TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Nr. 97

editorial

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Liebe Leserinnen und Leser!

Am Ende dieses Jahres werden wir mit dem Heft Nr. 99 die Druckversion von Transparent einstellen. Ab 2011 versuchen wir eine Transparent-online-Version zu erstellen. Die technischen und organisatorischen Voraussetzungen dazu werden in den beiden nächsten Heften näher erläutert.

Im Wesentlichen gibt es zwei Gründe, die zu dieser weitreichenden Entscheidung führen:
1.     Die personelle Situation hat sich in der Redaktion trotz vieler Versuche nicht deutlich verbessert. Sicher, es sind einige jüngere Kollegen zum Redaktionskreis dazu gekommen. Es gibt auch erfreuliche Rückmeldungen und immer wieder Beiträge von befreundeten Gruppen und Einzelpersonen. Die wirkliche Redaktionsarbeit hängt aber immer noch an 3-4 Personen. Wir haben auch keine Frauen zur Mitarbeit in der Redaktion motivieren können.
2.    Finanzielle Engpässe kennen wir. Sie sind bisher immer mal wieder durch das Ökumenische Forum, die Solidarische Kirche und spendenfreudige Einzelpersonen überbrückt worden. Aber bei einem weiteren Rückgang der festen Abo-Zahlen ist die finanzielle Basis so schmal, dass wir uns nur von Jahr zu Jahr gehangelt haben. Aktuell haben 60 AbonnentInnen trotz Mahnung nicht bezahlt. Diese Missachtung unserer Arbeit ist nicht leicht zu ertragen und 900 Euro sind für uns keine Peanuts.

Wir sind sicher, dass viele Beiträge in den Heften wichtig sind und manche Informationen und Einschätzungen sonst die kirchliche Öffentlichkeit nicht erreichen. Aber: Vor allem junge potentielle LeserInnen tun sich offensichtlich schwer mit dem Abo einer Zeitschrift. Dass wir bei ihnen mit einer Online-Version auf entsprechende Aufmerksamkeit stoßen, davon gehen wir aus. Eine Zusammenarbeit mit anderen Online-Stimmen bietet sich an. In den letzten Ausgaben von Transparent haben wir bereits hingewiesen auf „Zwischenrufe zu Kirche und Gesellschaft“ (www.zwischenrufe-diskussion.de) und Beiträge von dort gedruckt.

Am Freitag, 29. Oktober 2010, wollen wir mit engagierten Menschen aus dem Rheinland die neue (Online-)Zeit von Transparent inhaltlich planen und vorbereiten. Ort und Zeit: 18 Uhr im Cafè Treff, Hövelstr. 73, Essen. Das soll keine geschlossene Gesellschaft werden.
Transparent-AbonnentInnen, die ihre Email-Adresse an Robert Liess (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) schicken, werden als erste erfahren, wann die Internet-Version von Transparent Premiere hat.

Das vorliegende Heft verdient wie immer Beachtung. Wir setzen den Focus noch einmal auf das Geld der Kirche und bieten eine andere Sichtweise an. Denn der Druck, der durch die „Finanzfachleute“ und das Landeskirchenamt auf die Haushaltsplangestaltung und Rücklagenbildung der Gemeinden und Kirchenkreise ausgeübt wird, hat kein Gegengewicht. Das tut der synodalen Struktur unserer Kirche nicht gut.

Also, Augen auf und das Heft von A bis Z durchlesen und bedenken. Noch gibt es uns gedruckt und somit geeignet als Urlaubs- oder Sommerlektüre. Dass er erholsam wird und zu neuen Gedanken und Taten motiviert, wünschen wir allen Leserinnen und Lesern.

Die Redaktion

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Gilt noch das gesprochene Wort?

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Hans-Peter Lauer

Gilt noch das gesprochene Wort?

