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Zum Gedenken an Kaj Munk, den dänischen Pastor und Poeten, der vor 70 Jahren, am 4. Januar 1944, von einem SS-Terrorkommando bei Hørbylunde Bakke, westlich von Silkeborg in Jütland, ermordet wurde.

Von Paul Gerhard Schoenborn

 

Gräber in Vedersø

 

An der Chorseite der alten St. Sebastianskirche in dem kleinen Dorf Vedersø an der jütländischen Nordseeküste liegen drei schlichte Gräber. Hier ruhen Kaj Munk und seine Ehefrau Lise, geborene Jørgensen, und ihr Sohn Helge. An der Hauptstraße vor dem Kirchhof findet man ein Denkmal mit der Büste Kaj Munks. Im Seitenschiff der Kirche hängt eine Gedenktafel für ihn mit seinem Lieblingschoral:

 

Ich erwarte dich, Herr Jesus, zum Gericht;

jeden Augenblick schaue ich danach aus.

 

 

Schnell und unverhofft kannst du kommen 

zu jeder Tages- oder Nachstunde.

 

Lass meines Herzens Lampe bereit sein und brennen

in Glaube, in Hoffnung und in Liebe.

 

Wenn ich schlafe oder wache, so bin ich dein, 

wenn ich lebe oder sterbe, so bist du mein.

 

Und wenn du kommst, komme zart und mild  

und mache mich selig in Ewigkeit.

(Den Danske Salmebog, Nr. 233)

 

Fährt man auf der A 15, die quer durch  Jütland von der Nord- zur Ostsee  führt, so sieht man ungefähr 4 Kilometer vor Silkeborg, bei Hørbylunde Bakke, am Straßenrand ein großes archaisches Kreuz aus Granit - ohne Inschrift, ohne Namen oder Jahreszahl. Aber jeder Däne weiß: Hier wurde Kaj Munk von einem deutschen SS-Kommando erschossen.

 "Kaj Munk starb am 4. Januar 1944 für sein Vaterland. Einige müssen sich opfern, damit andere leben können“,

 

setzten Freunde als Inschrift auf einen Gedenkstein, den sie auf dem Ravnsbjerg südlich von Linde bei Holstebro errichteten.

 

Warum wurde Kaj Munk ermordet?

„Wenn man hier im Lande mit der Verfolgung einer gewissen Gruppe unserer Landsleute anfängt, nur um ihrer Abstammung willen, dann ist es christliche Pflicht der Kirche zu rufen: ‘Das ist gegen das Grundgesetz im Reiche Christi, die Barmherzigkeit, und das ist verabscheuungswürdig für jedes freie nordische Denken.’ Geschieht das noch einmal, dann wollen wir mit Gottes Hilfe versuchen, das Volk zum Aufruhr zu bringen. Denn ein christliches Volk, das tatenlos zusieht, wenn seine Ideale mit Füßen getreten werden, gibt dem tödlichen Keim der Verwesung Einlass in seinen Sinn, und Gottes Zorn wird es treffen.“

Diese Sätze entstammen der Predigt, die der Dorfpfarrer aus Jütland Kaj Munk am 5. Dezember 1943 im Kopenhagener Dom hielt. Er war zu dieser Zeit in der dänischen Hauptstadt unerwünscht und durfte die Kanzel eigentlich nicht betreten. Aber er hielt die Predigt auf Wunsch seines Amtsbruders dennoch, und er drohte darin mit Aufruhr wegen der Judenverfolgung durch die Deutschen.

Genau einen Monat später, am 5. Januar 1944, fand man frühmorgens die Leiche von Pastor Munk auf Hørbylunde Bakke bei Silkeborg. Am Abend zuvor hatte ihn ein SS-Kommando in seinem Pfarrhaus in Vedersø verhaftet. Als er seine Frau Lise, die mit fünf kleinen Kindern zurückblieb, zum Abschied umarmte, sprach er ihr Mut zu: „Vertraue auf Gott!“ Das Auto der SS fuhr lange durch die Nacht, hielt schließlich unterwegs, und Kaj Munk wurde kaltblütig erschossen. Es war ein von Hitler und Himmler angeordneter Terrorschlag. Mit der Ermordung Kaj Munks sollte der Widerstand im dänischen Volk gegen die Besetzung durch das Großdeutsche Reich eingeschüchtert werden.

 

Wer war Kaj Munk?

