TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 75

editorial

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

im Januar 1986 blickte Sie derselbe Knabe auf der Titelseite von Transparent an. Es war die Nr. 1, und nun haben Sie die Nr. 75 in der Hand. Ein Jubiläumsheft also und es hat erheblich mehr Seiten als üblich. Ein Weihnachtsgeschenk zum Jubiläum an Sie, die Sie unsere Zeitschrift seit 1986 lesen oder zu denen gehören, die über trafo, Fluchblatt oder Rundbrief der Solidarischen Kirche zu Transparent gestoßen sind. Dietrich Horstmann erinnert in seinem Beitrag an die Kirchenreformbewegung im Rheinland – schön, dass Namen aus der Versenkung hervorgeholt werden. H. M. aus OB blickt zurück auf bissige, „fluchende“ Studentinnen und Studenten der Theologie – ganz in der Tradition von Fluchblatt ohne Namen. Am Schluss hatten die eine Auflage von 3.000 Exemplaren, eine Zahl, von der wir bei Transparent nur träumen können. Wo sind diese kritischen Leserinnen und Leser nur geblieben?

Die Fluchblattredaktion wollte in der neuen Zeitschrift die antikapitalistische Perspektive gewahrt wissen und die totalen Herausforderungen des Marktes neu buchstabieren. Das hat Transparent mit nicht-professionellen Mitteln versucht, oft haben uns dafür geeignete Autoren gefehlt. Im Jubiläumsheft ist diese Perspektive prononciert präsent. Das Ökumenische Netz Rhein Mosel legt ein Positionspapier vor: Das ‚Ganze’ verändern. Wenn es im Kapitalismus keine Alternativen gibt, brauchen wir Alternativen zum Kapitalismus. Mit der Veröffentlichung dieses Textes verbinden wir die Hoffnung, dass es auch unter Transparent-Lesenden zu einer breiten Beteiligung an der notwendigen Diskussion führt.

„Rheinisches“ gehört zum Kennzeichen von Transparent, wollen wir doch eine Zeitschrift für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche sein. Wir lenken den Blick auf die Situation der Pastorinnen und Pastoren im Rheinland, auf einen langjährigen Konflikt zwischen Landeskirchenamt (LKA) und „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ und auf ein altes, aber immer noch brisantes rheinisches Thema „Namibia, Sonderfonds des Programms zur Bekämpfung des Rassismus und Namibiafonds“. „Geteilte Solidarität“ war ein Beitrag in dieser Sache in Transparent Nr. 1 überschrieben, und genau darum geht es auch in der Auseinandersetzung mit einem Aufsatz von Jürgen Schroer, dem einstigen Ökumenedezernenten der Rheinischen Kirche, den das LKA kurz nach seinem Tod im Oktober als Sonderdruck herausgegeben hat. Es ist für uns noch nicht zu erkennen, ob die Herausgeber damit eine erneute inhaltliche Diskussion anregen oder ein Schlusswort in der Sache setzen wollen. Wir plädieren für das Erste und gedenken an Jürgen Schroer mit einem Widerspruch.
Die Ereignisse auf der letzten EKD-Synode im November 2004 in Magdeburg waren im Blick auf 100 Jahre Völkermord in Namibia zum Teil folkloristisch geraten und inhaltlich enttäuschend. Das gilt für die Aussagen des Ratsvorsitzenden Bischof Huber, für die gefassten und nichtgefassten Beschlüsse der Synode, vor allem aber für das Verhalten der rheinischen Delegierten, die den Beschluss ihrer Landessynode 2004 hinsichtlich Namibia ziemlich kampflos aufgegeben haben.

Umfangreich ist das Jubiläumsheft schließlich deshalb geworden, weil der Innenteil ein dicker Brocken ist, was Umfang und Inhalt angeht. Vom Ende der Zweiquellentheorie unterrichtet unser Redaktionsmitglied, Privatdozent Dr. Werner Kahl, alle theologisch Interessierten. Diese Theorie betr. die Entstehung der ersten drei Evangelien gehört zum „unhinterfragten Wissen von Theologengenerationen seit etwa 150 Jahren“, wird von Werner Kahl nach Entdeckungen, die er in Afrika gemacht hat, hinterfragt und die Entstehung der Evangelien mit einem neuen Modell verständlich gemacht. Wir muten Ihnen diese schwere Kost zu und sind gespannt auf Reaktionen aus dem universitären Umfeld. Für die Diskussionen und Auseinandersetzungen dort halten wir 300 Exemplare dieses Heftes bereit, die bei uns erworben werden können.

Wir danken Ihnen am Ende eines ereignisreichen Jahres dafür, dass Sie Transparent lesen und machen Ihnen Mut, unsere Zeitschrift in Ihrem Umfeld zu empfehlen und für sie zu werben. Wir von der Redaktion wünschen Ihnen gesegnete Weihnachten und ein waches Jahr 2005.
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„Zum Gedenken an Jürgen Schroer“

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Klaus Matthes

„Zum Gedenken an Jürgen Schroer“

Fragen und Widerspruch

Zum Gedenken an Oberkirchenrat Jürgen Schroer haben Präses Nikolaus Schneider und Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil im Oktober 2004 ein Heft herausgegeben. Es enthält die Predigt anlässlich seiner Beerdigung, die Würdigung durch den Präses, einen Brief an seine Tochter, Stimmen aus der Ökumene und von befreundeten Kirchen und den letzten Aufsatz, den J. Schroer geschrieben hat und der im August diesen Jahres in den „Monatsheften für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes“ erschienen ist.
„De mortuis nihil nisi bene“ ist ein hilfreicher, humaner Grundsatz, der die beiden Herausgeber vielleicht auch bewogen hat, diesen letzten Aufsatz noch einmal zu drucken und zu verbreiten. Über die Höhe der Auflage konnte oder wollte einer der beiden Herausgeber keine Auskunft geben. Mit dem Heft seien alle Superintendenturen und die Menschen bedacht worden, die nicht zur Beerdigung nach Hildesheim hätten fahren können.
„Über die Toten nichts, es sei denn Gutes“. Diesen Grundsatz will ich beachten, wenn ich mich zunächst mit den beiden Herausgebern und dann mit dem Inhalt des Aufsatzes auseinandersetze.

Fragen und Widerspruch

Was hat die Herausgeber bewogen, gerade diesem kirchenpolitisch brisantem Aufsatz von J. Schroer über den Namibiafonds der Rheinischen Kirche erneute Aufmerksamkeit zu verschaffen? Ist ihnen bewusst, dass mit dieser Veröffentlichung die Sicht von J. Schroer in der Sonderfondsdiskussion und in der Auseinandersetzung um den Namibiafonds quasi als Testament der rheinischen Öffentlichkeit präsentiert wird? Oder ist das gerade ihre Absicht?
Den Herausgebern der „Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes“ kann man vielleicht noch zu Gute halten, dass sie sich in der genannten Diskussion nicht so gründlich auskennen und unbefangen einem Zeitzeugen, Insider und verdientem Oberkirchenrat ein Forum bieten wollten. Aber die beiden Herausgeber kennen allein aus ihrer langjährigen Zugehörigkeit zur Landessynode sehr wohl die Brisanz, die in J. Schroers Aufsatz steckt und verbreiten ihn in der Rheinischen Kirche über die Kirchengeschichtsinteressierten hinaus. Warum und wozu?
Das ist doch nicht nur „Gedenken an J. Schroer“, das ist Kirchenpolitik und eine Neuauflage der alten Diskussion um die Frage, wie solidarisch eine weiße Kirche mit dem Befreiungskampf von rassistisch unterdrückten schwarzen Menschen und ihrer Kirche sein kann und darf. Und in dieser Frage geht es nicht nur um Theologie, sondern auch um kirchenpolitische Interessen. Und die konnte J. Schroer auch gut und geschickt einsetzen. Synodale aus Duisburg-Süd und Oberhausen werden sich erinnern. Daran ist nichts Ehrenrühriges, das gehörte zu seinem kirchenleitenden Amt. Darum wiederspreche ich den Herausgebern, wenn sie von der letzten Schrift J. Schroers behaupten, dass sie „sein theologisches Denken profiliert“ festhalte. Das gewiss auch, aber eben nicht nur!
In seiner Würdigung preist Präses Schneider eine Schrift zur Zukunft der Kirche von Jürgen Schroer und Peter Beier. Wenn diese Arbeit in ihrer kritischen Analyse und theologischen Perspektive bis heute so richtungsweisend geblieben ist, warum haben die Herausgeber nicht diese Schrift „zum Gedenken an Jürgen Schroer“ veröffentlicht?
In seiner Rede in Hildesheim sagt Nikolaus Schneider unter anderem: „Diese Art der Infragestellung der eigenen Person durch Schwestern und Brüder aus Namibia und durch Menschen, die der ökumenischen Arbeit in der Rheinischen Kirche verschrieben waren, hat Jürgen Schroer tief getroffen“. „Herr, bin ich’s?“ kann ich da nur fragen und mich wundern, dass der Präses auf diese Weise alle Kontrahenten von J. Schroer in der Sache des Sonderfonds unter Generalverdacht stellt.
Die entscheidende Frage nach dieser Veröffentlichung lautet: Sollen wir nun in der Evangelischen Kirche im Rheinland in Zukunft alle glauben, dass es sich mit dem Namibiafonds so zugetragen habe und nicht anders?
Klar, es gibt keine Lehrautorität in der Rheinischen Kirche. Aber wie und wo bekommen die, die eine andere Sicht der Dinge hatten und haben, von der Landeskirche eine ähnliche Plattform, um jene Sicht öffentlich zu machen?