„Man darf über alles predigen, nur nicht über 15 Minuten.“

Dieses stets mit einem Anerkennung heischendem Lächeln unterlegte, allerorts verbreitete Dogma von den wahren Bedürfnissen der Hörerschaft unter Kanzel wirft ein bezeichnendes Licht auf die Wertschätzung des gesprochenen Wortes in der Kirche. Oder sollte man besser sagen: auf seine Geringschätzung? Die Geringschätzung von Auftrag und Predigt, von Gotteshaus und Gemeinde, von Heiliger Schrift und Heiligem Geist. Ist es demgegenüber ganz aus der Luft gegriffen, einen Zusammenhang herzustellen mit der geradezu unermüdlichen Produktion von Texten, von Denkschriften, Stellungnahmen, Erklärungen, Proponenden, mit dem damit einhergehenden leidenschaftlichen Ringen um wegfallende oder ergänzende Sätze, mit dem Feilen an Sinn und Komma, mit der Fülle an eng beschriebenen Seiten, die zu lesen nun weit mehr als 15 Minuten in Anspruch nehmen?
Diese Vielschreiberei mag für sich genommen ein ernsthaftes und ehrenwertes Bemühen sein. Sicherlich bleibt es weiterhin notwendig, dass sich die Kirche zu gesellschaftlichen Herausforderungen auch schriftlich äußert. Vorausgesetzt, dass sie tatsächlich etwas beizutragen hat, was die Öffentlichkeit aufhorchen lässt. Aber es drängt sich doch die Frage auf, ob sich da nicht längst eine Art Hierarchie eingestellt hat. Bekommt nicht die textende Kirche immer mehr Übergewicht gegenüber der Kirche des gesprochenen Wortes? Was aber ginge damit verloren? Während die lebendige Rede auf unmittelbare Interaktion zielt und sich damit als ein Handeln erweist und während erst dann alles gesagt ist, wenn auch alle bewegt, mitgenommen, aufgerichtet und angetrieben sind, ist Papier hingegen geduldig. Könnte das Gefälle zum schriftlichen Wort nicht auch ein Ausweichmanöver vor einem konsequenten Handeln sein? Am Anfang steht meist die noch mündlich vorgetragene, manchmal sogar messianisch klingende Ankündigung des kommenden Papiers, eines Papiers, das von allerlei Arbeitsgruppen und Ausschüssen erst zu erstellen und dann durch leitende Gremien zu verabschieden ist. Der große Aufwand findet jedoch nicht selten sein enttäuschendes Ende in einem schlichten Lochen und Abheften des Verfassten. Diesem geduldigen Papier steht die Ungeduld des hier und jetzt gesprochenen Wortes gegenüber, das unmittelbar zum Widerspruch reizt oder Zustimmung erfährt, das vor Ort gesprochen auch vor Ort wirksam werden will und das nicht ankommt, ohne auch zu verändern.
Es scheint nur eine Randbeobachtung zu sein: Der Herr der Kirche hat nichts Schriftliches hinterlassen. Er hat sich offenkundig auf das gesprochene Wort beschränkt. Dies allein mit der Kürze der Zeit, also mit dem nahe herbeigekommenen Reich Gottes zu erklären, befriedigt nicht voll und ganz. Es ist doch offenkundig jener Zusammenhang von Reden und Handeln, der dem gesprochenen Wort Vorrang vor dem geschriebenen Wort gibt. Ein Papier muss nicht notwendig folgenlos bleiben. Aber es kann nur dann Wirkung entfalten, sofern es eine Debatte anstößt oder durch Taten umgesetzt wird. Die „papierene Kirche“, die Peter Beier einmal beklagte, ist dagegen eine bestimmte Variante jenes Phänomens, das man als „Papiertiger“  bezeichnet, nämlich der gewichtig erscheinende Versuch, eine Position zu vertreten, ohne dafür eine ausreichende Handlungsbasis zu haben. Dazu passt eine andere Parallele: Während immer mehr sinnlich konkrete Predigtstätten durch den Rationalisierungsdruck, unter dem die Kirche steht, abgebaut werden, nimmt augenscheinlich die vielfach reproduzierte Textmasse zu, wächst die Anzahl der Broschüren, Flyer, Handreichungen und auch virtuellen Medien. Dass bleibt, wer schreibt, mag für die Machtdramaturgie der Kirche oder die historische Geschichtsschreibung stimmen. Dass nur sprechenden Menschen geholfen werden kann, ist auch keineswegs die Regel in der Verheißungsgeschichte Gottes. Wohl aber wird dazu aufgefordert, den Mund für die Stummen aufzutun. Mehr noch: den Stummgemachten widerfährt Befreiung, indem ihnen der Mund geöffnet wird. So bleibt es dabei: Es gilt immer noch und vor allem - das gesprochene Wort.
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Das Kreuz mit dem Kreuz in öffentlichen Räumen

