenen Aktionsbündnisses „Melsunger Initiative“, zu dem sich seit 2005 viele der geschädigten Haupt- und Ehren­amtlichen zusammengeschlossen haben, informieren die stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Sabine Sunnus, und der Pfarrer Hans-Eberhard Dietrich, der zugleich Sprecher der „IG-Recht“ ist.
Im Anschluss daran werden drei spektakuläre Fälle ausführlich dokumentiert – und es möchte einem dabei streckenweise schon der Atem stocken: die Vorgänge in Starnberg (Bayern), Steimke (Sachsen) und Langen (Hessen). Es folgen zwei Beiträge, in denen die Juristen Gotthold Gocht und Hanns Lang den Ungedeihlichkeitsparagrafen in rechtlicher Hinsicht analysieren und aufzeigen, dass er geradezu eine Einladung zu willkürlichem Handeln darstellt. In einem weiteren Abschnitt verweist Hans-Eberhard Dietrich darauf, dass der Ungedeihlichkeitsparagraf, so wie er heute vorliegt, im „Dritten Reich“ von den Deutschen Christen als ein willkommenes Instrument zur Ablösung missliebiger Pfarrer genutzt wurde. Sehr nahe gehen einem die Ausführungen der Vorsitzenden des Vereins D.A.V.I.D., Ingrid Ullmann, und zweier Ehefrauen von betroffenen Pfarrern zum Thema „Psychosoziale Wirkung und ihre Folgen“. Eine theologische Einordnung dieser Vorgänge leistet Pfarrer Karl Martin, Vorstandsmitglied von D.A.V.I.D, mit der von ihm im Buch abgedruckten Predigt über die Zustände in Sodom und Gomorra. Wie tief es einen Menschen verletzen kann, wenn er die quälende und ehrabschneidende Prozedur eines in böser Absicht gegen ihn in Gang gebrachten Wartestandsverfahrens über sich ergehen lassen musste und wie groß die daraus erwachsende existentielle Erschütterung und Bitterkeit ist, offenbart die im Buch ebenfalls abgedruckte Andacht eines Pfarrers, den man auf diesem Weg vorzeitig in den Ruhestand abgeschoben hat Sie trägt den bezeichnenden Titel „Trauma als Gottesfinsternis“. Dass es freilich nicht ausreicht vor der „Klagemauer“ zu verharren, sondern darauf ankommt, konkrete Vorschläge für eine juristische und kirchenpolitische Bereinigung der gängigen Praxis zu machen, wird durch die abschließenden Beiträge unter der Rubrik „Jenseits der Klagemauer“ deutlich. Wegweisend sind hier vor allem die „Thesen zur ‚Nichtgedeihlichkeit‘ und zum ‚Wartestand‘“ des Verbands der Vereine evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V. Neben Kurzporträts der Autor/innen bietet das Buch zudem ein hilfreiches Adressenverzeichnis, eine Zusammenstellung einschlägiger Gerichtsurteile und ein ausführliches Literaturverzeichnis.
Kurzum: ein lesenswertes Buch, das man allerdings mit einer Mischung aus Kopfschütteln, Zorn und Beklommenheit wieder aus der Hand legen wird.

Andreas von Heyl
(Aus dem Deutschen
Pfarrerblatt)

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