TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 76

editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

kurz vor Ostern liefern wir diesmals nur ein relativ schmales Heft. Insgeheim hatten wir ja damit gerechnet, dass mit der Einstellung des WEGs Transparent als einzig übrig gebliebene gesamt-rheinische Kirchenzeitung einen erhöhten Zulauf an Artikeln und vielleicht auch AbonnentInnen verzeichnen könne. Doch das war wohl zu neoliberal kurz gedacht: Zumindest für die Presselandschaft scheinen die ganz einfachen Konzentrationsgleichungen nicht zu gelten.
Dabei gäbe es doch Themen genug, die Berichte, Kommentare und kritische Anfragen lohnen würden: Die Hohe Synode hat inzwischen gemerkt, dass es in der PfarrerInnenschaft ein Wartestandsproblem gibt (Woran hat sie es gemerkt? – An der empfindlichsten Stelle: den Kosten…) Gelöst werden soll dieses Problem auf Kosten der Menschen – mehrheitlich Frauen – im Sonderdienst. Jetzt haben die das Problem, aber in ein paar Jahren wird es in den Schoß der Kirche zurückkehren, wenn da plötzlich niemand mehr ist, um die dann frei werdenden Stellen zu besetzen. (Natürlich wird das dann eine vollkommen überraschende Entwicklung sein, mit der nun wirklich niemand rechnen konnte…)
Spätestens seit Hartz IV sollte die damit verbundene bittere Realität für die Betroffenen in den Gemeinden deutlich spürbar geworden sein. In der (Berufs-)Schule und in den Krankenhäusern wird jedenfalls sichtbar, wie verheerend die Auswirkungen bei jungen bzw. kranken Menschen sein können, die zunächst vor allem gefordert, aber kaum gefördert werden. Muss da erst jemand wie Heiner Geissler fragen: Wo bleibt euer Aufschrei?
Der Schwerpunkt dieses Heftes liegt in der Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer, dessen 60. Todes- und 100. Geburtstag Anlass zu vielen Feierlichkeiten geben werden. Das Transparent-extra von Christian Gremmels versucht, die Rezeptionsgeschichte kritisch einzuordnen. Die ausführliche Bücherschau von Paul Gerhard Schoenborn zum Thema liefert dazu weitere wertvolle Anregungen.
Auch wenn von den traditionellen Transparent-Rubriken das Rheinische diesmal entfallen muss, auf den Ökumenischen Flügel ist Verlass (Danke, Klaus!)
Beim diesjährigen Transparent-internen Kassensturz haben wir festgestellt, dass wir trotz leicht sinkender AbonnentInnenzahlen durch die Preiserhöhung im letzten Jahr die Finanzbasis der Zeitung so weit konsolidieren konnten, dass wir nun kostendeckend arbeiten. Die Rücklagen in Höhe der Kosten für eine Ausgabe sind zwar aufgezehrt, aber wir rutschen anscheinend nicht weiter ins Minus. Ein Dank an unsere zahlenden AbonnentInnen, die die Preiserhöhung (nun immerhin 15,- € im Jahr) ohne Murren akzeptiert haben. (Wenn jetzt auch noch die Säumigen alle zahlen, können wir auch wieder ohne Probleme dickere Hefte herausgeben, vorausgesetzt es finden sich noch ein paar mehr AutorInnen.)
Weil bald Ostern ist, soll dies editorial nicht bei der Klage stehen bleiben, sondern hoffnungsvoll enden. Der Präses der rheinischen Kirche hatte vor einem Jahr im Interview ja in Aussicht gestellt, demnächst 100 Abos zu bestellen (Transparent Nr. 72, April 2004), das wird er gewiss auch bald veranlassen. Außerdem werden viele unserer Leserinnen und Leser selbst in die Tasten greifen und den Dialog innerhalb der kritischen Masse in der rheinischen Kirche beleben. Davon angeregt werden ihre Freundinnen und Freunde auch AbonnentInnen werden und … nein, von einer blühenden (Presse-)Landschaft werden wir jetzt nicht anfangen zu träumen.
Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern ein Ostern, wie es im Buche steht, mit allem was dazu gehört: Aufruch und Staunen, Mut und Lachen.

Die Redaktion.

PS. Die zufälligen LeserInnen, die Transparent noch nicht abonniert haben, denen aber auch die Schnibbelei von Postkarten (letzte Seite) zu lästig ist, die sowieso nicht mehr wissen, wo die Deutsche Post AG in der näheren Umgebung noch einen Briefkasten hat stehen lassen, die aber durchaus über einen Computer mit Internetanschluss verfügen; die seien noch einmal ausdrücklich auf die Möglichkeit hingewiesen, Transparent auf elektronischem Wege zu bestellen:
www.transparentonline.de !
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Der Ökumenische Rat der Kirchen lebt…

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Klaus Matthes

Der Ökumenische Rat der Kirchen lebt…

Ein Jahr vor Porto Alegre

„Der ÖRK lebt“, so fasste ein Teilnehmer an einem Seminar des Gemeindedienstes für Mission und Ökumene seine Eindrücke in Genf und Bossey zusammen. Eine durchaus richtige Einschätzung nach einer Woche Vorträge, Gespräche und Begegnungen mit engagierten und kompetenten Mitarbeitenden in Genf. Der ÖRK lebt dank dieser Frauen und Männer und ihrer programmatischen Arbeit.

Der neue Generalsekretär

Der ÖRK lebt auch dank seines neuen Generalsekretärs, Dr. Sam Kobia, der sich über zwei Stunden Zeit nahm, um mit der Gruppe aus dem westlichen Ruhrgebiet über Globalisierung und Konfession zu sprechen. Der Theologe aus Kenia kennt sich aus in der Theologie, in der Geschichte der ökumenischen Bewegung und in der globalisierten Welt und ihren Folgen. Er hat in den bisher 14 Monaten seiner Dienstzeit engagiert die Fragen der Vollversammlung in Harare 1998 aufgegriffen: „Wie können wir unseren Glauben leben im Kontext einer globalisierten Welt? Wie können wir in dieser Welt Versöhnung predigen?“ Glaube und Wirtschaft – dies Thema steht ziemlich oben auf seiner Prioritätenliste. In seinem ersten Bericht für den Zentralausschuss des ÖRK zieht er die Lehren aus den Gesprächen mit Weltbank und Internationalem Währungsfonds: „…dass WB und IWF nicht von ihrem Konzept des Wachstums als Allheilmittel für das Armutsproblem abweichen werden“. Für den ÖRK hingegen sei die Beseitigung von Armut nur durch den Abbau von Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu erreichen, „und deren Ursachen seien in der ungerechten derzeitigen Wirtschaftsordnung zu finden“. Der Generalsekretär kennt sich auch in der deutschen kirchlichen Wirklichkeit aus und weiß genau, dass sich Theologen wie Ulrich Duchrow über „Glaube und Wirtschaft“ anders positionieren als die Globalisierungs­synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (siehe Kobias Äußerung im Transparent-Interview). Mit diesem Generalsekretär kann der ÖRK gut leben.

Die jungen Menschen

Im Transparent-Interview drückt er seine Erwartung aus, dass die nächste Vollversammlung (VV) in Porto Alegre 2006 eine junge VV wird. Eine Woche später im Zentralausschuss verstärkt er seine Erwartung zu „jüngster“ VV. Neben Jugenddelegierten werden auch jugendliche BeraterInnen an der VV teilnehmen. 150 Jugendliche werden als Stewards tätig sein. Es wird ein Jugendlager für 250 Jugendliche aus Brasilien und Südamerika geben. Eindrücklich setzt der Generalsekretär sich dafür ein, dass der Zentralausschuss seine 15%-Quote nutzt, Jugenddelegierte nach Porto Alegre zu berufen. Zum Hintergrund dieses Bemühens gehört seine Erfahrung mit jungen Menschen, die eine Spiritualität als lebendige, von Erfahrung geprägt, und nicht als organisierte Religion suchen. Post-denominationelles Christentum nimmt zu unter den jungen Menschen. Diesem Phänomen muss sich auch der ÖRK stellen und so kann es den verfassten Kirchen nur gut tun, wenn sie sich in Porto Alegre damit auseinandersetzen müssen durch die Anwesenheit von lebendigen, jungen Menschen. Da wird es darauf ankommen, dass junge Leute in Brasilien eine Plattform bekommen, „die den kirchlichen Institutionen gegenüber nicht so loyal sind wie ihre Eltern es waren“, wie Dr. Kobia im Transparent-Interview ausführt. Junge Menschen, einer kirchlichen Sozialisation verpflichtet oder einem postkonfessionellen Christentum zuneigend, werden die ökumenische Bewegung von morgen leiten. „Wenn wir unsere Zukunft ernst nehmen, müssen wir es auch ernsthaft zulassen, dass junge Menschen den Weg weisen“, schlussfolgert Dr. Kobia in seinem ersten Rechenschaftsbericht. Mit einem solchen Generalsekretär werden die traditionellen Kirchen im Weltrat der Kirchen leben müssen.

Die Einheit der Kirchen tritt auf der Stelle

Seit über 50 Jahren bitten und beten die im ÖRK vertretenen Kirchen um die Einheit der Kirche. Wie weit sind sie gekommen? Sie stehen immer noch am Anfang ihres Weges, muss der theologisch und kirchenhierarchisch unbefangene Beobachter feststellen. Der Rat ist eine Gemeinschaft von Kirchen, nicht selbst Kirche. Die reformatorischen und orthodoxen Kirchen pflegen ihr jeweils eigenes Kirchenverständnis unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zum ÖRK. Das ist für die beteiligten Kirchen seit der Toronto-Erklärung des Zentralausschusses 1950 relativ unproblematisch, bestätigt diese doch, dass der ÖRK-Beitritt weder eine Veränderung der eigenen Ekklesiologie noch eine automatische Anerkennung der anderen Mitgliedskirchen als gleichwertige Verwirklichung der einen Kirche Christi impliziert. Das ist seitdem status quo und erneut in Harare 1998 in der CUV-Erklärung (Gemeinsames Verständnis und gemeinsame Vision des ÖRK) festgehalten worden: „Der Rat ist die Gemeinschaft von Kirchen, die auf dem Weg zur vollen koinonia sind“. 

Klare Fragen der Sonderkommission

Nach vielen Papieren, Stellungnahmen und Ausarbeitungen zum Verständnis von Kirche, die in der Geschichte des ÖRK produziert wurden, hat zuletzt die Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK klare und richtige Fragen gestellt.