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Claudia Malzahn

Das Kreuz mit dem Kreuz in öffentlichen Räumen

In Düsseldorf wird öffentlich diskutiert, ob Kreuze in den Neubau eines Gerichtes gehören oder nicht. Der rheinische Präses Nikolaus Schneider setzt sich in dem Zusammenhang deutlich für Kreuze im öffentlichen Raum ein. Dies lässt mich fragen, woher mein Widerstand gegen Kruzifixe und Kreuze in Klassenzimmern und Gerichtssälen kommt.
Um die Bedeutung des Kreuzes in der evangelischen Theologie wird aktuell heftig gerungen. Spätestens die WDR-Radioandachten von Burkhard Müller im Frühjahr 2009 brachten einer breiten Öffentlichkeit zur Sprache, dass die Frage nach dem Sühnetod Christi am Kreuz heute immer weniger geglaubt wird. Wer will einen Gott, der seinen Sohn opfert, anbeten? Das Kreuz als Ausdruck von Christi Leiden und Gottes Mitleiden am Leiden der Welt – so wird in der evangelischen Volkskirchenrealität eher gepredigt. In der evangelischen Tradition hat das Kreuz als Zeichen der Rechtfertigung hat in Kirchen sichtbar seinen Raum. Da es von der Auferstehung her gesehen wird, bleibt es in der Regel bei einem Kreuz ohne Corpus. Reformierte Kirchen kommen auch ganz ohne Kreuz aus.
Ob als Zeichen der Rechtfertigung oder als Ausdruck von Gottes Mitleiden mit der Welt oder seiner Selbsthingabe, – das Kreuz ist weder innerevangelisch noch generell als Zeichen von Menschen zu entschlüsseln. Es ist in einer zunehmend säkularen Welt ein Symbol, das sich nicht selbst erklärt, sondern das zentrale christliche Symbol, das der Deutung bedarf.
In Gerichtssälen und in Schulen in Deutschland – vor allem in katholisch geprägten Gebieten – waren an vielen Orten Kruzifixe historisch üblich. Für mich als evangelische Gefängnispfarrerin, die in evangelisch geprägten Gebieten aufgewachsen ist, war es bislang selbstverständlich, in öffentlichen Räumen weder Kruzifixe zu erwarten noch gar sie einzufordern. Denn ich empfinde diese sichtbare Trennung von Staat und Kirche als angemessen. Was eine zu große Nähe von Thron und Altar für negative Folgen hat, können und müssen besonders wir Protestanten in die Diskussion bringen. Eine weltanschaulich neutrale Gestaltung öffentlicher Räume entspricht der Lebensrealität der unterschiedlichen Menschen, die diese Räume nutzen. Unerklärt erzählt ein Kruzifix im Schulraum einem muslimischen oder nicht-religiös erzogenen Kind nicht von der Gnade Gottes und der Rechtfertigung, sondern von Blut und Tod. Ein Kruzifix im Gerichtssaal kann den Anschein erwecken, hier werde in Gottes Namen Recht gesprochen. Gerade hier ist die Unterscheidung von göttlichem und menschlichem Reden über Schuld in der alltäglichen Arbeit als Gefängnisseelsorgerin wichtig.
Als aufgrund einer Klage aus Italien im November 2009 der europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein – noch nicht rechtskräftiges – Urteil zum Kruzifixverbot in Klassenzimmern aussprach, kam es zu heftigem Protest der römisch katholischen Kirche, die den Entscheid anfechten will, während die evangelischen Christen Italiens das Urteil begrüßten. In Deutschland gab es eine entsprechende katholische Reaktion, die EKD enthielt sich klug einer Bewertung. Gerade an dieser Stelle erscheint mir ein ökumenischen Schulterschluss der Sache nicht angemessen. ☐

 

Claudia Malzahn, Jg. 1963, ist Gefängnispfarrerin in Köln.


Literatur:
Aus Leidenschaft für uns. Zum Verständnis des Kreuzestodes Jesu. Orientierungshilfe zur Kreuzestheologie. EkiR (Hg.)  Februar 2010
Andrea Bieler, Ich habe Angst. Die Predigt vom Kreuz im narzisstischen Zeitalter. in: Claudia Janssen, Benita Joswig (Hg), Erinnern und Aufstehen. Antworten auf Kreuzestheologien, Mainz 2000
Wilfried Härle, „… gestorben für unsere Sünden“. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu Christi (Unveröffentlichter Text eines Vortrags, gehalten 2007 in Frankfurt am Main, Manuskript im Internet abrufbar unter http://www.w-haerle.de/Gestorben%20fuer%20unsere%20Suende.pdf [06.06.2009])

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Wenn Kirche krank macht

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Hans-Jürgen Volk und Gudrun Heuer

Wenn Kirche krank macht

Unsere Kirche ist krank. Sie leidet unter einem neoliberalen Infekt, der den ganzen Leib bereits jetzt erheblich geschwächt hat. So erstaunt es keineswegs, dass auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der kranken Kirche zunehmend mit Burnout und anderen Krankheitsbildern zu kämpfen haben. Genaue Fallzahlen wird es nicht geben, denn mancher und manche verschweigt je nach Umfeld sein Krankheitsbild solange es geht. Als Leitbild dient ja der flexible, belastbare, kreative und immer erreichbare Mitarbeiter. Wer es nicht aushält, ist nicht geeignet. Probleme werden individualisiert – und sind doch allzu oft Symptom der allgemeinen Krankheit der Kirche, die sich ihrerseits an einer neoliberal geprägten gesellschaftlichen Umgebung angesteckt hat.
Der neoliberale Glaube besagt, dass erwünschte Veränderungen nur durch Geld zu erreichen sind. Beim Staat und bei der Kirche kann man sie am besten erzielen, indem man dem System Geld entzieht. So geschieht es seit Jahren – auch in der Ev. Kirche im Rheinland, in der Menschen berechtigte Angst um den Bestand ihrer Gemeinden, die Kirche am Ort oder das Gemeindehaus haben. Die Sorge von zahllosen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz ist mehr als begründet. Druck wurde erzeugt, der in keinem redlichen Verhältnis zur tatsächlichen finanziellen Lage steht.
Schon immer gab es bei der Kirche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die engagiert und motiviert waren. Als Küster oder Jugendleiterin, als Pfarrerin oder als Verwaltungsangestellter brachten sie sich ein – oft bis über die eigenen Grenzen hinaus. Der Glaube war eine starke Motivation und auch die Anerkennung der Umgebung. Anderswo hätte man gewiss mehr verdienen können. Doch der Arbeitsplatz war in aller Regel sicher, umgeben von christlicher Fürsorglichkeit und Wertschätzung.
Das hat sich grundlegend verändert. Die Instrumente, mit denen man den kirchlichen Strukturwandel gestalten will, sind für gute Arbeit und Engagement weitgehend blind. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer kann Großartiges leisten – nach den Pfarrstellenverteilungsrichtlinien, die im Mai 2008 durch die Kirchenleitung beschlossen wurden, sind für den Pfarrstellenumfang die Entwicklung der Gemeindegliederzahlen entscheidend. Ähnliches gilt für die Küsterin, deren Gemeindezentrum durch die neuen Regelungen zur Substanzerhaltung von der Gemeinde nicht mehr gehalten werden kann. Sie kann ebenso ihren Arbeitsplatz verlieren wie der ambitionierte Sozialpädagoge, der sich bewusst in einem sozialen Brennpunkt im nördlichen Ruhrgebiet engagiert. Ohne Not hat man sich auf ein betriebswirtschaftliches Denken eingelassen. Die Wenigsten in kirchenleitenden Positionen sind in der Lage, souverän damit umzugehen. Die Folge ist eine strukturelle Empathieunfähigkeit, die an Stelle des fürsorglichen Vorsatzes getreten ist, dem oder der Einzelnen in seiner/ihrer Situation gerecht zu werden. Die blinden Mechanismen bei der Pfarrstellenverteilung und der Zuweisung der finanziellen Ressourcen bevorzugen die ökonomisch prosperierenden Regionen unserer Kirche, wohingegen die strukturschwachen Gebiete, die an die MitarbeiterInnen oft weitaus höhere Anforderungen stellen, benachteiligt werden.