Kaj Munk wurde am 13. Januar 1898 in Maribo auf Lolland geboren. Sein Vater war Gerbermeister, Besitzer eines eigenen Betriebes, seine Mutter stammte von einem Bauernhof. Beide Eltern starben, als Kaj noch sehr jung war. Er wurde von kinderlosen Verwandten, Kleinbauern in Opager bei Maribo, adoptiert. Diese hielten sich zu erwecklichen Kreisen. Die Freude an Gottes Wort und die standfeste Gläubigkeit seiner neuen Eltern, besonders der durch ein heimtückisches Beinleiden behinderten Mutter Marie, prägten ihn entscheidend. Sein Lehrer in der Volksschule, Martinus Wested, und ein junger Pastor in der Gemeinde, Oscar Geismar, Volkspädagogen im Sinne Grundtvigs, förderten sein literarisches Talent. Ihnen verdankt er die Ehrfurcht vor den christlichen Werten, die das dänische Volk bestimmten, und sie weckten in ihm die Freude an Geschichte und Literatur.

Schon als junger Mensch verfasste Kaj Munk beachtliche Texte: Balladen, Gedichtzyklen, Dramen. Er überlegte sogar, das Theologiestudium in Kopenhagen abzubrechen und Schriftsteller zu werden. Davon hielten aber seine Eltern nichts, die ihm das Studium unter großen Opfern ermöglichten.

Kaj Munks Theologie

Kaj Munk studierte gründlich Theologie, aber er wurde kein theologischer Gelehrter. Er wurde bewusst ein Seelsorger und Verkündiger. Als solcher hatte er einen festen Glaubensgrund.  m 10. November 1923 um 8,48 Uhr morgens notierte er auf einen Zettel, den er danach stets bei sich trug: „Was ist Christentum – Ehrfurcht vor Christus.“ Trotz erheblicher Glaubenszweifel im Übergang vom heilen und hellen Kinderglauben zum angefochtenen Glauben eines mündigen Erwachsenen hörte er nicht auf,  treulich Tag für Tag zu beten.

Sensibilisiert durch Søren Kierkegaards Auseinandersetzungen mit der dänischen Volkskirche hatte er indes große Skrupel, Pfarrer zu werden. Davon zeugt ein Gedicht des Theologiestudenten aus dem Jahre 1921:

 

„Meister mit der schweren Dornenkrone,  

ich kann dir nicht folgen, wie ich bin;    

Frau und Pfarrhof, die ich einst bewohne,

und zwei Buben liegen mir im Sinn.

 

Meister mit der schweren Dornenkrone, 

wärst du nur gekommen wie ein Gast,  

dass er heile, rette und versöhne -    

Pfarrer werden wäre keine Last.

 

Aber nun die schwere Dornenkrone     

und die dunkle Blutspur bis zum Grab,

deine Rede, Wort im Schmerzenstone:   

Du beanspruchst, was ich dir nie gab.

 

Meister mit der schweren Dornenkrone,

‚Auf, mir nach!’ war dein Gebot, dein Ruf. 

Ja - doch sieh von deinem Ehrenthrone,  

wie so schön Gott seine Erde schuf.

 

Meister mit der schweren Dornenkrone,

‘Wer sein Leben liebt, hat’s schon vertan.’ 

Hilf, dass ich trotz Pfarrhaus, Amt, Gemahlin

ja der Buben selbst, dir folgen kann.

 

Der Jude Jesus – Munk nannte ihn gerne den Zimmermansgesellen aus Nazareth – war und blieb Kern und Stern seines Glaubens, Jesus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, die er aktiviert und in seine Nachfolge ruft. Ein Beleg dafür ist folgender Text. Kaj Munk hatte äußerst kritisch das Werk eines ehemaligen Pfarrers aus Dithmarschen, Gustav Frenssen „Der Glaube der Nordmark“ rezensiert. Frenssen hatte darin die Behauptung einer Einheit Gottes mit dem Juden Jesus von Nazareth als für den Glauben des „nordischen Menschen“ unannehmbar bezeichnet. Munk stellt klar:

 

„Was ist das Zentrale im Christentum? Nicht Golgatha, nicht der Versöhnungstod, nicht die Dreieinigkeit, nicht die Vergebung der Sünden, nicht die Jungfrauengeburt, nicht das Abendmahl. Das Zentrale im Christentum ist Jesus. Nicht weniger, nein, aber wahrhaftig auch nicht mehr ... Aber dieser Jesus war Nicht-Arier! Das müssen wir in der Tat zugeben. Als Gott seinen Sohn geboren werden ließ, konnte er dafür kein Herrenvolk mit der Anlage zum Größenwahn gebrauchen. Es ist groß, Arier zu sein, aber es ist doch noch größer, Mensch zu sein. ... Jesus war ein Jude, und “Sohn Davids“ und „Sohn des Menschen“ waren die zwei Würdenamen, die er so souverän miteinander vereinen konnte, dass zweitausend Jahre davor gekniet haben.“

 

Ein großer Dramatiker

Zwanzig Jahre lang, von 1924 bis zu seiner Ermordung 1944, lebte und arbeitete  Kaj Munk hingebungsvoll als Pfarrer in Vedersø an der jütländischen Nordseeküste. Bis heute erzählt man sich dort viele Geschichten, die man mit ihm erlebte - dem treuen Seelsorger, dem leidenschaftlichen Jäger, dem fröhlichen Familienvater, dem entschiedenen Gegner einer Alkohol-Lizenz für Vedersø-Klit-Badehotellet.

