TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 80

editorial

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Dieses Heft erscheint sechs Wochen nach dem Ende der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Porto Alegre/Brasilien. Da Transparent zum vierten Mal in Folge bei einem solchen Ereignis des ÖRK dabei gewesen ist, können wir unseren LeserInnen einen ersten ausführlichen Bericht – Versuch einer Bilanz – vorlegen. Ihm werden weitere folgen, denn eine Vollversammlung ist kein Tagesereignis. Wir werden an den ökumenischen Themen dran bleiben und kritisch beobachten, wie unsere kirchliche Landschaft mit dem größten weltweiten Instrument der ökumenischen Bewegung umgeht. Dass der ÖRK mit seinem Pressereferat Transparent nicht nur kennt und liest, sondern uns eine Leit-Funktion in der kirchlichen Presselandschaft in Porto Alegre zugesprochen hat, haben wir in der Redaktion mit Stolz zur Kenntnis genommen. Wir verstehen das als Verpflichtung, die „Leitschrift Transparent“ für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche und darüber hinaus fortzuführen.
Der Innenteil dieser Ausgabe korrespondiert mit dem AGAPE-Prozess, den der ÖRK seit der Vollversammlung in Harare 1998 angestoßen und in Porto Alegre mit dem AGAPE-Aufruf als Verpflichtung für die Mitgliedskirchen umgesetzt hat. Dass der Neoliberalismus diese Welt und ihre Probleme weder rettet noch löst und dass eine andere Welt möglich ist, kann nicht häufig genug von allen Seiten und von vielen Menschen vorgelegt werden. Wir wünschen dem Beitrag von Professor Friedhelm Hengsbach, SJ, „Abschied vom ‚Neoliberalismus’?!“ eine weite Verbreitung.
Peter Bürger, Theologe und freier Publizist, bringt in diesem Heft mit seinem neuen Buch „Hiroshima, der Krieg und die Christen“ und mit seinem Beitrag „Warum die christliche Friedensethik heute dringend zu Wort kommen muss“ das andere Thema von Porto Alegre zur Sprache, die Dekade zur Überwindung von Gewalt. „Geist, Logik und Ausübung von Gewalt überwinden und auf jede theologische Rechtfertigung von Gewalt verzichten“, lautet die Verpflichtung der Vollversammlung. Hoffentlich haben alle Christenmenschen und Kirchen diese Botschaft im Ohr und im Herzen, wenn wieder einmal ein Herrscher dieser Erde zu Felde ziehen will.
„Vollständige sichtbare Einheit der Kirche“ – dieses Stichwort hatte Gewicht in Porto Alegre. Auch dazu gibt es eine Korrespondenz in diesem Heft. Liebe Leute, lest einmal unter diesem Aspekt den Beitrag „Vom Ende des Rheinischen Mantra“! Wenn ca. 500 junge Theo­logInnen, die sich einst für den Pfarrberuf entschieden haben, für sich keine Perspektive mehr in dieser Kirche sehen können und die Rheinische Kirche auch nicht weiter weiß, dann ist die Frage der Einheit für die draußen und für die drinnen in einer Weise gestellt, die die drinnen noch gar nicht realisiert haben. Dass ökonomische Fragen geistliche Fragen sind, wissen wir alle in der Theorie. 500 Menschen mit Familien erwarten praktische Antworten. Der „Rheinische Konvent der VikarInnen, Probedienstler, Sonderdienstler und PfarrerInnen im Ehrenamt“ verdient mehr als Gehör für seine Ausführungen.
Die Erklärung des Mainzer Arbeitskreises Südliches Afrika (MAKSA) zu „EKD, Auslandsarbeit und Ökumene“ passt gut in die Landschaft nach Porto Alegre, da nach unseren Beobachtungen die kritisch-distanzierte Haltung der EKD zum ÖRK weiter Bestand hat. Damit will sich MAKSA nicht zufrieden geben.
Last but not least – die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Auch unter den Transparent-LeserInnen gibt es sicher Menschen, die sich für die schönste Nebensache der Welt interessieren. Nicht nur für sie, sondern auch für die anderen haben wir das beste Fußballbuch der letzten Jahre noch einmal hervorgeholt und empfehlen es zur Lektüre, um die WM einordnen und genießen zu können. Allein der Titel zergeht einem bereits auf der Zunge: „Der Ball ist rund und Tore lauern überall“.

In diesem Sinn grüßen wir alle unsere LeserInnen,

die Transparent-Redaktion.Leitschrift

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Mit Demographie Kirche gestalten?

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Hans-Peter Lauer Hans-Peter Lauer

Mit Demographie Kirche gestalten?