Strukturelle Empathieunfähigkeit

Teil der neoliberalen Glaubenslehre ist die Vorstellung, dass ein ausgeprägtes Gefälle zwischen Arm und Reich die wirtschaftliche Dynamik erhöht. Dahinter steht ein Menschenbild, das lediglich materielle Ziele als Handlungsmotivation gelten lässt. Der Mensch strengt sich an, weil er seine materielle Existenz sichern, seinen Wohlstand mehren und Karriere machen will. Abhängig Beschäftigte und erst recht Arbeitslose brauchen Druck, um zu einem ökonomisch wertvollen Lebensentwurf zu finden. Allein die Tatsache, dass sie nicht unternehmerisch tätig sind, macht sie in den Augen der neoliberalen „Freiheitsfreunde“ dem notorischen Drang zu Faulheit verdächtig, dem man nur mit einem rigiden Kontrollsystem begegnen kann.
Schon immer gab es im kirchlichen Leben Menschen, die aus ideellen Gründen in ihrer Arbeit aufgingen. Aus neoliberaler Sicht sind es unverständliche Exoten. Ihre Motivation war es, für andere in vielfältiger Weise da zu sein. Gerade diese engagierten und oft sehr einfühlsamen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden sich nun in einer Umgebung wieder, die ihnen fremd ist. Statt menschlicher Wärme steht die Qualität im Mittelpunkt, statt nach lebendiger Gemeinde wird nach Kennzahlen gefragt und das Streben nach Effizienz verdrängt das solidarische Miteinander. Diese oft so wertvollen Menschen werden krank an ihrer kranken Kirche.
Es gibt einzelne Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger, die wahrnehmen, dass es sich bei der wachsenden Anzahl an Burnout-Fällen in unserer Kirche nicht um tragische Einzelschicksale handelt, sondern um ein Symptom einer allgemeinen Krankheit. Doch sie sind noch in der Minderheit. Der Mainstream vertritt die ebenso bequeme wie grausam-destruktive Ansicht, dass die Betroffenen den Herausforderungen ihres Berufs eben nicht gewachsen sind.
Sie haben den von Neoliberalen so verachteten Prototyp des Gutmenschen gegen sich: Jesus von Nazareth, der sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28) ☐
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Sparen bis zum Kollaps

