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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

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Mühsam ist der Weg hinauf in die Berge nach Oujda. Die Wasserkanister auf den Schultern sind schwer. Die Tüten mit dem Brot schneiden einem in die Finger. Nahrung, die dort oben dringend benötigt wird. Denn weit außerhalb, hoch über der Stadt Oujda an der algerischen Grenze verstecken sich tausende Flüchtlinge, die auf eine Gelegenheit warten und bis sie das nötige Geld zusammen haben, um nach Nador, am Mittelmeer zu gelangen. Neben Ceuta das Tor zu Europa.

Dann sehen wir die ersten Zelte aus Plastikplanen und Decken. Mehr, dass was von ihnen übrig geblieben ist. Sie sind niedergetrampelt, die Stöcke, die einst die Planen trugen, aus dem Boden gerissen. Pullover, Schuhe, eine Hose liegen weit verstreut. Auf einer Lichtung Eine Grabstätte mitten in den Bergen. Eine Krücke lehnt einsam an einem Zelt. Kein Mensch weit und breit.

Wir müssen weiter die Berge hinauf. Die Flüchtlinge werden sich weiter oben versteckt haben. Geflohen vor den Sicherheitskräften, die jeden Tag kommen und ihnen ihre wenige Habe wegnehmen. Die sie schlagen und verhaften, um sie in die Wüste zu bringen. Ohne Essen und Trinken müssen sie da um ihr Leben fürchten. Der Traum Europa ist ausgeträumt. 

Da oben, ein schlichtes Zelt. Die grüne Plane leuchtet durch die Bäume. Rauch, eine Feuerstelle. Eine Gruppe von 25 jungen Männern, zum Teil barfuß, es ist kalt hier oben, ihre Körper zittern vor Müdigkeit. Hunger und Durst steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Manche haben nur Flip-Flops an ihren nackten Füßen, die meisten alte und kaputte Schuhe, die zu groß oder zu klein waren. Ich friere in meiner Winterbekleidung und mir kommen die Tränen, wenn ich die spärliche Bekleidung der Menschen um mich herum betrachte.

Hier sind sie am Ziel. Die Studenten aus Oujda, die zweimal im Monat kommen, um den Flüchtlingen aus Afrika Wasser zu bringen, Brot, ein bisschen Reis. Socken und Wundsalbe für die Füße. Und Menschlichkeit, einen Friedensgruß. Eine Umarmung. Ein Zeichen, dass sie nicht vergessen sind. Hoffnung keimt auf. Gesichter entspannen sich. Die Augen beginnen zu leuchten.

Cody, Arzt aus Casablanca, ein ehemaliger schwarzafrikanischer Student und jetzt ehrenamtlicher Helfer, hat mit den Medikamenten und dem Verbandszeug, was wir mitgebracht haben, viele Wunden und Entzündungen an Füßen und Beinen versorgt. Seit Ärzte ohne Grenzen angewiesen wurden, die Arbeit einzustellen, gibt es keinerlei medizinische Versorgung mehr. Jede schwere Verletzung oder Krankheit ist ein Todesurteil.

Die Flüchtlinge in Marokko haben nichts und existieren nicht, obwohl sie existieren. Sie haben keinerlei Rechte, sind Freiwild, jeder Willkür hilflos ausgesetzt. Wenn ihnen das wenige, was sie sich erbetteln oder stehlen abgenommen wird, und sie sich wehren, so erzählen sie uns, werden sie niemals geschützt. Rechte gelten für sie nicht. So haben sie immer unterwürfig zu sein und am besten machten sie sich unsichtbar. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Wir verteilen das Essen. Jeder nimmt sich ein Stück Brot. Zögerlich. Gar nicht dem Hunger angemessen. Bescheiden eher. Ein Becher mit Saft, jeder achtet darauf, dass alle etwas abbekommen. Dann wird gegessen, schweigend, andächtig bald.

Dann erst fragen wir nach ihren Namen. Ihrer Geschichte. Ihrem Trauma. Ihren Träumen.

Nachmittags treffen wir eine andere Gruppe von Flüchtlingen, die sich in verlassenen Baracken nahe der Algerischen Grenze verstecken. Auch sie werden mit Nahrung versorgt und medizinisch betreut. Auch hier müssen sie jederzeit damit rechnen, von der Polizei vertrieben zu werden.

