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Die Hinrichtung des Humanisten

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Der von Protestanten verbrannte „Ketzer“ Michael Servet (1511-1553)

Klaus Schmidt

Vor 450 Jahren, am 27. Mai 1564, starb der Genfer Reformator Johannes Calvin. Schon 2009 war aus Anlass seines 500. Geburtstags in der Internetseite „calvin.de“ zu lesen, er habe „mit seiner Theologie und seiner rationalen Weltsicht zur Entwicklung der modernen Gesellschaft beigetragen“. Im Mai 2014 schrieb Stephan Cezanne für den „epd Hannover“: „Auch die moderne Demokratie, die Idee der Menschenrechte und die Ökumene wurden von ihm beeinflusst. In seiner berühmten Genfer Kirchenordnung, entwickelt Mitte des 16. Jahrhunderts, sehen viele ein Modell der späteren staatlichen Gewaltenteilung.“ Doch es gebe auch den „dunklen Calvin“, schreibt Cezanne: „Besonders seine aktive Rolle bei der Anklage gegen den spanischen Arzt und Juristen Miguel Servet belastet seinen Ruf bis heute schwer. Servet wurde Ketzerei und Gotteslästerung vorgeworfen. Er endete schließlich am 27. Oktober 1553 auf dem Scheiterhaufen. Historiker entlasten Calvin mit den Zeitumständen.“ Die Frage liegt nahe: Zu Recht?
Und welche „Ketzerei“ brachte Servet zu Fall? Mit welchen Argumenten  trug Calvin dazu bei? Auch zu den Menschenrechten?

Zurück zu den Quellen – der Humanist

Durch einen franziskanischen Mönch entdeckt der Spanier Miguel Serveto (1511-53) als Student den Humanismus, der von Norditalien aus ganz Europa erreicht hat. Er beginnt, Rechtswissenschaft zu studieren. Doch seine Leidenschaft gehört der Theologie. Wenn die Humanisten Recht haben mit ihrer Lehre, man solle zu den Quellen zurückkehren – dann müssten sich die Christen von der Trinititätslehre verabschieden. Die Vorstellung, dass Gott „dreifaltig“ sei, aus drei Wesenheiten bestehe: Gott-Vater, Sohn und Heiligem Geist, sei schlicht unbiblisch, stellt Servet fest. Im Alter von zwanzig Jahren präsentiert er seine Argumente in Buchform: „De trinitatis erroribus“, die Irrtümer der Dreifaltigkeit.

Schon seit dem 2. und 3. Jahrhundert stritt die Kirche erbittert um die Frage der Trinität. Auf dem von Konstantin dem Großen 325 einberufenen Konzil von Nizäa wurde der Presbyter Arius verdammt, der nicht an den präexistenten Gottessohn glaubte. Seit den ersten christlichen Kaisern Konstantin und Theodosius wurde solche Häresie als schweres Verbrechen bestraft.

Der Trialog der Buchreligionen

Servet will mit seiner Ablehnung der Trinitätslehre zugleich Muslimen wie Juden ein wichtiges Argument gegen den christlichen Glauben nehmen. Denn aus beiden Religionen ist zu hören, die Christen würden eigentlich an drei Gottheiten glauben. Zu Recht, meint Servet. Ein Dialog zwischen den drei verschwisterten Religionen könne nur gelingen, wenn alle an einen Gott glauben würden.

Auch aus der Geschichte Spaniens zieht Servet Lehren über das Zusammenleben der drei Religionen. Hier hatte das mittelalterliche Judentum mit Moses Maimonides einen kulturellen und geistigen Höchststand erreicht. In Servets engerer Heimat Aragonien hatten die Könige die Judengemeinden vor der Inquisition in Schutz genommen, bis es dann doch, am Ende des 15. Jahrhunderts zur Austreibung der sephardischen Juden aus Spanien kam. Noch mächtiger erschien die Bedeutung der Kultur und Religion des Islams. Trotz kriegerischem Gegensatz hatten die christlichen Spanier sich weithin von arabischem Geist durchdringen lassen.

So gilt auch für Servet der Muslim nicht als Glaubensfeind. Vielmehr betrachtet er die Feindseligkeit zwischen den beiden Religionen mit ehrlicher Trauer, beklagt, dass soviel Blutschuld auf beiden Seiten aufgehäuft worden sei. Ebenso verurteilt er das Edikt von 1492, mit dem die katholischen Könige, Ferdinand und Isabella, die Glaubenseinheit in Spanien erzwungen hatten.

Der Glaubensflüchtling

In seltener Einmütigkeit bezichtigen der katholische Klerus und die Reformatoren Servet nun der Gotteslästerung. Beim altkirchlichen Glaubensbekenntnis endet ihr Reformwille, die Dreifaltigkeit Gottes war schließlich die Grundlage des Glaubens seit 1200 Jahren! 