Zum Gegenstand der Auseinandersetzung

Der jetzt von der Landeskirche veröffentlichte Aufsatz hat einen Vorgänger. In der Ökumenischen Rundschau (Oktober 2003, S. 459ff.) veröffentlichte J. Schroer eine kürzere Fassung „Was sind Kirchen einander schuldig“. Nachdem ich diesen Aufsatz zur Kenntnis bekam, habe ich im Zusammenhang mit seinem 80. Geburtstag im Januar 2004 ihm nicht nur Segenswünsche, sondern auch einige kritische Anmerkungen zu seiner Darstellung der Namibiafondsdiskussion in der Rheinischen Kirche geschickt. Für eine Gegendarstellung bzw. Leserbrief in der Ökumenischen Rundschau habe ich Anmerkungen geschrieben, die die Ökumenische Rundschau ihren LeserInnen vorenthalten hat. Auf beide Darstellungen von mir hat J. Schroer brieflich reagiert. Vier Wochen vor seinem Tod hat er mir den Sonderdruck seines Aufsatzes aus den „Monatsheften für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes“ zugesandt. J. Schroer und ich hatten die Diskussion um den Namibiafonds nach über 20 Jahren also wiederaufgenommen.
Das Ökumenische Forum und die Transparentredaktion haben im Frühjahr 2004 entschieden, diese alte Debatte mit J. Schroer nicht in Transparent zu führen, weil wir seinen Aufsatz in dem Fall erneut hätten drucken müssen, damit unsere Leserinnen sich in der Auseinandersetzung orientieren können. Die Ökumenische Rundschau, in der die Diskussion hätte geführt werden müssen, hatte die Auseinandersetzung verweigert. Nach der Nachricht vom Tode J. Schroers hatte ich – den Sonderdruck gelesen auf dem Schreibtisch – den Gedanken, nun im Himmel mit ihm in aller Gelassenheit und mit Humor die Debatte zu beenden.
Aber jetzt ist nach der Sonderveröffentlichung durch das Landeskirchenamt eine neue Situation entstanden, in der das Ökumenische Forum und die Mitstreiterinnen von damals auch ihre Sicht der Dinge in die Rheinische Öffentlichkeit bringen müssen. Uns steht dafür allein der Weg über Transparent zur Verfügung. Im Frühjahr 2004 schrieb ich folgende Korrekturen und Anmerkungen:

Was sind Kirchen einander schuldig?

Notwendige Korrekturen und Anmerkungen zu einem Beitrag von J. Schroer in der Ök.R. 52/4

1.

Die Lesenden erfahren in seinem Beitrag nicht, dass der Verfasser als Oberkirchenrat der EKiR und Ökumenedezernent seiner Landeskirche einer der Hauptakteure in dem beschriebenen Konflikt mit der ELCRN gewesen ist. Dass er als Vertreter seiner Kirche und somit Teil des Problems nach zwanzig Jahren die Rolle eines theologischen Gutachters oder Supervisors einnimmt, lässt einen wie mich, der in dem Konflikt eine andere Position vertreten hat, aufmerken. Dass das nicht gut gehen kann, zeigt sich für mich an mehreren Stellen seines Beitrages.

2.

Der Sonderfonds des Programms zur Bekämpfung des Rassismus des ÖRK (PCR) wird von Jürgen Schroer auf Unterstützung von „militärischer Gewalt“ reduziert. „Denn der Sonderfonds unterstützte… auch politische Organisationen, die als Befreiungsbewegungen mit militärischen Mitteln Widerstand betrieben“ (S. 463). Das ist eine nicht erlaubte Verkürzung eines der wirkungsvollsten Programme des ÖRK.
Der Sonderfonds des PCR unterstützt Gruppen, die sich aktiv gegen rassistische Unterdrückung wehren und dabei auch Gegengewalt nicht ausschließen. Ein Kriterium des Sonderfonds ist, dass durch ihn „Organisationen unterstützt werden sollen, die den Rassismus bekämpfen, und nicht Organisationen, die die Auswirkungen des Rassismus abschwächen“ (Zentralausschuss des ÖRK in Canterbury 1969). Der Sonderfonds gibt diese Unterstützung für humanitäre Projekte dieser Gruppen, allerdings ohne jegliche Kontrolle. Wenn der Sonderfonds auf „ Gewalt“ reduziert wird, kommt nicht mehr in den Blick, dass z.B. eine Befreiungsbewegung wie die Swapo Verantwortung zu übernehmen hatte für Frauen und Kinder im Exil. Wer für die Unterstützung dieses Sonderfonds auch mit Kirchensteuermitteln eintrat, sprach nicht „ein Ja ohne jedes Nein zum bewaffneten Kampf der Swapo um Befreiung“ (S. 464), wohl aber ein klares Ja zur Befreiung der rassistisch unterdrückten Menschen in Namibia. Dass „jede Gewalt“ für Christenmenschen immer auch mit Schuld verbunden ist, haben die Befürworter des Sonderfonds genauso gewusst wie ihre Gegner.

3.

Beschwer macht Jürgen Schroers Beitrag auch darin, dass er undifferenziert über Gewalt spricht. Gewalt ist nicht Gewalt. So ist es nicht erlaubt, faschistische, imperialistische Angriffkriegs-Gewalt des Dritten Reiches – wenn auch nur im Analogieschluss – mit der Gegengewalt von rassisch unterdrückten Menschen argumentativ auf eine Ebene zu bringen: „War es zuviel verlangt, wenn Deutsche von ihnen (sc. Namibier) Verständnis dafür erwarteten, dass nicht nur einzelne Christen, sondern Kirchen in einem Volk… aus der Erfahrung mit eigenmächtig entfesselter Gewalt zu lernen bemüht waren?“ (S. 466)
Dass die Gewalt von Tätern dieselbe Beurteilung erfährt wie die Notwehr-Gewalt von Opfern, das konnten Menschen im Befreiungskampf in Namibia in der Tat nicht verstehen und auch nicht akzeptieren. Die historische Erfahrung deutscher Christenmenschen vor und während des zweiten Weltkrieges und die Situation von unterdrückten Menschen im Befreiungskampf sind nicht einfach kompatibel. Wer es dennoch tut, muss sich schon nach seinen Motiven dafür fragen lassen.

4.

Nicht nur für Namibier, sondern auch von uns, die wir in der EKiR für Solidarität mit dem Befreiungskampf durch Unterstützung des Sonderfonds mit Kirchensteuern eintraten, war es nicht einfach zu verstehen, dass Christenmenschen im Rheinland – auch Landessynodale – im Blick auf den Sonderfonds Gewaltfreiheit für ihr Gewissen beanspruchten, aber im Blick auf die militärische Gewalt der Bundeswehr und die damals aktuelle Nachrüstung keine Gewissensprobleme zeigten. Dass schwarze, unterdrückte Menschen unter diesen Umständen nach weiteren versteckten Karten der Rheinländer (S. 466) fragen, ist für mich verständlich. Weiße Menschen berufen sich auf ihr Gewissen, wenn schwarze Menschen – nach Jahrzehnten gewaltfreien Widerstandes – auch Gegengewalt zu ihrer Befreiung einsetzen, haben aber viel weniger Probleme, militärische Gewalt zu ihrer eigenen Verteidigung zu bejahen. Das ist für schwarze Menschen weißer Rassismus.

5.