Bei der letzten Razzia, so erzählen sie, hat die Polizei alles in den Baracken und Stallungen niedergebrannt, was die Menschen an wenigen Habseligkeiten hatten.

Ein Baby, das wir in den Baracken antreffen, ist dort in der Baracke auf dem Lehmboden geboren. Eine Geburt in einem Stall auf den Feldern, weit außerhalb der Stadt an der algerischen Grenze.

Alle Frauen mit Babys und kleinen Kindern, die wir in Marokko treffen, bestätigen uns, dass ihre Kinder keine Geburtsurkunden oder Dokumente bekommen. Sie existieren also nicht und werden niemals eine Schule besuchen können und lesen und schreiben lernen. Dabei hat jedes Kind von Geburt an Anspruch auf einen Namen und das Recht und das Recht, eine Staatsangehörigkeit zu erwerben, ein Recht auf Gesundheit und Bildung.

Todeszaun statt Lebenstraum

Oujda ist für alle Flüchtlinge das Ende der Welt. Hier sind sie weit weg von allen Möglichkeiten, Europa zu erreichen. Trotzdem versuchen sie von hier aus immer wieder ihr Glück. Etwas anderes bleibt ihnen nicht, als allein dieser Traum. Nur dieser Traum erhält sie am Leben. Wenn wir ihnen den Traum nehmen würden und ihr Traum stirbt, dann sterben sie selbst.

Ich habe in dem Lager in den Wäldern einen Jungen aus Mali getroffen, der schon zwanzigmal versucht hat, über die Grenze bei Melilla, der spanischen Enklave vor der Küste, Europa zu erreichen. Dafür muss eine sieben Meter hohe Grenzzaunanlage aus scharfkantigem, tödlichem Draht überwunden werden. Viele haben Freunde, Verwandte, Geschwister bei diesem Versuch sterben sehen.

Die massiven Grenzbefestigungen bestehen aus kilometerlangen doppelten Zaunanlagen, sieben Meter hoch und mit dem tödlichen Draht von European Security Fencing (ESF)  mit Firmensitz in Berlin bestückt: Im Abstand von nur 38mm sind an diesem Drahtzaun enorm scharfe Klingen angebracht - 22mm lang und 15mm hoch -  das reicht aus, um Nerven, Bänder, Sehnen und Blutbahnen von Menschen zu zertrennen, die in den Zaun greifen, um ihn zu überwinden.  

Diese perversen Grenzzaunanlagen dienen nur dem Zweck, dass möglichst wenige Afrikaner die Festung Europa erreichen. Jedes Jahr fordert diese Grenze mehr Menschenopfer als die ehemals deutsch-deutsche Grenze in allen Jahren ihres Bestehens. 

Die wenigsten Flüchtlinge erreichen Melilla oder Ceuta. Aber auch die, die es schaffen, werden von der spanischen Grenzpolizei aufgegriffen und dem marokkanischen Militär übergeben. Die Flüchtlinge berichten uns, dass die spanische Grenzpolizei den Militärs Geld dafür gibt, damit sie die Flüchtlinge zurücknehmen. Europäisches Asylrecht gilt für sie nicht.

Zusammen mit denen, die vor Grenzübertritt schon von der marokkanischen Polizei aufgegriffen werden, wurden sie lange Zeit zurück in das Grenzgebiet zu Algerien bei Oujda verschleppt. Dort wurden sie nachts, einzeln, ausgesetzt und mit Waffengewalt über die Algerische Grenze getrieben. Es gibt einen Schießbefehl. Ob er angewendet wird, wissen wir nicht.

Schon die Vorstellung ist unerträglich

Was mit Verletzten geschieht, die zurückbleiben, können wir nur aus Berichten erahnen. Ohne Wasser und Nahrung werden die Flüchtlinge ausgesetzt. Alles Hab und Gut wird ihnen abgenommen. Auch Kleidung und vor allem die Schuhe. Die Vorstellung dort nachts vereinzelt ausgesetzt zu werden, auch Frauen mit Babys, die einen Tag alt sind und gerade entbunden wurden, ist schrecklich. Aber das ist die Wirklichkeit. Der Weg zurück nach Oujda dauert barfuß bis zu 12 Stunden, wenn man unverletzt ist. Deswegen haben alle Flüchtlinge schlimme, verletzte Füße. Jede größere Verletzung kann das Todesurteil bedeuten, weil man ganz auf sich allein gestellt ist. Auf Hilfe kann in diesem Gebiet niemand hoffen.

