TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 79

editorial

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Liebe Leserinnen und Leser,

das letzte Heft im Jahr, unser „Weihnachtsheft liegt vor Ihnen. Da Weihnachten seit der lukanischen Weihnachtsgeschichte durch die Übertragung des Heilandstitels auf das Kind in der Krippe auch eine politische, ja eine Revolutionsgeschichte ist, lenken wir Ihre Aufmerksamkeit zunächst auf den Innenteil. Er enthält unsere Weihnachtsgeschichte für Sie und euch: „Das Ganze verändern“ ist das Ergebnis eines intensiven Diskussionsprozesses, den das Ökumenische Netz Mittelrhein-Mosel-Saar e.V. angestoßen und im Sommer diesen Jahres abgeschlossen hat. Sein Ergebnis ist lesens- und bedenkenswert – besonders für Christen und Kirchenleute –, holt er doch den „Kapitalismus“ aus der Sozialethik heraus und macht ihn zu einem Fall des ersten und dritten Artikels, der Gottesfrage und des Menschenbildes.

Ein „Weihnachtsmärchen“ für Kinder und Erwachsene finden Sie auch in dem Heft: „Die Geschichte von Herrn Müller“. Sie ist wie alle Märchen leider wahr.

Leider wahr ist auch die Tatsache, dass ausgebildete Theologen und Theologinnen, die 10 Jahre qualifizierte Arbeit als PastorInnen im Sonderdienst geleistet haben, nun im Alter um die 40 herum aus dem Kirchlichen Dienst in die Arbeitslosigkeit entlassen werden. Das ist ein Ergebnis mangelnder Personalplanung und mangelnder Personalbetreuung, denn wir erkennen in Düsseldorf kein Konzept, das diesen Frauen und Männern eine berufliche Lebensperspektive innerhalb oder außerhalb der Kirche eröffnet. Geschwisterlichkeit im Umgang mit ihnen ist auch zu vermissen. Welche Mitglieder der Landessynode nehmen sich dieser Frage an?

Das TINA-Syndrom („there is no alternative“, es gibt keine Alternative) gewinnt auch in den Kirchen immer mehr Raum. Im Oktober 2005 haben sich Christen, Gruppen und Vereinigungen – vornehmlich aus dem Bereich der Westfälischen Kirche – in Gelsenkirchen zu einem Alternativen Kirchengipfel getroffen und wichtige Kriterien und Perspektiven für eine transparente, solidarische und gerechte Kirche festgehalten. Niemand, der Verantwortung in der Kirche hat, muss ihnen zustimmen oder sie als Handlungsmaxime übernehmen, aber zur Kenntnis nehmen muss er sie und sich mit ihnen auseinandersetzen.

Rheinland und Westfalen sind eine kleine Provinz in der weltweiten Ökumene. Dass deren Weltsynode – die neunte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen – im Februar 2006 in Porto Alegre/Brasilien vor der Tür steht, daran konnten wir nicht ohne Beiträge vorbeigehen. Gert Rüppell hat auf der Ökumenischen Versammlung in Oberhausen am 22. Oktober 2005 die ökumenische Situation und die gegenwärtigen ökumenischen Fragestellungen mit seiner Sachkenntnis als Mitarbeiter im Stab des ÖRK aufgezeigt. Sein Beitrag macht Appetit, das Geschehen in Porto Alegre zu beobachten und dessen Ergebnisse zu beachten. Transparent wird zum vierten Mal in Folge auf einer Vollversammlung vertreten sein.

Schließlich die Solidarische Kirche im Rheinland. „Bibel in gerechter Sprache“ – damit beschäftigt sie Frauen und Männer auf einer Tagung im Januar 2006. Am 2. September diesen Jahres vollendete Friedhelm Meyer – langjähriger Sprecher der Solidarischen Kirche und Autor in Transparent – sein 70. Lebensjahr. Wir sagen ihm auf diesem Wege zum Rest seines neuen Lebensjahres einen herzlichen Segenswunsch.

Segen – die Fülle des Lebens – wünschen wir am Ende des Jahres 2005 auch Ihnen, die Sie Transparent bezahlen und lesen. Für 2006 wünschen wir uns von Ihnen eine Fülle von Reaktionen, damit wir wissen, woran wir mit Ihnen sind.

Die Redaktion

Kommentar schreiben (0 Kommentare)

Zehn Jahre Sonderdienst und tschüss …

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Zehn Jahre Sonderdienst und tschüss …

