TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 78

editorial

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Zum fünften Mal erscheint das Herbst-Heft der beiden Vierteljahreszeitschriften Amos und Transparent gemeinsam und im Umfang wieder als Doppelheft. Es hat den Themenschwerpunkt: (Finanz-)Krise von Kirche/Diakonie.

Im Heftteil „Utopien“ blicken zeitgenössische Persönlichkeiten weit in die Zukunft von Christentum. Sie verbreiten keine Sorgen. Dazu kontrastieren an anderer Stelle im Heft die Positionspapiere von Interessengruppen der verschiedenen Beschäftigten in Kirche/Diakonie; der gemeinsame Nenner ist: Wir stehen mit dem Rücken an der Wand. (Es sind westfälische Stimmen, sie stehen exemplarisch für entsprechende Gruppen auch in anderen Teilen des Landes.)

Auffällig ist, dass die Interessengruppen die veränderten gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Politik und Staat eher nicht untersuchen. Setzen sie die neoliberale Wirtschaftspolitik und Steuerpolitik bereits als unveränderbar voraus?

Der wirkliche Skandal ist doch: Die „öffentliche Hand“ (Staat, Kommunen, Wohlfahrtswesen und Kirchen) ist durch Politik immer ärmer gemacht worden – durch die steuerpolitische Entlastung der Großen, Starken und Reichen. Reichtum hat sich angehäuft in „privaten Händen“. Erstaunlicherweise fehlt ein gemeinsames Pochen, diesen Neoliberalismus zu skandalisieren und zu brechen, mit dem Ziel: in gesellschaftlichen Kämpfen gemeinsam und in „Koalitionen“ mit anderen gesellschaftlichen Akteuren (bis hin zur linken Opposition im Bundestag) ganz andere, „gerechte“ politische Prioritäten zu erringen.

Was durch die neoliberale Steuer und Wirtschaftspolitik den „öffentlichen Händen“ entgeht, (d.h. schon seit Jahren verloren geht, also: entzogen, vorenthalten und geraubt wird), das ist nachzulesen in der Beilage dieses Heftes: Wolfgang Kühns Gutachten und Jürgen Klutes Kommentierung erscheinen erstmals in Amos/Transparent.
Außerdem: Konzepte Alternativer Finanzierung (Stichworte: Anknüpfung der Kirchensteuer-Erhebung am steuerlichen Brutto statt am Netto, „Kultursteuer Italien“) u.a. zeigen Wege auf, wie die kirchlichen Einnahmen dauerhaft erhöht werden können.

Dieses Heft zeigt: Es mangelt nicht an Utopien, nicht an aktiven und kompetenten Menschen. Auch Geld liegt – bei richtiger Betrachtung – auf der Straße. Es muss allerdings aufgehoben werden, es muss gesellschaftlich und kirchlich verfügbar werden. Beispielsweise durch Bruttobezug der Kirchensteuer-Bemessung. Durch Kultursteuer. Durch eine Politik der Umverteilung von oben nach unten (statt wie bisher im Neoliberalismus von unten nach oben). Solche Konzepten und Forderungen müssen allerdings laut vertreten werden, sie müssen auf die Tagesordnungen gebracht werden. So lässt sich ein anderes Denken in den Köpfen und für Strategien entwickeln. Auch in Versammlungen, wo zur Zeit nur noch Etats ausbalanciert werden durch Kürzung der Ausgaben, wodurch Beschäftigte unter Druck geraten, erpresst oder gekündigt werden. Wir wissen natürlich auch: Kurzfristig sind die (auch unserer Einsicht nach realen) kirchlichen Finanz-Probleme noch nicht gleich zu lösen, aber längerfristig gibt es Hoffnung und Alternativen. Man muss nur wollen, innerkirchlich Alternativen aufzeigen und gesellschaftspolitisch Druck erzeugen und mit umsteuern.
Der Alternative Kirchengipfel in Gelsenkirchen am 15. Oktober 2005 bietet dazu eine Gelegenheit (s. die Einladung auf Seite 38).