Aber er führte hier in Vedersø auch seine literarischen Arbeiten weiter. Im Jahre 1928 spielte das Königliche Theater in Kopenhagen erstmals sein Bühnenstück über Herodes den Großen: „Ein Idealist“. Dadurch wurde er als Dramatiker bekannt.

Zwei Schauspiele vor allem begründeten seinen Ruhm: „Das Wort“ heißt das eine. Es spielt unter den Bauern eines jütländischen Dorfes und handelt vom unfassbaren, frühen Sterben, vom Glauben an das Wunder der Auferweckung, von Vernunft und Wahnsinn. Den Anlass zu diesem Schauspiel gab ein trauriges Geschehen 1925 in Kaj Munks Gemeinde, das ihn tief erschütterte. Eine junge Bäuerin, Marie Sand, und ihr Kind starben im Kindbett. Ihr Grab befindet sich südwestlich der Vedersøer Kirche. 1955 schuf der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer nach Munks Drama den berühmten Film „Ordet“ - „Das Wort“.

Das andere Theaterstück, „Er sitzt am Schmelztiegel“, hat die Verfolgung der Juden in Hitlerdeutschland zum Thema und rechnet mit dem vergeblichen Versuch einiger deutscher Gelehrter ab, den Juden Jesus zum Arier zu machen. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs sahen mehr als 160.000 Zuschauer dieses Schauspiel und hörten, was darin ein deutscher Theologe einem nationalsozialistischen Minister vorhält:

 

„Ein Jude hat meinen deutschen Mund gelehrt, jeden Morgen und jeden Abend zu beten: ‘Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.’ Geben Sie den Juden Lebensrecht in unserem Volk. Denn die Menschenrechte anderen Menschen wegnehmen heißt, sich selbst zum Verbrecher zu machen.“

 

Kaj Munks politische Ansichten

Kaj Munk wurde in den dreißiger Jahren auch zum viel gelesenen Kolumnisten der großen dänischen Tageszeitungen. In elf Jahren veröffentlichte er mehr als 600 Artikel zu allen möglichen Themen aus Kirche, Kultur und Politik. Den Parlamentarismus in seiner Ausprägung nach dem Ersten Weltkrieg sah er als für die Entwicklung eines Volkes ungeeignet an und gab dieser Überzeugung in Wort und Schrift deutlich Ausdruck. Dagegen sah er in der gestaltenden Kraft von Mussolinis Faschismus in Italien einen geschichtlichen Ordnungsfaktor, den er als Modell für die Entwicklung Skandinaviens für wünschenswert hielt. Auch die sich nach 1933 wirtschaftlich bessernden Verhältnisse in Deutschland unter Hitler schienen ihm in dieselbe Richtung zu deuten. Kaj Munk war der Ansicht, dass aufrichtige und aufopferungsbereite Führergestalten mit Idealismus und Überzeugungskraft in ihren Völkern positive Entwicklungen in Gang setzen können. Er war deswegen in Dänemark durchaus umstritten.

Die weitere Politik Mussolinis und Hitlers ließen ihn auf kritische Distanz zu den Diktatoren gehen. Mussolinis Abessinienkrieg verurteilte er ganz und gar und gab seiner Kritik Ausdruck in dem Drama „Sejren“ („Der Sieg“). Er kommentierte auch die Entwicklung im nationalsozialistischen Nachbarland Deutschland zunehmend kritisch. Hitlers unmenschliche Behandlung der Juden in Deutschland empörte ihn zutiefst.

Am 17. November 1938 - eine Woche nach dem reichsweiten Pogrom in Deutschland - erschien in der Tageszeitung „Jyllands-Posten“ sein offener Brief an Mussolini. Darin beschwor Kaj Munk den Duce, Hitler von den Judenverfolgungen abzubringen, sie seien eines großen Kulturvolkes wie des deutschen unwürdig. Der eigentliche Adressat des Briefes aber war die dänische Öffentlichkeit. Munk artikulierte in ihm Abscheu und Entsetzen der Mehrzahl der Dänen gegenüber der „Reichskristallnacht“. Er sensibilisierte seine Landsleute damit in hohem Maße gegen Rassenideologie und Antisemitismus des großen Nachbarn im Süden. Eine Folge war, dass sich die Dänen im Herbst 1943 dem deutschen Versuch widersetzten, das Land „judenrein“ zu machen; sie retteten ihre jüdischen Mitbürger fast vollständig nach Schweden hinüber.