An die Orthodoxen: „Gibt es in der orthodoxen Ekklesiologie Raum für andere Kirchen? Wie könnten dieser Raum und seine Grenzen beschrieben werden?“

An die Kirchen der Reformation: „Wie versteht, bewahrt und bringt Ihre Kirche ihre Zugehörigkeit zu der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zum Ausdruck?“

Bischöfinnen, Metropoliten, Präsides, TheologInnen und kirchenleitende Menschen müssten doch in der Lage sein, diese einfachen, klaren Fragen zu beantworten und so in der Frage der Einheit der Kirche voranzuschreiten. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ein Jahr vor der VV in Porto Alegre gibt es eine Vorversammlung der orthodoxen Kirchenfamilie. Dort werden fast alle Fragen der Sonderkommission behandelt und aufgegriffen, bis auf die nach dem Raum für andere Kirchen im Kirchenverständnis der Orthodoxie. Im Blick darauf halten sie eine Studienarbeit für die „von der Sonderkommission respektvoll gestellten Fragen und auch im Interesse größerer Klarheit und Konsistenz dieser Fragen unter den orthodoxen Kirchen für notwendig und an der Zeit“. Was um alles in der Welt ist das Problem und was und warum muss erneut studiert werden? Warum gibt es nicht bereits jetzt eine Antwort? 
Machtfragen?
Es darf in diesem Zusammenhang an die Debatte über CUV (Gemeinsames Verständnis und gemeinsame Vision des ÖRK) in Harare 1998 erinnert werden. Die anglikanische Delegierte Pfarrerin Rose Hudson-Wilkin stellte damals die Frage, ob es irgendein normales Kirchenmitglied gebe, dass diese Debatte verstehen könnte, in der so oft von Ekklesiologie und Größe der eigenen Kirche die Rede sei. „In Wirklichkeit geht es hier um Machtfragen“, meinte sie. Vielleicht nicht ausschließlich um Machtfragen, aber gewiss auch um solche. 
Das Schweigen im Blick auf diese Fragen betrifft übrigens nicht nur die Orthodoxen. Eine klare Antwort der reformatorischen Kirchen in Deutschland auf diese Frage ist bisher auch nicht bekannt.

Göttliche Liturgie versus Gottesdienst 

Im orthodoxen Zentrum in Chambesy in der Nähe von Genf habe ich wieder einmal eine feierliche Liturgie mit einem Bischof und mehreren Priestern erlebt. Die Liturgie – obwohl ich kaum etwas verstand – und ihre Dramaturgie und Symbolik haben mich tief beeindruckt. Aber mir ist dabei auch deutlich geworden, dass diese orthodoxen Männer in einem reformierten Gottesdienst – eventuell von einer Frau geleitet – keine Liturgie in ihrem Sinn erkennen und anerkennen können. Andererseits ist mir bei dieser Gelegenheit auch erneut bewusst geworden, dass ich 1. so nicht Gottesdienst feiern möchte und kann und dass ich 2. auch nicht in einer solchen Liturgie mitzelebrieren kann und möchte. Fazit für mich vorerst: „Die anderen respektieren mit ihrer göttlichen Liturgie und für frag-würdig halten in der Hoffnung, dass sie uns und unseren Gottesdienst ebenfalls für ­frag-würdig halten“. Die veränderte Gottesdienstpraxis bei Versammlungen und Konferenzen des ÖRK, welche die Sonderkommission vorgeschlagen und der Zentralausschuss angenommen hat, trägt dem in ehrlicher Weise Rechnung. Mit dieser Redlichkeit kann ich und, ich finde, auch der ÖRK leben.

Konsens-Methode 

In Porto Alegre wird die westlich-parlamentarische Mehrheitsentscheidung durch die Konsens-Methode abgelöst. Der Zentralausschuss hat sie bei seiner letzten Tagung im Februar 2006 in Genf bei einem schwierigen Thema nicht ohne Erfolg ausprobiert. Zur Methode gehören blaue und orange Karten. Mit ihrer Hilfe können die ModeratorInnen feststellen, was die Teilnehmenden in der laufenden Diskussion denken. Blaue Karten signalisieren „Distanz oder Ablehnung“, orange Karten „Aufgeschlossenheit oder Zustimmung“. Die in der VV in Harare 1998 kaum händelbare „menschliche Sexualität“ wurde in Genf in Offenheit und Aufgeschlossenheit behandelt und soll in Porto Alegre fortgesetzt werden. Durch die Konsens-Methode wird die unproduktive Atmosphäre des „Dafür oder Dagegen“ durch Kooperation abgelöst. „Durch gegenseitiges Zuhören erreichen wir mehr als durch Urteile. Vielleicht können wir dann auch in einem Menschen, der eine entgegengesetzte Position vertritt, das Ebenbild Gottes erkennen“ (Leonid Kishkovsky, Orthodoxe Kirche von Amerika).

Prophetische Stimme des ÖRK

Die prophetische Stimme des ÖRK wird durch die Konsens-Methode nicht zum Schweigen gebracht, haben Mitglieder des Zentralausschusses nach der ersten Erfahrung mit ihr festgehalten. Die prophetische Stimme äußerte sich bei der letzten Tagung des Zentralausschusses vor Porto Alegre in einer Reihe von Erklärungen. Sie rufen zu einer Beendigung der von den USA geführten Militärpräsenz im Irak auf, ebenso zu einer Beendigung der widerrechtlichen Haft von Gefangenen durch die US-Regierung in Guantanamo Bay/Kuba. Es gibt Erklärungen zur Situation von MigrantInnen und zum 90. Jahrestag des Armenischen Völkermordes am 24. April 2005, zur Situation in Serbien-Montenegro und in Israel/Palästina und einen Aufruf an alle Staaten, die die Rom-Statuten für den Internationalen Gerichtshof noch nicht ratifiziert haben. Alle Erklärungen enthalten eine deutliche Parteinahme für die Schwachen und Marginalisierten in den angesprochenen Konfliktfeldern. Warum sollten diese Delegierten aus den verschiedenen Kirchen und Kontinenten in einem Jahr weniger konkret die Dinge in der Welt benennen, nur weil die Methode der Entscheidungsfindung sich verändert hat? Alle, die in dieser Hinsicht Sorge haben, seien erneut an das Programm zur Bekämpfung des Rassismus und seinen Sonderfonds erinnert, die der damalige Zentralausschuss einmütig beschlossen hat. 

Was bedeutet Ökumene im 21. Jahrhundert?  

Resolutionen und Erklärungen zu ethischen und politischen Konfliktfeldern enthalten allerdings auch eine Gefahr für eine Vollversammlung. So wichtig sie für besondere Regionen und so hilfreich sie für manche Kirchen sind, sie benötigen viel Zeit und Kraft auf einer Vollversammlung. Die Vollversammlung in Porto Alegre darf sich nicht verzetteln und Zeit verschwenden. Sie wird kürzer als bisherige Versammlungen sein und viel Zeit brauchen für das entscheidende Thema: „Was bedeutet Ökumene im 21. Jahrhundert? Welches sind die Visionen der ökumenischen Bewegung im 21. Jahrhundert und welche Strukturen sind geeignet, diese Visionen umzusetzen?“
Von der Antwort auf diese Fragen wird abhängen, wie der ÖRK im 21. Jahrhundert lebt oder ob er lediglich überlebt.
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Religiöse Friedenspotentiale

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Peter Franz

Religiöse Friedenspotentiale

Was könn(t)en Christen und Kirchen zur Gestaltung einer friedlicheren Welt beitragen?

Alle Religionen dieser Welt haben in ihren schriftlichen und mündlichen Überlieferungen, in ihren heiligen Büchern und Schriften Aussagen, Überzeugungen, Visionen von einem friedlichen Zusammenleben der Menschheit aufbewahrt, um diese an die neuen Generationen weiterzugeben. Die Religionen und ihre Diener sind Verwalter eines riesigen Schatzes an potentiellen Friedensenergien, die in die Form menschlicher Glaubensüberzeugungen und Glaubenstaten als gewissermaßen kinetische Energie umgewandelt werden sollen. Das Hauptproblem dieser Religionen aber ist dabei, dass ihre Schriftgelehrten und Theologen diese Friedensgebote und Friedensverheißungen aus einem für Unkundige unübersichtlichen Wust gleichzeitig überlieferter Erzählungen, Texte und zeitbedingter Normen herauszuarbeiten und als bestimmende Leitschnur festzustellen und festzuschreiben haben. Aber genau daran – an der Umwandlung von „potentiellen” in „kinetische” religiöse Friedensenergien – haperte es schon immer und hapert es immer weiter. Um die Problematik auf die uns in Westeuropa, im „Abendland” vorrangig begegnende Religion zu konzentrieren, wollen wir unseren Blick nun auf die jüdisch-christliche Religion richten. 
Wir wollen fragen: 
• Welche pazifistischen (friedenschaffenden) und emanzipatorischen (menschenrechtlichen) Grundsätze aus dem Mund des Frieden gebietenden Gottes liegen in der Heiligen Schrift verborgen? Und
• Wie ist es möglich, dass dessen ungeachtet Kirchen und Christen im Namen des gleichen (?) Gottes dem Geist der Gewalt, des Krieges und der Unterdrückung verfallen konnten?

1. Rechtgläubige Juden und Christen hoffen auf „Schalom”, das heißt auf einen umfassenden Frieden

Das Schlüsselwort der hebräischen (jüdischen) Bibel (des „Alten” oder Ersten Testaments) ist der Begriff des Schalom – Frieden im umfassendsten Sinne als körperlich-materielles, geistig-ideelles, sozial-kommunikatives Wohlbefinden und Wohlergehen aller seiner Geschöpfe. Unter den Angehörigen dieses Gottesvolkes soll es sozial gerecht, menschlich-freundlich, regelgeleitet und trotzdem barmherzig zugehen. Auch der Übertreter der gegebenen Ordnung soll resozialisiert, wieder eingegliedert werden. 
Obwohl es sich bei dem folgenden Text um einen Bußpsalm handelt, der voller Klage steckt über erfahrene gesellschaftliche Verwerfungen, Ungerechtigkeit und Unheil, schimmert doch in seinem zweiten Abschnitt die Hoffnung auf Wiedergewinnung dieses gerechten, menschenfreundlichen Friedens durch: 
„Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten. Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; dass uns auch der Herr Gutes tue, und unser Land seine Frucht gebe; dass Gerechtigkeit vor ihm hergehe und seinen Schritten folge.” 
(Psalm 85,9ff.) 
Solche Friedenshoffnung hat mehr Substanz als jenes Haschen nach „ein bisschen Frieden” in der gegenwärtigen Fan- und Fun-Kultur, aber auch mehr als der „seelische Frieden”, den eine abgehobene bürgerliche Ästhetik verspricht – ganz zu schweigen von dem jenseitigen „Frieden”, den eine pervertierte kirchliche Predigttradition bis zum Überdruss verbreitet hat und noch verbreitet. Nein, der Frieden, den der „befreiende Gott” (vgl. das unter Punkt 2 gesagte!) favorisiert, ist von Recht und Gerechtigkeit geprägt, hat etwas mit festhaltender Treue zum Menschenrecht, zum Leben und Wohlergehen seiner Geschöpfe zu tun. Dieses Modell eines in Frieden und Gerechtigkeit lebenden Gottesvolkes trifft nach christlicher Überzeugung, verdichtet in der Bergpredigt des Jesus aus Nazareth im griechischen (christlichen) „Neuen” (Zweiten) Testament seither für das ganze Menschheitsvolk zu.