Die beiden Zeitschriften wollen wir nicht fusionieren, aber in nachbarschaftlicher und freundschaftlicher Kooperation bringen wir manches auf die Beine: einmal im Jahr solch ein umfangreiches Heft mit lauter Originalbeiträgen und jeweils am Samstag Mitte November (d.h. am 19. November 2005) eine kapitalismuskritische Tagung in Essen „Das Ganze verändern“ (s. die Einladung auf Seite 35).
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Das Manuskript der Verführung

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Hermann SchulzHermann Schulz

Das Manuskript der Verführung

Über den neuen Roman von Gioconda Belli

Das literarische Werk der Schriftstellerin Gioconda Belli aus Nicaragua verfolge ich seit fünfundzwanzig Jahren. Wir trafen uns erstmals im Sommer 1980 in Managua und bereiteten ihre erste Gedichtausgabe in deutscher Sprache vor. Mit dem Roman „Bewohnte Frau“ (fast eine Million Exemplare allein in deutscher Sprache!) wurde sie berühmt. Das literarische Werk der Freundin habe ich immer mit großem Interesse begleitet.
Offen gesagt: Nach meiner Auffassung driftete nach „Bewohnte Frau“ ihr Werk auseinander: Die (erotischen und politischen) Gedichte wurden immer intensiver, packender, dichter; ihre Romane konnten damit nicht Schritt halten. Sie wirkten auf mich manchmal konstruiert und die Figuren wie Erfüllungsgehilfen der politisch-revolutionären Haltung der sandinistischen Autorin. Sie erreichten aber immer noch Auflagenhöhen, von denen die meisten Schriftsteller nur träumen können!
Im Frühjahr dieses Jahres schickte mir Gioconda per Email die Erstfassung ihres neuen Romans El pergamino de la seducción, der jetzt unter dem Titel „Das Manuskript der Verführung“ im Peter Hammer Verlag erschienen ist. Nach der Lektüre der ersten 20 Seiten dachte ich skeptisch: Da hat sich die Freundin aber auf ein gewagtes Unternehmen eingelassen! Nach 100 Seiten war ich gefangen und gefesselt und nach Ende der Lektüre begeistert. Mit diesem Roman hat Gioconda Belli ihr Meisterwerk vorgelegt, das alle ihre Stärken als Poetin und Erzählerin zu einem grandiosen Höhepunkt vereint.
Die Autorin widmet sich der Geschichte der spanischen Königstochter Johanna, die als „Johanna die Wahnsinnige“ in die Geschichte eingegangen ist. Diese tragische Gestalt, ihre Ehe und Liebe zu Philipp dem I. (dem Schönen; 1478 bis 1506, auf Grund seiner Ehe mit Johanna später auch König von Kastilien), ist eine wunderbare Vorlage für einen Roman. Belli knüpft in einer Parallelgeschichte die Beziehung zur Gegenwart, die aber angesichts der Dramatik der Ereignisse von vor 500 Jahren fast in den Hintergrund rückt. Die siebzehnjährige Lucia, Schülerin eines katholischen Internats in Madrid, gerät in die Faszination des Universitätsdozenten Manuel, dessen großes Thema die Erforschung des Lebens der „Johanna“ ist; erst spät und unter dramatischen Umständen erkennt Lucia, dass Manuel nicht nur historisches Interesse an der Geschichte hat.
In keinem Roman der letzten Jahre habe ich so wunderbare Sätze über weibliche Erotik, über Liebe und Sexualität gelesen. Die Szenen leiden an keiner Stelle, wie ich insgeheim befürchtet hatte, unter Vergewaltigungen durch feministische oder sonstige Ideologien. Was Belli erzählt, ist politisch, erotisch und glaubwürdig. Wie sie es erzählt, spricht alles für sich selber.
Johanna wurde auf Grund ihrer überragenden Intelligenz, ihrer offenen Bekenntnisse zur Liebe, ihrer Eifersucht und Machtansprüche von der herrschenden Fürstengesellschaft politisch um ihre Rechte gebracht und in einem abgelegenen Schloss kaltgestellt. Auch ihr erfolgreichster Sohn, Karl V., deutscher Kaiser und spanischer König (der von seiner klugen Tante, Margarete von Österreich, erzogen wurde) zwang ihr Unterschriften ab, um seine Macht auszubauen. (Ein anderer Sohn, den Sie mit Philipp hatte, wurde nach Karls Rücktritt deutscher Kaiser als Ferdinand der I.).
Fasziniert und begeistert hat mich die Genauigkeit der nicaraguanischen Autorin bei historischen Orten, Personen und Geschehnissen. Es gehört viel dazu, die komplizierten Familienbande, Bündnisse, Erbfolgen und Koalitionen in jenen Jahrhunderten in Europa zu durchschauen.
Mit „Das Manuskript der Verführung“ können Leserinnen und Leser der Gioconda Belli noch einmal eine ganz andere Autorin kennen lernen. Viele werden sich freuen, dass ihr neues Buch, im Gegensatz zu ihrer Erinnerungen, wieder im Peter Hammer Verlag in Wuppertal erschienen ist.