Servet flieht nach Paris, nimmt den Namen seines Geburtsortes Villanueva an: Michel de Villeneuve. Er studiert, wird Doktor der Medizin und entdeckt den Blutkreislauf durch die Lunge – ein Ergebnis seiner Leichensezierungen. Er studiert zusätzlich Kunst und Geometrie, Theologie und Hebräisch. 1540 wird er in Vienne Leibarzt des Erzbischofs. Eine Korrespondenz mit Calvin endet im Streit. „Servet hat mir vor kurzem geschrieben und seinem Brief einen dicken Band seiner wahnwitzigen Lehren beigefügt“, schreibt Calvin 1546 an seinen Freund Guilleaume Farel. „Wenn es mir zusage, will er nach Genf kommen. Doch ich garantiere für nichts. Denn kommt er wirklich hierher, so lasse ich ihn, wenn mein Einfluss etwas bewirkt, nicht wieder lebendig fortziehen.“

1553 vertieft Servet die Trinitätslehre in seiner Schrift „Christianismi Restitutio“ und kritisiert damit zugleich Calvins „Institutio Christianae Religionis“. „Alle scheinen zu einem Teil die Wahrheit zu besitzen und zum anderen den Irrtum“ schreibt er. „Aber ein jeder bemerkt den Irrtum des anderen und sieht seinen eigenen nicht. Möge Gott in seiner Gnade uns die Augen öffnen für unsere Fehler, so dass wir nicht an ihnen festhalten. Es wäre leicht, sich ein Urteil zu bilden, wenn es allen erlaubt wäre, friedsam in der Kirche zu reden, so dass alle voll Eifer prophezeiten, und wenn sie sprechen […], ein jeder, wie Paulus sagt, schweigend lauschte, was der andere ihm zu offenbaren hat. Aber heute streben alle nur nach Ehre.“ 

Nachdem Servet in Vienne zunächst erfolglos verhört worden ist, lässt Calvin der Inquisition brisante Dokumente zuspielen. Servet wird als Ketzer überführt und zum Tode verurteilt, kann jedoch aus dem Gefängnis fliehen. Sein Ziel: Italien. Auf der Durchreise besucht er einen Gottesdienst in Genf – Calvin ist der Prediger. Der lässt Servet sofort festnehmen und liefert dem Gericht Beweise: Briefe, aus denen „Ketzerei“ hervorgeht. Calvin wird zum Zeugen, Ankläger und Gutachter zugleich. Servets Hinrichtung ist für ihn unbedingt nötig – „aber es ist mein Wunsch, dass die Grausamkeit der Hinrichtung gemildert wird“, schreibt er einem Freund.

Ketzerprozess und Foltertod

Als ein Abgesandter aus Vienne nach Genf kommt, um die Auslieferung des in Frankreich verurteilten Ketzers zu verlangen, bewirkt Calvin beim Genfer Magistrat einen ablehnenden Bescheid. Als der stellvertretende Ankläger Servet nicht in die Enge zu treiben weiß, übernimmt Calvin selbst die Anklagevertretung. Dabei benutzt er jedes Mittel, um Servet zu schwächen: Er verweigert einen Verteidiger, ebenso Hafterleichterung und Hilfen für den in seiner feuchten Zelle Erkrankten. Calvin hat Erfolg: Die Mehrheit der Richter verhängt die Todesstrafe – für eine Tat, die nicht in ihrem Land begangen wurde und für eine Person, die nicht ihrer Gewalt unterstand.

Die Anklagepunkte lauten: Leugnen der Trinität und der Gottheit Christi sowie Pantheismus. Auch Theologen von vier Schweizer Städten haben sich für die Todesstrafe ausgesprochen. In der Todeszelle verweigert Calvin Servet Trost und Segen. Am 27. Oktober 1553 wird der Scheiterhaufen entzündet. Da der Henker halb grünes Holz nimmt, dauert es länger als eine halbe Stunde, bis Michael Servet qualvoll den Tod findet, dort, wo sich heute die Avenue de la Roseraie und die Avenue de Beau Séjour schneiden. Ein Denkmal für den scheußlich Hingerichteten markiert also die Stelle beim „Rosengarten“ und „Schönen Aufenthalt“.

An die Ohren Johannes Calvins drängt nichts von den grässlichen Schreien des Gemarterten; er sitzt einen Kilometer entfernt in seiner Studierstube. Später verteidigt er sich damit, er habe sich statt der Verbrennung für die Enthauptung von Servet ausgesprochen. Doch sein Ziel hat er erreicht: Ein weiteres „verfaultes Glied“ ist von der Kirche geschnitten worden. „Was wird von der Religion noch übrig bleiben“, fragt er rechtfertigend, „durch welche Kennzeichen kann die wahre Kirche noch erkannt werden, was wird schließlich Christus selber noch sein, wenn die Lehre der Frömmigkeit unsicher und zweifelhaft wird?“ Sogar der als sanft geltende Wittenberger Reformator Philipp Melanchthon dankt Calvin. Die Verbrennung Servets sei „ein frommes und denkwürdiges Beispiel“. Er sei damit „vollständig einverstanden“: „Und ich bestätige zugleich, dass Deine Obrigkeit recht gehandelt hat.“

Unstrittig ist, dass das Urteil nicht im Rahmen eines Kirchenzuchtverfahren gefällt wurde, sondern in einem Kriminalprozess auf der Grundlage des Reichsrechts, das die Leugnung der Trinität mit Atheismus gleichsetzte.