Die ersten Frauen und Männer aus dem sog. Sonderdienst, die keine Pfarrstelle in der Evangelischen Kirche im Rheinland gefunden haben, sind aus dem Kirchlichen Dienst in die Arbeitslosigkeit entlassen worden. Das ist nicht nur eine zusätzliche Nachricht über arbeitslose Menschen in dieser Gesellschaft und in unserer Kirche, sondern das ist ein skandalöser Vorgang – aus mehreren Gründen.
Als der Sonderdienst eingerichtet wurde, konnten alle, die in diesem Rahmen in der Kirche gearbeitet haben, damit rechnen, über kurz oder lang in eine Pfarrstelle gewählt zu werden. Das ist in der Regel auch geschehen. Auch die Männer und Frauen, die vor zehn oder fünf Jahren in den Sonderdienst eintraten, taten es mit dieser Perspektive. Äußerungen aus Landeskirchenamt, Kirchenleitung und Landessynode ließen einen anderen Schluss nicht zu.
Noch 1996 ging die Landessynode davon aus, dass die SonderdienstlerInnen nach 2005 in der Rheinischen Kirche gebraucht werden. Der Sonderdienst war gedacht als Instrument, auf qualifizierte PfarrerInnen zurückgreifen zu können, wenn es nicht mehr genug BewerberInnen auf Pfarrstellen gibt.
Diese Männer und Frauen gingen vielfach bewusst in die neuen kirchlichen Arbeitsfelder, weil sie dort in für die Kirche zukunftsfähigen Feldern arbeiten wollten oder auch, weil sie dort eine Arbeit fanden, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprach. Auch von der Kirche wurden diese Bereiche als wesentliche Arbeitsfelder angesehen, die nicht nur vorübergehend bearbeitet werden müssen. So wurde konsequenterweise für SonderdienstlerInnen ein Bewerbungsmoratorium von drei Jahren eingeführt. Diese Frist ist Ausdruck für die Hochschätzung des Sonderdienstes, in dem die Landeskirche kontinuierliche Arbeit und nicht nur ein Sprungbrett in eine Pfarrstelle aufstellen wollte. Das Motiv, den zahlreichen Theo­logInnen ohne Wartezeit und Auswahl in der Kirche Arbeit zu geben und sie nicht nach Studium, Ausbildung und zwei Examen „verhungern“ zu lassen, gab es bei der Schaffung des Sonderdienstes auch.
Und die jungen Frauen und Männer gingen mit Elan in den Sonderdienst, einige auch, obwohl sie sich in eine Pfarrstelle hätten wählen lassen können. Sie gingen in diese neuen Felder, obwohl ihnen bei gleicher Ausbildung und Qualifikation von vorneherein ein Gehaltsverzicht von 20 Prozent zugemutet wurde und Ende der 90er Jahre deutlich war, dass ein 10jähriger Sonderdienst nicht mehr in vollem Umfang auf eine spätere Pension angerechnet würde. Sie gingen in den Sonderdienst mit der Perspektive, dass sie gebraucht werden und später eine Pfarrstelle auf Lebenszeit finden werden.
Die Landeskirche hat sie darin auch dadurch bestärkt, dass sie nicht in ein Angestelltenverhältnis, sondern nach einem beamtenrechtlichen Verhältnis eingestellt wurden. Das macht nur Sinn, wenn alle Beteiligten davon ausgehen, dass der Sonderdienst einmal in ein Pfarrerkirchenbeamtenverhältnis mündet. Dass junge BerufsanfängerInnen erst einmal in der Kirche arbeiten wollen und sich darum wenig Gedanken über Sozial-, Kranken- und Altersversicherung machen, spricht nicht gegen, sondern für sie. Aber von Juristen im Landeskirchenamt ist zu erwarten, dass sie die Konsequenzen dieses besonderen beamtenrechtlichen Status, wenn es denn nicht in eine Pfarrstelle mündet, übersehen und transparent machen. Wenn sie jetzt Betroffene darauf hinweisen, dass der Sonderdienst ein befristetes Beschäftigungsverhältnis ohne Anspruch auf Weiterbeschäftigung ist, so müssen sie sich der Frage stellen, warum er gerade deswegen nicht als Angestelltenverhältnis begründet wurde. Spätestens nachdem im Landeskirchenamt laut gedacht wurde, dass nicht alle SonderdienstlerInnen eine Pfarrstelle finden werden, hätte der Hebel umgelegt werden müssen. Aber nein, noch heute werden Frauen und Männer für fünf Jahre in den Sonderdienst aufgenommen – nach beamtenrechtlichen Grundsätzen.
Was das im Falle der Arbeitslosigkeit bedeutet, wenn sie nicht über einen Ehepartner/ Ehepartnerin abgesichert sind, können sich alle Beteiligten von Entlassenen vor Augen führen lassen.
  • Arbeitslosengeld wird nicht gezahlt, da in die Arbeitslosenversicherung wegen des beamtenrechtlichen Status nichts eingezahlt wurde.
  • Arbeitslosengeld II bzw. Hartz IV gibt es nicht sofort, da die Betroffenen für drei bzw. sechs Monate Übergangsgeld erhalten, das auf das Jahr hochgerechnet wird, so dass im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit auch die „Sozialhilfe“ wegfällt.
  • Niemand ohne Einkommen kann die private Krankenversicherung zu 100 Prozent finanzieren, nachdem die Beihilfe wegfällt. Eine neue Krankenversicherung muss im Alter zwischen 40 und 45 Jahren gefunden werden.
  • Unterstützung von der Arbeitsagentur für Selbständigkeit in einer freien Berufspraxis gibt es ebenfalls nicht, da nichts eingezahlt wurde.

„Ich kann das Gejammer der Theologen nicht mehr hören. Überall muss gespart werden und andere Leute werden auch arbeitslos, selbst in der Kirche. Da merken die TheologInnen auch mal, wie hart es in der Welt zugeht“. So argumentieren selbst PresbyterInnen und Synodale.
Das ist im Blick auf die finanzielle Situation und die Einnahmenseite der Kirche so lange zu hinterfragen, als es in der Kirche keine ernsthaften Anstrengungen gibt, die Einnahmen der Kirche zu verbessern bzw. zu verändern. Zu dieser Frage gibt es im letzten Heft von Transparent (Nr. 78/2005) eine Menge nachzulesen (Brutto- statt Nettobezug, Änderung des Hebesatzes, Kultursteuer u.a.). Mit Blick auf die jetzt betroffenen Theo­logInnen ist solche Redeweise zynisch, da sie seinerzeit für das Theologiestudium geworben wurden und in den kirchlichen Dienst traten mit der Perspektive „lebenslänglicher“ Anstellung. Wo soll denn ein(e) 40 jährige Theologe/Theologin außerhalb der Kirche eine Anstellung finden mit seiner/ihrer theo­logischen Qualifikation? Um auf dem weltlichen Arbeitsmarkt eine Chance zu haben, müsste es für die Betroffenen eine langfristige Vorbereitung/Zusatzqualifikation geben. Eine Selbstverständlichkeit auf dem weltlichen Arbeitsmarkt wird den SonderdienstlerInnen nicht gewährt. Sie erhalten kein Zeugnis über ihre Kompetenzen und Qualifikationen über 10 Jahre Arbeit als PastorIn. Ohne solch ein Zeugnis braucht mensch an den weltlichen Arbeitsmarkt gar nicht erst heranzutreten.
Andere von Arbeitslosigkeit betroffene kirchliche MitarbeiterInnen, die nicht nur eine kirchliche Qualifikation haben, haben auf diesem Markt zumindest eine Chance. Ihre Probleme sollen mit diesem Hinweis nicht bagatellisiert werden.
Sie haben zumindest eine Chance. Die haben SonderdienstlerInnen noch nicht einmal auf dem kirchlichen Arbeitsmarkt. Denn offensichtlich gibt es so etwas wie eine interne Absprache im Landeskirchenamt und der Kirchenleitung, dass SonderdienstlerInnen bei von der Kirchenleitung zu besetzenden Pfarrstellen im Falle von Bewerbungen aussortiert werden – zugunsten der langen Liste der WarteständlerInnen. So wird den SonderdienstlerInnen auch diese Chance genommen, eine Pfarrstelle zu finden, für die sie ausgebildet und durch eine unter Umständen zehnjährige Berufserfahrung hochgradig qualifiziert sind.