Damit an den Grenzen Ruhe herrscht, bringen zurzeit die Sicherheitskräfte alle aufgegriffenen Flüchtlinge in die Großstädte, setzen sie vor der evangelischen Kirche oder den Einrichtungen der Caritas ab und überlassen sie dort Ihrem Schicksal. Beide Organisationen sind mit der Menge der Flüchtlinge völlig überfordert, helfen so gut es geht, aber es reicht nur für ein Drittel der Menschen, was sie an Nahrungsmitteln, Decken und Kleidung  verteilen können.

Die Marokkanischen Sicherheitskräfte handeln so auf Druck der EU, die vor den Grenzanlagen in Ceuta und Mellila eine weitere Zaunanlage errichten lässt, um den Druck der Flüchtlinge auf die Grenze zu unterbinden. In Oujda wird ein Zaun an der allgerischen Grenze aus EU Mitteln errichtet, um den Zustrom nach Marokko zu verhindern.

Dazu kommt das große Elend, dass alle Menschen schon hinter sich haben, die Marokko oft nach Monaten, oder gar erst Jahren erreichen. Immer wieder muss dafür bezahlt werden, ein paar Stationen weiter zu kommen, erzählen uns die Flüchtlinge.

Frauen müssen sich prostituieren. Die Kinder, die geboren werden, sind nicht aus Liebe gezeugt. Oft sind Frauen Opfer von Vergewaltigungen auf der Flucht. Oft von den Grenzsoldaten, deren Grenzen passiert werden müssen. Manche Frauen hoffen, wenigstens mit einem Baby eher in Europa aufgenommen zu werden.

Der Strom der Flüchtlinge bleibt trotz aller Abschottung und aller Schrecken ungebrochen. Jeder geht davon aus, er sei derjenige, der es nach Europa schafft, auch wenn sie alle wissen, dass es die meisten nicht schaffen und auf der langen Flucht sterben. In Fes berichtet ein Flüchtling von einem Brunnen, der vergiftet war und an dem viele Menschen gestorben sind. Alle haben auf der Flucht Freunde und Geschwister verloren. Meistens treffen wir auf junge Männer, oft noch Jugendliche. Viele von ihnen erzählen, dass Vater oder/und Mutter in der Heimat verstorben sind. Ältere lassen Frau und Kinder zurück und haben seit Jahren keinen Kontakt zu ihnen.

Auf dem Rückweg nach Casablanca haben wir noch Zwischenstation in der Kirchengemeinde in Fes gemacht. Wir waren in zwei Wohnquartieren in Fes und haben mit den Flüchtlingen dort gesprochen, während in der Kirche für sie eine medizinische Sprechstunde abgehalten wurde.

Alle waren so unendlich dankbar für die wenige Hilfe, die sie von der Kirche bekommen. Es ist ihre einzige. Ich habe viele traurige Geschichten gehört und in viele erschöpfte Gesichter geschaut.

In einer Wohnung, die nicht als solche bezeichnet werden kann, lebten ca. 25 junge Männer in vier kleinen Räumen, die mehr Löcher waren von max. 9 qm, ohne ein Fenster und nur mit einer Türe zu einem langen schmalen Flur. Der jüngste war 17 Jahre alt, die meisten um die 20 Jahre, wenige an die dreißig Jahre alt. Sie kommen aus Mali, aus Nigeria, aus Ghana und dem Kongo, von der Elfenbeinküste, aus Kamerun, manche sogar aus Südafrika. Einige erzählen von ihrer guten Ausbildung in Telekommunikation, als Informatiker oder Tischler.

Ein junger Mann ist verletzt an der Hand und am Kopf. Er ist von 5 Militärs zusammengeschlagen worden, bei dem Versuch bei Nador die Grenze zu überwinden. Wir bringen ihn sofort zu unserem Arzt in die Kirche, um die Wunden verbinden und desinfizieren zu lassen.

In einem solchen dunklen und sehr stickigen Raum lag eine schwangere junge Frau auf einer Matratze als einzigem Ausstattungsgegenstand, wie in allen Räumen. Auf dem Arm hatte sie ein Baby von ca. 2 Jahren und sie erwartete Zwillinge. Wie bei allen kleinen Kindern, die wir angetroffen haben, hatte auch sie keine Geburtspapiere oder Dokumente. Wenigstens war ihr Baby hier in Fes in einem Krankenhaus geboren.