Hermann Schulz lebt als Autor in Wuppertal. Im Herbst 2005 erschien sein Roman „Leg nieder dein Herz“ (Carlsen Verlag, Hamburg, 2005); dramatische Lebens- und Liebesgeschichte einer Missionarin (vgl. Rezension in diesem Heft). Hermann Schulz ist ständiger Kolumnist in Amos.

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Was wird aus Christentum und Kirchen in den nächsten 20 Jahren?

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Walter Hollenweger

Was wird aus Christentum und Kirchen in den nächsten 20 Jahren?

Welche Befürchtungen hege ich? Welche Hoffnungen und Erwartungen habe ich? – 10 Thesen

1.

Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Christentums, denn es verbreitet sich explosionsartig in China, Indien, Indonesien, Korea, Afrika und Lateinamerika. Allerdings konzentriert sich das Wachstum nicht auf unsere katholischen und evangelischen Missionskirchen. Diese haben ähnliche Probleme wie wir, da wir ihnen ein System verpassten, das schon bei uns nicht funktioniert; darum überleben diese nur mit Subventionen.

2.

Die Alternative ist ein neuer Typ Kirche, der eigentlich der alte ist, wie wir ihn aus dem Neuen Testament kennen: Keine Konsum- und Beamtenkirche, sondern eine Beteiligungskirche; keine verschriftete Theologie, wie ich sie noch gelernt habe, sondern eine mündliche Theologie, wie sie uns Jesus vormachte.

3.

Diese mündlichen Kirchen des Südens sind auch schon in Deutschland, denn nicht alle braunen und schwarzen Menschen in Deutschland sind Muslime. Viele sind Christen. In Birmingham sind am Sonntagmorgen mehr schwarze als weiße Christen in der Kirche. Das wird bald auch bei uns der Fall sein. Wir haben für eine Erweckung gebetet. Als sie kam, erkannten wir sie nicht, denn sie ist schwarz, gelb oder braun.

4.

Gemeinsam ist allen diesen Kirchen: Sie betreiben nicht nur Seelsorge sondern auch Leibsorge. Diese Leibsorge ist auch für Deutschland wichtig, denn unsere Gesundheitssystem läuft aus dem Ruder. In Deutschland sterben jährlich etwa 30.000 Menschen wegen technischer Fehler in den Krankenhäusern. Das sind mehr als Verkehrstote. Die Ärzte dafür zu bestrafen bringt nichts, denn die Fehler sind systemimmanent. Die moderne Apperatemedizin setzt fehlerfreie Ärzte und Pfleger voraus. Das ist eine falsche Annahme. Darum die Fehler. Darum auch ist die Medizin in der Krise.

5.

Was ist die Lösung? Jedenfalls nicht mehr von dem Gleichen, sondern, dass Mediziner, Heiler und die Kirche zusammenarbeiten, wie das in England und in Südafrika seit langem selbstverständlich ist.

6.

Die Grenze zwischen den Befürwortern des therapeutischen Dienstes der Kirche und seinen Gegnern verläuft nicht zwischen den so genannten Gläubigen und den so genannten Ungläubigen. Sie verläuft zwischen denen, die eine ständig redende und belehrende Kirche wollen und denen, die sich auf die biblische Gestalt einer therapeutischen Kirche, einer heilenden communio sanctorum einlassen. Dann wird es uns auch leichter fallen, die biblischen Heilungsberichte als Handlungsanweisungen für den Umgang mit den Kranken und Depressiven dieser Welt zu verstehen und nicht lediglich als Grundlage für die Sprechblasen der Pfarrer zu missbrauche (Mt. 10,7-8; Jak. 5, 11 – 16).