Wir fragen:

  • Woran liegt es, dass die betroffenen Menschen sich von ihrer Kirche verlassen fühlen? Gibt es in Düsseldorf ernsthafte Überlegungen und Anstrengungen, für sie eine Perspektive im kirchlichen Dienst zu entwickeln (brain storming, think tank) ?
  • Wird in Düsseldorf den Betroffenen zugestanden, dass jeder Fall anders liegt und personbezogene Lösungen gefunden werden müssen? Wird dort verstanden, dass Personaldezernat auch Personalbetreuung beinhaltet?
  • Mit welchen Arbeitsagenturen in den „Rheinischen Bundesländern“ gibt es Arbeitskontakte, um ausscheidende SonderdienstlerInnen für den weltlichen Arbeitsmarkt zu qualifizieren?
  • Noch sind es relativ wenig Betroffene, aber die Zahl wird steigen, denn zum 1.1.2005 gab es 148 Menschen im Sonderdienst. Wäre es nicht an der Zeit, ein landeskirchliches Mitbestimmungsgremium für SonderdienstlerInnen zu installieren?
  • Und wie viel PfarrerInnen z.A. (zur Anstellung) laufen auf Arbeitslosigkeit zu, da auch sie kaum mehr eine Pfarrstelle nach ihrer Anstellungszeit finden werden? Welche Planungen und Überlegungen gibt es für sie?
In der Werbung heißt es: „Es gibt viel zu tun, packen wir es an!“ Die Sonderdienst­lerInnen warten darauf und sie haben ein Recht darauf, dass die Kirche sich ihrer Sache im Sinne einer Lebensperspektive annimmt. ☐
Kommentar schreiben (0 Kommentare)

Wird die Vollversammlung in Porto Alegre die Ökumene begeistern?

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Gert Rüppell

Vortrag anlässlich der Ökumenischen Versammlung in Oberhausen am 22.10.2005

Wird die Vollversammlung in Porto Alegre die Ökumene begeistern?

1. Die ökumenische Situation

Will man die Frage, die diese Themenstellung beinhaltet beantworten, so gilt es sich für einen Moment die Situation dessen vor Augen zu führen, was gemeinhin mit Ökumene bezeichnet wird.
Da gibt es zunächst die Ökumene, die sich in der Einheitsbewegung der Kirchen Ausdruck verschaffen will. Wie – so muss gefragt werden – steht es angesichts der Pluralität von Kirche damit? Sieht man einmal von der beständig hervorgehobenen Finanznot für ökumenisches Engagement der Kirchen – wie sie sich im Verweis auf das Ausbleiben von Kirchensteuereinnahmen, besonders in Deutschland einen Ausdruck verschafft – ab, so stößt man auf eine relativ komplexe Situation.
Schlagwortartig kann dies, für die traditionellen Kirchen, mit dem Begriff der Rekonfessionalisierung, d.h. der Wiederbelebung der eigenen konfessionellen Interessen/Identitäten und Familienbindungen (LWB, RWB u.a.) umschrieben werden1. Hierher gehören auch die neu aufgebrochene Konflikte zwischen den westlich-protestantischen Kirchen und den östlich-orthodoxen Kirchen (insbesondere der russisch-orthodoxen Kirche), der zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirchengemeinschaft und der wachsende Konflikt zwischen der römisch-katholischen und den protestantischen Kirchen.
Für den protestantischen Bereich, dem wir hier die anglikanische Kirchengemeinschaft zuordnen, gilt dabei der Satz, dass die Ökumene scheinbar an ihrem eigenen Erfolg zugrunde geht. Zunehmend haben Übereinkünfte zwischen den verschiedenen protestantischen Richtungen dafür gesorgt, dass es zur Anerkennung von Amt und Lehre sowie Kanzelgemeinschaft kam, die jenem Streben der Mütter und Väter der ökumenischen Vision des beginnenden 20. Jh., „dass alle eins seien“, sehr nahe gekommen zu sein schien. Dem Ringen um die Einheit so scheint es, ist die Luft genommen. Man scheint, so die protestantische Position im Wesentlichen, erreicht zu haben, was man sich vorgenommen hatte.

2. Die konfessionelle Ökumene auf Einheitssuche

Dabei gilt, dass es für Protestanten leicht ist, sich mit einem ekklesiologischen (Kirchen) Verständnis von der Einheit in versöhnter Verschiedenheit abzufinden2 und damit die Kontextualität, die „Einwurzelung des Evangeliums“ in verschiedenen Kulturen, in einer Weise zu unterstreichen, wie es auch den Zielvorstellungen der ökumenischen Bewegung seit Nairobi 19753 („sichtbare Einheit“) nicht entspricht. Für die beiden anderen großen Strömungen des klassischen Christentums, Orthodoxie und Römischer Katholizismus, gilt eine derartige Argumentation von bleibender Verschiedenheit als dogmatisch unannehmbar.
So kann dies für die orthodoxen Kirchen und ihre Theologie keine Basis darstellen. Hier geht es darum, die Einheit dadurch zu erreichen, dass die Spaltungen aufgehoben werden, die die Christenheit durchzogen haben, mit anderen Worten jene „urkirchliche Gemeinschaft“ wieder hergestellt wird, die vor der ersten Trennung innerhalb der Orthodoxie, um das 3. Ökumenische Konzil (Ephesus 431), bestanden hatte. Das bedeutet eine Wiederherstellung des consensus quinquesaecularis (d.h. der in den ersten 500 Jahren gemeinsam, konziliar festgestellten Glaubenswahrheiten).
Für die römisch-katholische Kirche gilt, dass sie mit ihrem zentralistischen Kirchenverständnis päpstlicher Ausprägung weiterhin den Anspruch erhebt, jene wahre Form der Kirche zu sein, der sich die anderen (hier vor allem protestantischen Kirchen) zuzuordnen haben (vgl. „Dominus Iesus“4). Als Weltkirche, die sich faktisch in Provinzen aufteilt, bildet sie für sich eine eigene (zweite) Form der Ökumene ab.