Der Hinweis auf die demographische Entwicklung ist inzwischen ein fester Bestandteil im Argumentationsrepertoire gesellschaftspolitischer Diskussionen. Auch bei der Frage, wie eine Volkskirche in Zukunft aussieht oder aussehen soll, liegt es nahe, Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung zu Rate zu ziehen. Dies ist dann auch bei Spardebatten, Prioritätendiskussionen und Umstrukturierungskonzepten der Fall, meist verbunden mit der Voraussage, dass der zahlungskräftige und zahlungswillige „Kundenstamm“ stetig abnimmt und folglich die Einnahmen kontinuierlich sinken. Die Faustformel lautet: Im Jahre 2030 wird die evangelische Kirche ein Drittel weniger Mitglieder haben und nur noch über die Hälfte ihrer Finanzkraft verfügen. Daraus wird ein Anpassungsdruck abgeleitet, auf den reagiert werden sollte, solange noch Gestaltungsmöglichkeiten bleiben. Eine solche Argumentation mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Allerdings wirft die Verwendung der Demographie zumindest in politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen auch methoden- und ideologiekritische Anfragen auf. Kann von vornherein ausgeschlossen werden, dass sich ähnliche Bedenken für den kirchlichen Bereich nicht ergeben? Angesichts der Komplexität und Kontingenz gesellschaftlicher Wirklichkeit ist es schon die Frage, wie berechenbar zukünftige Prozesse überhaupt sind. Das wohl populärste Beispiel für eine Prognose, die sich im nachhinein als wenig treffsicher erwiesen hat, ist „Das Bevölkerungsgesetz“ (1798) des anglikanischen Pfarrers Thomas Robert Malthus. Seine These: Die Entwicklung einer Bevölkerung geht schneller voran als die Produktion ihrer Nahrungsmittel, so dass schließlich die Nachfrage das Angebot übersteigt. Seuchen und Hungersnöte dezimieren daraufhin die verarmte und geschwächte Bevölkerung, die sich die immer teueren Nahrungsmittel nicht leisten kann, bis wieder ein Gleichgewicht hergestellt ist. Damit meinte Malthus sogar ein göttliches Gesetz gefunden zu haben. Eine Problemlösung sah er daher nicht in sozialpolitischen Maßnahmen, sondern in einer zahlenmäßigen Begrenzung der Armen durch Geburtenkontrolle. Dies zeigt nicht nur, dass es methodisch schwierig ist, die Entwicklung bestimmter Größen wie hier Bevölkerung und Produktion vorauszuberechnen. Auch der Zweck, zu dem Prognosen erstellt werden, und die Schlüsse, die ein Autor aus ihnen zieht, bedürfen immer der kritischen Überprüfung. Ein anderes Beispiel ist Meinhard Miegel, früherer Abteilungsleiter der CDU-Bundesgeschäftsstelle, der behauptet: „Die Bevölkerungsentwicklung ist der Dreh- und Angelpunkt des 21. Jahrhundert.“ (Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen, 2003, S. 56) Mit seinen Prognosen versucht er einen Boden zu bereiten, worauf er seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen pflanzen kann, etwa die Absage von sozialstaatlicher Umverteilung. An die Stelle eines „bevormundenden“ Staates soll eine „Bürgergesellschaft“ treten, die den Vermögenden Gelegenheit gibt, Gutes zu tun: „Diese Kultur freiwilligen Teilens und großzügigen Mäzenatentums ist durch das generationenlange staatliche Zwangsverteilen verkümmert.“ (S. 83) Ist es Zufall, dass in den genannten Beispielen der Gebrauch der Demografie immer auch mit einem bestimmten Gesellschaftsbild verbunden ist? Die Vorhersage einer scheinbar gesetzmäßig verlaufenden Zukunft steckt hierbei den engen Handlungsrahmen für Gestaltungsmöglichkeiten ab, die passgenau der eigenen Ideologie, Programmatik und Interessenslage entsprechen. Daher ist nicht nur jeweils zu überprüfen, ob eine Prognose richtig ist, sondern auch welche Argumentationsmuster und Handlungsabsichten mit ihr verknüpft sind. Für den kirchlichen Kontext bedeutet dies zum Beispiel die Frage, welches Kirchenbild zugrundegelegt wird oder mit Hilfe von Vorhersagen Gestalt gewinnen soll. Der Wunsch nach einer berechenbaren Kirche mag im Blick auf Planungssicherheit verständlich sein. Er enthebt aber nicht davon, sich auch kritisch mit der Verwendung von Prognosen auseinander zu setzen. ☐

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Vom Ende des Rheinischen Mantra

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Sören Asmus

Vom Ende des Rheinischen Mantra

Oder: Der Einbruch der Realität in die Planung und Biographien

Die rheinische Kirche muss ihre Strukturen und ihre MitarbeiterInneschaft den gegenwärtigen und langfristigen finanziellen Entwicklungen anpassen. Dazu legten zwei Arbeitsgruppen der Landessynode ihre Vorschläge vor, die dort und in den nächsten Monaten in Presbyterien und Kreissynoden diskutiert werden sollen. Anknüpfend an den Artikel zum Sonderdienst in Transparent 79/2005 möchte ich im Folgenden die geplanten Veränderungen und nötigen Debatten aus der Sicht des sog. „theologischen Nachwuchses“, d.h. aller TheologInnen, die noch nicht in einer verbeamteten Stelle sitzen, darstellen.
Beginnen möchte ich mit einer biographischen Erinnerung: Bei meiner ersten Begegnung mit der Abteilung I des LKA traf ich als junger Erstsemestler auf einen Herrn aus Düsseldorf (dessen Namen ich der Fairnesshalber hier verschweige, auch alle seine Nachfolger bedienten sich derselben Worte), welcher uns Erstsemestern sagte: „Lassen sie sich Zeit mit dem Studium, in 10 Jahren kommt der Einbruch der Pfarrstellen, dann brauchen wir sie.“ Das war vor ca. 15 Jahren. Diesen Satz habe ich als Vertreter der Fachschaften, als Vikar und später bis vor kurzem immer wieder gehört: „In 10 Jahren brauchen wir PfarrerInnen.“ Wie das Mantra der tibetischen Mönche wurden diese Worte wiederholt und nun – gegen Ende meiner landeskirchlichen Karriere darf ich erleben, dass diese Rezitation ein Ende findet. Religionswissenschaftlich ist das höchst interessant, biographisch sehr bedauerlich und im Blick auf die Realitätswahrnehmung sehr hohe Zeit, dass es zu einem Ende kommt. Basierend auf langfristigen Statistiken, Hoffnungen und mangelnder zentraler Planungsmöglichkeiten, als Folge der zurückgehenden Einnahmen der Landeskirchen und dem Festhalten an Gehaltsstrukturen, haben sich die Perspektiven grundlegend geändert und die EKiR macht sich daran, ihre Gestalt, ihre Planung und die Perspektiven für künftige MitarbeiterInnen ebenso grundlegend zu verändern.