2. Autor des Friedens ist der aus Unterdrückung befreiende Gott

Ausgangsgeschehen, sozusagen das Schlüsselerlebnis für den umfassenden „Gerechtigkeits-Frieden” (den friedensbewegte Christen vor zwei Jahrzehnten noch um den Begriff der „Bewahrung der Schöpfung” erweiterten) war für das Volk des „alten Bundes” („Alten Testaments”) die erfahrene Befreiung aus unterdrückerischen, entwürdigenden, entmenschlichenden Verhältnissen. Bestimmte Sippen- und Stammesmitglieder eines nachmaligen „israelitischen” Volkes haben in Ägypten, wahrscheinlich zur Zeit des ägyptischen Herrschers Amenophis IV. Echnaton oder seines Nachfolgers um das 14./13. Jahrhundert v.u.Z., in Knechtschaftsverhältnissen gelebt. Aus dieser Sklavereierfahrung gelang ihnen der Ausbruch unter der Leitung eines charismatisch-politischen Führers mit Namen Mose. Geschichten und Lieder von diesen in grauer Vorzeit liegenden Befreiungserfahrungen sind später in den geistigen (religiösen) Besitz weiterer nomadisierender Stämme von Viehhaltern übergegangen und damit zum konstitutiven Bestandteil einer sich herausbildenden „Israel”-Identität geworden. Wie ein erratischer Steinblock dieser aufgenommenen und weitergegebenen Erfahrungen mehrerer Generationen ragt als das wichtigste Dokument der Thora (der fünf Mose-Bücher) aus den religiösen Überlieferungen dieser Stämme heraus: Der Dekalog oder die Zehn Gebote. Und gleich das erste von ihnen bietet wiederum das Grund- und Schlüsselerlebnis ihrer Erfahrung als befreite Menschen, die ihren Frieden, ihr Wohlergehen, ihr Glück diesem einen befreienden Gott Jahwe (JHWH, hebr.: „Ich bin, der ich bin”, „Ich bin, der ich sein werde”) verdanken: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Haus der Knechtschaft, befreit habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” (2. Buch Mose, Kap. 20, 5. Buch Mose, Kap. 5) Mit diesem Gebot steht und fällt ihr Leben, ihr Frieden, ihr Wohlbefinden, ihre Existenz. Es ist mehr als bezeichnend, dass die Großkirchen katholischer und lutherischer Prägung diesen (von mir hervorgehobenen) Kernsatz aus dem Bestand des unbedingt Weiterzugebenden eliminiert haben. Den Beweis dafür finden wir in der traurigen Tatsache, dass die Katechismen dieser großen, die Geschichte des „Abendlandes” bestimmenden Kirchen das Erste Gebot nur in der verstümmelten, „entkernten” Form enthalten: 
„Ich bin der Herr, dein Gott (…). Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.” 

3. Frieden ist eine Frucht der Gerechtigkeit – Krieg ist die Ausgeburt von Unrecht und Raub

Mit dieser inhaltlichen Enteignung des Gottesbegriffs wurde zugleich der Begriff des Schalom seines Kernes beraubt: der Gerechtigkeit, die aus sozialer Befreiung entsteht. Wirklicher Frieden ist für die authentischen Propheten und Lehrer dieser Überlieferung nämlich nur denkbar unter dem Vorzeichen der Gerechtigkeit: 
„Und das Recht wird in der Wüste wohnen und Gerechtigkeit im fruchtbaren Lande. Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein, dass mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe.” 
(Jes 32,16ff.) 
Zur „Entkernung” des Gottesbegriffs ist es nützlich, sich eine weitere schwerwiegende Manipulation am Text des Dekalogs durch die Großkirchen bewusst zu machen. Aus ihren Katechismen haben sie das Zweite Gebot sogar völlig eliminiert: 
„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.” 
(2. Buch Mose Kap.5,4ff.)
Damit haben sie die Gültigkeit des Ersten Gebotes (dessen Inhalt sie zuvor verflüchtigten) faktisch ganz aufgehoben, denn nunmehr war es „erlaubt”, sich von diesem Gott „ein Bild” zu machen, d.h. in tastender Suche oder auch in freier Fantasie sich Gott als eine „Figur” vorzustellen bzw. auszumalen, der man eher durch „Betrachten” und „Hineinlesen” als durch Hören und Antworten nahe kommen kann. Um jedoch einem nicht grundlos befürchteten religiösen Subjektivismus beizeiten vorzubeugen, noch mehr aber um den religiösen Bilderdienst selber in der Hand zu behalten, entwickelten später die päpstlichen Beauftragten sogar eine „kirchliche Ikonografie”, die genau vorschrieb, mit welchen Attributen, Gesichtsausdrücken, Haltungen, Gebärden usw. die Figuren der inzwischen kirchlich definierten „dreifaltigen” Gottheit in Gestalt Gottvaters, seines Sohnes und des heiligen Geistes abzubilden bzw. darzustellen waren. All das, diese ganze Bildermacherei und Bilderverehrerei konnte in den Augen bibeltreuer Gläubiger, etwa jüdischer Mitbewohner oder auch sich in verborgenen Zirkeln versammelnder papstkritischer Christen nur als ein einziger Gräuel angesehen werden. Entsprechend waren natürlich auch die Ausgrenzungs- und Verfolgungsexzesse der mittelalterlichen Kirche gegen die Juden wie auch gegen die Anhänger von „Sekten” wie etwa der Katharer (von denen – nebenbei – das langlebige Wort „Ketzer” abgeleitet ist). Wer der Kirche mit ihrem biblischen Grundgesetz kritisierend gegenüber treten wollte, um sie „mit ihren eigenen Waffen zu schlagen”, riskierte Kopf und Kragen. Damit wurde die Kirche selber zum Inbegriff von Ungerechtigkeit, Maßlosigkeit, Widergöttlichkeit – bis ein Martin Luther oder Huldrych Zwingli oder Johannes Calvin auf den Plan traten, um dieser Hydra das Haupt abzuschlagen. Immerhin haben sich die schweizerischen Reformatoren wenigstens soweit durchsetzen können, dass sie in ihren Gemeinden seither die Gebote im biblischen Wortlaut verbreiten und sich auch jeglicher Gottesabbildung enthalten (wie das genauso die Muslime tun). Luther war unter den Reformatoren eine besonders tragische Figur, weil er angesichts der machtpolitischen Verhältnisse in seinem anfänglichen Eifer für die Reformation der Gesellschaft beizeiten abgebremst wurde, sich von den Bilderstürmern ängstlich distanzierte, die sozialrevolutionäre Erhebung der Bauern schließlich fanatisch bekämpfte und als etablierter Universitäts- und Hoftheologe den altkirchlichen Antisemitismus rechtfertigte und sogar weiter anfachte. Es ist daher kein Wunder, dass sich besonders die lutherische Konfession in Deutschland als sehr anfällig erwies gegenüber jedem Militarismus, Nationalismus und Chauvinismus der beiden vergangenen Jahrhunderte. Gerade diese Kirchen haben wenig zum Frieden und zu gerechten Verhältnissen beigetragen. Wie sollten sie auch, da sie den sozial befreienden Gott bis heute leugnen und mit ihren falschen Gottesbildern gern den Machtansprüchen ihrer jeweiligen weltlichen Obrigkeiten dienen?
Damit sind wir jedoch dem Gang der Geschichte schon weit vorausgeeilt. Die Versuchung, die Gültigkeit der Gebote auszuhöhlen bzw. ihren Anspruch umzudeuten, beginnt bereits in „biblischen” Zeiten, ja gehört offensichtlich als parallele Unterströmung zur Verkündung des Frieden gebietenden und Gerechtigkeit schaffenden Gottes von Anfang an hinzu. Bei allem Verständnis für die kritische Distanz aufgeklärter Atheisten zu religiösen Texten – das jedoch muss man den Redaktoren und Überlieferern der Bibeltexte lassen: Sie haben mit den befreienden Impulsen ihrer Botschaft immer zugleich die Geschichten ihrer Verdrängung, Umgehung und ihres Verrats durch die Angehörigen des befreiten Volkes mit überliefert. So ist die Bibel nicht nur ein Fundort menschheitlicher ethisch-moralischer Errungenschaften, sondern gleichzeitig auch eine Sammlung beschämender, erschütternder, bloßstellender Geschichten über die ungezählten Verratshandlungen an jenem Gott, der seine Kinder auf den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens führen will.

4. Das Modell des „Menschen mit dem aufrechten Gang” als Hoffnungszeichen in Zeiten von Krieg und struktureller Gewalt

Es ist hier nicht möglich, die Geschichte des biblischen Israel (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Volk und Staat der Neuzeit) auch nur in Umrissen nachzuzeichnen. Das, was man von der befreiungstheologischen Wurzel her als das Projekt einer „Thora-Republik” bezeichnen könnte, ist über verschiedene Zwischenstufen faktisch zu einem dynastischen Sklavenhalterregime verkommen, das sich nicht prinzipiell von den Gesellschaftstypen seiner orientalischen Umgebung unterschied. Dieses Reich Israel bis 926 v.u.Z., von da an in seiner Doppel­existenz als Israel und Juda, in der letzten Phase nach dem Untergang Israels 722 v.u.Z. als Reststaat Juda handelnd, in der historischen Gemengelage mehr Getriebener als Treibender, fand in seinen Propheten jene (selbst)kritischen Geister, die den in eigenem realpolitischen Machtwahn verstrickten Herrschaftsschichten ihre andere Sicht auf das Gottesvolk entgegenhielten. Zugleich entwarfen sie mit ihrer Prophetie das Bild eines „neuen Menschen”, der sich auch angesichts der Übermacht der auf Gewalt setzenden Mächtigen das Bewusstsein bewahren könne, aufrecht und selbstbewusst im Sinne des befreienden Gottes zu leben: 
„Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel 
(hebr. „Gott mit uns”)”. 
(Jes 7,14)
An einer anderen Stelle dieser Überlieferung vom gleichen Propheten Jesaja heißt es über das im voraus erkannte Scheitern aller militär-politischen Illusionen: „Du weckst lauten Jubel… Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.” Obwohl für uns unvorstellbar, sollte es doch diesen Gedanken wert sein: Wie wäre es gewesen, wenn 1914 der protestantische deutsche Kaiser Wilhelm II. und sein Oberhofprediger Doehring eben diesen Text von dem verbrannten Soldatenstiefel und Soldatenmantel bedacht und gepredigt hätten und nicht jenes fatale „Gott mit uns!” auf die soldatischen Koppelschlösser prägen ließen, die Versicherung jenes entkernten Gottes, der immer mit den stärksten Bataillonen ist! – Doch weiter: 
„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich; dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.” 
(Jes 9,2 ff.) 
Wen diese Friedenshymne in der Tonsetzung von Georg Friedrich Händels „Messias” jemals begeistert mitgerissen hat, der ahnt, welche friedensfördernden Kräfte gerade von solcher Textpredigt hätten ausgehen können. Die Idee vom selbstbewussten, seiner Sache, der Sache des befreienden Gottes sicheren Gläubigen blieb jedoch nur der spektakuläre Einzelfall, blieb die Sache solcher aufrechter Einzelkämpfer(innen) wie Bertha von Suttner, Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luther King. Sie waren wahrhafte Friede-Fürsten in der Nachfolge jenes Friedenslehrers, um dessen Wirken sich schließlich das zweite („Neue”) biblische Testament rankt.