2.1 Konfliktive Prozesse

Die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks neu aufgelebten Beziehungen zu orthodox-katholischen Kirchen in Union mit Rom, die auf russischem Territorium existieren, hat die Konflikte zwischen dem Patriarchen von Moskau und dem Vatikan verschärft, zumal die russisch-orthodoxe Kirche von dem Verständnis ausgeht, dass die Orthodoxie in Russland eine „territoriale Form des Christentums“ (kanonisches Territorium) ist, d.h. die Orthodoxie ist die Religion des russischen Volkes5. Ferner sah sich die russisch-orthodoxe Kirche kurz nach dem Fall des Sozialismus scharfer interner Kritik ausgesetzt, indem die Traditionalisten jene im Moskauer Patriarchat angriffen, die sich wenig um die Erhaltung des Glaubens in Russland unter der sozialistischen Verfolgung gekümmert hätten, sondern vielmehr auf ökumenischen Konferenzen antichambriert hätten. Diese interne Auseinandersetzung führte die Heilige Synode dazu, eine distanziertere Grundhaltung der Ökumene gegenüber einzunehmen, ohne jedoch, wie dies dann in Georgien und Bulgarien geschah, den ÖRK zu verlassen. Die Stellungnahme der Heiligen Synode zu den „Beziehungen mit Nicht-Orthodoxen Christen“6 ist letztlich im Ton ebenso eindeutig, was die Nicht-Anerkennung aller nicht-orthodoxen kirchlichen Gemeinschaften angeht, wie das römisch-katholische Dokument.
Vor diesem Hintergrund musste die Sonderkommission zur Mitarbeit der Orthodoxen Kirchen im ÖRK (s.u.) besondere Bedeutung haben. Ging es in ihr doch auch darum, wie Erzbischof Longin von Klein es formulierte, Wunschbilder von einer „pflegeleichten“ und „ökumenetauglichen“ Orthodoxie zurechtzurücken und einen echten ökumenischen Dialog zu beginnen.7 Ihre Ergebnisse werden die Vollversammlung von Porto Alegre, nicht nur im Abstimmungsverhalten (Konsensprinzip) stark beeinflussen. Diese in Harare 1998 ins Leben gerufene Sonderkommission wurde von den 50 % orthodoxen Mitgliedern und den 50 % protestantischen Mitgliedern als Möglichkeit empfunden, ihre Gespräche in einem Rahmen zu führen, in dem ohne Druck um jenes von Bischof Longin eingeforderte gegenseitige Verständnis gerungen werden konnte. Ihre Ergebnisse (nicht nur die Konsensusmethodik und Gottesdienstfragen), die auf der Vollversammlung eine wichtige Rolle spielen werden, stellten zweifels­ohne Ergebnisse vor, die so manchem/
mancher nicht reichten, die die ökumenische Bewegung als viel weiter vorangeschritten einschätzten. Jedoch zeigten die Ergebnisse auch, dass oftmals von protestantischen Majoritäten dominierte Prozesse der Ökumene dazu geführt haben, dass andere Kirchen abgehängt wurden. Dabei galt dies, das sei hier angemerkt, nicht nur für die Orthodoxe Kirche, sondern auch für manche Minderheitskirchen.
Nun mag das Ergebnis der Kommission für viele ein Rückschritt sein. Aber paradoxerweise ist es ein Rückschritt in die Zukunft. Eine Zukunft besseren gegenseitigen Verständnisses und besseren Kooperationswillens. Ein wichtiges Ergebnis dieser Gespräche ist, dass der ÖRK ab 2004 in allen Fragen, außer Finanzfragen, auf das westlich, presbyterianisch bestimmte Abstimmungsverfahren nach Mehrheiten verzichtet und im Konsensverfahren entscheidet. Ein Verfahren, dass im Übrigen auch von einigen protestantischen Kirchen angewendet wird. Dieser Abstimmungsmodus wird erstmalig in Porto Alegre für eine Vollversammlung angewandt, und es wird spannend werden zu beobachten, wie sich dabei die zukünftige programmatische Arbeit der Ökumene gestaltet.

2.2 Wo stehen wir demnach vor Porto Alegre?

Es kann festgehalten werden, dass sich vor Porto Alegre die ökumenische Situation der klassischen, so genannten „mainstream“ Kirchen, abgesehen von einigen protestantischen Unionen, nicht wesentlich verändert hat. Weiterhin betrachtet man sich mit Skepsis, sucht nach Vergleichbarkeiten ohne ein Quäntchen an Identität, wie sie jeweils begriffen wird, aufgeben zu müssen. Ein Beispiel hierfür ist, wenn die EKD in jüngster Zeit wieder stark das protestantische Profil betont, das es im ökumenischen Dialog herauszustellen, herauszuarbeiten gälte. Zweifelsohne kann kein Dialog ohne definierte Identität der Partner stattfinden, jedoch findet auch kein Dialog statt, wenn er nicht mit dem Ziel des Lernens und möglicherweise der Veränderung der eigenen Position geführt wird. Ansonsten handelt es sich um „l’art pour l’art“.8
Nun kommen aber zu dieser komplexen Lage noch jene Entwicklungen im christlichen Spektrum hinzu, die als Pfingstkirchen und Neopfingstler bezeichnet werden, und deren ca. 600 Millionen Mitglieder (inklusive charismatischer Gruppen) die im ÖRK vertretenen Kirchenmitglieder (400 Millionen) bei weitem überschreiten.
Man kann angesichts dieser Bewegung und ihrer Zahlen, sowie ihres geographisch auf der südlichen Hälfte der Erdkugel liegenden Schwerpunkts, vom Entstehen einer „Dritten Ökumene“ sprechen. Ihre Beziehung zur ökumenischen Familie ist komplex. So gibt es von totaler Ablehnung über Tolerierung zu Kooperation alle Schattierungen. Diesen Bewegungen stehen auch einige der Afrikanisch Unabhängigen Kirchen nahe, die durch ihren Bezug zu indigenen afrikanischen Religionsformen ebenfalls als eine eigenständige christliche Kirchenbewegung betrachtet werden müssen.
Seit Harare, der letzten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen hat es nun verschiedene Bemühungen gegeben, dieser Komplexität und auch Ökumene- bzw. Einheitsmüdigkeit gegenzusteuern. Wichtigstes Instrument ist dabei die Schaffung eines Christlichen Forums, dass unabhängig arbeitet und als Plattform dient, die nicht die engen Kriterien eines ÖRK in Bezug auf Mitgliedschaft anwendet, sondern allen die Möglichkeit bietet, miteinander ins Gespräch zu kommen. Man kann diesen Ansatz als „safe space“ (sicheren Raum) bezeichnen, bei dem es nicht darauf ankommt einander zu überzeugen. Vielmehr ist vorrangiges Ziel, miteinander in ein Gespräch zu kommen, in dem Sorgen und Ängste ausgetauscht werden, um nach gemeinsamen Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