Wenn man nicht mehr weiter weiß …

… gründet einen Arbeitskreis. Das dachte sich auch die Landessynode, als sie die beiden Arbeitsgruppen einsetzte. Diese legten ihre Ergebnisse zur Synode vor, d.h. sowohl die Kirchenleitung, wie auch die Synodalen – und alle anderen Betroffenen, erfuhren gleichzeitig von den Vorschlägen. Und wir zu erwarten, war die Aufnahme nicht ungeteilt, sondern es wurde allseits weiterer Gesprächsbedarf signalisiert. Gerade im Bezug auf den „theologischen Nachwuchs“ – die mehrheitlich gar nicht so Nachwuchs ist, sondern über Sonderdienst oder auf andere Art und Weise schon einiges an Lebensalter mitbringt – sind die Vorstellungen noch lange nicht klar. Man muss aber zugestehen, dass die Entwürfe zusammengenommen eine hohe Kohärenz haben und zudem mit den zu erwartenden Finanzen zur Deckung gebracht sind. Allein inhaltlich werden dadurch die Spielräume sehr eng. Damit ergeben sich für alle weitere Diskussionen zwei Schwierigkeiten: Zum einen muss eine Finanzierbarkeit mitbedacht werden, was für diejenigen, die keinen direkten Zugang zu den Haushaltsdaten haben, ein Problem darstellt. Zum anderen ist es ausgesprochen schwierig, einem geschlossenen System eine Teilalternative gegenüber zu stellen. So scheint es, dass mit den Entwürfen der Arbeitsgruppen I und II ein Rahmen vorgegeben ist, an dem man nicht vorbei kommt. Das macht die Diskussion komplex und schwierig, aber nicht unmöglich.

Wir k-k-können auch anders…

Diese Optionen hängen alle daran, dass die Gehaltsstruktur bei PfarrerInnen im Wesentlichen gleich bleibt. Die Gehälter und Stellen der übrigen Mitarbeitenden sind zumeist auf der Ebene der Gemeinden und Kirchenkreise angesiedelt, sodass die Landeskirche hier nicht eingreifen kann, abgesehen von den Rahmenverträgen. Daher konzentrieren sich die Vorschläge auch auf die Gruppe der PfarrerInnen. Deren Gehaltsstruktur soll im Wesentlichen nicht angetastet werden, da nur so eine gewisse Qualität der Mitarbeitenden gesichert scheint. Hier kann man gewiss grundsätzlich anfragen, ob dem so sein muss. Im Zusammenhang der „Wiedervereinigung“ der EKD mit dem Bund der evangelischen Kirchen in der DDR gab es seinerzeit die Debatte, ob nicht die Gehaltsdifferenz zwischen PfarrerInnen und den übrigen kirchlichen Mitarbeitenden verringert werden soll. Damals lehnte die EKD-Mehrheit dies ab – die Diskussion über die Pfarrgehälter taucht sporadisch immer wieder neu auf und auch jetzt kann sich sinnvoll die Frage stellen, ob nicht ein geringeres Einkommen durch das Mehr an Lebensqualität ausgeglichen würde, wenn es mehr KollegInnen im pfarramtlichen Dienst gäbe, die so die individuelle Arbeitsbelastung ausgleichen könnten. Wenn im Blick auf 2030 davon geredet wird, dass die Rheinische Kirche mit 1.000 Pfarrstellen auskommen müsse, dann kann man sich leicht vorstellen, wie trotz sinkender Zahlen der Kirchensteuerzahlenden die Arbeit für die Einzelnen steigen werden. Diese Diskussion können aber wir nicht führen, da müssen die KollegInnen im Amt schon selber drauf kommen.

„Butter bei die Fische“

Innerhalb der Diskussionsvorlagen sieht es schon spannend genug aus: Aufgrund der langfristigen Prognosen stellt AG II fest, dass es bis 2030 nur 1.000 Pfarrstellen brauche, dazu im Jahr linear 35 Stellen abgebaut werden müssten und für alle freiwerdenden Stellen genug WarteständlerInnen da sind, dies zu besetzten. Denen, die noch nicht „im System“ sind, wird bedeutet, dass man sie aus finanziellen und Verwaltungserwägungen eigentlich nicht braucht. Man will aber auf die nachfolgenden Generationen nicht verzichten, daher sollen ca. pro Jahr 5 Menschen aus dem Vikariat in den kirchlichen Dienst übernommen werden. Dies bezieht sich aber – sieht man auf die Statistik der bereits verbeamteten PfarrerInnen – vor allem auf die Menschen unter 36, darüber hat man „genug“. Um nicht in die Situation zu geraten, dass auf wechselnden „Bedarf“ nicht reagiert werden könne, soll die Kirchenleitung in Rücksprache mit den Superintendenten jedes Jahr jeweils die Zahl der „Neuzugänge ins System“ bedarfsgerecht festlegen. Relevant sind hier neben den Finanzen auch die strukturellen Überlegungen des Gesamtsystems: Wo werden welche PfarrerInnen gebraucht und können finanziert werden? Deutlich wurde bereits jetzt, dass innerhalb der Kirche ein „Personalmix“ erhalten werden soll, indem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen theologischen und nichttheologischen Mitarbeitenden gewährleistet bleibt. Die Probleme der Beschäftigung des „theologischen Nachwuchses“ sollen und dürfen nicht auf dem rücken der anderen Mitarbeitergruppen gelöst werden. Die Rheinische Kirche soll ihr Profil in dieser Hinsicht behalten, bzw. wieder zurückgewinnen, wo es in der Vergangenheit bereits zu übermäßigen Stellenverlusten z.B. bei KirchenmusikerInnen oder JugendmitarbeiterInnen gekommen ist.