Ferner gilt es, dem Entstehen eines Mythos zu wehren, den Jürgen Schroer so formuliert: „Die EKiR hatte, was die Beteiligung am PBR angeht, den ablehnenden Kurs der EKD und nahezu aller Landeskirchen nie geteilt. Im Einvernehmen mit der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) waren die Gemeinden mit Informationen, sowohl von überseeischen Partnern als auch vom ÖRK ausgestattet worden, auch um für die Beteiligung mit Spenden aus der eigenen Brieftasche zu werben“ (S. 463).
Die Bejahung des PCR in der EKiR betraf von Anfang an lediglich das Hauptprogramm. In der Ablehnung des Sonderfonds ist die EKiR letztlich nicht aus der Einheitsfront der EKD ausgeschert. Inwieweit diese Haltung etwas mit der Furcht vor wirtschaftlich potenten Kirchensteuerzahlern zu tun hatte, darüber ist offen auch im Rheinland nicht geredet worden. Die Haltung der rheinischen Kirchenleitung in der Frage des Abbruchs von Geschäftsbeziehungen mit Großbanken lässt das zumindest vermuten, denn die Kirchenleitung hat alles getan, um diese Frage möglichst von der Tagesordnung der Synode fernzuhalten bzw. einen öffentlichen Beschluss dazu verhindert, indem sie im Einvernehmen mit betroffenen Banken ohne Öffentlichkeit Geschäftsbeziehungen beendet hat.
Jürgen Schroer erweckt den Eindruck, als ob die Landeskirche das PCR einschließlich seines Sonderfonds in den Kirchenkreisen und Gemeinden bekannt gemacht habe. Alles, was die Landeskirche getan hat, hat sie immer erst auf Druck von Gemeinden und Kirchenkreisen hin in die Wege geleitet. Von sich aus ist die Kirchenleitung tätig geworden, um Beschlüsse von Kreissynoden, Kirchensteuermittel für den Sonderfonds zur Verfügung zu stellen, zu umgehen bzw. aufzuheben (Duisburg-Süd, Oberhausen – 1979/1980).

6.