3. Die Ökumene sozialen Engagements

Ich komme nun zu der zweiten Ebene, bei der es um ein Ökumeneverständnis geht, das, die ganze Welt umfassend, sich für Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung einsetzt. Das Engagement hierfür war zumeist in Gruppen und Bewegungen im christlichen Raum, zunehmend aber auch außerhalb desselben zu finden.
In wachsendem Maße hat sich herausgestellt, dass es nicht mehr vorrangig die Kirchen sind, die sich dieser Aufgabe annehmen, sondern die sogenannte Zivilgesellschaft mit ihren verschiedenen Gruppen. Nun kann man sicherlich Vieles zu dieser Entwicklung sagen,9 ich beschränke mich hier auf Reak­tionen im ÖRK, die auch für Porto Alegre von Bedeutung sind.
Auf beschriebene Situation hat der ÖRK in der Weise reagiert, dass er als „know­ledge based organisation“ sich zunehmend der Vernetzung von christlichen und anderen Bewegungen zugewandt hat. Dabei geht es zugleich darum, das im christlichen Spektrum vorhandene know-how in diesen globalen Prozess einzuspeisen. Die Vollversammlung wird an diesem Punkt wesentliche Impulse durch den sogenannten AGAPE-Prozess (Menschen- und schöpfungsbezogene alternative Globalisierung) erhalten. In ihm haben sich die Kirchen, Gruppen und vielfältig auch die Hilfswerke engagiert und vor allem zu Fragen einer alternativen Globalisierung gearbeitet. Modelle, wie das der Pazifischen Region „Islands of Hope“ werden in den Beratungen der Vollversammlung eine wichtige Rolle spielen. Der AGAPE-Aufruf, der wie ein Gebet konzipiert werden wird, soll Kernstück der Plenarveranstaltung der Vollversammlung über wirtschaftliche Gerechtigkeit sein und den Kirchen für ihre Weiterarbeit dienen.
Wesentliche Arbeit hat der ÖRK auch im Bereich von Klimawandel zu leisten versucht. Hier galt es, die o.a. Vernetzung besonders zwischen Kirchen und Gruppen herzustellen. Ergebnisse der Konsultationen, die weltweit in allen Regionen stattfanden, werden in ihrem Ergebnis die sogenannten „Hearings“ der Vollversammlung bestimmen. Die Arbeit zur Dekade zur Überwindung von Gewalt, wie sie in Harare angestoßen wurde, ist allgemein bekannt und hat ein großes Echo unter den Mitgliedskirchen gefunden. Im Bereich von Friedenssicherung sind aber andere Initiativen, wie etwa die zum Irak-Krieg wesentlich und auch die, die im Allgemeinen mit „Global Governance“ umrissen werden. Die Kommission der Kirchen für Internationale Angelegenheiten hat hier intensiv mit der UN zusammengearbeitet. Zugleich gehören hierher die ersten drei Gespräche, die zwischen ÖRK, Weltbank und IMF zur Frage sozialer Gerechtigkeit in der Projektpolitik der Organisationen geführt wurden.
Es mag deutlich sein, dass für manche Kirchen ein zu starkes soziales Engagement, zumal wenn es Themen betrifft, die sie als heikel ansehen (Sexualität, Frauenfrage u.ä.), wenig gewünscht ist.10 Diese Auseinandersetzung ist jedoch alt in der ökumenischen Bewegung. Ob es in diesem Zusammenhang zur Beendigung verschiedener Programme im ÖRK durch die Vollversammlung kommt, bleibt abzuwarten. Sicherlich wird die Vollversammlung auf den Vorschlag der Sonderkommission zu reagieren haben, dass der ÖRK ständig beobachten muss, wie mit sozialen und ethischen Fragen umgegangen wird, die zur gemeinsamen Beratung vorgeschlagen werden und „ob ein bestimmtes Anliegen durch eine echte ‚Kirchenanfrage‘ an den ÖRK herangetragen wird und nicht durch die Lobbyarbeit einer Interessensgruppe.“11 Hierin steckt natürlich unterschwellig eine klare Kritik an der „Bewegungskomponente“ der Ökumenischen Bewegung.
Dass sich der Ökumenische Rat in abnehmendem Masse in Projektarbeit, etwa im Entwicklungsbereich, engagiert, hat aber auch mit einer anderen Entwicklung zu tun. In zunehmendem Masse stellen sich die nordatlantischen Hilfswerke in einer kritischen Allianz gegenüber dem ÖRK auf. Sie sind oftmals der Auffassung, dass der ÖRK nicht ihren jeweiligen Standards, die sie von ihren back-donors, etwa Regierungen, vorgelegt bekommen, abrechnet. So steht der ÖRK vor der Tatsache, dass seine Projektabrechnungen je nach donor mit einem anderen Abrechnungsstandard zu geschehen hat, will er weiterhin Gelder für die Arbeit erhalten.
Zum anderen arbeiten die Hilfswerke selber global und halten, auch angesichts des eben erwähnten Problems, eine bilaterale Beziehung zu den Empfängern für ein nützlicheres, leichter zu kontrollierendes und ihren Kriterien leichter entsprechendes Engagement. Dass hierbei die alte Idee geteilter Ressourcen im ökumenischen Haushalt verloren geht, spielt für viele keine Rolle. Die neu geschaffene Global Alliance der Hilfswerke wird hier noch mal neue Akzente setzen.
Ein Blick auf Deutschland macht deutlich, dass sich seit der Vollversammlung von Uppsala 1968 die deutschen Kirchen in herausragendem Masse an der Bekämpfung von Armut, der entwicklungspolitischen Bewusstseinsbildung nach innen und der damit verbundenen Ressourcenvermittlung beteiligt haben. Heute ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass im Hinweis auf die Spendenfreudigkeit der einzelnen Christen, die Kirchen sich aus dieser offiziellen Verantwortung verabschieden und gleich dem staatlichen Sektor die Zuwendungen zur Armutsbekämpfung zu privatisieren beginnen. Dabei haben im entwicklungspolitischen Bereich Engagements wie „Fair Trade“ und „Oikocredit“ wesentliche strukturelle Alternativen zu bestehenden transnationalen Wirtschaftsformen aufgezeigt. Wieder einmal scheint es, dass Kirchen in der Gefahr stehen, die aufgebauten Kompetenzen zu verspielen. Ein Wirtschaftsunternehmen, das gleichermaßen handelt, würde, und dies zu Recht, in den Bankrott getrieben.