Steuerung und Planung

Die AG I hat in dieser Hinsicht wichtige Weichenstellungen angeregt: Das presbyterial-synodale Prinzip der Rheinischen Kirche soll hin zu mehr Kompetenz auf Kirchenkreisebene reformiert werden. Dort soll festgestellt werden, welche Aufgaben im Sinne der Kirchenordnung von welchen Gemeinden regional wahrgenommen werden sollen. Damit tritt zum ersten Mal eine Handhabe zur realen Personalplanung innerhalb der EKiR auf den Plan. Gegen einen möglichen „Egoismus“ der Gemeinden sollen regionale und landeskirchliche Erwägungen treten. Durch die Einführung der PfarrerInnen „zur besonderen Verwendung“ will man sowohl aus dem Wartestand PfarrerInnen in die Gemeinden bringen, als auch aus dem Nachwuchs sich solche Personen sichern, deren Befähigungen gebraucht werden. Dazu soll ein Auswahlmechanismus nach dem Vikariat eingeführt werden, der entsprechend der Bedarfsplanung geeignete Personen auswählt und in Gemeindevakanzen führt. Die „anderen“ fallen aus dem System heraus. Für sie entfällt der Probedienst und sie stehen dem freien Arbeitsmarkt zur Verfügung – um es nett zu sagen. In wie weit diese oder andere Personen, die eine Anstellungsfähigkeit erworben haben, zu einem anderen Zeitpunkt ggf. doch wieder ein Zugang „ins System“ gewährt werden kann oder soll, lässt sich den Entwürfen nicht genau entnehmen. Auf jeden Fall sollen Personalplanung, Steuerung und Gesamtaufgaben enger zusammen gebracht werden. Dies soll sowohl die Aufgaben der Gemeinden entlasten, als auch die Funktionsfähigkeit der Gemeinden, Kirchenkreise und der Landeskirche gewährleisten. Dabei wird auch in die Wahlvorgänge auf Seiten der Presbyterien stark einzugreifen sein – was hier nicht weiter verhandelt werden kann.

The Lost Generation

Das in sich geschlossene Vorschlagssystem aus AG I und II stellt eine virtuelle „Stunde Null“ dar: Ab Einführung dieses – oder des schließlich verabschiedeten – Systems kann es funktionieren. Aber es gibt keine konkreten Angaben über einen Übergang, d.h. diejenigen, die zum Zeitpunkt der Einführung weder noch im Vikariat (oder Wartestand) sind, noch bereits woanders untergekommen sind: Probedienstler, Sonderdienstler und bereits entlassene aus dieser Gruppe, die mehrheitlich als Pastoren im Ehrenamt noch auf Stellensuche sind. Je nachdem, wann dieser Schnitt kommt und wie sich bis dahin die Besetzungspraktiken in den Kirchenkreisen darstellt, reden wir hier von bis zu 500 Personen, an denen z.T. ganze Familien dranhängen. Für diese gut ausgebildeten und fähigen Menschen, die im wesentlichen jetzt schon wichtige Felder kirchlicher Arbeit abdecken, Engpässe in Gemeinden und in Kirchenkreisen auffüllen und sich in der Regel außerordentlich für die Kirche einsetzen, gibt es zur Zeit keine konkreten Perspektiven. Auch bleibt unklar, wer ihre Arbeit tun soll, wenn sie es nicht mehr tun. Zwar bemüht sich das Landeskirchenamt, z.B. refinanzierte Pfarrstellen an Berufsschulen und die Möglichkeiten des Übergangs in den staatlichen Schuldienst zu eröffnen, zwar beschloss die Synode, die Reste aus dem Sonderdienstprogramm – immerhin 8,5 Mio. Euro – für Qualifizierungsmaßnahmen einzusetzen, zwar ist die Rede von um die 200 Stellen, die langfristig auf EKD Ebene frei werden sollen, aber all dies harrt noch der Realisierung und ist z.T. mit berechtigten Zweifeln behaftet, was die Realisierungsmöglichkeiten angeht. Hier ging der Spruch von der „Lost Generation“ um, wird auch die Gefahr eines gefährlichen „Brain Drains“ gesehen: Diese Leute gehen der Kirche verloren, ebenso wie die Kirche ihnen verloren geht. Was immer auch in der näheren Zukunft hier geschieht, es ist deutlich: Die meisten dieser Gruppe werden keine Pfarrstelle finden! Daran kann keiner der möglichen Vorschläge etwas ändern, wenn nicht das gesamte kirchliche Wesen umgestaltet werden soll – und niemand kann eine realistische Vorstellung davon geben, wie das aussehen könnte.

Was tun?

…fragte schon Lenin. Eine pauschale Antwort wird nicht möglich sein. Vielmehr hängt vieles davon ab, wie sich die Diskussionen in der Landeskirche, in den Kirchenkreisen und Presbyterien in den nächsten Monaten gestalten. Es kann auch nicht Aufgabe des „Rheinischen Konventes der VikarInnen, Probedienstler, Sonderdienstler und PfarrerInnen im Ehrenamt“ sein, den fulminanten Gegenentwurf vorzulegen. Dennoch gibt es einige „Baustellen“, an denen der Konvent die Weiterarbeit aufnimmt. Nachdem es im Vorfeld und auf der Synode darum gegangen war, für die Problematik der Betroffenen zu sensibilisieren, machen sich nun viele an die Arbeit, um aufgrund der Vorlagen weiter zu diskutieren und sich einzubringen. Dabei ergibt sich die etwas schizophrene Situation, an der eigenen Abwicklung mitzudenken, aber dies wird unvermeidlich sein. Einerseits müssen „wir“ für die eigene Biographie die „Trauerarbeit“ leisten, von einem langgehegten Berufswunsch Abschied zu nehmen. Andererseits müssen Vorschläge gemacht werden, wie die Spielräume sowohl für die Betroffenen, als auch für die Kirchenkreise so weit und flexibel wie möglich gestaltet werden. Dabei stellt sich vor allem individuell immer wieder die Frage, warum sich noch für eine Struktur zu engagieren, in der es keine eigene berufliche Zukunft mehr geben wird? So sehr es dem eigenen Ethos widersprechen mag, so sehr muss die Frage gestellt werden, was die Betroffenen von den jeweiligen Vorschlägen und Maßnahmen haben werden – unabhängig von den Bedürfnissen der Institutionen. In dieser Hinsicht sind die folgenden Gedanken zu verstehen.

Das eine tun…

Es gilt an dieser Stelle zunächst, die Situation für die Betroffenen so in den Blick zu nehmen, dass sich deren Möglichkeiten auf dem freien Arbeitsmarkt verbessern.