Es ist dem Beitrag von Jürgen Schroer anzumerken, dass der beschriebene Konflikt beim Ökumenedezernenten der EKiR Narben hinterlassen hat, wenn er Misstrauen, Verdächtigungen und Unterstellungen (S. 466, 468f.) bei den namibischen Partnern vermutet.
Darin zeigt sich eben, dass er letztlich nicht die Rolle des theologischen Gutachters bzw. Supervisors übernehmen darf, der als damalige Partei nun den Kirchen Ratschläge erteilt, was sie in der Situation hätten tun müssen und wonach zu fragen gewesen wäre.
Die drei Kriterien, die Jürgen Schroer am Ende seines Beitrages (S. 470), nach Wilhelm Menn aufstellt, sind steile theologische Sätze. Ich würde gern lesen, wie er sie auf die Rolle der Kirchenleitung der EKiR in dem Konflikt anwendet und konkret beschreibt, was sie den namibischen Partnern schuldig geblieben ist, wo sie sich nicht um das „Denken und Empfinden der Partner bemühten“ (S. 470). Anders ausgedrückt: Welchen Unglauben hätte die EKiR in diesem Konflikt eingestehen müssen? Verständlich, wenn es einem der Hauptakteure damals schwer fiel, in der aktuellen Auseinandersetzung solches einzugestehen. Aber worin sieht Jürgen Schroer im Abstand von zwanzig Jahren den Unglauben seiner Kirche? Das wäre ein spannender Beitrag geworden.
Inhaltlich ist nach der Lektüre der Langfassung an diesen Anmerkungen nichts zu ändern, aber auf einige Aspekte und Widersprüche sei zusätzlich hingewiesen. Jürgen Schroer stellt fest, dass der ökumenische Lernprozess für beide Kirchen unwiederbringlich vorbei sei und die damaligen Fragestellungen beider Seiten nicht „nachgestellt“ werden könnten wie Regimenter bei der Schlacht von Sedan (ÖR 52/4, S. 470). Aber genau das macht er in beiden Fassungen. Er wiederholt die Fragestellungen und Positionen von damals, um nachzuweisen, dass der Namibiafonds von der Rheinischen Kirchenleitung nicht als Alternative zum Sonderfonds des ÖRK angesehen wurde und dass gottesdienstliche Kollekte und Spenden von einzelnen Christen die „richtige Richtung“ im Blick auf die kirchliche Unterstützung des Sonderfonds wären. Insofern stellt er nach.
Jürgen Schroer mutet beiden Kirchen zu, sich zu fragen, was sie einander schuldig geblieben sind und welchen Unglauben sie sich jeweils eingestehen müssen. Antworten für die Rheinische Kirche bleiben offen – mit einer Ausnahme: Der Beschluss zum Namibiafonds auf der Landessynode 1982 entstand durch eine Fehleinschätzung und die Entscheidung darüber hätte zurückgestellt werden müssen, bis der Namibische Kirchenrat deutliche Position bezogen hätte (LKA-Fassung, S. 44 A.76).
Richtige Fragen werden gestellt. Zu welchem Evangelium bekennt sich die Kirche auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Befreiung (Namibia) und auf dem Weg zu Frieden und Abrüstung (Rheinland)? Welche ethischen Folgerungen ergeben sich aus dem Christusbekenntnis? Darauf würden Ernst Volk (ehemaliger Superintendent von Trier, Lutherischer Konvent) und Bernhard Heiermann (Landessynodaler aus Oberhausen, Ökumenisches Forum) jeweils eine andere Antwort geben, beide sich aber auf ihr je eigenes Christusbekenntnis berufen, schreibt mir J. Schroer im Frühjahr diesen Jahres. In seinem Aufsatz zeigt er aber an Hand des Protokolls der Landessynode, dass der Synodale Volk in der Debatte um Sonderfonds und Namibiafonds sich überhaupt nicht auf sein Christusbekenntnis berufen hat: „Der Synodale Volk hatte zunächst bemängelt, dass nicht, im Anschluss der Berichte von Frederik und Maasdorp nun ein weißer Südafrikaner die Sorgen der weißen Südafrikaner artikulieren könne. Er hatte dann auf das Schicksal eines Verwandten eines Mitsynodalen hngewiesen, der in Namibia ein Opfer der Gewalt geworden war: „Terror führt nicht in die Freiheit, was kommt, ist Unfreiheit und Unterdrückung“ (LKA-Fassung, S. 31, A.50).
Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass es in dieser Auseinandersetzung nicht nur um Treue zum Evangelium und um das jeweilige Christusbekenntnis ging, sondern auch persönliche und politische Einschätzungen eine Rolle spielten. Was die Vertreter der schwarzen Kirche in Namibia und die rheinische ökumenische Solidarität einte, war die schmerzhafte Erkenntnis, dass die rheinische Kirchenleitung und die Landessynode auf das „Gewissen“ von Synodalen wie Volk mehr Rücksicht genommen hat als auf das Gewissen von Christen wie Bernhard Heiermann.
Mit der erneuten Veröffentlichung von Schroers Aufsatz tritt die Kirchenleitung bzw. treten die beiden Herausgeber in diese Tradition ein, indem sie die Einstellung der damaligen Kirchenleitung quasi als Testament ihres damaligen Ökumenedezernenten der rheinischen Öffentlichkeit präsentieren.
In der damaligen Auseinandersetzung haben Kirchenleitung und Landessynode sich sehr schwer getan zu verstehen, dass das Ja zum Befreiungskampf für die Kirche in Namibia eine Bekenntnisfrage war und sie sich in der Situation einer „bekennenden“ Kirche befunden hat. Jede Partnerschaft und Gemeinschaft mit dieser Kirche wird das bis heute im Hinterkopf haben müssen. Das gehört nun zu dieser Kirche, wie zuletzt ihr jetziger Bischof Zephania Kameeta der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und der Evangelischen Kirche im Rheinland bei seiner Ehrenpromotion am 22. November 2004 im Audimax der Kirchlichen Hochschule deutlich gemacht hat: „ Ich fühle in diesem Saal den Geist der bekennenden Kirche, wie ich ihn in meiner Kirche in der Zeit des Befreiungskampfes gespürt habe“.
Klaus Matthes
„Zum Gedenken an Jürgen Schroer“
Fragen und Widerspruch
Zum Gedenken an Oberkirchenrat Jürgen Schroer haben Präses Nikolaus Schneider und Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil im Oktober 2004 ein Heft herausgegeben. Es enthält die Predigt anlässlich seiner Beerdigung, die Würdigung durch den Präses, einen Brief an seine Tochter, Stimmen aus der Ökumene und von befreundeten Kirchen und den letzten Aufsatz, den J. Schroer geschrieben hat und der im August diesen Jahres in den „Monatsheften für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes“ erschienen ist.
„De mortuis nihil nisi bene“ ist ein hilfreicher, humaner Grundsatz, der die beiden Herausgeber vielleicht auch bewogen hat, diesen letzten Aufsatz noch einmal zu drucken und zu verbreiten. Über die Höhe der Auflage konnte oder wollte einer der beiden Herausgeber keine Auskunft geben. Mit dem Heft seien alle Superintendenturen und die Menschen bedacht worden, die nicht zur Beerdigung nach Hildesheim hätten fahren können.
„Über die Toten nichts, es sei denn Gutes“. Diesen Grundsatz will ich beachten, wenn ich mich zunächst mit den beiden Herausgebern und dann mit dem Inhalt des Aufsatzes auseinandersetze.
Fragen und Widerspruch
Was hat die Herausgeber bewogen, gerade diesem kirchenpolitisch brisantem Aufsatz von J. Schroer über den Namibiafonds der Rheinischen Kirche erneute Aufmerksamkeit zu verschaffen? Ist ihnen bewusst, dass mit dieser Veröffentlichung die Sicht von J. Schroer in der Sonderfondsdiskussion und in der Auseinandersetzung um den Namibiafonds quasi als Testament der rheinischen Öffentlichkeit präsentiert wird? Oder ist das gerade ihre Absicht?
Den Herausgebern der „Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes“ kann man vielleicht noch zu Gute halten, dass sie sich in der genannten Diskussion nicht so gründlich auskennen und unbefangen einem Zeitzeugen, Insider und verdientem Oberkirchenrat ein Forum bieten wollten. Aber die beiden Herausgeber kennen allein aus ihrer langjährigen Zugehörigkeit zur Landessynode sehr wohl die Brisanz, die in J. Schroers Aufsatz steckt und verbreiten ihn in der Rheinischen Kirche über die Kirchengeschichtsinteressierten hinaus. Warum und wozu?
Das ist doch nicht nur „Gedenken an J. Schroer“, das ist Kirchenpolitik und eine Neuauflage der alten Diskussion um die Frage, wie solidarisch eine weiße Kirche mit dem Befreiungskampf von rassistisch unterdrückten schwarzen Menschen und ihrer Kirche sein kann und darf. Und in dieser Frage geht es nicht nur um Theologie, sondern auch um kirchenpolitische Interessen. Und die konnte J. Schroer auch gut und geschickt einsetzen. Synodale aus Duisburg-Süd und Oberhausen werden sich erinnern. Daran ist nichts Ehrenrühriges, das gehörte zu seinem kirchenleitenden Amt. Darum wiederspreche ich den Herausgebern, wenn sie von der letzten Schrift J. Schroers behaupten, dass sie „sein theologisches Denken profiliert“ festhalte. Das gewiss auch, aber eben nicht nur!
In seiner Würdigung preist Präses Schneider eine Schrift zur Zukunft der Kirche von Jürgen Schroer und Peter Beier. Wenn diese Arbeit in ihrer kritischen Analyse und theologischen Perspektive bis heute so richtungsweisend geblieben ist, warum haben die Herausgeber nicht diese Schrift „zum Gedenken an Jürgen Schroer“ veröffentlicht?
In seiner Rede in Hildesheim sagt Nikolaus Schneider unter anderem: „Diese Art der Infragestellung der eigenen Person durch Schwestern und Brüder aus Namibia und durch Menschen, die der ökumenischen Arbeit in der Rheinischen Kirche verschrieben waren, hat Jürgen Schroer tief getroffen“. „Herr, bin ich’s?“ kann ich da nur fragen und mich wundern, dass der Präses auf diese Weise alle Kontrahenten von J. Schroer in der Sache des Sonderfonds unter Generalverdacht stellt.
Die entscheidende Frage nach dieser Veröffentlichung lautet: Sollen wir nun in der Evangelischen Kirche im Rheinland in Zukunft alle glauben, dass es sich mit dem Namibiafonds so zugetragen habe und nicht anders?
Klar, es gibt keine Lehrautorität in der Rheinischen Kirche. Aber wie und wo bekommen die, die eine andere Sicht der Dinge hatten und haben, von der Landeskirche eine ähnliche Plattform, um jene Sicht öffentlich zu machen?
Zum Gegenstand der Auseinandersetzung
Der jetzt von der Landeskirche veröffentlichte Aufsatz hat einen Vorgänger. In der Ökumenischen Rundschau (Oktober 2003, S. 459ff.) veröffentlichte J. Schroer eine kürzere Fassung „Was sind Kirchen einander schuldig“. Nachdem ich diesen Aufsatz zur Kenntnis bekam, habe ich im Zusammenhang mit seinem 80. Geburtstag im Januar 2004 ihm nicht nur Segenswünsche, sondern auch einige kritische Anmerkungen zu seiner Darstellung der Namibiafondsdiskussion in der Rheinischen Kirche geschickt. Für eine Gegendarstellung bzw. Leserbrief in der Ökumenischen Rundschau habe ich Anmerkungen geschrieben, die die Ökumenische Rundschau ihren LeserInnen vorenthalten hat. Auf beide Darstellungen von mir hat J. Schroer brieflich reagiert. Vier Wochen vor seinem Tod hat er mir den Sonderdruck seines Aufsatzes aus den „Monatsheften für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes“ zugesandt. J. Schroer und ich hatten die Diskussion um den Namibiafonds nach über 20 Jahren also wiederaufgenommen.
Das Ökumenische Forum und die Transparentredaktion haben im Frühjahr 2004 entschieden, diese alte Debatte mit J. Schroer nicht in Transparent zu führen, weil wir seinen Aufsatz in dem Fall erneut hätten drucken müssen, damit unsere Leserinnen sich in der Auseinandersetzung orientieren können. Die Ökumenische Rundschau, in der die Diskussion hätte geführt werden müssen, hatte die Auseinandersetzung verweigert. Nach der Nachricht vom Tode J. Schroers hatte ich – den Sonderdruck gelesen auf dem Schreibtisch – den Gedanken, nun im Himmel mit ihm in aller Gelassenheit und mit Humor die Debatte zu beenden.
Aber jetzt ist nach der Sonderveröffentlichung durch das Landeskirchenamt eine neue Situation entstanden, in der das Ökumenische Forum und die Mitstreiterinnen von damals auch ihre Sicht der Dinge in die Rheinische Öffentlichkeit bringen müssen. Uns steht dafür allein der Weg über Transparent zur Verfügung. Im Frühjahr 2004 schrieb ich folgende Korrekturen und Anmerkungen:
Was sind Kirchen einander schuldig?
Notwendige Korrekturen und Anmerkungen zu einem Beitrag von J. Schroer in der Ök.R. 52/4
1.
Die Lesenden erfahren in seinem Beitrag nicht, dass der Verfasser als Oberkirchenrat der EKiR und Ökumenedezernent seiner Landeskirche einer der Hauptakteure in dem beschriebenen Konflikt mit der ELCRN gewesen ist. Dass er als Vertreter seiner Kirche und somit Teil des Problems nach zwanzig Jahren die Rolle eines theologischen Gutachters oder Supervisors einnimmt, lässt einen wie mich, der in dem Konflikt eine andere Position vertreten hat, aufmerken. Dass das nicht gut gehen kann, zeigt sich für mich an mehreren Stellen seines Beitrages.
2.
Der Sonderfonds des Programms zur Bekämpfung des Rassismus des ÖRK (PCR) wird von Jürgen Schroer auf Unterstützung von „militärischer Gewalt“ reduziert. „Denn der Sonderfonds unterstützte… auch politische Organisationen, die als Befreiungsbewegungen mit militärischen Mitteln Widerstand betrieben“ (S. 463). Das ist eine nicht erlaubte Verkürzung eines der wirkungsvollsten Programme des ÖRK.
Der Sonderfonds des PCR unterstützt Gruppen, die sich aktiv gegen rassistische Unterdrückung wehren und dabei auch Gegengewalt nicht ausschließen. Ein Kriterium des Sonderfonds ist, dass durch ihn „Organisationen unterstützt werden sollen, die den Rassismus bekämpfen, und nicht Organisationen, die die Auswirkungen des Rassismus abschwächen“ (Zentralausschuss des ÖRK in Canterbury 1969). Der Sonderfonds gibt diese Unterstützung für humanitäre Projekte dieser Gruppen, allerdings ohne jegliche Kontrolle. Wenn der Sonderfonds auf „ Gewalt“ reduziert wird, kommt nicht mehr in den Blick, dass z.B. eine Befreiungsbewegung wie die Swapo Verantwortung zu übernehmen hatte für Frauen und Kinder im Exil. Wer für die Unterstützung dieses Sonderfonds auch mit Kirchensteuermitteln eintrat, sprach nicht „ein Ja ohne jedes Nein zum bewaffneten Kampf der Swapo um Befreiung“ (S. 464), wohl aber ein klares Ja zur Befreiung der rassistisch unterdrückten Menschen in Namibia. Dass „jede Gewalt“ für Christenmenschen immer auch mit Schuld verbunden ist, haben die Befürworter des Sonderfonds genauso gewusst wie ihre Gegner.
3.
Beschwer macht Jürgen Schroers Beitrag auch darin, dass er undifferenziert über Gewalt spricht. Gewalt ist nicht Gewalt. So ist es nicht erlaubt, faschistische, imperialistische Angriffkriegs-Gewalt des Dritten Reiches – wenn auch nur im Analogieschluss – mit der Gegengewalt von rassisch unterdrückten Menschen argumentativ auf eine Ebene zu bringen: „War es zuviel verlangt, wenn Deutsche von ihnen (sc. Namibier) Verständnis dafür erwarteten, dass nicht nur einzelne Christen, sondern Kirchen in einem Volk… aus der Erfahrung mit eigenmächtig entfesselter Gewalt zu lernen bemüht waren?“ (S. 466)
Dass die Gewalt von Tätern dieselbe Beurteilung erfährt wie die Notwehr-Gewalt von Opfern, das konnten Menschen im Befreiungskampf in Namibia in der Tat nicht verstehen und auch nicht akzeptieren. Die historische Erfahrung deutscher Christenmenschen vor und während des zweiten Weltkrieges und die Situation von unterdrückten Menschen im Befreiungskampf sind nicht einfach kompatibel. Wer es dennoch tut, muss sich schon nach seinen Motiven dafür fragen lassen.
4.
Nicht nur für Namibier, sondern auch von uns, die wir in der EKiR für Solidarität mit dem Befreiungskampf durch Unterstützung des Sonderfonds mit Kirchensteuern eintraten, war es nicht einfach zu verstehen, dass Christenmenschen im Rheinland – auch Landessynodale – im Blick auf den Sonderfonds Gewaltfreiheit für ihr Gewissen beanspruchten, aber im Blick auf die militärische Gewalt der Bundeswehr und die damals aktuelle Nachrüstung keine Gewissensprobleme zeigten. Dass schwarze, unterdrückte Menschen unter diesen Umständen nach weiteren versteckten Karten der Rheinländer (S. 466) fragen, ist für mich verständlich. Weiße Menschen berufen sich auf ihr Gewissen, wenn schwarze Menschen – nach Jahrzehnten gewaltfreien Widerstandes – auch Gegengewalt zu ihrer Befreiung einsetzen, haben aber viel weniger Probleme, militärische Gewalt zu ihrer eigenen Verteidigung zu bejahen. Das ist für schwarze Menschen weißer Rassismus.
5.
Ferner gilt es, dem Entstehen eines Mythos zu wehren, den Jürgen Schroer so formuliert: „Die EKiR hatte, was die Beteiligung am PBR angeht, den ablehnenden Kurs der EKD und nahezu aller Landeskirchen nie geteilt. Im Einvernehmen mit der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) waren die Gemeinden mit Informationen, sowohl von überseeischen Partnern als auch vom ÖRK ausgestattet worden, auch um für die Beteiligung mit Spenden aus der eigenen Brieftasche zu werben“ (S. 463).
Die Bejahung des PCR in der EKiR betraf von Anfang an lediglich das Hauptprogramm. In der Ablehnung des Sonderfonds ist die EKiR letztlich nicht aus der Einheitsfront der EKD ausgeschert. Inwieweit diese Haltung etwas mit der Furcht vor wirtschaftlich potenten Kirchensteuerzahlern zu tun hatte, darüber ist offen auch im Rheinland nicht geredet worden. Die Haltung der rheinischen Kirchenleitung in der Frage des Abbruchs von Geschäftsbeziehungen mit Großbanken lässt das zumindest vermuten, denn die Kirchenleitung hat alles getan, um diese Frage möglichst von der Tagesordnung der Synode fernzuhalten bzw. einen öffentlichen Beschluss dazu verhindert, indem sie im Einvernehmen mit betroffenen Banken ohne Öffentlichkeit Geschäftsbeziehungen beendet hat.
Jürgen Schroer erweckt den Eindruck, als ob die Landeskirche das PCR einschließlich seines Sonderfonds in den Kirchenkreisen und Gemeinden bekannt gemacht habe. Alles, was die Landeskirche getan hat, hat sie immer erst auf Druck von Gemeinden und Kirchenkreisen hin in die Wege geleitet. Von sich aus ist die Kirchenleitung tätig geworden, um Beschlüsse von Kreissynoden, Kirchensteuermittel für den Sonderfonds zur Verfügung zu stellen, zu umgehen bzw. aufzuheben (Duisburg-Süd, Oberhausen – 1979/1980).
6.
Es ist dem Beitrag von Jürgen Schroer anzumerken, dass der beschriebene Konflikt beim Ökumenedezernenten der EKiR Narben hinterlassen hat, wenn er Misstrauen, Verdächtigungen und Unterstellungen (S. 466, 468f.) bei den namibischen Partnern vermutet.
Darin zeigt sich eben, dass er letztlich nicht die Rolle des theologischen Gutachters bzw. Supervisors übernehmen darf, der als damalige Partei nun den Kirchen Ratschläge erteilt, was sie in der Situation hätten tun müssen und wonach zu fragen gewesen wäre.
Die drei Kriterien, die Jürgen Schroer am Ende seines Beitrages (S. 470), nach Wilhelm Menn aufstellt, sind steile theologische Sätze. Ich würde gern lesen, wie er sie auf die Rolle der Kirchenleitung der EKiR in dem Konflikt anwendet und konkret beschreibt, was sie den namibischen Partnern schuldig geblieben ist, wo sie sich nicht um das „Denken und Empfinden der Partner bemühten“ (S. 470). Anders ausgedrückt: Welchen Unglauben hätte die EKiR in diesem Konflikt eingestehen müssen? Verständlich, wenn es einem der Hauptakteure damals schwer fiel, in der aktuellen Auseinandersetzung solches einzugestehen. Aber worin sieht Jürgen Schroer im Abstand von zwanzig Jahren den Unglauben seiner Kirche? Das wäre ein spannender Beitrag geworden.
Inhaltlich ist nach der Lektüre der Langfassung an diesen Anmerkungen nichts zu ändern, aber auf einige Aspekte und Widersprüche sei zusätzlich hingewiesen. Jürgen Schroer stellt fest, dass der ökumenische Lernprozess für beide Kirchen unwiederbringlich vorbei sei und die damaligen Fragestellungen beider Seiten nicht „nachgestellt“ werden könnten wie Regimenter bei der Schlacht von Sedan (ÖR 52/4, S. 470). Aber genau das macht er in beiden Fassungen. Er wiederholt die Fragestellungen und Positionen von damals, um nachzuweisen, dass der Namibiafonds von der Rheinischen Kirchenleitung nicht als Alternative zum Sonderfonds des ÖRK angesehen wurde und dass gottesdienstliche Kollekte und Spenden von einzelnen Christen die „richtige Richtung“ im Blick auf die kirchliche Unterstützung des Sonderfonds wären. Insofern stellt er nach.
Jürgen Schroer mutet beiden Kirchen zu, sich zu fragen, was sie einander schuldig geblieben sind und welchen Unglauben sie sich jeweils eingestehen müssen. Antworten für die Rheinische Kirche bleiben offen – mit einer Ausnahme: Der Beschluss zum Namibiafonds auf der Landessynode 1982 entstand durch eine Fehleinschätzung und die Entscheidung darüber hätte zurückgestellt werden müssen, bis der Namibische Kirchenrat deutliche Position bezogen hätte (LKA-Fassung, S. 44 A.76).
Richtige Fragen werden gestellt. Zu welchem Evangelium bekennt sich die Kirche auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Befreiung (Namibia) und auf dem Weg zu Frieden und Abrüstung (Rheinland)? Welche ethischen Folgerungen ergeben sich aus dem Christusbekenntnis? Darauf würden Ernst Volk (ehemaliger Superintendent von Trier, Lutherischer Konvent) und Bernhard Heiermann (Landessynodaler aus Oberhausen, Ökumenisches Forum) jeweils eine andere Antwort geben, beide sich aber auf ihr je eigenes Christusbekenntnis berufen, schreibt mir J. Schroer im Frühjahr diesen Jahres. In seinem Aufsatz zeigt er aber an Hand des Protokolls der Landessynode, dass der Synodale Volk in der Debatte um Sonderfonds und Namibiafonds sich überhaupt nicht auf sein Christusbekenntnis berufen hat: „Der Synodale Volk hatte zunächst bemängelt, dass nicht, im Anschluss der Berichte von Frederik und Maasdorp nun ein weißer Südafrikaner die Sorgen der weißen Südafrikaner artikulieren könne. Er hatte dann auf das Schicksal eines Verwandten eines Mitsynodalen hngewiesen, der in Namibia ein Opfer der Gewalt geworden war: „Terror führt nicht in die Freiheit, was kommt, ist Unfreiheit und Unterdrückung“ (LKA-Fassung, S. 31, A.50).
Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass es in dieser Auseinandersetzung nicht nur um Treue zum Evangelium und um das jeweilige Christusbekenntnis ging, sondern auch persönliche und politische Einschätzungen eine Rolle spielten. Was die Vertreter der schwarzen Kirche in Namibia und die rheinische ökumenische Solidarität einte, war die schmerzhafte Erkenntnis, dass die rheinische Kirchenleitung und die Landessynode auf das „Gewissen“ von Synodalen wie Volk mehr Rücksicht genommen hat als auf das Gewissen von Christen wie Bernhard Heiermann.
Mit der erneuten Veröffentlichung von Schroers Aufsatz tritt die Kirchenleitung bzw. treten die beiden Herausgeber in diese Tradition ein, indem sie die Einstellung der damaligen Kirchenleitung quasi als Testament ihres damaligen Ökumenedezernenten der rheinischen Öffentlichkeit präsentieren.
In der damaligen Auseinandersetzung haben Kirchenleitung und Landessynode sich sehr schwer getan zu verstehen, dass das Ja zum Befreiungskampf für die Kirche in Namibia eine Bekenntnisfrage war und sie sich in der Situation einer „bekennenden“ Kirche befunden hat. Jede Partnerschaft und Gemeinschaft mit dieser Kirche wird das bis heute im Hinterkopf haben müssen. Das gehört nun zu dieser Kirche, wie zuletzt ihr jetziger Bischof Zephania Kameeta der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und der Evangelischen Kirche im Rheinland bei seiner Ehrenpromotion am 22. November 2004 im Audimax der Kirchlichen Hochschule deutlich gemacht hat: „ Ich fühle in diesem Saal den Geist der bekennenden Kirche, wie ich ihn in meiner Kirche in der Zeit des Befreiungskampfes gespürt habe“.
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Morgen Kinder wird’s nichts geben