5. Der Mensch des Friedens als der für ein menschengerechtes (den Menschenrechten verpflichtetes) Tun Verantwortliche

Die Propheten haben den Niedergang des alten Israel in der antiken Völkerwelt nicht aufhalten können. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 u.Z. ist von Israel über fast zwei Millennien hinweg nur noch in einem übertragenen, geistigen Sinne die Rede. Eine religiöse Erneuerungsbewegung der Jesuaner (der Anhänger eines Jesus von Nazareth) oder Christen (der Anhänger des Christus, wie Jesus von späteren Generationen genannt wird), tritt das religiöse Erbe des befreienden und Frieden gebietenden Gottes an. Mit den Worten und den Taten dieses Wanderpredigers geht es allerdings nicht viel anders als mit den Überlieferungen vom Wollen des befreienden Gottes. Um die Predigt und Lehre von Jesus, die nichts anderes als die sachgemäße Weiterführung des begonnenen Befreiungswerkes von Jahwe sein will, ranken sich bald spezielle Sonderinteressen, durch Zeit- und Gesellschaftsumstände geformte Eigenüberlieferungen, die die authentische Jesus-Tradition überformen, umbiegen, instrumentalisieren oder vergewaltigen. Die im „Neuen” Testament überlieferten Worte, die nach historisch-kritischer Forschung seinem Reden und Predigen am nächsten kommen, nämlich Kernstücke seiner „Bergpredigt” (Matth. Kap.5-7), stehen mitnichten im Mittelpunkt alles (groß)kirchlichen Redens und Feierns. Als Beispiel seien die großen Feste im Kirchenjahr genannt. Keiner der wichtigen Texte, die den an diesen Feiertagen sich in erheblichen Mengen versammelnden Gläubigen vermittelt werden, stammen aus der authentischen Jesus-Verkündigung selbst: Zu Weihnachten wird seine später eingefügte Geburtsgeschichte thematisiert und ein menschlich zwar anrührendes Familienidyll (meist auch laienspielerisch) vorgeführt, aber dabei wohl oft die Chance vergeben, durch Brückenschlag zur Geburtsankündigung des Immanuel (vgl. das unter Punkt 4 gesagte) die Worte und Taten des seinen Windeln entwachsenen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn die kirchliche Verkündigung hier etwas leistet, ist es allenfalls die Bewusstmachung der Kinderrechte als Teil der Menschenrechte. Und die Predigt vom „Frieden auf Erden” in der Botschaft der Engel reduziert sich faktisch sehr leicht auf die Bekundung eines (menschlich verständlichen) „in Frieden gelassen werden”, in dessen Zuversicht sich ein Großteil der Christvesper-Besucher auf den Heimweg zum privaten Christbaum begibt. 
Im Falle des Osterfestes ist es nicht anders. Das Staunen über die wunderbare Wiedererweckung eines biologisch Toten steht überall im Mittelpunkt, also der Inhalt jener literarischen Texte, die wieder nicht von Jesus stammen, sondern aus der das Todesgeschehen am Karfreitag mystisch reflektierenden frühchristlichen (und damit nach-jesuanischen!) Gemeinschaft der zweiten oder dritten Generation nach seiner schmählichen Hinrichtung. Als dieser Jesus noch selber von „Auferweckung” gesprochen hatte, klang das jedenfalls ganz anders. In der bei Lukas überlieferten Geschichte von der Heimkehr des „verlorenen Sohnes” ruft der glückliche Vater: 
„Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.” 
(Luk. Kap.15,22ff.) 
Hier ist die Auferweckung von den Toten das, was sie wirklich sein könnte: die Zurückbringung des entrechteten, entwerteten Menschen aus der Entfremdung von sich selbst. Positiv ausgedrückt ist es der gleiche Impuls, den der junge Marx geben wollte, nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.” (MEW 1/385) Da taucht der Schalom wieder auf, der mit der Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse beginnt (ein Gewand, Schuhe an seine Füße), aber zu dem auch Kultur gehört (ein Ring an seine Hand). „Lasst uns essen und fröhlich sein!” ist der Sinn eines erfüllten Menschenlebens, wenn man diese Tätigkeiten nicht als erschöpfend-platte Beschreibung liest, sondern als Chiffren für eine Vielfalt solcher gesellschaftlicher Beziehungen und persönlicher Würdeerfahrungen, in denen der Mensch in Frieden und Gerechtigkeit mit seinesgleichen und in Übereinstimmung mit dem befreienden Gott lebt.
Um den Nachweis vollständig zu führen: Auch beim Pfingstfest steht kirchlicherseits die Ausgießung „heiligen” Geistes an die nach-jesuanischen Christus-Anhänger im Mittelpunkt, aber nicht der Geist, der als heilender Geist des Nazareners dem Blinden das Augenlicht zurückgab, den psychisch Kranken von Obsessionen oder Neurosen befreite, der Trauernden neuen Lebensmut auch angesichts des Todes eines geliebten Menschen einflößte. Nahezu unglaubliche, aber von den Jüngern des Menschen mit dem aufrechten Gang wohl tatsächlich gemachte Erfahrungen und daraus resultierende Lebenshaltungen wie diese spielten seit der Verkirchlichung der christlichen Lehre keine Rolle mehr: 
„Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.” 
(Luk. Kap. 10,18f.)
Die schlimmste Perversion und weitestgehende Entfernung von dem, was Jesus als der neue Mensch lehrte, besteht nach meiner Überzeugung in dem Werbefeldzug der Kirchen, der sich auf einen angeblichen „Missionsbefehl” des Nazareners beruft, welcher in Wahrheit die Sendungs-Neurose einer ihres eigentlichen Auftrags nicht mehr sicheren Christengemeinde darstellt: 
„Mir ist gegeben alle Gewalt (!; P.F.) im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” 
(Matth. Kap. 28,19f.) 
Dieser Missionsdrang, von dem Kardinal Lehmann gerade jüngst als dem „Kern des Christentums” gesprochen hat, war Grundmotiv bei der Ausbreitung des so verstandenen Christentums unter „heidnischen” (sprich: nicht-christlichen) Völkern am Beginn der abendländischen Geschichte, durchzog die Kreuzzüge des hohen Mittelalters, tauchte auf dem Koppel des Wehrmachtssoldaten auf, der das Abendland vor dem „Ansturm des gottlosen Bolschewismus schützen” sollte und kehrt wieder beim „Kreuzzug” des „God bless you, America” gegen den „internationalen Terrorismus” und die Widersacher „unserer freiheitlichen Lebensweise”.  
Eine weitere verhängnisvolle Rolle spielten und spielen sowohl im kirchlichen Kontext wie auch im „natürlichen Volksempfinden” bis hin zu den Sektengründungen im anglo-amerikanischen Raum (Zeugen Jehovas, Pfingstkirchen, Entschiedenes Christentum u. dgl. mehr) bestimmte Weltuntergangs-Fantasien, die durch die Predigt von „Endzeit”- Mythen, und Menschheits-Apokalypsen erzeugt werden, die von den Großkirchen aus der letzten Schrift des neutestamentlichen Kanons (der Offenbarung des Johannes) herausdestilliert wurden: den Schlachten von Armageddon, den „Endkämpfen” zwischen Gut und Böse, bis sich angeblich eine gänzlich neue Menschenwelt aus den Trümmern, dem Blut und der Qual einer vernichteten Menschheit erheben wird. Derlei gruselige Vorstellungen dienten nicht nur der Hollywood-Filmindustrie zu gewinnträchtigen Vorlagen, sondern auch einem Präsidenten namens Reagan zum Kampf gegen „das Reich des Bösen”, als das er die Sowjetunion unablässig dämonisierte. Sein gegenwärtiger Nachfolger im gleichen Amt hat nun islamische Terroristen zu seinen Endkampf-Zielen erkoren und zieht damit die ganze Völkerwelt in einen andauernden Weltkrieg, der die ewige Hegemonie der USA über den Rest der Welt besiegeln soll. Sich dagegen zu stellen wird den Völkern noch viel Anstrengung abverlangen. In die internationale Solidarität der Kräfte, die eine friedliche Welt anstreben, gehören unbedingt jene hinzu, die aus ihrem Glauben an den befreienden Gott Zuversicht und Inspiration gewinnen, um eine Menschenwelt zu gestalten, in der alle grundlegenden Rechte auch tatsächlich gelten, die der Menschheit durch die UNO-Charta feierlich zugesagt werden. Dazu bedarf es auch nicht solcher Kampfrufe wie „heilig die letzte Schlacht”, denn dieses fatale Paradigma ist der oben erwähnten Apokalypse des Johannes entnommen und ist mit Buchstaben und Geist der Gebote des Jahwe völlig unvereinbar. Selbst revolutionäre Geister, die sich bewusst religionsfern oder -feindlich definierten, hatten sich mit diesem Schlachtruf letzten Endes auf eine falsche religiöse Fährte locken lassen.

Bei diesem „Schnelldurchlauf“ durch einen Grundbestand wichtiger biblischer Texte hat sich gezeigt, dass für das Glaubensleben von Kirchen und Christen regelrechte Schätze bisher ungehoben blieben und daher dem Engagement gläubiger Menschen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung entzogen sind. Eine gründliche Besinnung auf die konstitutiven Grundlagen eines biblisch orientierten Glaubens könnte dazu beitragen, dass heute noch schlummernde Kräfte in Bewegungsenergien für den Frieden umgewandelt werden.
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Den ÖRK wirkungsvoll kommunizieren

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Den ÖRK wirkungsvoll kommunizieren 

Interview mit dem neuen Generalsekretär des ÖRK, Dr. Sam Kobia

Transparent: Porto Alegre ist für Sie die erste Vollversammlung des ÖRK als Generalsekretär. Wenn Sie an Porto Alegre denken – worauf freuen Sie sich?

Dr. Kobia: Die neunte Vollversammlung des ÖRK im Februar 2006 wird eine Versammlung sein, die eine neue Phase der Ökumene markiert. Es ist die erste Versammlung im neuen Jahrtausend. Darum müssen wir abschätzen und überlegen, welche Veränderungen stattfinden müssen, damit die ökumenische Bewegung im Allgemeinen und alle Kirchen des ÖRK im Besonderen relevant für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und inspirierend für die Christen auf der Welt sein werden.

Welche Themen werden in Porto Alegre eine Rolle spielen?

Ich würde Porto Alegre gerne als eine junge Versammlung sehen, als eine Versammlung, in der junge Leute die Gelegenheit bekommen, so uneingeschränkt und umfassend wie möglich teilzuhaben. Die jungen Leute werden natürlich ihre eigenen Herausforderungen mitbringen. Und so sehe ich neben anderen Themen die Fragen der jungen Leute, die den kirchlichen Institutionen gegenüber nicht so loyal sind, wie ihre Eltern es waren. Das wird eine Herausforderung sein, die auf uns zukommt.
Ich erwarte, dass das Thema „Gewalt auf der Welt“ behandelt wird, insbesondere zu einer Zeit, in welcher der Krieg gegen den Irak und Afghanistan noch so frisch in unseren Köpfen ist.
Armut ist ein anderes Thema, das ganz oben auf der Tagesordnung stehen wird. Wir werden in Porto Alegre in Brasilien zusammenkommen, einem Land, dessen Präsident Armut als absolute Priorität bezeichnet hat. Das bedeutet, die Welt muss zusammenarbeiten, um die Armut endgültig zu bekämpfen.
Ich erwarte, dass das Thema „menschliche Sexualität“, das bei der Vollversammlung in Harare aufkam und schwierig zu behandeln war, erneut auf der Tagesordnung in Porto Alegre stehen wird.

Porto Alegre findet 40 Jahre nach der Genfer Konferenz „Kirche und Gesellschaft“ statt. Wird dort Raum sein, diese wichtige ökumenische Konferenz zu erinnern und zu bedenken?

Ja, ich würde die Vollversammlung gerne dazu nutzen, 40 Jahre zurückzublicken. Für mich war die Genfer Konferenz „Kirche und Gesellschaft“ insofern ein Wendepunkt, als der Norden und der Süden in gleicher Weise an der ökumenischen Bewegung teilhatten. Und deshalb möchte ich das bewerten und sehen, wo wir im Hinblick auf die nächsten Jahre stehen.