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Hans-Jürgen Volk

Sparen bis zum Kollaps

Die Eurokrise und das Geld der Kirche

„Wir leben über unsere Verhältnisse!“ sagt er mit sonorer Stimme. Er trägt einen teuren Anzug und Krawatte, das Frankfurter Bankenviertel ist sein Arbeitsplatz. Mit „wir“ meint er die Anderen, vor allem den Staat. Er selbst verdient im Monat samt Boni ein halbes Vermögen, jedenfalls deutlich mehr, als er ausgeben kann. Deswegen lebt er natürlich nicht über seine Verhältnisse. Aber er ist angespannt in diesen Zeiten, weil nicht nur Aktienfonds, Festgeld und andere Finanzprodukte sein Eigen sind, sondern auch Staatsanleihen von Ländern, die in den vergangenen Monaten von Ratingagenturen herabgestuft wurden. Er träumt schlecht von einer Inflation, die seinen Reichtum erheblich schmälern könnte. Er sorgt sich um das System, das ihn weit über den Rest der Menschheit hinaus hat reich werden lassen.
Von schmerzlichen Einschnitten ist die Rede, gekürzt wird bei Hartz-IV-Familien, Arbeitsplätze sollen abgebaut werden im Bereich der Bundesverwaltung und für Beamte stehen Gehaltskürzungen an. Die kalte neoliberale Ideologie, die nicht nur eine Kirche, eine Jugendpflegeeinrichtung oder ein Seniorenheim, sondern ganze Staaten gedanklich wie Unternehmen behandelt, demonstriert einmal mehr ihre ganze Einfallslosigkeit und ihre soziale Destruktivität.
Die Situation erinnert an den Spätherbst 2008. Auch damals war die Politik getrieben von den Vorgängen an den Finanzmärkten. Mit Milliardenbeträgen wurden „Schutzschirme“ erreichtet, um das Bankensystem zu retten. Die Verschuldung vieler Staaten nicht nur in Europa schnellte nach oben. Das passiert eben, wenn exorbitante Verluste sozialisiert werden. Entgegen den Einsichten des Jahres 2008 wurden die Spielregeln nicht wesentlich verändert. Und die sogenannte „Finanzindustrie“ macht Gewinne wie eh und je. Das ist der eigentliche Skandal, dass es immer noch möglich ist, mit relativ geringem Eigenkapital eine größtmögliche destruktive Wirkung zu erzielen, ein nicht zu fassendes Politikversagen! Damals standen einzelne Banken im Fokus der Angriffe der Spekulanten. Jetzt wird gegen Staaten spekuliert, der Euro steht unter Druck. Die Sprache der Verantwortlichen erinnert an Krieg – nur ein kurzer Weg, wenn Konkurrenz und Wettbewerb die zentralen Denkkategorien sind. Die Anzugträger in den Bankenvierteln verdienen gut am System. Staaten haben mit Bürgergeld dieses System stabilisiert, dass sich nun gegen sie selbst richtet. Jetzt will man mit Sparprogrammen „die Märkte beruhigen“.
Dass immer absurder erscheinende Steuersenkungspläne endlich ausgesetzt wurden, ist nicht nur im Blick auf die Einnahmen der Kirchen eine gute Nachricht. Die kirchlichen Einnahmen werden hierdurch zumindest kurzfristig stabilisiert. Gleiches gilt für staatliche Steuereinnahmen. Den Kirchen kommt hierbei zu Gute, dass sie ihre Einnahmen aus Kirchensteuermitteln vollständig für ihre Aufgaben verwenden können, wohingegen staatliche Steuereinnahmen auch zur Schuldentilgung und zur Stabilisierung des Finanzmarktsystems sowie des Euro verwendet werden. Die Finanzlage der Kirchen wird sich also tendenziell günstiger entwickeln, als die der öffentlichen Hand. Was nun droht, ist allerdings eine von der EU-Ebene aus initiierte verschärfte Austerity-Politik. Lettland und nun vor allem Griechenland sind augenscheinlich nur die Vorboten eines EU-weiten rigorosen Sparkurses, der einer neoliberalen Ideologie folgt. Privatisierung öffentlicher Aufgaben, Kürzungen von Sozialleistungen und Gehältern im öffentlichen Dienst sowie Rentenkürzungen werden durch EU und IWF durchgesetzt und zur Bedingung von Krediten gemacht. Und die Bundesrepublik Deutschland entwickelt den Ehrgeiz, ohne diesen Druck zum Vorbild der Sparer zu werden, um den Wert des so ungleich verteilten Geldes zu sichern. Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen einer solchen Politik, die einseitig auf Verbesserung der Investitionsbedingungen setzt in einer Zeit, da auf den internationalen Finanzmärkten immer noch weitaus höhere Renditen zu erzielen sind als durch Investitionen im Bereich der Realwirtschaft, sind unabsehbar. Wenn zudem staatlicher Investitionen zurückgenommen werden und die Massenkaufkraft sinkt, ist ökonomisch kaum ein positives Ergebnis zu erwarten. Man muss befürchten, dass negative Folgen für die Einnahmen des Staates aus Steuermitteln vorprogrammiert sind und damit auch die finanzielle Basis der Kirche langfristig geschwächt wird. Bedenkt man, dass ein Großteil der von der Kirche wahrgenommenen Aufgaben staatlich refinanziert ist, so wird man sich auf harte Zeiten einstellen müssen.

Brüning lässt grüßen!