In einer weiteren Wohnung lebten 25 männliche Jugendliche in einem Raum, der nur mit Matratzen ausgelegt war und dem in der Ecke ein Topf auf einem Gaskocher köchelte.

Auch hier sind alle unendlich froh und dankbar über die bescheidene Hilfe der ehrenamtlichen Mitarbeitenden der evangelischen Kirche. Für einen kleinen Moment in dieser unendlich wertvollen Begegnung erhalten sie ihre Würde und ihre Menschlichkeit zurück.

Die Evangelische Kirche von Marokko

Erfüllt bin ich von den Begegnungen mit diesen jungen Menschen, Studenten und Studentinnen aus Afrika, die dort in Oujda und Fes die Menschlichkeit bewahren, die Nächstenliebe leben, die die wahren Friedensnobelpreisträger dieser Erde sind. Die die vergessenen Namenlosen in den Mittelpunkt von Zuwendung und Liebe stellen und nach ihrem Namen fragen, ihrer Familie, ihrer Heimat, ihren Träumen. Die angetrieben von Gottes Gerechtigkeit und seinen Verheißungen mich antreiben daran zu glauben, dass wir etwas verändern können, solange wir unseren Glauben  nicht aufgeben.

Die afrikanischen Studierenden sind phantastisch, bewundernswert. Weit weg von der Heimat, über viele Jahre von der Familie getrennt, kämpfen sie selber einen harten Lebenskampf, leben in schwierigen Wohnverhältnissen und müssen mit wenig Geld auskommen und trotzdem nehmen sie sich noch die Zeit für ihren Dienst der Nächstenliebe an den Flüchtlingen.

Für die Flüchtlinge ist diese Hilfe unendlich viel. Sie ist ein Lebenszeichen, dass sie nicht vergessen sind, sie ist ein Geschenk von Würde, die in den Wäldern verloren geht.

Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer tun dies im Namen der evangelischen Kirche von Marokko, der Eglise Evangélique au Maroc (EEAM), die sich als eine der wenigen Organisationen um das Schicksal der Flüchtlinge in Marokko kümmert.

Eine besondere Kirche, die sehr klein ist, aber groß in ihrer Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten, groß in ihrer Unterstützung der Stipendien für afrikanische Studierende, groß in ihrem Kampf gegen die Zunahme der Wüste in Marokko, groß in ihrem christlich-islamischen Dialog.

Die Evangelische Kirche von Marokko ist über 100 Jahre alt. Früher hieß sie Ev. Reformierte Kirche von Frankreich (Eglise Reformee de France) in Marokko. Heute ist sie eine bunte Kirche, in der sich Protestanten aller Länder und unterschiedlichster Kirchen sammeln. Sie hat 11 Gemeinden in Marokko und beschäftigt zwei Pfarrer. Ihr Diakonieausschuss (Comite d'Entraide) ist verantwortlich für die Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten. Sie ist aktiv im Bereich des interreligiösen Dialogs. Sie ist auch in einer NGO engagiert, die sie gegründet hat: L' ALCESDAM ( Gesellschaft für den Kampf gegen die Erosion, die Trockenheit und die Zunahme der Wüste in Marokko (Association de Lutte Contre l'Erosion, la Secheresse et la Desertification Au Maroc). Sie ist auch verantwortlich für die Arbeit der Organisation »Von der Hand in die Hand«, die in den ganz armen Dörfern in den Bergen mit den traditionellen Berberfamilien arbeitet.

Die kleine, aber durch Flüchtlinge und schwarzafrikanische Studierende stetig wachsende evangelische Kirche in Marokko setzt sich mit großem Engagement für die Not der immer größer werdenden Zahl afrikanischer Flüchtlinge ein, die durch die gewalttätige Abschottungspolitik mit allen Mitteln daran gehindert werden, Europa zu erreichen. In Marokko ist es verboten, einem Illegalen (Sans Papier) zu helfen. Es wird nur toleriert, dass die Kirche auf diesem Sozialgebiet tätig ist.