7.

Das Heilungscharisma ist ein Laiencharisma. Wir sind durch die Taufe zum Priesterdienst an den Mühseligen und Beladenen berufen. Natürlich müssen wir das Handwerk des Salbens und Handauflegens lernen. Berühren will gelernt sein.

8.

Dabei haben sich folgende Handlungsanweisungen für die Salbung und Segnung bewährt: Der Salbungsritus ist öffentlich. Öffentlichkeit schützt vor vielen Entgleisungen. Also nicht in der Sakristei oder im Hauskreis anfangen! Dort steigt die Temperatur zu stark. Der Ritus wird in gebundener Sprache durchgeführt (so kann das religiöse Geschwätz vieler freier Gebete umgangen werden). Es sind immer drei Personen bei einer Salbung involviert. Dann weiß man nicht, wer schuld ist, sollte eine überraschende Heilung eintreten. Auf keinen Fall darf dem Klienten zum Abbruch einer medizinischen Behandlung geraten werden. Mit dem medizinischen Fachpersonal ist zusammen zu arbeiten. Es werden weder Bedingungen für das Salben gestellt (Busse, Glaube, Beichte oder dergleichen), noch werden Versprechen gemacht.

9.

Unser Gesundheitssystem ist nicht teuer wegen der Ärzte, noch wegen der Forschung. Ein Drittel aller Kosten geht für Marketing und Werbung drauf. Der Konzernchef von Novartis „verdient“ 20.000.000 Franken (= 20 Millionen Schweizer Franken) pro Jahr. Hat mit Forschung nichts zu tun. Die Preise werden in Frankfurt, Basel, London und New York zwischen den Konzernzentralen abgekartet. Der freie Markt wird systematisch ausgeschaltet. Weder die Regierungen noch der einzelnen Steuerzahler hat zu dieser Abzockerei etwas zu sagen. Wir können aber Alternativen entwickeln, besondern und auch in der Kirche. Am Universitätsspital in Neuchatel (Schweiz) bietet z.B. der Krankenhauspfarrer vor jeder Operation für den Patienten und das Operationsteam einen Salbungsritus an. Bis jetzt hat aber erst der muslimische Chirurg das Angebot angenommen.

10.

Ich bin nicht der Meinung, dass die Einführung der Salbung mit Öl alle unsere Probleme löst. Da das Salben und Heilen in erster Linie ein Laiencharisma ist, hilft es uns, aus der Falle der Beamten- und Konsumkirche herauszukommen und eine heilende Beteiligungskirche zu werden.

Dr. Walter Hollenweger: geboren in Antwerpen 1927. Ursprünglich Bankkaufmann (Zürcher Effektenbörse) und Laienprediger in der Schweizer Pfingstmission. Nach Abitur 1955 Theologiestudium in Zürich und Basel 1955-1961, wiss. Assistent in Zürich 1955-1961, Ordination zum reformierten Pfarrer 1961 und Promotion mit einem 10bändigen Handbuch der Pfingstbewegung 1966. Exekutivsekretär beim Ökumenischen Rat der Kirchen 1965-1971. Professor für interkulturelle Theologie und Missionswissenschaft an der staatlichen Universität Birmingham/England mit Studierenden und Dozenten aus allen Kirchen 1965-1971, dort Mitbegründer einer Schule für schwarze Arbeiterpfarrer. Autor zahlreicher theologischer Theaterstücke, 35 Jahre lang kritische Bibelarbeit beim Deutschen Ev. Kirchentag, lebt am Thuner See/Schweiz. Von ihm: „Interkulturelle Theologie“ in 3 Bänden, „Der Klapperstorch und die Theologie. Die Krise von Theologie und Kirche als Chance“ (Metanoia Verlag, 2004, 4. Auflage). „Das Kirchenjahr inszenieren“ (Kohlhammer Verlag 2002). In Basel gibt es die Hollenweger-Stiftung, an der Freien Universität Amsterdam das Hollenweger Center.