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Mathias Bonhoeffer

Morgen Kinder wird’s nichts geben

…nur wer hat der kriegt geschenkt,

Mutter schenkte euch da Leben,

das genügt, wenn man’s bedenkt.

Advent, Weihnachten, Zeit der Vorfreude auf Geschenke, Zeit der Erwartungen auf das was kommen mag. Und das was kommt, ist nicht gut.
„Ausübung des Vorschlagsrechtes der Kirchenleitung bei Pfarrstellenbesetzungen (geplante Änderungen der Praxis ab 2005)“ so lautete der Top auf dem diesjährigen Treffen der Pastorinnen und Pastoren im Landeskirchenamt.
Es bedurfte keinerlei hellseherischen Fähigkeiten, dass sich hinter dieser Formulierung eine Verschlechterung der gängigen Praxis verbarg, die Sonderdienstler ab dem 5. Sonderdienstjahr in den Stand der Gnade erhob, auf der Vorschlagsliste aufzutauchen. Damit ist nun Schluss. Ab April 2005 werden nur noch Pfarrerinnen und Pfarrer im Wartestand vorschlagsfähig sein. Sicher es gibt kleine Trostpflästerchen. So könnte zum Beispiel die Sperrfrist von 3 auf 2 Jahre gesenkt werden, und es könnte sogar sein, dass eine Übergangsphase eingebaut wird. Allzu groß dürfte die nicht bemessen sein, denn der Finanzausschuss steht der Kirchenleitung auf den Füßen.
Zur Zeit befinden sich ca. 105 PfarrerInnen aus den unterschiedlichsten Gründen im Wartestand. Waren diese bis vor kurzem in der Versorgungskasse „versteckt“, wurden sie jetzt fiskalisch ans Licht gezerrt. Denn der Versorgungskasse geht es schlecht. Sie musste rechnerisch entlastet werden. So wurden die WarteständlerInnen der Pfarrbesoldung zugeschlagen. Dass es dieser Kasse angesichts der allgemeinen Finanzlage besser ginge, ist allerdings ein Gerücht. So gilt es den Wartestand abzubauen. Und da ist man auf die geniale Idee verfallen, das untaugliche aber einzige Mittel einzusetzen, das die Kirchenleitung hat, und das Vorschlagsrecht zu Gunsten der Warteständler zu verbessern.
Untauglich deshalb, weil es immer wieder ausgehebelt wird. Findet sich unter den vorgeschlagenen Kandidaten kein geeigneter, so wird halt neu ausgeschrieben, und wenn es sein muss solange, bis die Kirchenleitung von ihrem Vorschlagsrecht Abstand nimmt. „Wir als Gemeinde lassen uns doch nicht vorschreiben, wen wir zu wählen haben“. Allein dass man über die Vorschlagliste kommt, ist schon ein Malus innerhalb des Bewerbungsprozesses, der häufig schon auf das Aushebeln des Vorschlagsrechtes angelegt ist. Es ist für die Kandidaten nicht unbedingt angenehm, „Kanonenfutter“ zu sein.
Andererseits sind die von der Kirchenleitung vorgeschlagenen Stellen im Moment die weit aus häufigsten im Amtsblatt. Das hat mehrere Gründe: Zur Zeit, als es noch mehr Pfarrstellen als Kandidaten gab, hat die Kirchenleitung großzügig Abstand von ihrem Vorschlagsrecht genommen, um es bei der nächsten Besetzung wahrzunehmen. Das ist jetzt. Zum anderen kommt es verstärkt zu Abberufungen, und danach hat die Kirchenleitung ebenfalls Vorschlagrecht. Für WarteständlerInnen eine Verbesserung, wenn denn da nicht die Möglichkeit der Aushebelung bestünde.
Die SonderdienstlerInnen müssen sehen, wo sie bleiben, und knubbeln sich auf den „freien“ Stellen zusammen mit den PfarrerInnen z.A.
Diese Situation bekommt ebenfalls eine deutliche Verschärfung. Und hier kommt wieder der Finanzausschuss ins Spiel. Da die Pfarrbesoldung entlastet werden soll und muss, sind Überlegungen im Raum, die z.A.-Zeit um ein Jahr auf zwei Jahre zu verkürzen. Damit wird es demnächst ein Jahr geben, mutmaßlich 2006/2007, in dem zwei Jahrgänge gleichzeitig bewerbungsfähig sind. Und das genau zu der Zeit, in der die meisten Pfarrstellen, die durch Pensionierung frei werden, schon auf Grund der Altersteilzeit oder der 58iger Regelung wieder besetzt sind.

Morgen Kinder wird’s nichts geben.
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld.
Morgen Kinder lernt für’s Leben!
Gott ist nicht allein dran Schuld.
Gottes Güte reicht so weit,
ach du liebe Weihnachtszeit!
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Die Evangelische Kirche in Deutschland nimmt die Rheinische Landessynode nicht ernst

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Klaus Matthes

100 Jahre Beginn des antikolonialen Befreiungskrieges in Namibia

Die Evangelische Kirche in Deutschland nimmt die Rheinische Landessynode nicht ernst

3. Tagung der 10. Synode der EKD (Magdeburg, 7.-12. Nov. 2004). Donnerstag – 11.11.2004 – 9.15 Uhr: Grußwort von Ombara Alphons K.Maharero, Großneffe von Samuael Maharero, der den Aufstand gegen die deutsche Kolonialmacht 1904 angeführt hat. 100 Jahre danach durften die Synodalen gespannt sein, was ein Maharero einer Kirchenversammlung zu sagen hat. Und alle, die das Erinnern in Namibia und in Deutschland mit Aufmerksamkeit verfolgen, waren gespannt, wie die EKD mit dem Erinnern umgeht. Enttäuschung auf der ganzen Linie.