Gewiss, Geschichte wiederholt sich nicht. Dennoch sollte man geschichtliche Vorgänge, die Problemlagen der Gegenwart ähneln, zumindest vor Augen haben. Das Kabinett des Zentrumspolitikers Brüning, das 1930 die letzte parlamentarisch legitimierte Regierung des SPD-Reichskanzlers Müller ablöste, beantwortete die Herausforderungen der Weltwirtschaftkrise mit einem rigorosen Sparprogramm. Gehälter im öffentlichen Dienst wurden ebenso wie Renten und andere Sozialleistungen in mehreren Stufen drastisch gekürzt. Außerdem wurden im Gefolge der Krise die Gewerkschaften systematisch geschwächt und das bisher gültige Tarifvertragssystem abgeschafft. Infolgedessen sanken die Löhne der abhängig Beschäftigten auf breiter Front. Getragen wurde das Kabinett Brüning nicht mehr vom Parlament, sondern von den reaktionären Kräften, die hinter Reichspräsident Hindenburg standen. Es spricht vieles dafür, dass die Krise als Chance begriffen wurde, einen ohnehin gewollten sozialreaktionären Kurs durchzusetzen (Vgl. hierzu die hervorragende Darstellung von Detlev J.K. Peukert, Die Weimarer Republik, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1997, hierzu besonders S. 254).
Das Ergebnis dieses Kurses waren Bankenzusammenbrüche in Österreich und im Reichsgebiet 1931, die die Wirtschaftskrise weltweit verschärften. Die Arbeitslosenzahlen schnellten nach oben, den Menschen wurde jede Perspektive auf Besserung ihrer Lage genommen und eine Verelendung breiter Massen griff um sich. Auch Brüning und die ihn tragenden Eliten hatten von einem „neuen Staat“ geträumt, der an vordemokratische Traditionen anknüpfen und dem Grundmuster einer ständisch orientierten autoritären Staatsführung folgen sollte. In einer Mischung von Hybris, ökonomischen Fehlentscheidungen und Raffinesse dort, wo es um die Marginalisierung der demokratischen Kräfte ging, hatte man 1933 eine Situation herbeigeführt, in der ein neuer Staat durch die Nationalsozialisten – durchaus anders als geplant – in Erscheinung trat. Man mag sich darüber streiten, ob eine andere Reichsregierung in jenen Jahren Spielräume für eine alternative Politik gehabt hätte. In jedem Fall waren die sozialen und politischen Folgen der Brüningschen Deflationspolitik verheerend. Eigentlich müsste dies Grund genug sein, zentrale Elemente dieser Politik zu meiden, anstatt sie als Rezept gegen die Eurokrise zu empfehlen.
In der Weimarer Verfassung war ein umfangreicher Katalog an sozialstaatlichen Leistungen verankert. Von Brüning und dem hinter ihm stehenden reaktionären Kräften wurde dieser strategisch gewollt außer Kraft gesetzt. Peukert urteilt mit Recht: „Die Republik delegitimierte sich durch ihr offenkundiges Versagen an der sozialen Front.“ (Weimar, S. 248)
Die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2010 ist sicher nicht vergleichbar mit der Situation im Deutschen Reich Anfang der 30er Jahre. Anders sieht es mit etlichen südeuropäischen Ländern aus wie Griechenland, Spanien oder Portugal. Genau diese Länder, die im Blick auf ihr Lebensniveau deutlich unter dem Deutschlands liegen, werden jetzt einem rigorosen Sparkurs unterzogen, der langfristig jede positive ökonomische Entwicklung zu ersticken droht. Dass die Bundesrepublik nun allerdings ebenfalls mit einem drastischen Sparprogramm die eigene Binnenwirtschaft schwächt, ist ein Schlag ins Gesicht der südeuropäischen Länder, deren Möglichkeiten, Produkte auf dem großen deutschen Markt zu verkaufen, hierdurch reduziert werden. Immer wieder hat der IWF ähnliche Rezepte in Ländern Lateinamerikas, Asiens oder Afrikas oktroyiert. Dies ging mit Demokratieverlusten einher oder konnte durchgesetzt werden, da es sich von vorn­herein um Militärdiktaturen oder andere autoritäre Regime handelte. Wer sich hierüber ausführlich informieren möchte dem sei Naomi Kleins Buch „Die Schockstrategie“ empfohlen. Für EU-Länder scheint Ähnliches (noch) ausgeschlossen. Das Ende der Weimarer Republik sollte jedoch Warnung sein, dass eine sozial unausgewogene und ökonomisch zweifelhafte Politik schlimme soziale und politische Verwerfungen verursachen kann.