Was wird – nach Ihrer Erwartung – das herausragende Thema in Porto Alegre sein?

Das herausragendste Thema in Porto Alegre ist für mich wirklich „Was bedeutet Ökumene im 21. Jahrhundert?“

Welches Gewicht hat das Programm zur Bekämpfung des Rassismus noch für den ÖRK?

Das Programm zur Bekämpfung des Rassismus (PCR) ist eines der Programme des Rates, welches in der Vergangenheit viel Aufmerksamkeit bekommen hat, insbesondere in der Zeit, in der die Welt sich zusammenschloss, um gegen die Apartheid in Südafrika zu kämpfen. Nach der Apartheid gibt es neue Formen von Rassismus, die angesprochen werden müssen:
Der institutionalisierte Rassismus muss thematisiert werden, der in vielen Einrichtungen in Europa, Nordamerika und anderen Teilen der Welt existiert.
Was mich unter allen Sorgen am meisten beschäftigt, ist die Art und Weise, in der Migranten behandelt werden. Sie erfahren den Rassismus der Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit).
Da gibt es die Sache der indigenen Völker, die noch immer mit ihrer Geschichte kämpfen.
Auch das ist eine Form des Rassismus.
Das sind einige Beispiele für die Arbeit, die PCR weiterführen muss. Wir müssen als grundlegende Struktur die Idee einer transformativen (vollständig veränderten) Gerechtigkeit entwickeln, in der das Programm zur Bekämpfung des Rassismus durchgeführt wird.

Welche Kirchen beteiligen sich noch am PCR und wie hoch sind die finanziellen Beiträge von Kirchen?

Heute tragen nur wenige Kirchen zum Sonderfonds bei, dem Fonds, aus dem ja tatsächlich besondere Programme zum Kampf gegen Rassismus unterstützt werden. Ich bedaure, dass es heute nur sehr wenige Kirchen gibt, die sich beteiligen. Von diesen Kirchen bekommen wir – denke ich – das meiste aus Holland. Wenige Kirchen aus Deutschland tragen zum Sonderfonds bei und noch weniger Kirchen in Nordamerika.

Sie haben bereits die deutschen Kirchen besucht. Was erwarten Sie von den deutschen Kirchen im Blick auf die gegenwärtigen Aufgaben des ÖRK?

Die deutschen Kirchen gehören zu den Mitgliedskirchen, die uneingeschränkt am ÖRK teilhaben. Ich freue mich, dass die Dekade zur Überwindung der Gewalt (DOV) von vielen Kirchen in Deutschland aufgegriffen wurde. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) – auf nationaler Ebene – unterstützt die Dekade ebenfalls. Dies ist also ein Thema, das durch die deutschen Kirchen eine Menge Aufwertung erfahren hat.
Zweitens: Menschenrechtsfragen. Das ist auch ein Programm, das unterstützt wird.
Die ökumenische, theologische Bildung und die ökumenische Einstellung betrachte ich als Schlüsselaufgaben, in welche die deutschen Kirchen involviert sind.

Haben Sie eine Botschaft für die deutschen Kirchen?

Die deutschen Kirchen gehören zu den größten Unterstützern der ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert. Ich möchte die deutschen Kirchen ermutigen, das Niveau ihres ökumenischen Engagements beizubehalten.
Zweitens würde ich gerne mehr Beiträge bzw. eine Verstärkung ihrer Beiträge zu theologischen und sozialen Fragen sehen. Denn es gibt sehr wichtige Themen, welche die deutschen Theologen zur ökumenischen Bewegung beigetragen haben. Wenn wir mit der Frage konfrontiert werden, wie wir unseren Glauben auf die Herausforderungen der Welt einschließlich „Glauben und Ökonomie“ und „Glauben und soziale Gerechtigkeit“ beziehen – Themen, die manchmal Mitleiden erfordern –, haben die deutschen Kirchen und die deutschen Theologen großen Anteil daran. 
So lade ich die deutschen Kirchen ein, weiter ihren Beitrag zu leisten.

Sie unterscheiden zwischen den Theologen und den Kirchen?

Ja, denn ich denke, dass es Wege gibt, wie deutsche Theologen sich abseits der offiziellen Linie in den kirchlichen Prozess einbringen können.

In Deutschland gibt es viele ökumenische, Solidaritäts- und Menschenrechtsgruppen. Gibt es für diese Gruppen eine Botschaft vom Generalsekretär des ÖRK?

Ich kann diesen Gruppen sagen, dass wir jetzt eine neue Phase von Herausforderungen in der Welt erreicht haben, die durch das aus Porto Alegre (Weltsozialforum) kommende Dokument „Eine andere Welt ist möglich“ zusammengefasst wird. Meine Botschaft für sie ist, dass die Zeit gekommen ist, zusammen zu arbeiten und die Idee des „Eine andere Welt ist möglich“ zu fördern. Und auch auf sehr handfeste Weise solche sozialen Bewegungen und ökumenischen Partner zu begleiten, die dafür kämpfen, dass „eine andere Welt möglich wird“. Und ich denke, mit der Erfahrung, welche die deutschen Menschenrechtsgruppen und die Bewegungen für soziale Gerechtigkeit haben, können sie erheblich dazu beitragen, für alternative Visionen und alternative Formen von Gesellschaftsstrukturen zu kämpfen.
Ihre Erfahrungen nach einem Jahr als Generalsekretär des ÖRK?

Meine Erfahrungen während meines ersten Jahres als Generalsekretär sind gut. Ich habe von vielen Seiten gute Unterstützung erfahren.
Ich habe auch eine Sache über den ÖRK gelernt, und das ist, was der ÖRK ist und was er tut. Aber ich bin besorgt darüber, dass die Sichtbarkeit des ÖRK nicht so groß ist, wie sie eigentlich sein sollte. Meiner Meinung nach ist es eine Herausforderung für uns, uns selbst in die Welt zu kommunizieren. Es muss bekannt werden, was der Rat tut und was er ist. Ich bin an einigen Orten gewesen, an denen viele Leute, als ich ihnen erklärte, was der ÖRK tut, gesagt haben: „Warum wissen wir nichts darüber?“ Darum ist das für mich wirklich eine Frage der Kommunikation. Also, die größte Herausforderung, die ich sehe, ist die Frage: „Wie bringen wir den ÖRK wirkungsvoll einem größeren Kreis näher als nur unseren Mitgliedskirchen?“

Klaus Matthes führte dieses Gespräch mit Dr. Sam Kobia am 9. Februar 2005 im Ökumenischen Zentrum in Genf. Ein großer Dank an Lou Ann Sellers, Mülheim/Ruhr, und Klaudia Raffler-Spierling, Essen, für das Abhören, Übertragen und Übersetzen des Interviews.

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Rezensionen

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Bonhoeffer-Literatur

Dieses und das nächste Jahr werden in der Kirche „Bonhoeffer-Jahre“ sein. Ich stelle im Folgenden einige Bücher vor, die mir in der letzten Zeit auffielen. 

Renate Bethge: Dietrich Bonhoeffer – Eine Skizze seines Lebens

Gütersloher Verlagshaus 2004, 88 Seiten, ISBN 3-579-07100-9.

Eine elementare Bonhoefferbiographie – sehr geeignet für Einsteiger. Bonhoeffers Nichte Renate Bethge erzählt prägnant das Leben ihres Onkels. Sie lässt ihn auch selbst in längeren, wohl erwogenen Zitaten zu Wort kommen. So werden seine Lebenseinstellung und sein Glauben, seine theologischen Einsichten und Lebensentscheidungen einsichtig und verständlich vermittelt. Aber auch wer sich bei Bonhoeffer auskennt, bekommt manches neu gezeigt und gedeutet. Das ist nicht verwunderlich, hat die Autorin doch an der Seite ihres Mannes über Jahrzehnte an der Aufarbeitung und Vermittlung des Bonhoeffervermächtnisses an die Kirchen der Welt mitgewirkt. 
Renate Bethges Buch ist aber noch mehr: Durch sein sehr besonders gestaltete Layout stellt es eine bibliophile Kostbarkeit dar. Ich habe es auch darum schon viele Male verschenkt. 

Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer – Eine Biographie

Achte korrigierte Auflage, Gütersloher Verlagshaus 2004, 1150 Seiten, ISBN 3-579-02272-5.

Die erste Auflage dieser monumentalen Biographie – eine der großen, bleibenden Biographien des 20. Jahrhunderts – erschien im Jahre 1967. Sie hat die Bonhoefferrezeption weltweit entscheidend beeinflusst. Besonders dem deutschen, und da wieder dem protestantischen Leser vermittelt sie nicht nur detaillierte Kenntnis des Lebens Bonhoeffers im Kontext der Geschichte der Weimarer Republik und des Dritten Reiches, sondern auch die Geschichte des Kirchenkampfes aus „dahlemitischer Perspektive“. Deswegen ist dieses Werk bis heute allen nachrückenden theologisch, zeitgeschichtlich und politisch interessierten Mitmenschen zur Lektüre dringend zu empfehlen. Es bleibt hochaktuell.
Eberhard Bethge starb 2000 als Neunzigjähriger. Er hat die Biographie nur in Kleinigkeiten korrigiert. Denn er widmete seine Kräfte in den Jahrzehnten danach der Herausgabe der 17-bändigen Bonhoeffer-Werkausgabe (DBW). Zu seiner großen Freude durfte er deren Fertigstellung 1999 noch erleben. Auf neuere Ergebnisse und Akzentuierungen der Bonhoefferforschung des Öfteren angesprochen, die doch eigentlich in Neuauflagen zu berücksichtigen seien, meinte er, man solle bei biographischen Fragen doch auch die umfangreichen Vor- und Nachworte der Werkausgabe zu Rate zu ziehen. Christian Gremmels hat mit Recht in seinem Vorwort zur siebten Auflage der Biographie auch die vier Aufsatzbände Eberhard Bethges mit ihren 934 Seiten eine unverzichtbare Weiterführung der Biographie genannt.
Ilse Tödt hat ab der siebten Auflage das Werk aktualisiert und vor allem sämtliche Fußnoten und Nachweise auf Angaben in der Bonhoeffer-Werkausgabe (DBW) umgestellt. Dafür ist ihr sehr zu danken, weil es die wissenschaftliche Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer das Nachschlagen und Vergleichen erheblich erleichtert.

Sabine Dramm: Dietrich Bonhoeffer – Eine Einführung in sein Denken

Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus 2001, 288 Seiten, ISBN 3-579-05183-0.