4. Erwartungen an die Vollversammlung?

Was erwartet man vor diesem Hintergrund von der Vollversammlung?
Es ist notwendig, dass es zur Wiederaufnahme jenes Prozesses kommt, bei dem es um die Verbindung von der Bestimmung des Wesens der Kirche (Einheitssuche) mit den sozialen Fragen der heutigen Welt ging. Diese Inbeziehungssetzung von Ekklesiologie und Ethik, die das Wesen der Kirche als einer ethisch-moralischen Gemeinschaft beschreiben, ist angesichts globaler und lokaler Konflikte von großer Dringlichkeit. Letztlich ist die Frage, wie konkret die Kirchen in der Frage des „Wirtschaftens im Dienste des Lebens“ sich verpflichten und ob sie, nicht unähnlich der Vollversammlung des Reformierten Weltbundes, gerechtigkeitsverachtende Wirtschaftsformen zum status confessionis für die weltweite christliche Gemeinschaft erklären.
Die Prominenz des Themas Alternative Globalisierung muss dazu beitragen, dass die Opfer jener Wirtschaftsprozesse, die in wachsendem Masse neokolonialistischer Praxis gleichkommen, zu Worte kommen. Dies umso mehr deshalb, als die Kirchen in der nördlichen Hemisphäre (vielleicht ähnlich wie nach Uppsala 1968) begreifen müssen, dass der Diskurs mit Gewinnlern und Nutznießern des Systems gezielt aus der Perspektive eines Gottes zu suchen ist, der eine vorrangige Option für die Armen hat.
Eine weitere Erwartung an die Kirchen in der Vollversammlung dürfte sein, dass sie ihre ökumenische Verpflichtung neu beleben und die in der Harare Vision12 beschriebenen Ziele konkretisieren. Für die orthodox-protestantische Ökumene muss es darum gehen, Zeichen zu setzen, und dies nicht allein jenen Kirchformen zu überlassen, die durch Massenveranstaltungen mit konservativer Theologie religiöse Dominanz beweisen zu scheinen.
Die globale Situation heute ruft nach Versöhnung, Heilung und verstärkten Anstrengungen zur Konfliktbewältigung. Dies hat sich Ausdruck verschafft in verschiedenen Versammlungen der konfessionellen Ökumene, der regionalen ökumenischen Organisationen, aber auch in der Weltmis­sionskonferenz Athen 2005. Es kann erwartet werden, dass die Vollversammlung diese Impulse programmatisch aufnimmt und den zu diesem Thema begonnen Dialog mit den Pfingstkirchen fortführt.
Dabei wird eine zentrale Erwartung sein, dass es zu Fortschritten in der neuen Initiative des ÖRK im Dialog mit den Religionen kommt. Solche Fortschritte betreffen nicht nur die positive Verankerung der Dialog- und interreligiösen Bildungsarbeit in den Mitgliedskirchen, sondern insbesondere die dringend benötigte Aufstockung des Personals des ÖRK in diesem Bereich, der zur Zeit mit nur einem Exekutivsekretär ausgestattet das gesamte interreligiöse Arbeitspektrum abzudecken hat.
Ferner wird erwartet, dass sich die Vollversammlung mit der Frage der Pfingstkirchen beschäftigt. Sie tagt in einem Kontext, in dem diese Kirchen eine mächtige Realität sind und somit diese Herausforderung durch die „Dritte Ökumene“ für die traditionellen Kirchen ideal zu diskutieren sein dürfte.
Die technische Frage nach der Konsensabstimmung ist nicht allein ein technische, sondern kann dazu führen, dass die Ökumene eine neue Kommunikationsstruktur entwickelt, die nicht allein den sich marginalisiert fühlenden Großkirchen, sondern vor allem auch den kleinen Mitgliedskirchen dient.
Die prekäre ökumenisch-finanzielle Situation, die den Rat seit Jahren beschäftigt hat und zurzeit stabilisiert, jedoch nicht beseitigt ist, wird dazu führen, dass anschließend an eine bereits durchgeführte Evaluation der Programme es zur Schließung einer Anzahl von Programmen und erneut zur Verkleinerung des Stabes kommt. Welche Teilprogramme innerhalb der Basisprogramme „Glaube und Kirchenverfassung“, „Mission und Evangelisation“, „Praktisches Christentum“ und „Bildung“ dabei betroffen sein werden, bleibt abzuwarten. Dabei sei aber zugleich angeführt, dass es die Aufgabe der Vollversammlung ist, die die letzten wenig wahrgenommen haben, Programme zu beendigen, um für neue Arbeitsrichtungen Platz zu schaffen.

5. Was kann eine Vollversammlung leisten?

Eine Vollversammlung sollte die Versammlung der Kirchen auf dem Weg zur Einheit, d.h. zur Findung von Konsens in den zentralen theologischen und gesellschaftlichen Fragen sein. Kann sie dies leisten? In zunehmendem Maße ist zu beobachten, dass die Vertreter der Kirchen eben die Vertreter der Kirchen sind, denen oftmals ihr eigenes provinzielles Anliegen näher ist, als das der Katholizität von Kirche. Hinzu kommt, dass oftmals Mitgliedskirchen ihre Vertreter(innen) nicht nach Kompetenz, sondern nach Proporz entsenden. Kaum werden in den südlichen Regionen Vorbereitungstagungen für die Delegationen veranstaltet, wie ich zurzeit das Vergnügen habe, sie für die pazifische Delegation durchzuführen. So kommen in großer Zahl zu den Versammlungen unvorbereitete Delegierte, die sich während der Konferenz mühsam in die Prozeduren und die Dokumente einarbeiten müssen.
Eine Vollversammlung ist, wenn der Vergleich hier erlaubt ist, eine ökumenische Synode, bei der kontextuell begründete Differenzen aufeinander stoßen. In ihr werden eben nicht nur konfessionelle Differenzen deutlich, sondern vor allem auch die durch die lokale Verankerung gewachsenen, unterschiedlichen Prioritäten. Ihre Versöhnung zustande zu bringen, ist vielleicht vordergründig zu schaffen, langfristig jedoch ein ausgesprochenes Problem, wenn es um die Umsetzung der Beschlüsse vor Ort, d.h. in den Ortskirchen geht, von denen die Delegierten entsandt wurden. Wenn jedoch dies Entsendungsprinzip nach Proporz geschah, dann ist auch verständlich, dass es zu keiner Rezeption der ökumenischen Beschlüsse vor Ort kommt. Dem entgegenzusteuern bedarf neuer Anstrengungen und eines Prozesses der gegenseitigen Rechenschaftspflichtigkeit der Kirchen, nicht allein um unnötige Verschleuderung der Ressourcen zu vermeiden, sondern auch um den Prozess des Voranschreitens, der Ökumene letztendlich ist, zu stärken.
Wir brauchen dabei gar nicht so weit zu blicken. Sehen wir uns die EKD mit ihren Mitgliedskirchen an. Hier gibt es, vom Kirchenamt organisiert, eine intensive Vorbereitung, und auch an Nachbereitung fehlt es nicht. Was aber geschieht landeskirchlich mit der Umsetzung von Beschlüssen der Weltsynode? Dies hängt nicht nur von landeskirchlichen Prioritäten, sondern allzu oft von zuständigen Dezernenten ab. Eine Einbindung von Gemeinden und Gruppen erfolgt so gut wie nicht. Dies jedoch kann eine Vollversammlung, die den Fortschritt der Ökumene im Blick hat, nicht leisten.