Qualifikationen

Wo das höhere Alter eine Schwierigkeit darstellt, kann und muss die Berufserfahrung als Qualifikation kenntlich werden. Dazu wird es nötig sein, die individuellen Stärken und Schwächen der Betreffenden bewusst zu machen und zu klären, durch welche Fortbildungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen hier die Berufsaussichten noch verbessert werden können. Dazu sollen die Gelder aus dem Sonderdienstprogramm verwendet werden. Der Zugang zu diesen Fördermöglichkeiten muss dabei auch denjenigen offen stehen, die bereits aus dem kirchlichen Dienst entlassen wurden und noch auf Berufssuche sind. Zwar kann die Kirche keine Verantwortung für die Berufsfindung übernehmen, aber sie kann sich sehr wohl verantwortlich dafür zeigen, dass denen, die bisher Lebenszeit und Engagement in den Dienst der Kirche gestellt haben, solidarische Hilfe zuteil wird.

Zertifizierungen

Ein weiterer Baustein ist die Zertifizierung der erworbenen Fähigkeiten in Vikariat und Probe-, bzw. Sonderdienst. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Ausbildung durch die Kirche in der Regel sehr gut ist, aber über die Ausbildungsinhalte wenig außerhalb der Kirche bekannt ist. Daher muss es sowohl eine zentrale Bescheinigung geben, welche Fähigkeiten im Rahmen der kirchlichen Ausbildung erworben wurden. Vorarbeiten dazu sind bereits vor einiger Zeit von Vikarskursen geleistet worden und liegen der Abteilung I vor. Diese müssten nur angepasst oder überarbeitet werden. Es ist darüber hinaus aber auch nötig, dass jedeR Einzelne ein aussagekräftiges Zeugnis erhält, mit welchem eine Bewerbung auf dem freien Markt möglich ist. Dies sollte sich entsprechend der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder (Vikariat, Probedienst, ggf. Sonderdienst) ausdifferenzieren lassen. Hier bedarf es gerade auch der Beratung der Gemeinden und Anstellungsträger, um aus den vielen Gutachten für Probedienst, Ordination und Anstellungsfähigkeit arbeitsmarktkonforme Zeugnisse zu erstellen. Dieser Punkt muss unverzüglich angegangen werden!

Integration des Ehrenamtes

Wer aus dem Dienst heraus ist, geht ins Ehrenamt. So zumindest der Plan, und den hört man mit, wenn es immer wieder auch heißt, dass in Zukunft mehr in der Kirche vom Ehrenamt getan werden soll. Nachdem über Jahre der Weg in dieses Ehrenamt aus anderen Motivationen gegangen wurde, kann es nun sein, dass innerhalb relativ kurzer Zeit viele PastorInnen im Ehrenamt innerhalb der Kirche integriert werden müssen. Denn auch wenn es möglich ist, dass ein gewisser Prozentsatz des „theologischen Nachwuchses“ der Kirche den Rücken kehrt – vor allem, wenn es keine realistische Möglichkeit gibt, mit der einmal erworbenen Ordination oder Anstellungsfähigkeit tatsächlich irgendwann später eine Pfarrstelle zu bekommen – so steht doch zu erwarten, dass viele ihre Ordinationsrechte aufrecht erhalten wollen. In diesem Fall stellt sich die Frage, wie diese Gruppe innerhalb der EKiR ihren Platz findet. Wie sind die Gemeinden und KollegInnen im Amt bereit, die PastorInnen im Ehrenamt zu integrieren? Welche Rolle sollen sie bei Presbyterien und Ausschüssen spielen? Handelt es sich dann noch um TheologInnen oder um qualifizierte Gemeindeglieder? Wie wird Dienst verteilt, wer entscheidet über Gottesdienste und andere Formen der Kooperation? All dies wird das Bild der PfarrerInnen verändern und wir müssen uns bald daran machen, diese Fragen anzugehen, wenn wir einerseits den PastorInnen im Ehrenamt einen sinnvollen Platz in dieser Kirche eröffnen wollen und wenn es andererseits darum geht, den KollegInnen des „theologischen Nachwuchses“ die Perspektive jenseits der Verbeamtung vorstellbar zu machen. Gerade hier sind wir auch auf die Mithilfe all derer angewiesen, die bereits den Weg im Ehrenamt gehen und davon berichten können!

Umstrukturierung Studium und Vikariat

Mittelfristig wird es auch darum gehen, die Inhalte in Studium und Vikariat so umzugestalten, dass beide Teile der Ausbildung zum Pfarramt auch für diejenigen Menschen interessant bleiben, die keine Aussicht auf Übernahme haben. Da die Zahl derjenigen, die nach dem Vikariat übernommen werden, trotz allem gering bleiben wird – auch wenn es eine solche Zahl sein muss, dass sich das Studium mit Blick aufs Pfarramt überhaupt lohnt – muss sich hier eine deutlicher Öffnung auch zu anderen Berufsfeldern ergeben, um die Zahl der Studierenden potentiell so hoch zu halten, dass die Fakultäten und Ausbildungseinrichtungen ihren Betrieb überhaupt sinnvoll aufrecht erhalten können. Hier wird eine Kirche, die nicht mehr eine große Zahl von TheologInnen in den Pfarrdienst übernehmen kann, bei ihren Einflussmöglichkeiten in die Studieninhalte Abstriche machen müssen. Ebenso muss auch im Vikariat die Möglichkeit erweitert werden, auch in anderen Berufsfeldern die erworbenen Qualifikationen einsetzen zu können, will man eine ausreichende Zahl an VikarInnen halten, aus denen ggf. ausgewählt werden soll.

… das andere nicht lassen

Generell erscheint es sinnvoll, effektivere Möglichkeiten zur Personalplanung einzuführen. Auch eine Auswahl aus den KandidatInnen für das Pfarramt gemäß der strukturellen Bedürfnisse der Kirchenkreise und der Landeskirche erscheint sinnvoll. An dieser Stelle sind die neuen Überlegungen zu begrüßen, wenn sie dazu führen, dass die Kriterien zur Auswahl und zur Besetzung offen und klar dargelegt werden und so eine spezifischere Bewerbung und Profilierung ermöglichen. Das Interesse, ein „geschlossenes System“ der PfarrerInnenbesetzung zu schaffen, bei dem die Landeskirche den Zugang über die Pfarrer zur besonderen Verwendung regelt, d.h. nur aus einem zentral gesteuerten Pool eine Pfarrstellenbesetzung möglich ist, wie von AG II angedacht, stellt dabei eine sehr weit reichende Neugestaltung dar, über deren Konsequenzen auf allen Ebenen noch geredet werden muss. In jedem Fall müssen hier die Bestimmungen sehr klar und transparent sein, um überhaupt das Interesse am Pfarramt in Zukunft zu erhalten und den Geruch von Mauschelei oder ähnlichem zu vermeiden.