Unter den Büchern, die dem Leser den „ganzen Bonhoeffer“ nahe bringen wollen, ist dieses ein ganz besonderes. Das liegt an der Hermeneutik der Autorin. Sabine Dramm hat Bonhoeffers Werke nicht in erster Linie biographisch gelesen und historisch interpretiert, wie es meist geschieht. Nur vage spiegeln sich in den 24 Kapitelüberschriften des Buches die Entwicklungslinien von Vita und Schriften Bonhoeffers wieder. 
Vielmehr zeigen solche Überschriften wie „Gott – Nähe und Ferne seiner Wirklichkeit“ (Kapitel 6), „Jesus Christus – Inkarnation und Inkognito Gottes“ (Kapitel 7), „Heiliger Geist – Durchkreuzung von Ratio und Kalkül“ (Kapitel 8), „Der ganze Mensch, im Diesseits des Daseins“ (Kapitel 13), „Todesfuge – Gottesfuge“ (Kapitel 23) schon an, dass die Autorin leidenschaftlich Bonhoeffer zuerst und zuletzt theologisch interpretiert. Dabei zeigt sie – meist ohne penibel auf die jeweiligen Kontexte einzugehen – wie sich Grundfragen oder Sachthemen in seinem theologischen Denken durchhalten, weiterentwickeln oder auch verändern. Bonhoeffer-Philologen mag irritieren, dass Sabine Dramm dabei recht unbekümmert vorgeht und Aussagen zusammenstellt, die man eher einzeln, in zeitlicher Abfolge und „historisch-kritisch“ zu interpretieren gewohnt ist. Aber sie hat die große Bonhoeffer-Werkausgabe gründlich studiert. Wer die Antriebe des theologischen Denken Dietrich Bonhoeffers wahrnehmen, nachvollziehen und davon lernen will, wird sich über dieses sprachlich schwungvolle, begeistert zum Nachdenken anregende Buch freuen.
Eine kleine Kostprobe – Sabine Dramm charakterisiert die Besonderheit der Theologie Bonhoeffers so: „Bonhoeffer war Theologe aus Passion und zugleich von hoher Profession, und seine Theologie ist es nicht weniger. Die Theologie war Dreh- und Angelpunkt seines Lebens. Es war zudem eine sehr eigentümliche Mischung, eine spezifisch Bonhoeffer’sche: zwar eine akademisch durch und durch fundierte Theologie, zugleich aber von vornherein und in ihrer Absicht auf nichts anderes angelegt als auf die Praxis der Theologie, und das heißt auf Glaube und Gemeinde, auf Predigt und Seelsorge… Seine Theologie war Theologie der Praxis noch in anderer Perspektive: Sie überschritt in den Konsequenzen das klassische Terrain theologischen Denkens und kirchlichen Handelns. Sie unterlief die von Luther… entwickelte Zwei-Reiche-Lehre. Sie übertrat das ungeschriebene Gesetz des ‚Du sollst keinen Widerstand leisten!’ Sie setzte sich wie eine Wellenbewegung von der biblischen zur systematischen Theologie fort, von ihr wie mit einer weiteren Wellenbewegung zur Ethik und zur Sozialethik, kurz: Die Theorie der Theologie mündete ein in die Theologie der Praxis. Bonhoeffers Theologie zog automatisch, d. h. aus sich selbst heraus, die Linien von Gott zur Welt – und zurück.“ (S. 33f)

Reinhold Mokrosch/Friedrich Johannsen/ Christian Gremmels: Dietrich Bonhoeffers Ethik – Ein Arbeitsbuch für Schule, Gemeinde und Studium

Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus 2003, 259 Seiten, ISBN 3-579-05411-2.

Die Abfassung einer Ethik hielt Dietrich Bonhoeffer für seine Lebensaufgabe. Er hatte erkannt, dass die vorhandenen theologisch-ethischen Entwürfe angesichts der Probleme der Moderne nicht mehr aussagekräftig, geschweige denn wirkmächtig waren. Parallel zu seiner konspirativen Tätigkeit schrieb er darum Vorüberlegungen zu einer Ethik und sogar einzelne in sich geschlossene Kapitel nieder. Eberhard Bethge brachte diese Manuskripte in eine Ordnung und gab sie 1949 heraus – noch vor „Widerstand und Ergebung“ (1951) – und 1975 in einer etwas anderen Anordnung. In DBW 6 und in Ergänzungsband 6 liegen nun im Ganzen 13 Fragmente und eine Vielzahl von Zettelnotizen in nachweisbar richtiger zeitlicher Anordnung und mit historisch kritischem Apparat vor. 
Im Gegensatz zu den Gefangenschaftsbriefen war und blieb das Echo auf die „Ethik“ gering. Das mag unter anderem daran liegen, dass es sich eben um Vorarbeiten und nicht um die abgeklärten Paragraphen eines Lehrbuchs handelt. Dass eine Breitenwirkung der in der „Ethik“ enthaltenen Impulse ausblieb, ist sehr bedauerlich. Denn die Probleme der Moderne, der Postmoderne und der jetzt angeblich ausgebrochenen Post-Postmoderne potenzieren sich, während die Stimmen von Kirchen und Theologie im Wertediskurs der Gegenwart immer leiser und zaghafter werden. Inspiration und Impulse durch Bonhoeffer wären gerade auch heute noch hilfreich.
So ist das Werk „Dietrich Bonhoeffers Ethik“, das drei Autoren, Reinold Mokrosch (Osnabrück), Friedrich Johannsen (Hannover) und Christian Gremmels (Kassel) vorlegen, sehr zu begrüßen. Es nennt sich „Arbeitsbuch“; die drei Autoren bilden als Theologie­professoren an ihren jeweiligen Universitäten Religionspädagogen aus. 
Nach einer Einleitung „Grundsätzliches zu Dietrich Bonhoeffers Ethik“ (S. 13-18) folgen drei Hauptteile, sämtlich angelegt als eine Art Kursangebot. Sie entfalten nicht nur die theologischen und ethischen Gedanken Bonhoeffers, sondern enthalten zudem graphisch hervorgehobene „Anstöße“ – Selbsttätigkeit anregende gezielte Impulse – und verweisen auf insgesamt 44 – „Materialien“ genannte – Quellentexte zur vertiefenden Weiterarbeit.
- Erster Teil: Was heißt „Verantwortung übernehmen“? (Gremmels)
- Zweiter Teil: Was heißt „Leben schützen?“ (Johannsen)
- Dritter Teil: Was heißt „Frieden stiften“? (Mokrosch)
Ferner eine Kurzbiographie, weiterführende Literatur und ein Personen- und Sachregister.
Wer die drei Kurse durcharbeitet, kann erfahren, wie nah uns doch – angesichts steigenden Missachtung elementaren Lebens und unveräußerlicher Lebensrechte und angesichts vielfacher Kriegsvorbereitungen, Kriegsdrohungen und durch nichts zu rechtfertigende Kriege in der globalisierten Welt – Bonhoeffer, der Theologe aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist. 
In seinem Kursangebot beschreibt Friedrich Johannsen den ethischen Grundansatz Bonhoeffers so: „Für ihn ist christliche Ethik keine Prinzipienethik… Sie ist vor allem dadurch charakterisiert, dass er sie nicht aus der Perspektive des distanzierten Beobachters, sondern vom Standpunkt eines Teilnehmers am menschlichen Lebenskampf entwirft… Der Sinn ethischer Überlegungen liegt für Bonhoeffer darin, die Freiheit, die Gott dem Menschen in seiner Versöhnung gibt, jeweils in der ganz konkreten Situation wahrzunehmen. Daher muss jede ethische Entscheidung eine der Situation angemessene Anwendung dieser geschenkten Freiheit sein. Konstitutiv ist somit für Bonhoeffer die Analyse der konkreten Situation mit ihren Bedingungen und Alternativen. Die Situation gibt den Spielraum für die Entscheidung vor…“ (S. 62f) 
Johannsen entwickelt, wie Bonhoeffer zu einer Neubestimmung des „Natürlichen“ in der evangelischen Ethik kommt und wie er erstmals in der protestantischen Tradition die Konzeption von unverfügbaren natürlichen Lebens- und Grundrechten entwickelt. Was Bonhoeffer zu seiner Zeit in Auseinandersetzung mit Menschenbild, Ethik und Praxis des Nationalsozialismus (Kriegstreiberei, Euthanasie, Rassenhygiene) reflektierte, ist – seinem Ansatz entsprechend – situationsbezogen. Johannsen beleuchtet von der „Ethik“ aus die Menschenrechtserklärungen seit 1945 und die derzeitige ethische Debatte um Sterbehilfe, Reproduktionsmedizin, Stammzellenforschung.
Reinhold Mokrosch durchdenkt in seinem Kursangebot sämtliche friedensethische Erwägungen Bonhoeffers von 1929 bis 1943. Er schließt dabei nicht nur die „Ethik“ auf, wie wir sie jetzt in DBW 6 vorliegen haben. Er leitet auch zu einer Auseinandersetzung mit der scharfsinnigen Bonhoeffer-Kritik von Klaus-M. Kodalle an (Dietrich Bonhoeffer – Zur Kritik seiner Theologie, Gütersloh 1991) an, die sonst weitgehend ignoriert wird.
An einzelnen Stellen habe ich mir Fragezeichen an den Rand gemalt: Wurde Bonhoeffer wirklich auch durch seinen Schwager, den Staatsrechtler Gerhard Leibholz aus Göttingen in den konspirativen Widerstand gezogen (S. 16)? Als Bonhoeffer in die Konspiration eingeweiht wurde, befand Leibholz sich längst mit seiner Familie im englischen Exil. Oder: „Sein (i.e. Bonhoeffers) sog. Betheler Bekenntnis …“ (S. 125) – kann man das so einfach sagen? Bonhoeffer gehörte zu einer kleinen Theologengruppe, die eine erste Fassung dieses umfangreichen Dokuments entwarf. Er beendete unter Protest seine Mitarbeit, als führende Kirchenmänner innerhalb und außerhalb der BK sich diesen Entwurf regimefreundlicher wünschten und das auch durchsetzten. Oder: Kann das „Gute“ in Bonhoeffers „Ethik“ wirklich als ein tarnendes Synonym für „Frieden“ (S. 137) angesehen werden? Es ist zwar zutreffend, dass über „Frieden“ zu reflektieren in jenen Kriegsjahren als Wehrkraftzersetzung ausgelegt werden konnte. Kategorial gesehen sind „Gutes“ und „Frieden“ ungleichwertige Begriffe, was Bonhoeffer durchweg beachtet.