 

Unerschrockener Widerstand

Nach der Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 wurde Kaj Munk zur Symbolfigur des Widerstands gegen die deutsche Besatzungsmacht. Sein öffentlicher Protest war nachhaltig und scharf. Die Kollaboration vieler seiner Landleute lehnte er ab. Er war davon überzeugt, dass die Dänen etwas tun müssten, um die Fremdherrschaft abzuschütteln - und das ging nur durch Gewalt. Darum schrieb er das Schauspiel „Niels Ebbesen“. Dieser „Wilhelm Tell Dänemarks“ verhinderte einst durch einen Aufstand, dass ein Deutscher, der holsteinische Graf Gert, sich ganz Jütland unterwarf. Kaj Munk las an vielen Orten öffentlich sein Manuskript vor. Die dänische Untergrundbewegung verbreitete den Text des Schauspiels in Tausenden von Exemplaren. In Vedersø wird „Niels Ebbesen“ von Zeit zu Zeit durch die Bevölkerung am See bei dem alten Pastorat aufgeführt.

 

Politische Predigten

In seinen Predigten aus diesen Jahren finden sich unmissverständliche Aufrufe zum Widerstand:

„Verbrecher können die Macht über ganze Völker an sich reißen und alle bestehenden Werte umstürzen und so viel Schändlichkeiten und Leiden verursachen, dass der Tempelritter in uns aufgerufen wird. Und da geschieht es, dass wir Christi Wort als einen Befehl vernehmen: Hängt Mühlsteine um den Hals derer, die den Kleineren und Schwächeren ans Leben wollen.“

Oder: „Es gibt Mitmenschen, ... denen man am besten einen Dienst erweist, indem man sie totschlägt. Dies meine ich buchstäblich. Niels Ebbesen gegen den Grafen Geert zum Beispiel. Der kahlköpfige Graf hätte sich ein paar Jahre mehr Hölle erworben, wenn seine Verbrechen am 10. April 1340 nicht gestoppt worden wären. Und wenn es nicht aus Rücksicht auf den Grafen geschehen war, so war es doch eine barmherzige Samaritertat gegenüber dem mit Füßen getretenen, leidenden Volk. ... ‘Du sollst deinen Feind lieben’ bedeutet nicht: ‘Du sollst dich auf ihn einstellen und ihm recht geben.’ Ganz im Gegenteil. Du sollst ihn lieben, so dass du eher in sein Gesicht spuckst, als dass du das Verbrechen ihm gegenüber begehst, zu schweigen und ihn glauben zu lassen, dass du seine Vorhaben und Methoden billigst. Du sollst ihn lieben, weil er dein Mitmensch ist, aber du sollst ihn hassen in dem Maße, wie er das Böse ausübt und er um der Wahrheit  willen, und nicht nur deinetwegen, dein Feind ist. ... Gottes Güte ist sanftmütig und geduldig, aber sie schließt nie mit dem Bösen einen Kompromiss.“

Diese Predigten wurden 1941 und 1942 in zwei Bänden veröffentlicht, bis zum Kriegsende in fünf Auflagen mit insgesamt 25.000 Exemplaren. Viele davon gelangten nach Norwegen und ermutigten die Christen auch dort zum Widerstand. Es war Pastor Munk wohl bewusst, dass er sich durch sein offenes Wort in Lebensgefahr brachte. Aber er wollte die Wahrheit nicht verschweigen. Er liebte das Leben und suchte den Märtyrertod nicht.

 

„Die Kirche ist der Ort, wo das Unrecht in den Bann getan, die Lüge entlarvt, die giftige Bosheit angeprangert werden muss - der Ort, wo Barmherzigkeit geübt werden soll als Quelle des Lebens, als Herzschlag der Menschheit.“

 

Im dänischen Volk ist Kaj Munk als christlicher Märtyrer des politischen Widerstands unvergessen.

 


 

Leseratschlag:

Kaj Munk: „Schauspiele. Aus dem Dänischen von Rolf Lehfeldt und Paul Gerhard Schoenborn, mit einem Essay von Arne Munk“, Edition ATE im LIT Verlag, Münster 2003.

 

Paul Gerhard Schoenborn, Alphabete der Nachfolge - Märtyrer des politischen Christus, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1996, S. 48-78. 

 

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