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Es geht auch anders

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Wolfgang Belitz Wolfgang Belitz

Es geht auch anders

Alles begann mit dem Erscheinen des Buches „Menschen statt Märkte – Für eine Neuorientierung der Kirche im Dritten System“. Gerade hatten sich die westfälischen Führungskräfte und Entscheidungsträger in Kirche und Diakonie auf den Weg vom Sozialstaat zum Sozialmarkt gemacht, da kam dies Buch wie eine Erleuchtung über die Verantwortlichen und führte zur allgemeinen Anerkennung einer Reihe grundlegender Erkenntnisse und später dann zu den entsprechenden Reformschritten.
Die sich immer mehr verschärfende Finanznot der Kirche und ihrer Diakonie hat eine ihrer ganz wesentlichen Ursachen in der neoliberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik von Regierung und Opposition. Zu den Kernaufgaben des Neoliberalismus gehören radikale Steuersenkungen und radikale Kürzungen der Sozialausgaben. Um der Dominanz des Marktes willen muss der Staat als Steuer- und Sozialstaat verstümmelt werden.
Auch Kirche und Diakonie gehören zu den Opfern dieser Entwicklung, denn mit dem Steuerverzicht des Staates brechen die Kirchensteuereinnahmen weg. Und mit der Kürzung der Sozialausgaben werden die Leistungen an Kirche und Diakonie reduziert. Die Ausgabenkürzungen für Diakonie, Kirche und andere Akteure des Sozialstaates werden mit Auflagen zu mehr Wettbewerb und Konkurrenz untereinander zum Zwecke der Kostensenkung verknüpft.
Unter diesem Druck waren Kirche und Diakonie auf einen Abweg geraten, indem sie den Gedanken des Marktes internalisierten, sich wie Marktteilnehmer verhalten und auf dem sogenannten Sozialmarkt im Wettbewerb bestehen wollten.
Nun aber setzte sich die Erkenntnis durch, dass Kirche und Diakonie nicht vermarktet werden können und dürfen. Die Menschen, für die Kirche und Diakonie da sein wollen, sind keine Kunden am Markt, deren Kaufkraft Nachfrage erzeugt. Die Diakonie beispielsweise hat es tun mit Pflegebedürftigen, Hilfsbedürftigen, Patienten, Patientinnen, Behinderten, Verwirrten, Armen, Alten, Elenden, Obdachlosen. In der Sprache des Evangelium sind es die Mühseligen und Beladenen, die Hungrigen, Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken und Gefangenen. Das Elend stellt keine Nachfrage dar, es schreit zum Himmel.
Nun setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Ort von Kirche und Diakonie nicht der Markt sein kann, sondern jenseits von Markt und Staat das sogenannte Dritte System der Arbeit, die Zivilgesellschaft als Rahmen der Arbeit der sogenannten Non-Profit-Organisationen, die anderen Gesetzen und Regeln folgen als der Markt. Sie wenden sich nicht an Kunden mit Kaufkraft, sondern an Menschen in Not.
Das Marktverständnis löste in finanzieller Notlage einen ungeheuren Kostendruck aus, der in einem extremen Sparzwang mündete. Der Kostenmythos des Marktes führte zu einem Tunnelblick, der ausschließlich Sparmaßnahmen zu Lasten der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Weg zur Minderung der Finanzkrise erkennen ließ.
Nun setzte sich die Erkenntnis durch, dass Kirche und Diakonie als Institutionen und Akteure des Non-Profit-Bereichs im Dritten System der Arbeit die vorrangige Aufgabe haben, nach dem Abbau des Steuer- und Sozialstaates Vorstellungen und Vorschläge zu formulieren, wie der gemeinnützige Non-Profit-Bereich als vorrangiges Arbeitsfeld für die Zukunft der Gesellschaft anders und neu finanziert werden kann. Die Sparmaßnahmen müssen durch neue Einnahmemaßnahmen ergänzt, wenn nicht gar ersetzt werden. Die Führungskräfte und Entscheidungsträger der westfälischen Kirche und Diakonie beschlossen einhellig den folgenden Weg zu beschreiten:
1. Ein Arbeitskreis verfasste ein Memorandum das verschiedene Zusammenhänge und Bereiche beleuchtete. Es wurde genau dargestellt, was das Dritte System ist und welche Erkenntnisse darüber in Wissenschaft und Praxis vorliegen. Abgrenzungen vom Markt wurden präzise formuliert. Für viele überraschend wurde festgestellt, das der Markt auf absehbare Zeit immer weniger Arbeit für Menschen bereithält und auch der Staat als Arbeitgeber mehr und mehr ausfällt, weil er wegen seines neoliberalen Ruins in der Schuldenfalle sitzt. Einzig das Dritte System der Arbeit könnte vom Bedarf her die Zahl der Arbeitsplätze uferlos vermehren, wenn neue Formen der Finanzierung gefunden werden könnten.
2. Mit dieser Frage beschäftigte sich der zweite Teil des Memorandums. Beschrieben und diskutiert wurden das italienische System der Kultursteuer, eine Finanzierung des Dritten Systems der Arbeit durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Einführung einer für das Dritte System zweckgebundenen Vermögensabgabe (Artikel-vierzehnabgabe) auf mittlere und große Vermögen. Eine Mehrwertsteuererhöhung um zwei Prozentpunkte ergibt 16 Milliarden Euro Mehreinnahmen. Würde die Hälfte davon in das Dritte System fließen, ließe sich neben vielem anderen z.B. die gesamte Altenpflege marktfrei nach den Bedürfnissen der alten Menschen finanzieren. Eine Artikel-vierzehnabgabe ergibt nach den Berechnungen von Wirtschaftsforschungsinstituten ebenfalls 16 Milliarden Euro, die ganz in das Dritte System der Arbeit fließen könnten.
Nach Prüfung der Ergebnisse des Memorandums entschieden sich die Führungskräfte und Entscheidungsgremien der westfälischen Kirche für den Vorschlag der Artikel-vierzehnabgabe. Er wurde überzeugend begründet mit dem Hinweis auf den Kernsatz des Sozialworts der Kirchen von 1997: „Arbeit ist genügend vorhanden. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, den gesellschaftlichen Reichtum so einzusetzen, dass sie auch bezahlt werden kann.“ Die westfälische Kirche und ihre Diakonie nahmen Kontakt auf nicht nur zu den anderen Kirchen und Wohlfahrtsverbänden einschließlich Awo und DPWV, sondern zu allen Akteuren des Dritten Systems bis hin zu Greenpeace, Amnesty und zahlreichen Bürgerinitiativen. Hinter der Artikel-vierzehnforderung formierte sich ein gesamtgesellschaftliches Bündnis der Akteure des Dritten Systems, das auf mancherlei Sympathien stieß bei den Gewerkschaften, den Wirtschaftsverbänden und den sozialen Flügeln vieler Parteien. Die Frage der politischen Umsetzung durch das Parlament war also nur noch eine Frage der Zeit.
Die kirchlichen Führungskräfte und Entscheidungsgremien vergaßen dabei aber nicht, auch den eigenen Reichtum so einzusetzen, dass damit kirchlich-diakonische Arbeit finanziert werden konnte. Schon vor geraumer Zeit war in Kreisen der Finanz- und Immobilienexperten der KZVK, der VK I PB und der KD-Bank die Idee entwickelt worden, das Immobilienvermögen aller Kirchengemeinden, der Kirchenkreise und der Landeskirche in einen zentralen solidarischen Immobilienfond zu überführen, der professionell zu managen sei. Über die Erträge sei nach Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Gemeinnützigkeit zu verfügen. So konnte auf verschiedenen Wegen, das Projekt „Kirche mit Zukunft“ doch noch zu einem guten Ende geführt werden.

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Was wird aus dem Christentum?

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Fulbert SteffenskyFulbert Steffensky

Was wird aus dem Christentum?