6. Was kann man von der Vollversammlung erhoffen?

Wird Porto Alegre die Ökumene „begeistern“ lautet die Ausgangsfrage. Ein schwieriger Begriff und eine noch schwierigere Anfrage. Denn zweifelsohne sind immer wieder Teilnehmer von Vollversammlungen zurückgekommen, die tief greifende Wandlungen in ihren Anschauungen und theologischen Selbstverständnissen erfahren und diese Einsichten auch umgesetzt haben. Ein deutsches Beispiel dafür ist Margot Kässmann, für die die Vollversammlung von Vancouver 1983 ein solches „Bekehrungserlebnis“ war. Aber auch Heinz-Joachim Held gehört neben anderen zu dieser Gruppe. Was wen an und während einer Vollversammlung begeistert, kann im Vorab nie gesagt werden. Für viele ist es allein die Begegnung mit Christen aus anderen Kontexten, deren Beiträge, andere Frömmigkeitsstile und Freundschaft einen neuen Weg in die Ökumene erschließt. Sie mögen also begeistert sein. Schließlich gilt aber immer, dies sei mir als Theologen gestattet, dass es doch dem Heiligen Geist überlassen bleibt, ob er Teilnehmer so begeistert, dass sie durch die Konsequenz ihres weiteren Handelns auch die ökumenische Bewegung begeistern.

  • Enger als dies in Harare der Fall war, werden die Gruppen an das Vollversammlungsgeschehen angebunden werden. Die Mutirãos, vergleichbar mit dem Padare in Harare, werden inhaltlich die Vollversammlung begleiten und zu Reflektion und Diskussion einerseits, zur Integration der Anliegen von Gruppen und Bewegungen in das Vollversammlungsplenum andererseits beitragen. Auch hier, gerade weil es zu einer „jungen“, von der Jugend bestimmten Vollversammlung kommen soll (so Samuel Kobia, der neue Generalsekretär des ÖRK), wird hoffentlich die „Begeisterungsfähigkeit“ junger Menschen auf die Vollversammlung und über sie auf die Bewegung überspringen.
  • Die Vollversammlung wird zweifelsfrei einen starken Impuls in Richtung ökumenische Fortbildung aussenden, da hier wesentlicher Mangel in Bezug auf die Qualifizierung ökumenischen Nachwuchses gesehen wird.
  • Die Vollversammlung wird eine Versammlung sein, die wie kaum eine zuvor, die Funktionalität der ökumenischen Bewegung beeinflussen wird. Neben Prozessen, in moderner Managementsprache „leanings“ genannt, werden auch durch die programmatischen Schwerpunkte und den möglichen Umbau der Regionalen Arbeitsbereiche wesentliche Zeichen gesetzt werden.
  • Die verstärkte Kooperation der Agencies untereinander und der Prozess über eine neue Konfiguration der ökumenischen Bewegung nachzudenken, wird hier wichtige Impulse erfahren. Besonders letzterer, im Zusammenhang mit Satzungsänderungen des ÖRK, die auch kleineren Kirchen in Zukunft eine beobachtende Rolle im Prozess ermöglicht, kann, so ist zu erhoffen, die Bewegung, die sich aus den Nachkriegsanfängen des II. Weltkrieges speiste, auf neue Beine stellen.
  • Zu erhoffen ist auch, dass sich die Kirchen insgesamt auf eine Finanzierung ihrer Zentrale einigen, die diese Organisation zum Instrument aller und nicht nur zur Mittelverteilung in einer Richtung machen. Die Frage des sharing of resources muss neu aufgenommen und ernsthaft von allen in Angriff genommen werden.

Vieles hier ist Sachproblematik, wie sie jede Synode zu behandeln hat. Sie unterscheidet sich, wie gesagt, durch ihre globale Dimension. Diese Globalität, Katholizität der Kirche ist ihre Chance in der heutigen Welt. Diese Chance zu erkennen und an ihr mitarbeiten zu wollen, kann „Begeisterung“ bewirken und dieser Geist kann, dies ist die größte Hoffnung für die Vollversammlung, eine handelnde Ökumene auslösen. ☐

Anmerkungen:

1. Ein deutliches Beispiel hierfür aus dem deutschen Raum ist der jüngst von der VELKD veröffentlichte Text „Ökumene nach evangelisch-luterhischem Verständnis“, wo im dritten Kapitel deutlich gemacht wird, dass nach lutherischem Verständnis die Gemeinschaft der Glaubenden aller Zeiten und aller Orte eine „nicht sichtbare, aber geglaubte Einheit die begründet ist durch einen Herrn, den einen Glauben und die eine Taufe“ (Eph 4,5). Im Rahmen dieser Zielvorstellung existieren „die sichtbaren, institutionell verfassten Kirchen … nicht als Einheit.“, Abs. 3.1.ac.

2. Hierzu besonders die jüngst aus dem Bereich der VELKD stammenden Verweise auf „bleibende Vielfalt“ (Schwöbel; Dalferth), s. VELKD, Ökumene nach evangelisch-lutherischem Verständnis, Texte VELKD 123, 2004.

3. S. Bericht aus Nairobi 1975, Bericht der Sek­tion II. Eine genaue Darstellung der Entwicklung der Einheitsverständnisse findet sich bei Vischer, L. (Hg.), A Documentary History of the Faith and Order Movement 1937–1963.

4. Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung „Dominus Iesus“ über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche, Vatikan 2000.

5. Dazu Metropolit Kyrill in einer Weihnachtslesung am 27.1.2004 an die Katholiken: „Predigt vor Eurer Gemeinde, aber nicht Ihr seid die Ortskirche in Russland. Wir sind die Ortskirche. Wir tragen die Verantwortung vor Gott für unser Volk, wie Ihr die Verantwortung in Italien, Spanien und anderen Ländern tragt … Kämpft dort, aber drängt nicht nach Russland, wo die Russisch Orthodoxe Kirche seit tausend Jahren die Verantwortung vor Gott, vor der Geschichte, vor ihrem Volk trägt. Behindert uns nicht, bildet keine parallelen missionarischen Strukturen. … unsererseits gibt es keine Feindschaft oder Hass, wir haben uns nicht abgeschirmt. Aber wir lassen nicht zu, dass unter dem Vorwand eines Dialogs eine gut geplante und finanzierte missionarische Tätigkeit in unserem Land durchgeführt wird.“

6. Heilige Synode der Russisch Orthodoxen Kirche, Grundlegende Prinzipien der Beziehungen zu den Nicht-Orthodoxen Kirchen, Moskau 2000.