Von der geographischen Situation her befindet sich Marokko am Ende eines Trichters, der einen nicht zu verachtenden Teil von Afrikanern aufnimmt, die davon träumen, nach Europa zu kommen. Leider ist für sie am Ende der Trichter versperrt aufgrund der Entscheidung der Europäer,  die Abschottungspolitik an die marokkanischen Behörden outzusourcen. Die Migranten und Flüchtlinge befinden sich zu Tausenden in einer völlig geschlossenen Zwickmühle; sie können weder ihre Reise fortsetzen, noch umkehren, noch im Land bleiben. Niemand will sie. Da ein großer Teil von ihnen Christen und Schwarzafrikaner sind, müssen sie das doppeltes Leid erdulden. Auf Grund dieser Situation legen sie ihr Schicksal in die Hände der Evangelischen Kirche. Eine sehr große Anzahl von ihnen wäre völlig verlassen von allen, Willkür und Misshandlungen ausgesetzt in einer Situation allgemeiner Gleichgültigkeit.

Wer einmal mit eigenen Augen in die traumatisierten Gesichter der Flüchtlinge gesehen hat, die nur der Traum von einem Leben in Gerechtigkeit am Leben hält, wer ihre Wunden an Körper und Seele gesehen hat, wer einmal mit ihnen gesprochen und ihr Seufzen und Klagen gehört hat, weiß, wie wichtig die Flüchtlingsarbeit der Evangelischen Kirche von Marokko ist.

Erste Hilfe: Spenden werden benötigt für Nahrung, Kleidung, Medikamente, Decken und Planen für Zelte in den Bergen von Oujda, oder in den Städten für die Miete eines Schlafplatzes (oft teilen sich 25 - 40 Menschen einen Raum).

Microprojekte und berufliche Qualifizierung: Zusammen mit Mitteln des Ev. Entwicklungsdienst oder der UNO-Flüchtlingshilfe und unseren Mitteln werden Flüchtlinge unterstützt oder beruflich in Dreimonatskursen qualifiziert, damit sie eine Chance haben, genügend Geld zu verdienen, um in der Illegalität ein bescheidenes Leben führen zu können. Eine einfache Werkzeugausrüstung wird ihnen dafür zur Verfügung gestellt.

Stipendien: Wenn für Studierende die Unterstützung von zuhause ausbleibt oder die Regierungen ihre Stipendien nicht mehr zahlen, dann erhalten schwarzafrikanische Studierende über die  EEAM Stipendien, um nach Abschluss ihres Studiums in ihren Heimatländern ihr Wissen zur Verfügung zu stellen.

Kämpfen aus dem Glauben

Ich bin wütend, entsetzt, ich lese die Worte des Propheten Amos ganz neu und ich möchte jeden verantwortlichen Politiker der EU dorthin in die primitiven Flüchtlingszelte in den Bergen von Oujda, in diese bittere Kälte und die wirklich zum Himmel schreiende Unmenschlichkeit zerren.

Die EU muss wenigsten die Einhaltung der Menschenrechte in Marokko einfordern und ihnen geordnete und geschützte Flüchtlingslager und medizinische Versorgung zugestehen.

Aber Marokko behandelt die Menschen ja so, weil die EU ihnen viel Geld gibt, damit sie das Problem »lösen« und damit die Flüchtlinge Europa niemals erreichen. Dafür sind beinahe alle Mittel recht.

Folterungen sind an der Tagesordnung, insbesondere für die, die mehrmals versucht haben, zu fliehen.

Schwimmende Flüchtlinge, die versuchen über Meer zu flüchten, werden mit Hartgummikugeln beschossen. Häufig werden deren Köpfe getroffen, was oft zur Bewusstlosigkeit führt und damit zum Ertrinken. Teilweise werden die Körper der Flüchtlinge von Booten aus unter Wasser gedrückt.

Damit aber Europa sich die Hände in Unschuld waschen kann, zahlt die Europäische Union jedes Jahr Hunderte Millionen Euros z.B. an Marokko, damit die Behörden Marokkos stellvertretend die menschenverachtende Arbeit tun, mit der die Flüchtlinge mit allen Mittel daran gehindert werden nach Europa zu gelangen.

Zu all dem, was dort geschieht, dürfen wir nicht schweigen. Wir tragen eine Mitverantwortung. Denn all das geschieht im Namen Europas und damit letztendlich in unserem Namen, insbesondere weil innerhalb der EU Deutschland, was die Politik gegen Flüchtlinge betrifft, einer der Scharfmacher ist.