Rückkehrmöglichkeiten

Wie immer das Verfahren des Zugangs neu geregelt werden wird, bleibt entscheidend, dass diejenigen, die jetzt nicht in den geplanten Pool oder auf eine Stelle kommen zu einem späteren Zeitpunkt eine realistische Möglichkeit behalten, sich erneut für den kirchlichen Dienst zu bewerben. Zum einen hängt daran sicher für viele, inwieweit sich ein Erhalt der Ordinationsrechte mit den damit verbundenen Pflichten überhaupt noch lohnt. Zum anderen wäre die Kirche auch schlecht beraten, wenn sie die zusätzlichen Qualifikationen, welche diese Gruppe dann anderweitig erwirbt, sich nicht potentiell auch wieder zugute kommen lässt. Sollte diese Frage nicht befriedigend gelöst werden, wird der Druck auf den „theologischen Nachwuchs“ nur noch destruktiv und es ist auch damit zu rechnen, dass diejenigen, die so die Kirche verlassen, in ihren neuen Stellen keine positiven Multiplikatoren für die Interessen der EKiR sein werden. Auch der Druck unter den künftigen VikarInnen wäre dann so hoch, dass das Vikariat keine eigenständige Ausbildungsphase mehr wäre, sondern nur ein Marathon um eine Stelle – bei zweifelhaftem Ausgang.

Auswahlverfahren

Andererseits könnte ein durchdachtes Auswahlverfahren in Verbindung mit der späteren Rückkehroption eine sinnvolle Stufe in der beruflichen Biographie der jungen TheologInnen darstellen. Einerseits wird so – im Gegensatz zur EKvW – allen ermöglicht, ihre Berufsausbildung abzuschließen. Zwar sollte auch während des Studiums und nach dem Ersten Examen eine geeignete Beratung im Blick auf die Pfarramtsperspektive stattfinden, aber indem die Aufnahme in den kirchlichen Dienst von den Examen entkoppelt wird, wird ermöglicht, dass die einzelnen Ausbildungsphasen in sich sinnvoll bleiben und nicht zu einer einzigen Kette von „Selektionen“ werden, deren inhaltliche Ausrichtung nicht mehr vermittelbar ist. Erfahrungen aus den englischen und skandinavischen Kirchen zeigen zudem, dass es sinnvoll wäre, an den Anfang des Vikariats eine erste Beratung oder „Potentialanalyse“ zu stellen, um den VikarInnen ihre Stärken – die sie ausbauen sollten – und ihre Schwächen – an denen sie im Vikariat arbeiten könnten – aufzuzeigen, ehe nach dem Zweiten Examen dann wiederum die Potentiale festgestellt werden. Diese Analyse kann dann mit einer Berufsberatung verbunden sein, deren eines Ergebnis das Pfarramt, andere Ergebnisse auf andere Berufsfelder verweisen. An dieser Stelle gilt es, aus den Fehlern anderer Kirchen bei Assessmentzentren und ähnlichem zu lernen. Auch hier ist absolute Transparenz nötig!

EKD-Öffnung

Bereits ins Gespräch gebracht wurde die längst überfällige Öffnung der Grenzen der Landeskirchen für BewerberInnen mit Anstellungsfähigkeit, bzw. generell. Aus einer EKD weiten Erhebung soll hervorgehen, dass in einigen Jahren um die 200 Pfarrstellen in anderen Landeskirchen nicht aus dem eigenen Nachwuchs besetzt werden können. Abgesehen davon, dass solche langfristigen Statistiken und Prognosen ähnlich verlässlich erscheinen wie das rheinische Mantra, stellt sich die Frage, wie diese Landeskirchen dann verfahren werden. Zudem ist der Gedanke nicht neu und die EKiR gehörte nicht zu den Kirchen, die sich für eine Öffnung stark machten, als TheologInnen aus Sachsen, Westfalen oder Nordelbien in Not waren und anfragten. Es wir abzuwarten sein, was sich hier realistisch tut, eine planbare Perspektive scheint es zur Zeit auf jeden Fall nicht zu sein.

Alternative Beschäftigungsmuster

Weitergehend sind Überlegungen, ob es neben dem bisherigen „Normalfall“ der Verbeamtung auf kreiskirchlicher oder gemeindlicher Ebene andere Anstellungsformen geben kann. Einerseits könnten Stellen mit Mischfinanzierungen (Sponsoring, Kirchenkreismittel, anderes Fundraising) eingerichtet werden, andererseits könnten Gemeinden gezielt befristete Stellen einrichten, bzw. Stellen schaffen, die sich außerhalb der bisherigen Teildienstverhältnisse bewegen, wenn es dafür einerseits Bedarf, andererseits BewerberInnen gibt. Hier gilt es den rechtlichen Rahmen neu zu definieren und auch wiederum die Art der Einbindung solcher Personen innerhalb der kirchlichen Strukturen zu überdenken. Allerdings ist an dieser Stelle auch darauf aufmerksam zu machen, dass sich bereits jetzt viele auch der verbeamteten KollegInnen auf 50 % und 75 % Stellen sitzen und dabei nicht immer auf Zufinanzierung durch (Ehe-)PartnerInnen setzen können. Hier treten verschiedene Bedürftigkeiten in Konkurrenz zueinander, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen sollten. Hier ist – wie auch im übrigen Feld – sozialethische Kompetenz gefragt. Dennoch könnte dies ein Bereich sein, in dem weitere Überlegungen neben dem Beamtenrecht sinnvoll werden können.