Ein König auf der EKD-Synode

Nachdem er sich als Mitglied eines königlichen Hauses in Namibia vorstellt und die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Republik Namibia und ihren Bischof Kameeta für ihren Beitrag zur Befreiung Namibias lobt, fragt er: „Was ist unsere Vision und welche Botschaft sollte von hier aus gehen?“ Antwort: „Meine Vision … ist es, eine neue Partnerschaft zu gründen mit Völkern, begründet auf der gegenseitigen Anerkennung und das Heilen der Wunden der Vergangenheit“. Er appelliert an die Evangelische Kirche in Deutschland und an die Kirchen im Allgemeinen, zu diesem hehren Ziel beizusteuern (sic!). Heilen geht also am besten durch Geld und dafür empfiehlt er seinen Fonds, den Samuel Maharero Memorial Trust. „Ich möchte noch einmal an die Kirche appellieren, einen bedeutenden Beitrag zu leisten, der hilft, unsere traditionellen Strukturen zu stärken und ebenso andere Bedürfnisse innerhalb des Samuel Memorial Trusts zu befriedigen“.
Eine Meldung des Evangelischen Pressedienstes (EPD) berichtet kurz mit einem Bild, dass der traditionelle Führer des Königshauses der Tjamuaha/Maharero vor der Synode zur Versöhnung aufgerufen habe. Von Versöhnung hat aber nicht er, sondern Präses Rinke vor und nach seinem Grußwort gesprochen. Er hat für seinen Fonds geworben und mehr eigentlich nicht. Von Frau Rinke erfuhren die Synodalen noch, dass er Vater von sechs Töchtern und sieben Söhnen ist. Welche Rolle Bischof Reinhard Keding von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia und die Journalistin Erika Wietersheim aus Windhoek in seiner Delegation spielen, erfährt die Synode nicht. Ein Gastgeschenk hat der Besucher aus Namibia für Frau Präses mitgebracht: Traditionelle Puppen aus Namibia, es sind Hererofrauen.

Peinlich

Eine peinliche Situation, urteilen viele Synodale. Und der Pressestelle der Synode ist diese Peinlichkeit wohl auch bewusst geworden. Es dauert bis zum Nachmittag, bis sie dieses Grußwort ins Internet setzt. Auf eine Pressemitteilung verzichtet sie ganz, obwohl es im Vorfeld zwei ausführliche Erklärungen zu diesem Besuch gibt und die Sache sehr hoch gehängt wird. „Delegation des Herero-Volkes besucht die EKD-Synode. 100 Jahre nach Kolonialkrieg ein Zeichen der Versöhnung“, titelt die Pressemitteilung vom 2.11.2004.
Stammesführer der Herero, Oberhaupt der Herero, Häuptling des Herero-Volkes in Namibia –, so wird Alphons Maharero durch Pressestelle und Präses Linke auf der Synode eingeführt.

Wer ist Alphons Maharero?

Die Herero in Namibia würden sich verwundert die Augen reiben, dass Alphons Maharero ihr Oberhaupt sein soll. Er ist Namibier, Mitglied des Rates der traditionellen Führer und als traditioneller Führer des Königshauses der Tjamuaha/Maharero durch die namibische Regierung anerkannt, hat aber kein Mandat für das gesamte Hererovolk. Wenn er also in Deutschland auftritt, kann er für keine der drei großen Hauptgruppen der Herero sprechen, sondern allein für die Familie der Tjamuaha/Maharero.

Die Rolle von Bischof Keding

Wer ist für diesen peinlichen Auftritt auf der EKD-Synode verantwortlich? Wer hat der Synode Alphons Maharero als den Häuptling des Hererovolkes annonciert? Bischof Keding von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia – Auslandskirche, jetzt Partnerkirche der EKD – hat das Präsidium der Synode dazu gebracht, Zeit für ein Grußwort des Maharero-Nachkommen einzuräumen. Ausgangspunkt war der Wunsch von A. Maharero, Deutschland zu besuchen und Mitglieder der von Trotha-Familie, deren General Lothar von Trotha für den Völkermord 1904 verantwortlich war, zu treffen. Eine Begegnung mit Kirchenvertretern war ebenfalls erbeten worden. Da die Reise nach Deutschland „zufällig“ im November erfolgte, hat Bischof Keding dafür gesorgt, dass die Delegation von der EKD-Synode ebenfalls eingeladen wurde und auch zu den Reisekosten beigetragen hat. In einer Presseerklärung aus Namibia geht hervor, dass dort bereits bekannt ist, dass der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Huber, in seinem Jahresbericht auf diesen historischen Besuch eingehen wird. Offensichtlich hat Bischof Huber das, was er dort sagt, mit dem deutschen Bischof in Namibia erörtert. Keding ist Bischof einer Mini-Kirche mit etwa 5.000 Mitgliedern, die von sieben Pfarrern, davon fünf von der EKD entsandt, betreut werden. Diese kleine deutschsprachige Kirche hat durch ihren Bischof auf der EKD-Synode 2004 beträchtlichen Einfluss. Das wird auch dadurch beleuchtet, dass OKR Coenen-Marx und OKR Hitzler von der EKD Fragen zum Hintergrund der Einladung an Maharero erst nach einem Termin mit Bischof Keding beantworten.

Hubers Jahresbericht

So wird verständlich, dass der Ratsvorsitzende an der Stelle seines Berichtes allgemein von Versöhnung spricht und den Besuch aus Namibia als große Geste des Vertrauens bezeichnet. Weil dieses Vertrauen wie eine ausgestreckte Hand der EKD entgegenkommt, bittet Huber „um Vergebung durch Gott und die Menschen für alles Unrecht, das von Deutschen an diesen afrikanischen Völkern begangen wurde“. Nachdem er an die Bitte um Vergebung der Bundesministerin Wieczorek-Zeul im August 2004 erinnert hat, schließt er: „Für die Evangelische Kirche in Deutschland erbitte ich, dass dieser Geist der Vergebung und der Versöhnung unseren gemeinsamen Weg als christliche Kirchen in Namibia und in Deutschland bestimmen möge“. Versöhnung ist angesagt, nicht Aufarbeitung einer dunklen Vergangenheit von EKD und den deutschsprachigen Gemeinden in Namibia. Das kommt Bischof Keding entgegen. Es ist natürlich einfacher für seine Arbeit in den deutschsprachigen Gemeinden Namibias, von der EKD-Synode berichten zu können, dass sie nicht an Rassismus und Apartheid erinnert hat, sondern zur Versöhnung aufgerufen hat.
Die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland mit ihrem Beschluss vom Januar 2004 spricht eine andere Sprache: „Die Evangelische Kirche in Deutschland wird aufgefordert, ihre Verantwortung hinsichtlich der Kolonialgeschichte gegenüber den Kirchen in Namibia auch in einer öffentlichen Erklärung zu formulieren und ihren Beitrag zur Vereinigung der drei lutherischen Kirchen in Namibia zu intensivieren“. Hätte Bischof Huber sich mit dieser Aufforderung aus dem Rheinland auseinandergesetzt, sich mit dem Rheinischen Präses oder dem zuständigen Ökumenedezernenten hinsichtlich des Gedenkens von 1904 verständigt oder beraten, dann hätte sein Bericht anders aussehen müssen. Zumindest hätte er erklären müssen, warum die EKD-Synode wohl zum EU-Beitritt der Türkei, nicht aber zum Gedenken „100 Jahre Beginn des antikolonialen Befreiungskrieges in Namibia“ einen Beschluss fasst. Er hätte dann auch etwas sagen müssen zur Verstrickung der EKD in Kolonialismus, Rassismus und Apartheid in Namibia durch Gründung von separaten deutschsprachigen Gemeinden, Entsendung von Pfarrern und finanzieller Unterstützung. Dazu sagt der Ratsvorsitzende nichts und spricht sehr allgemein von Vertrauen und Versöhnung.
Zwei Feststellungen sind zu treffen:
1.    Der Ratsvorsitzende nimmt in dieser Frage die Rheinische Landessynode nicht ernst.
2.    Die Rheinischen EKD-Synodalinnen nehmen das ohne nennenswerten Widerstand hin.

Das ist aus rheinischer Sicht das Betrübliche und Beschämende. Nicht eine Synodale ergreift in der Aussprache über den Bericht von Bischof Huber im Plenum das Wort und erinnert die Synode an den Beschluss der Rheinischen Landessynode. Niemand aus dem Rheinland fordert in dieser Aussprache eine öffentliche Erklärung der EKD im Sinne des Beschlusses von Bad Neuenahr. Die Rheinländer hüllen sich in vornehmes Schweigen. Wie wollen sie das auf der nächsten Landessynode denen erklären, die sie doch auch in die EKD-Synode gewählt haben, um rheinische Anliegen und Beschlüsse dort zu vertreten?
Monika Lengelsen, Rheinische Synodale und Vorsitzende des Auschusses „Mission, Diakonie und Ökumene“, thematisiert in Magdeburg in einer Ausschusssitzung das rheinische Anliegen. Es gibt Voten dafür und dagegen, die Sache ins Plenum zu bringen. Als schließlich die Sache als rheinisches „Sondergut“ qualifiziert wird und Bischof Koppe, Leiter der Abteilung „Ökumene und Auslandsarbeit/ Kirchliches Außenamt“ darauf hinweist, dass die EKD nicht nur ihre koloniale Vergangenheit in Namibia, sondern auch an anderen Orten zu bearbeiten hätte, verzichtet die Rheinländerin, einen Antrag ins Plenum einzubringen. Wann und in welcher Form die EKD das tun wird, darüber ist nichts in Erfahrung zu bringen. Am Telefon sagt sie, dass die Stimmung im Ausschuss positiv gewesen sei, aber sie hätten eine gründlichere, längere Vorarbeit gebraucht, um etwas in Richtung des Rheinischen Beschlusses zu erreichen. Reichen zehn Monate nicht aus? Denn genau so viel Zeit lag zwischen den Synoden von Bad Neuenahr und Magdeburg.