Marokko und andere Staaten wurden darüber hinaus  mit Visafreiheit für ihre Bewohner geködert, ein Abkommen mit Europa zu unterzeichnen, wonach alle Afrikaner , die keine Aufenthaltserlaubnis für Europa besitzen und die über die Staaten Nordafrikas eingereist sind,  insbesondere nach Marokko wieder abgeschoben werden können. Das wird das Elend der Flüchtlinge in Marokko extrem vergrößern und Marokko wird noch mehr zu einem Pulverfass. Europa aber wäscht seine Hände in Unschuld.

Die europäische Abschottungspolitik fordert enorme finanzielle Mittel. Neben den Direktzahlungen an die Mittelmeerländer wird der Etat der Grenzsicherungsbehörde  Frontex Jahr für Jahr deutlich erhöht. Auch mehr als 100 Bundespolizisten aus Deutschland sind jedes Jahr für Frontex im Einsatz.  Eine parlamentarische Überwachung erfolgt nicht und es sind viele Menschenrechtsverletzungen, die von Frontex verübt werden, dokumentiert. Mit der beabsichtigten Drohnenüberwachung im Rahmen des Überwachungssystems Eurosur bewegen wir uns auf eine neue Eskalation zu.

Solange Europa Krieg gegen Flüchtlinge führt, hat es die moralische Kompetenz verloren, in anderen Ländern dieser Erde die Einhaltung von Menschenrechten einzufordern

Die Situation ist frustrierend und alle scheinen Recht zu haben, die sagen, mit eurem Engagement ändert ihr doch eh nichts.

Aber dürfen wir den Glauben daran aufgeben? Abends haben wir im Team der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer genau über diese Frage diskutiert. Wollen wir annehmen, dass Gottes Gerechtigkeit nicht mehr gilt?

Die Studenten sagen mir: Die Psalmen singen doch von Gottes Gerechtigkeit wider allen Augenschein und alle Realität. Die Bibel weiß das. Die Psalmen erzählen davon. Die Menschen klagen in politischen Liedern Gott ihr Leid und erinnern sich und die anderen an seine Gerechtigkeit. Sein Wort ist damals noch Maß für Recht und Gerechtigkeit und sie erleben, wie es täglich gebrochen wird. Aber das macht diese Unrechtsordnung noch lange nicht zu einer Rechtsordnung.

»Der HERR ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.«(Psalm 11,7) Den Kritikern sagt der Psalmist: Doch, Gottes Gerechtigkeit wird sich durchsetzen. Gottes Thora, dieses wunderbare Gesetzbuch wird die Rechtsordnung einer neuen Zeit.

Wir Christinnen und Christen beziehen uns auf alte biblische Traditionen, die sich für eine menschlich gerechte Welt einsetzen.

Zuhause ist diese Gerechtigkeit bei Gott. Und wenn wir sie, schwach und unvollkommen im Augenblick, nicht verwirkli­chen und nicht durchsetzen können, so bleibt sie für uns als Kirche doch eine große Hoff­nung, eine Herausforderung und ein Ansporn, sie einzufordern und danach zu leben. Was bis zum heutigen Tag bleibt, ist die Sozial- und Gesellschaftskritik als unverzichtbarer Teil der biblischen Tradition und Botschaft.

Die Propheten prophezeien dem Volk Israel immer wieder: ihre Situation wird sich ändern. Und sie hat sich geändert. Nicht immer sogleich. Oft erst Generationen später. Aber sie ändert sich. Diese Hoffnung hält alle zusammen in Marokko am Leben.

Das Volk Israel wird aus der Knechtschaft befreit. 40 Jahre Wüstenwanderung gehen zu Ende. Ebenso 70 Jahre Exil in Babylon. Oft haben erst spätere Generationen erfahren, dass sich alles ändert, weil Menschen früherer Generation gegen allen Widerschein den Glauben daran nicht verloren haben und an den Liedern von Gottes Gerechtigkeit festgehalten haben.

Wir dürfen den Glauben daran nicht verlieren, dass Gott die Situation ändern wird, auch wenn wir es vielleicht nicht mehr erleben. Die jungen Studierenden geben den Glauben nicht auf und so geben sie mit ihrem aufopferungsvollen Dienst unter großen Gefahren für ihr eigenes Leben die Hoffnung auf Gottes Verheißungen weiter. Wenn sich ihre Menschlichkeit verliert, ist der Mensch verloren. Die Flüchtlinge hoffen jedenfalls ganz fest darauf, dass wir den Glauben nicht verlieren.

Beten und Tun des Gerechten

Beten und Tun des Gerechten. Praxis Pietatis. In Marokko erfahre ich, was Bonhoeffer damit gemeint hat  und welche Kraft das entwickeln kann.