7. Erzbischof Longin von Klein, Zur Zukunft der ökumenischen Bewegung – Eine orthodoxe Perspektive, Kirchliches Leben: Martyria: Perspektiven, 2004. Dort formuliert er: „Angesichts der Stellungnahmen von evangelischen Theologinnen und Theologen, besonders in Deutschland, die mit Stolz auf ihre langjährige Mitwirkung in Gremien des ÖRK verwiesen haben, zu fragen ob diese sich wirklich mit orthodoxer Theologie beschäftigt hätten, oder sich lediglich ein Wunschbild einer in ihrem Sinne ‚pflegeleichten‘, ‚ökumenetauglichen‘ Orthodoxie gemacht haben.“

8. Im abgegrenzten Raum kann kein Fortschritt geschehen, wenn wir nicht zumindest annäherungsweise unsere Perspektiven als auch unsere Zielvorstellung den durch andere Perspektiven und Denkweisen ergänzen und sie schließlich vielleicht sogar überholen“ schreibt Risto Saarinen in: „Weder sichtbare Einheit noch gemeinsames Verständnis“, ThLZ 130, 608.

9. Etwa zur Relation von konfessionszentrierten Identitätsfragen und katholizitätsbedingtem ökumenisch-sozialem Handeln.

10. Im Bericht der Sonderkommission heißt es dazu in Abschnitt B § 25: „Die Sonderkommission ist allerdings zum Teil deshalb eingerichtet worden, weil Orthodoxe und andere unzufrieden damit waren, wie bestimmte soziale und ethische Anliegen auf die Tagesordnung des ÖRK gelangen und wie sie behandelt werden. Insbesondere ist der Eindruck entstanden, dass Kirchen genötigt werden, sich mit Fragen zu befassen, die ihrem eigenen Leben entweder fremd sind oder die ihnen für ein weltweites Forum ungeeignet scheinen.“

11. A.a.O. § 33.

12. ÖRK, Arbeitsbuch der Vollversammlung Harare 1998, 117.

Kommentar schreiben (0 Kommentare)

Zum Abschied ein Textbaustein aus dem LKA

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Zum Abschied ein Textbaustein aus dem LKA

… Sie verlieren von diesem Zeitpunkt an den Anspruch auf Bezüge.


Da Sie, soweit uns bekannt ist, keinen anderen Dienst in der Verkündigung, der evangelischen Unterweisung oder der theologischen Lehre übernehmen, erlöschen das Recht und die Pflicht zur Öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung (§ 5 Abs. 4 Sonderdienstgesetz i.V.m. § 5 Abs. 1 Pfarrdienstgesetz).
Sollten Sie jedoch im Anschluss an den Sonderdienst eine neue Tätigkeit übernehmen, die im deutlichen Zusammenhang mit dem Verkündigungsdienst steht oder durch einen entsprechenden Beschluss des Presbyteriums Ihrer Wohnsitzgemeinde oder des Kreissynodalvorstandes nachweisen, dass Sie nach Maßgabe Ihrer Zeit und Kraft am Dienst der Öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung teilhaben, können Sie beantragen, dass Ihnen die Ordinationsrechte belassen werden. Diesen Antrag müssen Sie innerhalb eines Monats nach Eingang dieses Schreibens einreichen. Bis zur Entscheidung über diesen Antrag darf das Recht zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung nicht ausgeübt werden (§ 5 Abs. 2 Pfarrdienstgesetz).
Sollten Sie den Antrag nicht stellen, oder lehnt das Landeskirchenamt Ihren Antrag ab, verlieren Sie die Ordinationsrechte. In diesem Fall ist die Ordinationsurkunde zurückzugeben.
Mit der Beendigung des Kirchenbeamtenverhältnisses auf Zeit erlischt auch das Recht zur Führung der Amtsbezeichnung „ Pastor/Pastorin“. Allerdings haben Ordinierte, die nicht in einem Dienstverhältnis als Pfarrerin oder Pfarrer stehen, das Recht, die Bezeichnung „ Pastorin“ oder „Pastor“ zu führen. Dieser Sachverhalt gilt für alle Fälle, in denen die Rechte und Pflichten zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung auf Widerruf belassen werden.
Mit dem Verlust von Recht und Pflicht zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung geht auch die Anstellungsfähigkeit verloren. Sie können sich aber weiter um freie Pfarrstellen bewerben. Bei der Bewerbung um eine Pfarrstelle raten wir, eine Kopie des Entlassungsschreibens als Nachweis der Berechtigung zur Bewerbung beizufügen. Falls eine Wahl in Aussicht genommen wird, können wir auf Antrag eine „Bescheinigung über die Wahlfähigkeit“ ausstellen.
Kommentar schreiben (0 Kommentare)

„In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
In der Reihe der epd-Dokumentationen hat das „Plädoyer für eine ökumenische Zukunft“ Anstöße zur ÖRK-Vollversammlung 2006 veröffentlicht:

„In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“

epd-Dokumentation Nr. 44/05, 24 Seiten, 3,40 €.


Auf 24 Seiten werden Lesende gut informiert über den Zustand der ökumenischen Bewegung, weltweit und in Deutschland, und über die wichtigsten Fragen, die in Porto Alegre auf der Tagesordnung stehen. Erwartungen werden nicht nur im Blick auf die Vollversammlung formuliert, sondern auch im Blick auf die Kirchen in Deutschland. „Das Ignorieren der Erkenntnisse und Leistungen unserer ökumenischen Vorväter und -mütter hat provinzielle Horizontverengung zur Folge“, heißt es auf S. 6. Wohl wahr! Darum sei dieses Heft allen an der Ökumene Interessierten empfohlen. Die Autoren (Dr. Karl-Heinz Dejung, Werner Gebert, Prof.Dr. Gerhard Grohs und Dr. Paul Löffler) sind ausgewiesene Fachleute in der Vorbereitung, Begleitung und Auswertung von ÖRK-Vollversammlungen. Zwei junge Theologinnen (Anika M. Scheinemann und Friederike Schönemann) bringen ihre Sicht der ökumenischen Situation ein und werden auf Kosten des Plädoyers nach Porto Alegre reisen.

Die Mappe „Gewalt global überwinden. Junge Impulse“ ist kostenlos erhältlich bei
Arbeitsgemeinschaft der Ev. Jugend in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (aej),
Otto-Brenner-Str. 9,
30159 Hannover
Tel. 0511-12150

Kommentar schreiben (0 Kommentare)

Empfehlung

Benutzer-Anmeldung