Verpasste Gelegenheiten

In Magdeburg gab es noch eine Gelegenheit für die Rheinländer, ihre Landessynode ins Gespräch zu bringen. Im Plenum wurde ein Beschluss gefasst zur möglichen Eröffnung von Beitrittsverhandlungen (der Europäischen Union) mit der Türkei. In diesem Beschluss heißt es u.a.: „Ohne eine ehrliche und öffentliche Auseinandersetzung der Türkei mit ihrer Vergangenheit ist eine zukünftige Entwicklung, getragen vom Geist der Versöhnung und vom Streben nach Gerechtigkeit und Frieden, nicht möglich. Dies schließt die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern mit ein“. Hat keiner von den Rheinländern im Zusammenhang der Landessynode und der großen Gedenkveranstaltung zu 1904 Ende Januar in Wuppertal gehört, wie diese Aufforderung an die Türkei – und sie ist berechtigt – auf unsere Evangelische Kirche zurückfällt, wenn wir die Vergangenheit der EKD an der Stelle nicht aufarbeiten? Dieser „Türkeibeschluss“ kann eins zu eins umgesetzt werden im Blick auf die Verstrickung der EKD in Rassismus und Apartheid in Namibia.
Die EKD-Synode fasst im Blick auf den Genozid an den Armeniern noch einen Beschluss: „Die Synode der EKD bittet den Rat der EKD, sich anlässlich des 90. Jahrestages des Genozids an den Armeniern eingehend mit dieser Thematik zu befassen und öffentlich Stellung zu nehmen“. Was um alles in der Welt geschieht auf so einer Synode? Zur Verstrickung der EKD in Rassismus und Apartheid braucht der Rat der EKD sich nicht öffentlich zu äußern, die wird ersetzt durch den Auftritt eines Maharero-Nachkommen, dessen Geste des Vertrauens ist Ausdruck von Versöhnung. Was muss da noch aufgearbeitet und bekannt werden? Die rheinischen EKD-SynodalInnen müssen die Sache eigentlich anders sehen. Warum schweigen die RheinländerInnen in Magdeburg? Darauf müssen sie auf der kommenden Landessynode antworten.

Offener Widerspruch bei Bischof Huber

Angelegt ist die unterschiedliche Behandlung der beiden Themen bereits im Jahresbericht von Bischof Huber. Er verhandelt beide Komplexe zusammen in einem Abschnitt unter den Stichworten „Vertrauen und Versöhnung“. Und ich empfinde es als dreist, wie er das macht und zusammenbindet, ohne den Widerspruch zu verdecken. Die eigene dunkle Vergangenheit der EKD in Richtung Namibia wird gar nicht angesprochen. Sie ist für ihn offensichtlich erledigt durch die Einladung eines Maharero-Nachkommen, einer allgemeinen Bitte um Vergebung für alles deutsche Unrecht an diesen afrikanischen Völkern und mit der Bitte um den Geist der Versöhnung und Vergebung für den gemeinsamen Weg als christliche Kirchen in Namibia und Deutschland. Was die geplanten Beitrittsverhandlungen der Europäischen Kommission mit der Türkei betrifft, da findet er klare Worte und benennt konkret die Defizite, die er bei der Türkei sieht: Menschenrechte, Religionsfreiheit, Minderheitenrechte, Situation der Frauen und eben die Leugnung des Genozids an den Armeniern. An das Gleichnis vom „Splitter und Balken“ hat der Ratsvorsitzende bei der Abfassung dieses Abschnittes seines Berichtes nicht gedacht.
Noch einmal: Mit einem Rheinländer oder gar mit seinem Ratskollegen, dem Rheinischen Präses, hat Bischof Huber diesen Teil seines Jahresberichtes auf keinen Fall abgesprochen, denn dann müsste er anders aussehen. Der Rheinische Synodalbeschluss hatte ja die Intention, die Defizite der EKD im Blick auf Rassismus und Apartheid in einer öffentlichen Erklärung zu formulieren. Das ist auf der EKD-Synode nicht geschehen und die Rheinischen Synodalen haben das hingenommen. Einmal mehr blieb es dem Mainzer Arbeitskreis für das Südliche Afrika (Maksa) vorbehalten, die Synodalen und die Öffentlichkeit durch eine Presseerklärung an die unheilvolle Geschichte der EKD in der Apartheidzeit zu erinnern.
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Eine rheinische Karriere

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Eine rheinische Karriere

oder Ratschlag für stellensuchende PastorInnen im Rheinland

Eine rheinische Pfarrerin ist Oberkirchenrätin im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geworden. Auf der Internetseite der EKD (www.ekd.de) finden wir sie unter „Ökumene und Auslandsarbeit/Kirchliches Außenamt“, zuständig für das Referat „Übersee“. Unter „Wer ist wer?“ erfahren wir, dass sie auch die Referentin „Naher und Mittlerer Osten und Stiftungen im Heiligen Land“ ist. Ihr Name: Cornelia Coenen-Marx.
Im gültigen Gemeindeverzeichnis steht sie als Vorsteherin des Diakoniewerkes Kaiserswerth. Wir erinnern uns. Sie beginnt als Vikarin und Pfarrerin im Rheinland. Aber bald führt sie ihr Weg nach Düsseldorf als Landeskirchenrätin. 1997 auf der Landessynode versuchte sie auf eine neue Ebene zu kommen. Sie wollte hauptamtliches Mitglied der Kirchenleitung und Oberkirchenrätin werden. Sie unterliegt aber deutlich gegen den späteren Präses Schneider. Daraufhin geht sie nach Kaiserswerth und wird Vorsteherin des dortigen Diakoniewerkes. Auch ein schöner Titel. Aber Bischöfin oder Präses klingt voller. Als in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche zu Braunschweig ein neuer Bischof gewählt werden muss, ist sie im Gespräch, zieht aber ihre Kandidatur zurück. Vor einem Jahr kandidiert sie als Präses in der Evangelischen Kirche von Westfalen, wird aber auch dort nicht gewählt.
Aus Kaiserswerth hören wir in diesem Jahr, dass das Diakoniewerk ihren Vertrag als Vorsteherin nicht verlängern wird. Eine Pfarrerin, die offensichtlich auf dem Sprung ist, mag Kaiserswerth auf Dauer nicht als Vorsteherin beschäftigen.
Wir hören nicht, dass sie sich um eine andere rheinische Pfarrstelle bewirbt oder in den Wartestand geht. Uns ist keine Stellenausschreibung der EKD bekannt. Wir stellen lediglich via Internet fest: Cornelia Coenen-Marx ist Oberkirchenrätin bei der EKD. Wir fragen uns: Wie geht das so nahtlos? Laut Stellenplan der EKD gibt es nach dem Präsidenten und Vizepräsidenten (B6 und B5) höchstens sechs Stellen nach B3 und 13 Stellen nach A 16. Sie wird sich als Anfängerin in Hannover gewiss mit A 16 begnügen müssen.
In Chrismon 11/2004 schreibt Mitherausgeberin Oberkirchenrätin Coenen-Marx in einer Kolumne „Ohne Arbeit, voller Zweifel“ über die Verunsicherungen und Selbstzweifel einer Exkollegin, einer Pädagogin und Beraterin, nach deren Kündigung. Ihre Kollegin hat es wieder geschafft. „Sie hat Visitenkarten drucken lassen, eine Jobbörse für Akademikerinnen organisiert und verschiedene Minijobs angenommen. Sie ist neugierig geblieben und hat einen Blick für die offenen Türen behalten. Und sie hatte Freunde“.
Warteständler, ihr stellensuchenden Pastorinnen im Rheinland, lasst das Jammern und Klagen. Druckt Visitenkarten, haltet Ausschau nach Freunden und versucht es doch einmal in Hannover!

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