Christian Gremmels: Die Theologie Dietrich Bonhoeffers – Nachschrift der Vorlesung im Sommersemester 2003

132 Seiten Din A 4, Anschrift des Fachbereichs: FB 01, Religion, Universität Kassel, Diagonale 9, D-34109 Kassel.

Ein Geheimtip: Dr. Werner Kahl vermittelte mir diese in Kassel kursierende Nachschrift, die Florian Schmitz zu verdanken ist. Ich habe sie sogleich gelesen und dabei manches „Aha-Erlebnis“ gehabt. Christian Gremmels, Vorsitzender der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, deutsche Sektion, führt pädagogisch geschickt und rhetorisch lebendig in Bonhoeffers Theologie ein. Das Werk umfasst fünf große Kapitel. Das erste Kapitel „Zugänge – Annäherungen“ entspricht teilweise dem Transparent-Extra in diesem Heft. Das zweite Kapitel ist überschrieben: „Der Kirchenkampf – Dietrich Bonhoeffer und die Bekennende Kirche (1933-1939). Das dritte Kapitel befasst sich mit Bonhoeffers „Ethik“, zugespitzt auf die Reflexionen über Verantwortlichkeit und Verantwortung. Das erste Kursangebot in dem oben vorgestellten Arbeitsbuch, vorgelegt von Christian Gremmels: „Was heißt „Verantwortung übernehmen“? ist weithin damit identisch. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit „Widerstand und Ergebung“, das fünfte Kapitel lehrt, unter dem Stichwort „Situative Verschärfung“ für Bonhoeffer charakteristische Denkformen wahrzunehmen.
Christian Gremmels geht dabei von einer mich verblüffenden linguistischen Beobachtung aus: „Es gibt Wörter, die einem Autor nicht wichtig erscheinen, weil er nicht weiß, wie wichtig sie für ihn sind: Adjektive, Adverbien, Partikel – so unauffällig sind sie, dass auch die Interpreten dieses Autors sie nicht wichtig nehmen. Von vornherein auch vergeblich der Versuch, in den Sachwortregistern von Gesammelten Werken und Gesamtausgaben nach ihnen zu suchen: Sie sind nicht zu finden. Auf einen solchen Fall stoßen wir, wenn wir bei der Lektüre der Schriften Dietrich Bonhoeffers auf Vorkommen und Verwendung des Wörtchens ‚nur’ achten – ein einzelnes Adverb, das im folgenden zum Anlass genommen wird, der Frage nach Denkformen in der Theologie Dietrich Bonhoeffers nachzugehen.“ (S. 111) Es ist erstaunlich, dass man dann ein „Aha-Erlebnis“ nach dem anderen hat, wenn man sieht, wie Christian Gremmels Bonhoeffers theologische Gedanken im Lichte der Verwendung des Wörtchens „nur“ blitzen und funkeln lässt und man das Besondere daran tiefer und genauer erkennen lernt.
Bonhoeffer-Forschung und -Interpretation gehen weiter. Im Folgenden stelle ich kurz zwei Dissertationen und eine Habilitationsschrift vor:

Gernot Gerlach: Bekenntnis und Bekennen der Kirche bei Dietrich Bonhoeffer – ­Entscheidungen für sein Leitbild von Kirche in den Jahren 1935-36

In: Studien zur systematischen Theologie und Ethik, Band 39, LIT-Verlag Münster 2003, 460 Seiten, ISBN 3-8258-6741-2.

Bonhoeffer studierte bei Adolf von Harnack und suchte als junger Dozent das theologische Gespräch mit Karl Barth. Der liberale Harnack hatte im sog. Apostolikumsstreit vermittelnd und bei allem historischen Respekt vor alten kirchlichen Bekenntnissen für ein modifiziertes neues protestantisches Glaubensbekenntnis plädiert. Der reformierte Karl Barth betonte im Jahre 1925, es gäbe eine dogmatische und eine ethische Voraussetzung des Glaubens-Bekenntnisses. „Sie besteht … darin, dass etwas vorliegt, was die Kirche in concreto zum Bekenntnis treibt … etwas zu Wissendes und etwas zu Wollendes, in dem der Wille Gottes, der der Grund der Bekenntnishandlung sein muss, sich als sinnvoll erweist“ (Barth im Jahre 1925). Der junge Bonhoeffer radikalisiert anfangs der 30er Jahre beide Positionen, indem er die Frage nach dem Bekenntnis mit dem Kirchenverständnis verbindet. Subjekt des Bekenntnisses ist die konkrete Gemeinde. Sie solle, so Bonhoeffer, ihren Glauben im Gottesdienst nach der Predigt, nach Verkündigung des Wortes Gottes, bezeugen. Das Apostolikum empfindet Bonhoeffer hierzu als unzureichend. Er unterscheidet zwischen dem Wortbekenntnis – das als Arkanum nur die Gottesdienstgemeinde etwas angeht – und dem Tatbekenntnis, das die Gemeinde vor der Welt ablegt. 
Bonhoeffer und sein Freund Franz Hildebrandt entwerfen 1931 einen lutherischen Katechismus „Glaubst du, so hast du“. Darin wird das Apostolikum ersetzt durch: „Ich glaube an Gott, dass er mein Schöpfer sei, an Jesum Christum, dass er mein Herr sei, an den Heiligen Geist, dass er mein Heiligmacher sei. Gott hat mich geschaffen und mir Leben, Seele, Leib und alle Güter gegeben; Christus hat mich gebracht in seine Herrschaft durch seinen Leib; und der Heilige Geist heiligt mich durch sein Wort und die Sakramente, die in der Kirche sind, und er wird uns völlig am jüngsten Tag heiligen. Das ist der christliche Glaube: wissen, was du tun sollst und was dir geschenkt ist“ (DBW 11, 229, Gerlach S. 50ff). Dieser Katechismus wurde 1932 veröffentlicht und zusammen mit dem Altonaer Bekenntnis von 1933 für Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen in Gemeindeveranstaltungen empfohlen.
Den Hauptteil der Dissertation Gerlachs befasst sich mit Arbeiten Bonhoeffers in den Jahren 1935 und 1936: mit seiner Finkenwalder Vorlesung „Kirchenverfassung“ und mit seinem Aufsatz: „Zur Frage nach der Kirchenverfassung“. Bonhoeffer entfaltet eine Kirchentheorie, die theologisch, situationskritisch und handlungsorientiert ist. Sein radikales Insistieren auf dem, was Gott der evangelischen Kirche in Deutschland 1934 in der Theologischen Erklärung von Barmen und in den Beschlüssen von Dahlem zu sagen habe, löste damals heftige Debatten innerhalb und außerhalb der Bekennenden Kirche aus, nicht zuletzt wegen der apodiktischen Feststellung: „Wer sich wissentlich von der Bekennenden Kirche in Deutschland trennt, trennt sich vom Heil“ (DBW 14, 676). Man kann, so Gerlach, Bonhoeffers Darlegungen von 1935 und 1936 durchaus als eine „Theologie der Bekennenden Kirche“ verstehen. 
Bonhoeffer legte auf Wunsch der Finkenwalder 1936 einen zweiten Katechismusentwurf vor. Im gleichen Jahre wurde auch die „Denkschrift an Hitler“ verfasst, die ich als die einzige wirklich politische Widerstandsmaßnahme der Bekennenden Kirche ansehe. Gerlach stellt in einer ausführlichen Analyse eine auffallende sachliche Nähe beider Dokumente fest: „Beide Texte verfolgen dieselbe Intention, dem totalitären … Machtanspruch Hitlers mit dem ersten Gebot zu widersprechen“ (S. 386).
Zum Schluss fragt Gerlach, was die theologischen Reflexionen Bonhoeffers zu Bekenntnis und Bekennen für die gegenwärtige kirchliche „Leitbild-Diskussion“ austragen: Bonhoeffers Verständnis von „Situation“ war theologisch bestimmt, das heutige sozio­logisch-zeitdiagnostisch. Bonhoeffer fragte nach dem konkreten Bekennen der Kirche angesichts konkreter Sachverhalte (Judendiskriminierung, Häresie der Deuschen Christen, staatliche Eingriffe in die Kirche). Dagegen wagt sich, so Gerlach, kein heutiges kirchliches Leitbild an ein konkretes „Nein“. Gerade aber dieser Beitrag Bonhoeffers sei „in der theologischen Leitbild-Debatte … äußerst wichtig für die Kritikfähigkeit und Kritikbedürftigkeit der Kirche“ (S. 417). 

Nicoletta Capozza: Im Namen der Treue zur Erde – Versuch eines Vergleichs zwischen Bonhoeffers und Nietzsches Denken, in: Religion – Geschichte – Gesellschaft

Fundamentaltheologische Studien Band 33, LIT Verlag Münster 2003, 334 Seiten, ISBN3-8258-6667-x.

„Bonhoeffer konnte Nietzsche den Gedanken der Treue zur Erde nicht überlassen,” schreibt Eberhard Bethge in seiner Biographie. Hat sein Freund sich aber wirklich intensiv mit Friedrich Nietzsche befasst? Oder hat er nur ein Stichwort, das zu seiner Zeit in vieler Munde war, aufgegriffen? Zum Arbeitsstil Bonhoeffers gehörte es, dass er seine geistigen bzw. literarischen Auseinandersetzungen so gut wie gar nicht durch wörtliche Zitate, Fußnoten oder Literaturangaben in Anmerkungen vollziehbar machte. Er verarbeitete, was er las, und formulierte dann in Aufnahme oder Kontrast zu den jeweiligen Autoren seine eigenen Gedanken. Man ahnt Korrelationen, man kommt durch Anklänge zu gewissen Vermutungen, aber man sieht erst etwas klarer, wenn sich jemand an die Kärrnerarbeit macht, genau festzustellen, wo welche Auseinandersetzungen mit welchem Autor bei Bonhoeffer stattgefunden haben. 
Nicoletta Capozza hat in ihrer Wiener Dissertation: „Im Namen der Treue zur Erde“ Nietzsches Präsens in Bonhoeffers gesamtem Werk detailliert nachgewiesen. Sie zeigt, wie Bonhoeffer in seinem christologischen Denken in dem Maße gegenüber Karl Barth an Originalität gewinnt, wie er die ethische Frage und das Thema der Diesseitigkeit damit verknüpft. „Dabei nähert er sich der Religionskritik von Nietzsche, welche sich auf den Wert der „Erde“ bzw. des Daseins stützt. Christologisches Denken und Annäherung an Nietzsche laufen bei Bonhoeffer parallel“ (S. 23). Nietzsches „Treue zur Erde“ wird zum Gegenpol von Barths Transzendenzbegriff. 
Bonhoeffer hat den deutschen Philosophen intensiv gelesen und verarbeitet, war aber kein Nietzsche-Spezialist. So zeigt Nicoletta Capozza im ersten Teil ihres Werkes zunächst aus der Perspektive Bonhoeffers anhand des zentralen Begriffs „Diesseits“, – von den Vorträgen in Barcelona über „Akt und Sein“, „Schöpfung und Fall“, „Dein Reich komme“, der „Ethik“, dem Dramen- und dem Romanfragment von Tegel (!) bis zu den theologischen Erwägungen in den Haftbriefen – , wie Bonhoeffers Konfrontation mit Nietzsche Aufnahme und Distanzierung zeitigt.
Im zweiten Teil vergleicht Nicoletta Capozza die Denkwege beider, diesmal aus der Perspektive Nietzsches, den Philosophen mit dem Hammer, der in der Entwicklung seiner Philosophie den statischen eleatischen Seinsbegriff, das idealistische Denken seit Plato und die „Zwei-Welt-Theorie“ (Jaspers) – die Zuflucht der „Hinterweltler“ – zerschlug. Bonhoeffer wie Nietzsche haben gemeinsam, dass sie nach einem Seinsverständnis suchen, das die Zeitlichkeit bzw. die Geschichtlichkeit wesentlich mit einbezieht. Ihre Ergebnisse jedoch führen beide zu unterschiedlichen Auffassungen bezüglich des Transzendenzbegriffs und der Theodizeefrage. Nietzsche mit seiner Theorie der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“ verfehlt, so Nicoletta Capozza, das Wesen der Geschichte, die nach Bonhoeffer endlich, aber – ein Paradox – „final offen“ ist. Bonhoeffers Gedanken über eine rein diesseitige, aber final offene Ontologie machen ihn deshalb zu einem wertvollen Gesprächspartner gegenwärtiger Philosophie, die Ähnliches erwägt.

Gunter M. Prüller-Jagenteufel: Befreit zur Verantwortung – Sünde und Versöhnung in der Ethik Dietrich Bonhoeffers

In: Ethik im Theologischen Diskurs, Band 7, LIT Verlag Münster 2004, 608 Seiten, ISBN3-8258-6930-x.