Mit Flüchtlingen in den Baracken nahe der Grenze haben wir Bibeln geteilt. Auch hier noch geduldig und zurückhaltend bei der  Verteilung des Essen, kommt Streit auf bei der Verteilung der Bibeln. Jeder möchte solch einen »Schatz« In Händen halten. Wir haben dann Gottesdienst draußen im Sitzkreis vor den Baracken gefeiert und biblische Geschichten geteilt und uns erzählt, was sie uns bedeuten. Mir kam Matthäus 25,31ff in den Sinn und ich lese die englische Übersetzung: vom Weltgericht. Die Flüchtlinge waren hungrig und die jungen Menschen haben ihnen Nahrung gebracht, sie waren durstig und sie haben ihnen Wasser und Saft gebracht, ihre Füße waren nackt, und sie haben ihnen Socken geschenkt. Sie sind Fremde und doch haben sich ihrer angenommen. Sie sind gefangen in ihrem Schmerz und doch erfahren sie so Befreiung, weil sie nicht vergessen sind. Sie sind krank und sie haben sie versorgt.

Und wir haben miteinander gebetet darum, dass Kinder Papiere bekommen und zur Schule gehen dürfen und um Soldaten und Polizisten, die ein mildes und offenes Herz haben für die Not und die Flüchtlinge nicht mit größter Brutalität behandeln.

Und wir waren eins in Christus und in unserem Glauben.

Ja, ich bin zurückgekommen bestärkt im Glauben an das, was gilt im Leben aus dem Glauben: Gemeinschaft, Solidarität, Gerechtigkeit, Frieden, die Liebe Gottes, die zur Liebe jedes Nächsten wird. Verantwortung, Vergebung, Hoffnung, Teilhabe umsonst.

Was Gott Leben nennt, verliert sich nicht. Bleibt lebendig, habe ich sehen, erleben, spüren dürfen.

Wenn wir uns als Kirche dem Leben verschreiben, also der Gerechtigkeit, der Liebe Gottes zu den Ärmsten und Hilfsbedürftigsten, wenn wir als Kirche offen sind für die Nöte, Ängste, Sorgen und Schwächen der Menschen, ausnahmslos, wenn  wir als Kirche mit den Menschen ihr Leben feiern und im Abschied nehmen ihnen zur Seite stehen, wenn Menschen uns abspüren, dass wir an ihrem Leben interessieret sind und ihnen in allen Untiefen zur Seite stehen, werden wir am Ende glauben können, dass Gottes Macht größer ist als alle Todesmächte, denen wir auf unserer Reise begegnet sind.

Solidarität und gegenseitiges Lernen

Wir sind mit dieser Kirche und den Menschen solidarisch verbunden, umso mehr, weil wir für ihre Situation mit verantwortlich sind: Die von Europa ausgehenden, teilweise völlig illegalen und menschenrechtsverletzenden Abwehrmaßnahmen gegen Flüchtlinge aus Afrika werden auch in unserem Namen und aus unseren Steuergeldern mit finanziert.

Zugleich haben wir die große Chance, voneinander zu lernen. Beispielsweise, wie eine Kirche Menschen in Not auf Augenhöhe begegnet, Ihnen Hilfe und Wertschätzung entgegen bringt, ihre Würde achtet sie integriert. So kann Kirche als „Kirche mit anderen“ wachsen!

In unserer Partnerschaft sind beide Seiten Gebende und Nehmende, Lehrende und Lernende.

Flucht ist kein Verbrechen – Flucht ist ein Menschenrecht

Mit einem bewegenden und berührenden Friedensgebet mit 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern am 2. Februar im Aachener Dom hat die Euregionale Flüchtlingsplattform in der Euregio Maas-Rhein (B/D/NL) einen klaren Standpunkt eingenommen zur Asyl-und Flüchtlingspolitik in Europa.