Die „Kornkammern“ der Kirche

Die Kirchen hätten in dieser Situation, in der sich die soziale Situation der abhängig Beschäftigten auch in Deutschland verschlechtert, von den Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, ganz zu schweigen, das finanzielle Potential, deutliche Gegenakzente zu setzen. „Gute Arbeit“, also mindestens tariflich entlohnte unbefristete Arbeitsplätze, Familienfreundlichkeit nicht nur auf dem Papier, Beschränkung von Teilzeitstellen, Minijobs und anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie die Aufwertung der Beschäftigten durch Mitarbeitervertretungen, die mindestens die Mitsprachemöglichkeiten von Betriebsräten haben, all dies wäre möglich. Die Kirchen sind ein derart relevanter Arbeitgeber, dass dies ein Hoffnungssignal für die Gesellschaft insgesamt wäre. Doch man macht eher das Gegenteil, folgt intern immer mehr einer betriebswirtschaftlichen Logik, die dann auch noch krampfhaft und oft genug inkompetent exekutiert wird. Auch hier gibt es smarte Anzugträger die wahrheitswidrig seid Jahren den elementaren Satz verkünden: „Die Kirche lebt über ihre Verhältnisse.“
Bereits Anfang des Jahrzehnts wurde von kirchlichen Leitungsgremien die Parole ausgegeben, die Zeiten steigender Kirchensteuereinahmen seien auf absehbare Zeit vorbei. Um Mindestens 1 - 2% im Jahr sollten die Kirchensteuereinnahmen sinken. Die Realität sah anders aus. Die rot-grüne Steuerreform, die in mehreren Stufen von 2000 bis 2005 umgesetzt wurde, führte zwar in der ersten Hälfte des Jahrzehnts zu deutlichen Einnahmeverlusten, die in den Folgejahren allerdings mehr als kompensiert wurden. Insgesamt stieg das Kirchensteueraufkommen im vergangenen Jahrzehnt im Bereich der Ev. Kirche im Rheinland z.B. um ca. 8%. Dennoch wurden massenhaft Arbeitsplätze abgebaut, Stellen reduziert, Einrichtungen geschlossen und Gebäude abgestoßen. Die eingesparten Mittel flossen in eine bestimmte Richtung: mit Millionenbeträgen stockte die Ev. Kirche im Rheinland den Kapitalstock der Versorgungskasse für PfarrerInnen und Kirchenbeamte auf. Diese Mittel wurden der laufenden Arbeit entzogen. Rücklagen insbesondere für die Unterhaltung von Gebäuden mussten massiv aufgestockt werden. Stiftungen erfreuen sich auch in der Kirche wachsender Beliebtheit. Freundlich betrachtet wurde man Opfer der eigenen Propaganda. Da die Einnahmen sinken, muss vorgesorgt werden einer ähnlichen Logik folgend, mit der Menschen zum Aufbau eines Kapitalstocks für ihre private Altersversorgung getrieben werden. Wenn sie wieder Erwarten steigen, hat man umso mehr Mittel zur Verfügung, um für schlechtere Zeiten vorzusorgen, die unweigerlich kommen. Die Zeche zahlen die vielen Tausend abhängig Beschäftigten der Kirche, die Gemeinden und die Einrichtungen, deren Mittel durch diese Übung künstlich verknappt werden.
Die öffentliche Hand hat es mit einer profunden Schuldenproblematik zu tun, am stärksten betroffen sind in Deutschland die kommunalen Haushalte. Wo der Staat Mittel zur Schuldentilgung aufwenden muss, setzen die Kirchen Beträge in vergleichbarer Relation ein, um Rücklagen für schlechtere Zeiten aufzubauen mit dem Ziel der Sicherung des eigenen Bestandes.
Vor einiger Zeit sprach ein sichtlich angekratzter Bert Rürup sinngemäß folgendes in die Fernsehkameras: „Wie sollen die Menschen denn noch zum Aufbau einer privaten kapitalgedeckten Altersversorgung motiviert werden, wenn noch nicht einmal mehr Staatsanleihen sicher sind.“ Dieser Stoßseufzer trifft in gleicherweise auch die kirchlichen Rücklagen, Kapitalstöcke und Stiftungsvermögen. Gewiss, die Kirchen benötigen Rücklagen, um auch im Interesse ihrer Beschäftigten Schwankungen bei den Kirchensteuereinnahmen ausgleichen zu können. Auch Stiftungen sind im Prinzip sinnvoll, solange man nicht ganze Arbeitszweige mit Stiftungsvermögen dauerhaft absichern will. Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt überdeutlich, wie unsicher langfristig angelegtes Kapital sein kann.