Wird die Kirche sterben? Nein! Die Kirche stirbt nicht. Wohl wird die uns bekannte und herkömmliche Gestalt der Kirche sterben. Wir haben hier keine bleibende Gestalt, auch keine bleibende Kirchengestalt. Die Beweglichkeit, die Vorläufigkeit, die Wandelbarkeit, die Signatur des postmodernen Subjekts sind, müssten schon längst Eigenart der Christen und ihrer Kirche sein. Man kann nur Vermutungen darüber anstellen, wie die Kirche von morgen aussehen wird, aber mit einiger Sicherheit kann man folgende Prognose wagen:

1.

Die Kirche von morgen wird weniger staatsverbunden sein. Was aus den Feiertagen und Sonntagen wird, wissen wir nicht. Ob der Name Gottes in der europäischen Verfassung genannt wird, wissen wir nicht. Ob der Staat so selbstverständlich die theologischen Fakultäten fördert und den Religionsunterricht in den Schulen, ist ungewiss. Das ist Chance einer neuen Freiheit der Kirche. Sie muss nicht mehr zwei Herren dienen, sie hat nur mehr einen.

2.

Die Kirche von morgen wird kleiner und ärmer sein. Sie wird die reichen Mittel für ihre Kirchbauten, Akademien und sozialen Einrichtungen nicht mehr haben. Das ist die Chance einer neuen Konzentration der Kirche. Sie wird neu lernen können und müssen, wer sie ist und was sie soll.

3.

Die Kirche von morgen wird ökumenisch sein. Sie wird sich den Schwachsinn der konfessionellen Doppelstrukturen nicht mehr erlauben. Es wird nicht mehr ein katholisches neben einem evangelischen Gemeindehaus stehen und das katholische Altenheim neben dem lutherischen. Die neue Ökumenizität befreit von den falschen und kindischen Fragen, in die die Konfessionen heute noch verstrickt sind. Die verschiedenen Konfessionen können einander dienen mit ihren spezifischen Charismen.

4.

Die Kirche von morgen wird weniger klerikal dirigiert sein. Sie wird angewiesen sein und beschenkt werden von den Charismen der Laien und der Ehrenamtlichen.

5.

Die Kirche von morgen wird stärker von Frauen bestimmt sein. Vermutlich wird dadurch ihre Theologie riskanter und vielfältiger. Theologische Korrektheit und Irrtumsvermeidung werden eine geringere Rolle spielen.

6.

Die Kirche von morgen wird weniger euro­zentrisch bestimmt sein. Es werden andere Formen der Frömmigkeit und der Gottesdienste in sie eindringen, das ist Gefahr und Chance zugleich.

7.

Die Mitglieder der Kirche von morgen kommen aus einer so traditionsfernen Gesellschaft, dass sie sich in Freiheit und mit wenig Ressentiment den Überlieferungen des Christentums wieder zuwenden können. Traditionsbrüche erzeugen Aufgeschlossenheit für Traditionen.

Man kann die Zukunft der Kirche kritischer lesen, und es fällt sicher leichter, die zukünftigen Schwierigkeiten zu beschreiben. Wenn man aber die Hoffnung behalten und handeln will, muss man sich der Mühe unterziehen, die Möglichkeiten unter all den Unmöglichkeiten herauszulesen und sich nicht in der Beschreibung des Unglücks zu erschöpfen. Was also werden und sollen die spirituellen Züge und die Aufgaben der Kirche von morgen sein?

1.

Sie soll Gott loben: Die erste Aufgabe der Kirche sind die Gottesdienste, ist das Gebet, ist die spirituelle Befähigung ihrer Mitglieder und Amtsträger zum Gebet und zum Lob Gottes. Das Gebet, die Gottesdienste, das Lob Gottes sind um ihrer selbst willen da. Sie verfolgen keine Absichten. Ihre köstliche Zwecklosigkeit ist vielleicht das Schönste an ihnen. Aber sie sind als primäre Aufgabe der Kirche gerade wegen ihrer Zwecklosigkeit auch schwer zu verteidigen. Alles, was Zwecke hat, legitimiert sich selbst; was keine Zwecke hat, hat es schwer.
Wenn ich ängstlich wäre, würde ich befürchten, dass die Kirche nur das tut, was sich nach außen rechtfertigen lässt und was allen einleuchtet; nur das sagt, womit sie der säkularen Gesellschaft schmackhaft ist. Das heißt: sie würde den Namen Gottes verschweigen.