Verhältnis von Alt und Neu

Den größten Spielraum hat die Landeskirche an der Stelle, an der sie das Verhältnis von VikarInnen und KollegInnen mit erlangter Anstellungsfähigkeit zueinander bestimmt, wenn es um die Aufnahme in den „Stellenpool“ der Landeskirche geht. Hier sehr genau über die Zahlen nachzudenken und sie offen zu legen, was den jährlichen Bedarf oder die gewünschten Zugänge angeht, lässt sich leicht bewerkstelligen und sollte im Zuge der anstehenden Überlegungen als erstes geprüft werden. Aber auch hier gilt: VikarInnen, Anstellungsfähige und WarteständlerInnen konkurrieren und alle sind auf ihre Weise in der Not, Stellen zu finden. Dies kann nicht in einem Kampf aller gegen alle ausgetragen werden, sondern verlangt politische Entscheidungen, wechselseitige Solidarität und Offenheit in der Entscheidungsfindung. Die kommenden Monate in den Kreissynoden und auf landeskirchlicher Ebene sind hier entscheidend.

Der Vorhang zu und viele Fragen offen

Am Ende bleibt also vieles noch unklar: Strukturelle Fragen nach der „Lost Generation“, das Verhältnis von Personalentwicklung und finanzieller Stabilität, die Gültigkeit der erworbenen Anstellungsfähigkeit und anderes mehr. Grundsätzlich entsteht neue Bewegung, wenn den KollegInnen im Amt und den Aspiranten deutlich wird, dass weniger Gehalt bei mehr KollegInnen ein Plus an Lebensqualität bedeuten könnte, worüber sich zu streiten lohnt – nachdem nur wenige sich in der Vergangenheit von Argumenten wie „Solidarität“ u.ä. bewegen ließen, über freiwillige Gehaltsverzichte nachzudenken. So bleibt es dem Konvent eine interessante Frage, was durchgerechnet ein Solidaritätszuschlag von 5 % bei PfarrerInnen in vollen Stellen an Mitteln freisetzte, was eine Anfangsreduktion von 20 % bei neuen Besetzungen auf volle Stellen einbrächte – uns liegen die entsprechenden Daten aufgrund des Datenschutzes nicht vor.
Drängender aber sind zwei Motivationsfragen, um die sich der Konvent kümmert, bei der aber die solidarische Hilfe der Geschwister in Stellen und Gemeinden gefordert ist:
Welche realen Perspektiven gibt es für PfarrerInnen außerhalb der Kirche? Wie ist daran zu kommen? Der Konvent führt derzeit in Zusammenarbeit mit Abteilung I eine Umfrage unter den PastorInnen im Ehrenamt durch, um zu erheben, wo diese tätig sind, wie sie ihren Wechsel einschätzen und welche Ratschläge sie geben können. Die Ergebnisse sollen auf einem Studientag zum Thema Ehrenamt vorgestellt werden, bei dem auch die anderen Fragen zum Ehrenamt Thema werden sollen. Die Ergebnisse sollten dann in die Fortbildungsfragen und Qualifizierungsmaßnahmen einfließen. An dieser Stelle muss erwartet werden, dass Gemeinden und Anstellungsträger den Betroffenen den Raum freigeben, um sich entsprechend zu qualifizieren.
Die andere Frage ist die nach der Motivation: Wie gelingt es, den Betroffenen in Vikariat, Probedienst und Sonderdienst die Motivation für ihr Tun in dieser Kirche zu erhalten? Deutlich werden muss, dass die erbrachten Leistungen, die erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen sich auch außerhalb der Kirche nutzen lassen. Und deutlich werden muss auch, dass ihre Arbeit anerkannt wird und jetzt gebraucht wird, ohne in Zukunft ein vergebener Einsatz von Lebenszeit zu sein. Hier kann man mit Einsicht wenig tun, es bleibt auch emotional eine Frage, die alle in Gemeinden und Dienststellen angeht. Gewiss ist, dass der „theologische Nachwuchs“, der durch Gehaltskürzungen, verlängerten Probedienst und anderes mehr gegangen ist, nun wieder eine Erfahrung bewältigen muss, die die meisten KollegInnen im Amt nicht gemacht haben.
Die Fragen bleiben, die Aufgabe, mit den neuen Vorschlägen umzugehen, auch. Der Konvent wird versuchen in der Zusammenarbeit mit allen, die daran interessiert sind, hier weiter zu machen und nach Lösungen zu suchen. Für die meisten von „uns“ bleibt am Ende, dass wir uns einen anderen Beruf suchen müssen, denn der Weg ins Pfarramt wird nur sehr wenigen offen stehen – unabhängig der bereits erworbenen Fähigkeiten und der persönlichen Situation. Die anderen werden sich in einer sich rapide verändernden Kirche wieder finden, die den Beruf des Pfarrers und der Pfarrerin noch einmal ganz neu entwerfen muss.
Abschließend sei angemerkt, dass es nach allen meinen Erfahrungen aus diversen Reformprozessen und Systemerneuerungen, mehr als zweifelhaft scheint, dass sich ein großer Wurf – wie auch immer er im Detail vorbereitete wird – beim ersten Ansatz umsetzen lässt. So gilt für den Konvent, wie auch für alle anderen, solange die Vorschläge auf dem Tisch liegen, diskutiert werden und nach und nach umgesetzt werden, was Winston Churchill an die Memos seiner Mitarbeiter schrieb: K.B.O. (keep buggering on – weiter dran rumfummeln). ☐

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Solus Christus

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Okko HerlynOkko Herlyn

Spuren protestantischer Identität I:

Solus Christus

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Diese Worte Martin Luthers sind für viele Generationen evangelischer Christen Ausdruck ihrer protestantischen Identität gewesen. Protestantismus, so haben wir es gelernt, das hat etwas mit Protest zu tun, mit Rückgrat und Zivilcourage, mit einem Einstehen für die Wahrheit und einer unbedingten Bindung an das Gewissen, mit Unbeugsamkeit und Prinzipientreue.
Einfach „nicht anders zu können“ kann allerdings auch Ausdruck von Unbelehrbarkeit, von innerer Starre, von geistiger Enge und unerträglicher Borniertheit sein. Aber: Luther konnte nicht deshalb „nicht anders“, weil er nun einmal solch ein Dickschädel war, sondern weil er von etwas Anderem, genauer: von einer anderen Wahrheit als der, die ihm täglich drohend entgegentrat, ergriffen worden war. In den berühmten „Solus-Formeln“ sind sie auf den Begriff gebracht: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide. Wir wollen ihnen im Hinblick auf heute noch einmal nachspüren.
Die grundlegende Erkenntnis Martin Luthers war schlicht die Entdeckung, dass jene Wahrheit einen Namen hat: Jesus Christus. Diese Erkenntnis war zu seiner Zeit deshalb nicht selbstverständlich, weil er sich einer Kirche gegenübersah, die von sich aus die Wahrheit gepachtet zu haben schien und sie deshalb machtvoll und wohldosiert meinte verteilen zu können: durch repressive Bußpraktiken, einträglichen Ablasshandel, verordnetes Denken und vorgeschriebene Frömmigkeitsformen. Dagegen Luthers grundlegende Entdeckung: solus Christus. Die Wahrheit, um deretwillen es nötig ist, „nicht anders zu können“, haben wir gar nicht, hat auch die Kirche nicht. Sie liegt allein bei Gott, der sie uns in Jesus Christus allerdings hat wissen lassen.
Welche Bedeutung hat diese erste Erinnerung an das Erbe der Reformation für uns, die wir in einer sehr anderen Zeit leben? Das feindliche Gegenüber zur römischen Kirche ist – Gott sei es gedankt – lange vorbei. Und auch sonst scheint weit und breit niemand in Sicht, der die Wahrheit für sich gepachtet zu haben meint, dem man nun also in neuer Weise das „solus Christus“ entgegenschleudern müsste. Im Gegenteil: Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der es überhaupt keine – und schon gar keine alleinige – Wahrheit mehr zu geben scheint. Was wahr und richtig ist, hat in Zeiten der Pluralisierung jeder für sich zu entscheiden: „Was Gott ist, bestimme ich.“ Und dabei darf es dann religiöserseits durchaus auch von allem etwas sein. Hier ein bisschen protestantische Rationalität, dort ein wenig katholische Sinnenfreude, hier ein bisschen fernöstliche Mystik, dort ein wenig Rückkehr zur Naturreligion, hier ein bisschen jüdische Kultur, dort ein wenig islamische Mythen – „patchwork religion“: religiöse Wahrheit nach Art eines selbstgefertigten Flickenteppichs.
„Solus Christus“ meint schlicht: Was Gott ist, bestimme nicht ich, sondern Gott selbst. Und was sich als herrliche Freiheit des religiösen „anything goes“ aufplustert, könnte sich am Ende als üble Tyrannei entpuppen, die den Menschen in eine heillose Überforderung und Einsamkeit stürzt. Es könnte doch befreiend sein, zu wissen, dass die Wahrheit mir vorgegeben ist, dass ich sie gerade nicht ständig neu erfinden muss, dass ich mich auf sie verlassen kann, wie ein Kind sich auf die Liebe der Mutter verlässt, die es ja auch nicht ständig neu erfinden und für sich konstruieren muss.
Wenn sich eine protestantische Gemeinde heute neu der Wahrheit des „solus Christus“ verpflichtet weiß, dann nicht um eines Prinzips religiöser Intoleranz, sondern nur um der Erkenntnis willen, dass es – gerade auch für den heillos und grausam auf sich selbst zurückgeworfenen modernen Menschen – im Tiefsten heilsam ist, sich einer anderen Wahrheit, einer anderen bergenden Macht, einer anderen Liebe anzuvertrauen. Ob uns diese Erkenntnis überall Freunde und Freundinnen bescheren wird, steht dahin. Aber das hatten wir ja schon einmal mit der Erinnerung an jenes „Ich kann nicht anders …“. Unbeugsamkeit kann eben auch ihr Gutes haben. ☐

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Dorfkirche zum selber Basteln!

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DorfkircheDorfkirche zum selber Basteln!

Bauen Sie auf die Rheinische Dorfkirche der Zukunft !!!
Sehr geehrte Synodale, verehrte Kolleginnen und Kollegen mit und ohne Beamtenstatus auf Lebenszeit!
Sie mussten leider ihre Kirche an das Theater von nebenan verkaufen? Sie hatten kein Geld mehr für Küsterin und Heizkosten?
Macht nichts:
Die Pappkirche der EKiR lässt sich problemlos überall hin mitnehmen und aufstellen, sie passt in die Handtasche und auf den Nachttisch. Nirgendwo müssen Sie auf „geistlichen Raum“ für spirituelle Übungen verzichten, und die Kirche ist pflegeleicht: Sie braucht weder Heizung noch Küsterdienst noch Organisten. Dafür pflegt sie Ihre spirituellen Bedürfnisse in privater Atmosphäre.
Sie fahren durch den Hunsrück und werden gebeten, als sogenannter: PfarrerIn i.E.a.D. (PfarrerIn im Ehrenamt auf der Durchreise) schnell noch das ein oder andere Kind zu taufen?
Kein Problem: mit der praktischen EKiR-Pappkirche lässt sich in Windeseile ein angemessenes Ambiente schaffen.
Sie ist zwar nicht wasserfest, aber dafür mit einfachsten Mitteln (Kopierer!!) beliebig reproduzierbar. Auch ist auf dem formschönen Kirchturmdach noch ausreichend Platz, um den Taufspruch einzudrucken.
Gleiches gilt für Konfirmationssprüche, auch wenn für KonfirmandeInnen eine Vorlage aus dickerer Pappe von Vorteil sein dürfte.
Ihnen fehlt bei diesem visionären Konzept die menschliche Nähe? Die Gemeinschaft der Glaubenden? Der Austausch über religiöse und ethische Fragen? Sie haben andere Vorstellungen von der Rheinischen Kirche der Zukunft?
Da geht es Ihnen ja ganz wie uns! Sie sitzen schon im richtigen Gremium!
Bitte tun Sie etwas Mutiges und Visionäres, damit Kirche weiter lebendige Kirche ist! Danke! ☐

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