Die Destruktivität der harten Sanierer

Nach 2008 steht Deutschland trotz milliardenschwerem Bankenrettungsschirm, Wachstumsbeschleunigungsgesetz und Abwrackprämie im Blick auf seine Staatsverschuldung im europäischen Vergleich recht günstig dar. Doch erneut kommt es zur Auflage der alten Kampagne mit der Überschrift „Wir leben über unsere Verhältnisse“. Klar doch, die Krankenschwester, der Taxifahrer oder die alleinerziehende Mutter, die in einem Internetreisebüro ihr Einkommen verdient, sie haben geprasst in spätrömischer Dekadenz, der Lehrer oder die Ärztin haben aus purer Langeweile an den Finanzmärkten gezockt und die ganze Bande arbeitsunwilliger Hartz IV-Empfänger lässt sich von einer überforderten Gemeinschaft fürs Nichtstun aushalten. Doch jetzt muss es endlich schmerzhafte Einschnitte geben, wenn es sein muss auch bei der Bildung und der Kinderbetreuung. Dies ist insofern einleuchtend, da Bildung breiter Bevölkerungsschichten ein unangenehmer Störfaktor für die Initiatoren solcher dummdreister Kampagnen ist. Privatschulen und private Kindertagesstätten für den Nachwuchs des Geldadels reichen doch völlig.
Tatsache ist, dass in Deutschland die Realeinkommen der abhängig Beschäftigten seit Anfang der 90er Jahre tendenziell gesunken sind, dass heute wenig Begüterte in vielen Regionen und Städten Deutschlands kaum mehr der Möglichkeit haben preiswert ein öffentliches Schwimmbad oder eine Stadtbibliothek zu besuchen. Tatsache ist, dass der Niedriglohnsektor kräftig ausgebaut und das Tarifvertragssystem durchlöchert wurde, von den Zuständen in manchen Leiharbeitsfirmen nicht zu reden. Tatsache ist auch, dass der Staat zunehmend verarmte, während Deutschland immer reicher wurde. Durch eine Steuerpolitik, die durch Demutsgebärden gegenüber dem großen Geld eine wirtschaftliche Belebung zu erreichen versuchte, schwappte der Wohlstand allerdings nach oben zu denen, die eh darin badeten. Sie leben deutlich über unseren Normalverhältnissen, die soziale Spreizung in unserem Land nahm in den letzten Jahren noch einmal erheblich zu. Doch anstatt durch eine vermögens- und einkommensadäquate Besteuerung für sozialen Ausgleich zu sorgen und den Staat wieder handlungsfähig zu machen, fällt Ökonomen wie dem DIW-Chef Zimmermann nichts besseres ein, als eine kräftige Erhöhung der Mehrwertsteuer zu fordern. Das heißt, der Hartz IV-Empfänger, die Aufstockerin, der Taxifahrer und die alleinerziehende Mutter sollen über ihren Konsum die Zeche für die Zocker und Finanzoligarchen bezahlen. Es wird gespart, vor allem auch kräftig im Sozialbereich. Im Vergleich zu den Maßnahmen, die von der Bundesregierung jetzt als Sparprogramm auf den Weg gebracht wurden, wäre eine Mehrwertsteuererhöhung das kleinere Übel gewesen. Gottlob gibt es ja kirchliche Tafeln und Suppenküchen, zu denen die Not langsam mehr Menschen treibt, als sie versorgen können.
„Wir leben über unsere Verhältnisse!“ – gerade Protestanten sind anfällig für eine Verzichtsethik, die suggeriert, es hülfe den Menschen in den Ländern des Südens, wenn man Lohnverzicht übt oder Kirchen verkauft. Dass Lohnverzicht gerade Teil des Problems ist, geht manchen nicht in den Kopf. Durch Lohnabschlüsse deutlich unterhalb der Produktivität wurde Deutschland in der Tat wettbewerbsfähiger und übte Druck aus auf die Volkswirtschaften z.B. in Südeuropa. Gleichzeitig stagniert die Binnennachfrage. Deutschland erwirtschaftet einen gewaltigen Handelsbilanzüberschuss, der natürlich mit den entsprechenden Defiziten in anderen Ländern korrespondiert. Der Bäcker im Dorf weiß noch, dass die Absatzchancen für seine Backwaren nicht nur von der Qualität sondern vor allem auch vom Einkommen seiner Nachbarn abhängen. Der ökonomische Mainstream in Deutschland betrachtet auch die Volkswirtschaftschaften im Euroraum als unabhängige betriebswirtschaftliche Subjekte, die miteinander im Wettbewerb stehen. Das sicherlich extreme Beispiel der Regierung Brüning Anfang der 30er Jahre zeigt, dass ein harter Sparkurs eine wirtschaftliche Belebung untergräbt, die Schuldenproblematik verschärft und zu unabsehbaren politischen Folgen führt. Tatsächlich lebt Deutschland nicht über seine Verhältnisse, sondern bleibt unter seinen Möglichkeiten. Nötig wären Lohnabschlüsse, die sich mindestens am Produktivitätsfortschritt orientieren und Zukunftsinvestitionen z.B. in Bildung und in die Infrastruktur. Hierdurch würde auch zum Nutzen der übrigen Mitglieder der Eurozone die Binnennachfrage in der wichtigsten Volkswirtschaft Europas verstärkt.
Das Konzernmodell ist gerade für die Ev. Kirche strukturbildend. Eigennützige Berater von McKinsey und anderen Instituten haben Kirchenleitungen und Synoden in den vergangenen Jahren in eine betriebswirtschaftliche Orientierung gedrängt, die vorrangig das Ziel der Kostenreduzierung und der Effizienzsteigerung verfolgt. Da man von einer negativen Entwicklung bei den Kirchensteuereinnahmen ausging, diese aber tatsächlich deutlich stiegen, entstand eine zunehmend unerträgliche und ethisch hochproblematische Situation: während auf der einen Seite Einrichtungen geschlossen, Stellen abgebaut und Gebäude verkauft wurden, flossen immer mehr Mittel in diverse Rücklagen. Der Bund muss jährlich über 30 Mrd. Euro für die Schuldentilgung bereitstellen, dem gegenüber sind für viele kirchliche Haushalte Zinserträge eine wesentliche Einnahmequelle. Was für den deutschen Staat gilt, zeigt sich stärker noch in seiner ganzen Problematik bei der Kirche: Die Kirche lebt nicht über ihre Verhältnisse, sondern sie bleibt zum Schaden ihrer Mitarbeitenden und der Gesellschaft insgesamt deutlich unter ihren Möglichkeiten.
Die Kirche müsste gerade jetzt ihre Stimme zugunsten derer verlauten lassen, die unter die Räder der neoliberalen Sparideologen geraten. Sie hat den Auftrag, den Entmutigten und Hoffnungslosen Perspektive zu geben und alles zu versuchen, dem Rad in die Speichen zu greifen. Mildtätigkeit alleine reicht bei weitem nicht aus. An allererster Stelle wäre es nötig, sich vom neoliberalen Infekt zu befreien, der den Leib der Kirche geschwächt hat. Das beste Antibiotikum gegen diese Krankheit ist der Mann aus Nazareth, der sagt: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäusevangelium 6,24) ☐

 

Hans-Jürgen Volk, Jahrgang 1957; Pfarrer der Kirchengemeinde Hilgenroth und Vorsitzender des synodalen Finanzauschusses im Kirchenkreis Altenkirchen; Mitinitiator der „Zwischenrufe zu Kirche und Gesellschaft“ (www.zwischenrufe-diskussion.de).

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