2.

Sie soll das Recht ehren: Die Kirche, die gesellschaftlich bedeutungsloser geworden ist, die nicht mehr einem König oder einer Staatsidee verpflichtet ist, ist freier in ihren geistlichen und politischen Optionen. Sie kann leichter lernen, dass Spiritualität nicht hauptsächlich eine Frage religiöser Techniken ist, die unabhängig davon sind, wofür eine Gruppe steht und welche Optionen sie hat. Beten kann man, wenn man weiß, wofür man beten soll. Die Spiritualität der Kirche ist zuallererst ihre Aufmerksamkeit auf die Gesichter der Menschen; auf ihre Leiden und auf ihr Glück. Spiritualität ist die Erkenntnis der Augen Christi in den Augen des hungernden Kindes, der gequälten Frauen, der Menschen, die aus allen Sicherungen heraus gefallen sind. Diese Spiritualität lehrt Fragen stellen: Wer leidet? Warum leidet er? Wer macht Leiden? Ich hoffe auf eine Zeit, in der die Linken fromm werden und die Frommen links. An der unglückseligen Arbeitsteilung zwischen Frommen und Kritischen haben wir lange genug gelitten.
Wenn ich ängstlich wäre, würde ich befürchten, dass die Kirche, wo ihr die gesellschaftliche Akzeptanz verloren geht, sich eifrig bemüht, politisch unauffällig zu werden und ihre prophetische Aufgabe zu vernachlässigen.

3.

Sie soll Gesicht zeigen: Die Kirche soll zeigen, wer sie ist und welche Schätze sie zu verwalten hat. In der Zeit verlöschender Träume soll sie eine Art Erinnerungswerkstatt sein, in der an den inneren Mustern von Menschen gebaut wird. Tradition verstehe ich als eine Überlieferung der Bilder der Lebensrettung, die Menschen miteinander teilen. Dass das Leben kostbar ist; dass Gott es liebt; dass einmal alle Tränen abgewischt werden; dass die Armen die ersten Adressaten des Evangeliums sind, das singt und spielt uns diese Tradition in vielen Geschichten und Liedern vor. Es ist nicht das Wichtigste, dass Menschen durch die öffentliche Sprache der Kirche zu ihren Mitgliedern werden. Wichtig ist, dass Menschen in ihren Träumen und in ihrem Gewissen gebildet werden. Die Erinnerung an die Träume schuldet die Kirche einer Traumlosen Gesellschaft.
Wenn ich ängstlich wäre, würde ich vermuten, dass der Kirche der Stolz abhanden kommt, sich öffentlich zu zeigen. Sie könnte zu einer kleinen Gruppe von selbstvergewisserten Menschen werden, die nur noch nach innen denkt und nicht mehr wahrnimmt als sich selber.
Wen man liebt, dem sagt man eine bessere Zukunft voraus, als er vielleicht haben wird. Und weil ich die Kirche liebe – nicht nur das Christentum, darum sage ich: Die Kirche wird nicht sterben, sie wird sich verwandeln. Was wir erleben, sind die Geburtsschmerzen einer gereinigten Kirche. Aber auch der Geburtsschmerz ist ein Schmerz. „Eine Frau, wenn sie gebiert, hat Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.“ (Johannes 16, 21)

Fulbert Steffensky, geboren 1933 in Rehlingen/Saar, Studium der katholischen und evangelischen Theologie, 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach, 1969 Konversion zum Protestantismus, bis 1998 Professor für Religionspädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Verheiratet mit Dorothee Soelle (bis zu ihrem Tod). Wichtigste Veröffentlichungen: Gott und Mensch – Herr und Knecht? Autoritäre Religion und menschliche Befreiung (1973). Wo der Glaube wohnen kann (1989), Das Haus, das die Träume verwaltet (1998), Der alltägliche Charme des Glaubens (2002), Feier des Lebens. Spiritualität im Alltag (2003), Die zehn Gebote, Anweisungen für das Land der Freiheit (2003).

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