In drei Sprachen hatte die Flüchtlingsplattform die Resolution »Flucht ist kein Verbrechen – Flucht ist ein Menschenrecht« veröffentlicht, die wir auf unserer letzten Herbstsynode als Kirchenkreis angenommen und verabschiedet hatten, und deren Forderungen auch die Landessynode im Frühjahr gefolgt war. Sie ist mittlerweile an zahlreiche Politiker und Entscheidungsträger in der gesamten Euregio versandt worden, und Provinzparlamente in Belgien und den Niederlanden haben sich mit ihren Forderungen beschäftigt. Unter den elf Unterzeichnern sind neben den vier Evangelischen Kirchenkreisen, Aachen, Jülich, Krefeld-Viersen und Moers, auch die Protestantische Kirche in Belgien, der Diözesanrat der Katholiken im Bistum Aachen, das Moderamen der Classis Limburg von der Protestantse Kerk in Nederland (PKN) sowie die Bischöfe von Roermond und Lüttich. Weitere Kreissynoden werden sich mit der Resolution befassen und vielleicht zu weiteren Unterzeichnern. In weiteren Friedensgebeten in der Euregio, unter anderem am 5. Mai im Mönchengladbacher Münster, bei dem uns Johannes de Kleine mit seiner Mitwirkung vertrat, haben hunderte Menschen ihren Standpunkt gegen die Festung Europa und das Massensterben von Flüchtlingen im Mittelmeer zum Ausdruck gebracht.

Gebet (Jens Sannig)

Gott,

Wir sind zornig, wenn wir sehen, was Menschen voneinander trennt.

Wir sind zornig über die unmenschliche Grenze in Marokko, die Afrika und Europa trennt.

Wir sind entsetzt über jeden Menschen, der an dieser Grenze ums Leben kommt.

 

Wir bringen vor Dich das Weinen und Klagen der Menschen,

deren Spur sich im Meer, in der Wüste, in der Ungewissheit verliert.

Flüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder,

geflohen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben,

die alle Hoffnung auf Leben verlieren im Stacheldraht, der unüberwindbar ist.

 

Wir gestehen Gott,

es sind unsere Grenzen zwischen den Menschen Europas und Afrikas,

an denen sie stranden,

es ist der Egoismus der nördlichen Erdhalbkugel, der sie tötet.

Wir sind satt in Europa – und sehen nicht, dass wir die Ursache für den Hunger liefern.

Wir sind unersättlich – und sehen nicht, dass dies die Ursache vieler Kriege ist.

 

Gott,

da sind Trauer und Wut,

wenn wir uns einlassen

auf die Wirklichkeit deiner Welt:

Menschen werden in ihrer Würde verletzt,

Menschen wird vorenthalten, was sie zum Leben brauchen,

Menschen fliehen aus Verzweiflung aus ihrem Land,

Menschen sterben in der Wüste, ertrinken im Mittelmeer,

verlieren alle Hoffnung auf Leben in unserer Unmenschlichkeit.

 

Gott,

schenk den politisch Verantwortlichen die Einsicht,

dass sie nicht über bloße Zahlen,

sondern über viele einzelne Menschenschicksale entscheiden.

Lass uns nicht weiter Milliarden für die geheime Grenztruppe Frontex bezahlen,

sondern besser für Projekte der Menschlichkeit, der Bildung und Ausbildung.

 

Gott des Himmels und der Erde,

Himmlisch schon sind wir - aber noch irdisch.

Gebunden bleiben wir an die Bedingungen einer Erde,

die mit deiner neuen Erde noch nicht viele Ähnlichkeiten hat:

Wir haben die Bilder von den Flüchtlingen in Marokko vor Augen,

wir hören die entsetzlichen Erzählungen der Davongekommenen.

Wir sehen die Tränen in ihren Augen,

lesen von ihren Lippen ihre Verzweiflung und ihre Hoffnung.

 

Gott,

Irdisch noch lässt du uns schon deinen Himmel sehen.

Vor uns ausgebreitet im Leben Jesu Christi liegt dein himmlisches Reich.

Ab und an sehen wir es schon:

Wenn sich Christen in Rabat oder Casablanca den Flüchtlingen zuwenden.

Wenn sie ihnen Kleidung geben und Medizin, Würde und Menschlichkeit, Liebe und Hoffnung.

 

Hilf uns hier,

dass wir alle Wut zusammennehmen und gemeinsam gegen das Unrecht an unseren Außengrenzen protestieren.

Gib uns Ideen und Phantasie, Entschlossenheit und Ausdauer beim Kampf für Gerechtigkeit.

Lass gelingen, was wir uns vorgenommen haben.

Lass deine Gedanken unsere Gedanken,

dein Wort unser Wort,

deine Tat unsere Tat werden AMEN!

Der Text steht online auf der Homepage des Evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss zum Download bereit.

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