Protestantische Todesurteile

Weitere protestantische Obrigkeiten folgen dem Genfer Beispiel und verurteilen „Antitrinitarier“ zum Tode: 1566 den italienischen Humanisten und Theologen Valentino Gentile in Bern und 1572 den evangelischen Pfarrer Johannes Sylvanus in Heidelberg. Dessen Amtsbruder und Freund Adam Neuser flieht nach Konstantinopel. Ironie der Geschichte: Der Christ erhielt als Monotheist im Herrschaftsbereich des Islam Asyl.

Die Frage drängt sich auf – war es das Genfer Urteil, das Türen für alle weiteren Prozesse im Protestantismus öffnete? Gegen „Hexen“? Gegen (Wieder-)Täufer? Todesurteile gegen „Hexen“ hatte Calvin freilich zuvor schon befürwortet – unter Verweis auf das Buch Exodus (22,17): „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.“ 1545 waren in Genf innerhalb weniger Monate 34 Unglückliche nach entsetzlichen Martern vor den Häusern, die sie angeblich mit Pest behext hatten, verbrannt worden.

Aufklärende Toleranz – Sebastian Castellio 

Gewiss: Calvins Verhalten lässt sich zum Teil damit erklären, dass die Prinzipien universeller Menschenrechte oder religiöser Toleranz gegenüber Andersgläubigen im 16. Jahrhundert noch kaum Anhänger hatten und auf die Kreise humanistischer Gelehrter beschränkt waren. Der von Genf nach Basel emigrierte ehemalige Calvin-Anhänger und Humanist Sebastian Castellio (1515-63) meint: „Jedenfalls habe ich nach fleißigem Forschen, was denn ein Häretiker sei, kein anderes Resultat gefunden, als dass wir eben alle diejenigen als Häretiker zu taxieren gewohnt sind, die nicht unserer Meinung sind.“ 1554 verurteilt er in seiner Schrift „De haereticis an sint persequendi“ die Tötung von Ketzern. Calvin seinerseits begründet sein Vorgehen gegen Servet in der Schrift „Defensio orthodoxae fidei de sacra Trinitate“. Er ist davon überzeugt, wo „die Religion in ihren Grundfesten erschüttert“ werde, müsse „zum äußersten Heilmittel“ gegriffen werden, „damit das tödliche Gift sich nicht weiter verbreite“.

Castellio hält dem entgegen: „Einen Menschen zu töten, heißt nie, eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.“ Er wirft Calvin vor, das christliche Lehramt zu einem Henkersamt gemacht zu haben. Einen Christen erkenne man daran, dass er Menschen mit einer anderen Meinung nicht verachte, geschweige denn töte. Daran ändere auch nichts, dass man sich auf die Zustimmung der breiten Masse berufen könne. Das Urteil der Menge richte sich all zu gern nach dem, was man ihr einrede. Alle Urteile gegen Ketzer zeigten, dass es dabei stets nur darum ging, Menschen zu beseitigen, weil sie sich nicht dem Glaubens- und Gewissenszwang beugen wollten. So tritt Castellio als einer der Ersten im 16. Jahrhundert für die Freiheit des Gewissens und religiöse Toleranz ein.

Es ist das Verdienst des Theologen und Publizisten Uwe Birnstein,  mit seiner vom „Reformierten Bund“ ebenso wie von Margot Käßmann hoch gelobten Servet-Biografie „Toleranz und Scheiterhaufen“ (Göttingen 2012) „dunkle Seiten“ der Reformation genauer beschrieben und einen vergessenen Reformator („Ketzer“) rehabilitiert zu haben. Das Buch zeichnet sich durch präzise Verarbeitung der Quellen ebenso wie durch die – im besten Sinne – spannend erzählte Art der Darstellung aus. Uwe Birnstein hat die Orte besucht, in denen Servet gelebt hat – auch die Stelle, an der er starb: An einer Straßenkreuzung auf dem Genfer Hügel Champel steht heute ein großer Findling. Auf einer Seite, hinter Sträuchern kaum lesbar, wurde der Name Michael Servet eingraviert. Auf der anderen steht ein alles verdunkelnder Text, den die reformierte Kirche 1903 eingraviert hat: „dankbar und voller Respekt gegenüber Calvin, dem großen Reformator, der einen Irrtum verurteilt hat, der der Irrtum seines Jahrhunderts war“.  Werch ein Illtum?

N.B. Die von Servet angestrebte Beseitigung von Stolpersteinen zwischen den drei Buchreligionen, die jüngst auch vom Papst im „Heiligen Land“ anvisiert wurde, wird zwar nicht den Weltfrieden herstellen, aber bei gewissenhafter Wahrheitssuche wenigstens manche Konflikte entschärfen können.

Uwe Birnstein

Toleranz und Scheiterhaufen

Das Leben des Michael Servet

1. Auflage 2013
100 Seiten mit 7 Abb. kartoniert
ISBN 978-3-525-56012-9
Vandenhoeck & Ruprecht

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