Gunter M. Prüller-Jagenteufel hat in seiner Regensburger Habilitationsschrift einen weiten Bogen gespannt von der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ der Römisch-katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes aus dem Jahre 1999, mit der er beginnt, bis zur Beichtkrise und Beichtpraxis, mit der er schließt. Dazwischen aber untersucht er aus ökumenischem Interesse die Bedeutung der Rechtfertigungslehre für die theologische Ethik. Er tut das anhand einer scharfsinnigen systematischen Darstellung der Theologie Bonhoeffers, der „wie kaum ein anderer lutherischer Theologe des 20. Jahrhunderts die zentralen Thesen der Reformation – insbesondere den lutherischen articulus stantis et cadentis ecclesiae, die Rechtfertigung sola fide und sola gratia – zum Ausgangspunkt und Zentrum seines Denkens“ (S. 30f) gemacht hat – nicht als Kontroverstheologe, sondern in ökumenischer Offenheit. In systematisch-theologischen Untersuchungen hatte Bonhoeffer stets die ethische Praxis im Blick. Weil Bonhoeffer „die real-sündige Welt zugleich und vor allem als Ort Christi, das heißt als Ort der Präsenz Gottes und der Erlösung begreift, werden nicht nur ethische Einzelkategorien (Gebot, Sünde etc.), sondern die Ethik als solche als Funktion der Gott-Mensch-Welt-Relation offenbar. Sünde als (Zer-)Störung der Beziehung und Rechtfertigung als ihre Neueröffnung von Gott her erhalten ..., eine zentrale Stelle im ethischen Denken“ (S. 32). Für den katholischen Moraltheologen Prüller-Jagenteufel ist Bonhoeffer, der gut lutherisch auf der anthropo-theologischen Basis von „simul iustus et peccator“ seine ethischen Gedanken entwickelte, ein Prüfstein für die Ökumenizität der „Gemeinsamen Erklärung“. 
Mit großer systematisierender Kraft und profunder Kenntnis der Werke Bonhoeffers wie der entsprechenden Literatur entwirft er eine Gesamtschau der bonhoefferschen Ethik und Theologie. So stellt das Werk, obwohl es nicht sein eigentliches Ziel ist, auch einen gewichtigen Beitrag zur Bonhoefferforschung dar. Ältere Gesamtinterpretationen, mit denen sich Prüller-Jagenteufel auseinandersetzt, gehen von theologischen Entwicklungsschüben oder auch Brüchen bei Bonhoeffer aus (etwa Bethge mit seinem Drei-Phasen-Modell: Bonhoeffer, der Theologe, Christ, Zeitgenosse). Demgegenüber zeigt er in kritischer Diskussion neuerer Untersuchungen, aber vor allem in eigenen Detailanalysen und in seiner systematisierenden Zusammenschau, wie sich Bonhoeffers anthropologischer und theologischer Ansatz von den akademischen Schriften des Anfangs bis zur „Ethik“ und den Gefängnistexten durchhält. Bei allem situativen Reagieren ist Bonhoeffers Rechtfertigungstheologie und darin eingeschlossen seine Ethik in sich einheitlich. 
Der ethische Denkansatz Bonhoeffers wird entfaltet, indem zunächst Bonhoeffers theologische, personal-strukturierte Anthropologie dargestellt wird und die sich aus Bonhoeffers Sünden- und Erlösungslehre ergebende Sicht der Spannung von „justus et peccator“ (S. 57-148). Es folgen fundamentalhermeneutische Analysen, die aufzeigen, wie für Bonhoeffer Rechtfertigung und Nachfolge Christi zusammengehören, was das für die Existenz der Kirche bedeutet, und wie durch das „in Adam sein „ und „in Christus sein“ im „simul justus et peccator“ eine für Bonhoeffer unabdingbare eschatologische Dialektik gegeben ist (S. 49-235). Bonhoeffers „Ethik“-Entwürfe werden darauf hin interpretiert, wie sich hier seine Sünden- und Rechtfertigungstheologie konkretisiert und welche ekklesiologische Dimension christliche Ethik hat. „Gemeinschaft der Nachfolge in Weltverantwortung“. Dieser Hauptteil des Werkes wird abgeschlossen mit der Analyse von Sünde, Buße und Versöhnung im ethischen Denken Bonhoeffers (S. 236-481).
Prüller-Jagenteufels Anliegen ist es, Bonhoeffers ethische Rechtfertigungstheologie mit Grundzügen der katholischen Moraltheologie zusammenzuführen und dabei ein ökumenisch offenes Verständnis von Sünde und Versöhnung zu gewinnen. Das wird an passenden Stellen immer wieder formuliert und ausgearbeitet. Das Buch endet mit umfangreichen „Wegmarken für ein ökumenisch tragfähiges Verständnis von Umkehr, Buße und Versöhnung“ (S. 484-573). Für protestantische Leser mag manches, was zum Bußsakrament, zur Krise der Beichte und zu einer erneuerten Beichtpraxis entwickelt wird, „binnenkatholisch“ erscheinen. Für Bonhoeffer war aber die Wiederbelebung der Beichtpraxis indes wichtig – man kann es in „Gemeinsames Leben“ nachlesen. 
Die Lektüre des umfangreichen Werkes ist eine Herausforderung Man braucht einen langen Atem, Freude an systematisierendem Denken und ökumenische Neugier. Jedoch ist die Sprache präzise, die einzelnen Schritte logisch, die Bonhoefferanalysen gut nachvollziehbar, man verliert nie die Übersicht. Und die Anstrengung und das Mitdenken werden belohnt, weil man Bonhoeffers Denkstrukturen – in Bezug auf Offenbarung Gottes in Christus, Menschsein, In-der-Welt-sein, Glauben und Nachfolge Christi – tiefer verstehen lernt.

Zum Schluss weise ich auf einen neuen Bonhoefferfilm hin:

„Bonhoeffer“ – Dokumentarfilm von Martin Doblmeier

Eine Journey Films Produktion, VHS Video, 92 Minuten, Edition Chrismon, 2004.

Der US-amerikanische Dokumentarfilmer Martin Doblmeier hat eine eindrucksvolle eineinhalbstündige Kollage zusammengefügt aus Wochenschau-Sequenzen, Fotos zur Zeitgeschichte und zur Vita Bonhoeffers, aus Bonhoeffer-Zitaten und Statements von mehr als zwanzig Weggefährten und Bonhoeffer-Experten. Zum ersten Mal habe ich dadurch Jean Lasserre in einem Film gesehen, den französischen Reformierten, der 1930 in New York seinem deutschen Freund ein neues Verständnis der Bergpredigt vermittelte. Nach meiner Wahrnehmung erscheint Hitler in Doblmeiers Film überaus oft und in so bezeichnender Weise, sodass man Bonhoeffer als seinen direkten moralischen Gegenspieler verstehen muss – ein nachdenkenswerter Regieeinfall. Das Besondere an Bonhoeffer wird indes nur angerissen. Ohne Vorkenntnisse zu schaffen, sollte man mit diesem Film nicht in Gruppen arbeiten. Hingegen ist er geeignet, intensive Arbeit abzurunden, etwa bei einem Kurs oder einem Seminartag über Bonhoeffer. Möglicherweise könnte man aber auch nur die eine oder andere Partie gezielt als Eingangsimpuls verwenden.

Paul Gerhard Schoenborn

Hermann-Peter Eberlein, Flamme bin ich sicherlich. Friedrich Nietzsche, Franz Overbeck und ihre Freunde

SchmidtvonSchwind Verlag, Köln 1999, ISBN 3-932050-15-0.

Selten las ich ein historisches Werk mit solchem Lesevergnügen.
Hier wird Geschichte erzählt.
Ein Stück Kirchengeschichte um Nietzsche, Overbeck und das universitäre Milieu in Basel wird so lebendig, dass frau eintauchen kann in das Ringen um Erkenntnis, um Freunde, Frauen, manchmal verwickelt in Intrigen, um Nähe und Einsamkeit. Die Beziehung zu Wagner und seiner Frau Cosima, die Zerwürfnisse, die Männerfreundschaften, was tragen sie, was halten sie nicht mehr aus. Um Friedrich Nietzsche wird die ganze Tragik einer Kindheit im evangelischen Pfarrhaus lebendig, wie ich es aus meiner eigenen gut kenne. Wenn das Leben mit der Lehre überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist, wird man zum Gottzweifler und leidet aber ein Leben lang daran.
Die einzelnen Charaktere sind mit viel Feingefühl aus authentischem Material gezeichnet; bleibt zu erwähnen, dass auch die Bildreproduktionen dazu ein Kunstgenuss sind. Im Wechsel von Betrachten und Lesen beginnen die Personen zu leben. Dieses Stück Kirchengeschichte um den Basler Theologen und Kirchenhistoriker Franz Overbeck hat auch für solche, die bisher mit all den spannenden Zusammenhängen nicht so vertraut sind, eine Fülle von Einsichten bereit, die so genau nicht bekannt sein dürften. Gerade die Sicht Overbecks auf Richard Wagner, auf Nietzsches Beziehungen zu ihm und seiner Familie, zeigt eine Schweizer Sicht auf ihn und seine oft umstrittene Kunst, die vielleicht in Deutschland bisher nicht so bekannt ist.  
Ich wünsche diesem Buch mehr Verbreitung als es bisher bekommen hat. Es lohnt sich! Es ist ein lohnendes Geschenk.

Friedel Geisler

Wolfgang Wewer, Lehrbuch der Rhetorik. Wie werde ich ein guter Redner oder eine gute Rednerin?

Eigenverlag Gummersbach, kostenlos zu beziehen von: Wolfgang Wewer, Halstenbachstr. 3, 51645 Gummersbach, Tel: 02261/72361.

Wewer legt eine kleine Broschüre von 37 Seiten vor und nennt sie Lehrbuch. Das ist schon Programm: 14 kleine Lektionen sollen jede Frau und jeden Mann zur Redekunst führen. Die Schritte sind logisch aufgebaut. Zuerst übt der Autor mit uns Konsonanten und Vokale, dann gibt er Anweisung zum Gedächtnistraining, damit frau die Zuhörer und nicht das Manuskript anschaut. Es geht um die Kunst der Predigt, denn das ist der Beruf des Autors, wie unschwer an seinen häufigsten Beispielen zu erkennen ist, jedoch sind die mancherlei Redner-Unarten, auf die er hinweist, für alle gültig, die sich in der Öffentlichkeit hören lassen wollen. Sogar eine kleine Zitatenauswahl ist angefügt. Das Ganze könnte als Rednerfibel im Taschenformat durchgehen. Frau könnte vor jeder Rede immer wieder einmal das eine oder andere nachschlagen. Es ist praktisch und leicht handhabbar gemacht. Ein Inhaltsverzeichnis und einige Literaturhinweise zum Weiterstudium fehlen leider. 
Wer nämlich das Reden zu seinem Beruf machen will, braucht m. E. auch langjährige technische Übungen in Atem holen, Umgang mit dem Lampenfieber und für die angegebenen Übungen eine kontrollierende Anleitung von Körpersprache lernt frau auch eher durch eine zweite Person als allein, obwohl eine Lektion mit dem Spiegel (in Großformat F.G.) schon viel korrigiert.
Würde der Autor seine empfohlenen Lernschritte als Training allerdings ins Internet stellen, läge er für unzählige einsame User voll im Trend.
Jedenfalls ist das kleine Lehrwerk empfehlenswert.

Friedel Geisler

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