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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

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Albrecht Fischer

Eine theologische Einführung

„Gott, der Israel aus Ägypten geführt hat, ist ein Gott der Fremden“ formuliert der Theologe Jürgen Manemann in dem jüngst erschienen Band: Religion und Migration (Aschendorfverlag, aaO. S.73).

Trifft das zu? Ist diese Aussage wahr, entspricht sie dem biblischen Zeugnis, und was bedeutet sie dann?

Wenn man die Frage religiös oder religionswissenschaftlich betrachtet, kann man nur sagen: Die Menschen, die als Fremde und Flüchtlinge in unser Land kommen, haben eine andere Vorstellung von Gott, als wir. Das ist nicht nur der Fall, wenn sie Muslime sind, sondern vielfach auch dann, wenn sie aus syrisch – orthodoxen Kirchen oder anderen christlichen Glaubensgemeinschaften Afrikas herkommen. Sie sind uns mit Ihren Glaubensvorstellungen wahrscheinlich fremd. Religiös betrachtet, hat jeder seinen eigenen Gott.

Man kann die Frage aber auch so stellen: Wer ist Gott und was will Gott? Ist er der Gott der Fremden?

Als evangelische Christen sind wir für diese Frage an die Bibel gewiesen.

Sie ist natürlich Menschenwort, zu bestimmten Zeiten für bestimmte Menschen geschrieben. Wir können nicht einfach in der Bibel nachlesen, was heute der Fall ist oder was zu Tun das Richtige ist. Aber theologisch gesprochen ist sie das Wort, in dem der dreieinige Gott sich selbst und seinen Weg mit den Menschen erklären will.

In diesem Sinne kann uns die Bibel zum Licht auf unserem Weg werden.

Ich habe vier Punkte.

  1. Was sagt die Bibel?
  2. Mehr als nur Moral und Apell – Evangelium von Jesus Christus
  3. Kirchliches Engagement und staatlicher Auftrag
  4. Die Tat der Liebe als Charisma.

1. Was sagt die Bibel: Der biblische Befund

Psalm 146 heißt es:

Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist,

der seine Hoffnung setzt auf den Herrn seinen Gott,

der Himmel und Erde, gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist,

der Treue hält ewiglich,

der Recht schafft denen, die Gewalt leiden,

der die Hungrigen speiset.

Der Herr macht die Gefangenen frei.

Der Herr macht die Blinden sehend.

Der Herr richtet auf,

die niedergeschlagen sind.

Der Herr behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen.

Was Gott selbst tut, sollen wir auch tun, und so heißt es Exodus 23,8: Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid. Und Deuteronomium 26,19: Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, der Witwen und Waisen beugt.

Nun erhebt sich der Einwand: Die Thora enthält 613 Gebote und Verbote, wie zentral sind denn Flüchtlingsnot und Fremdlingschaft und das Gebot, sich der Fremden anzunehmen? Steht das eher am Rande oder steht es im Zentrum der alttestamentlichen Ethik?

Da Antwort ist eindeutig.

Das Gebot, die Fremdlinge zu lieben, ist direkt verknüpft mit der Erwählung Israels und mit dem Exodus aus Ägypten, mit der Verheißung des Landes, also mit der Existenz Israels als Gottesvolk an sich.

Eine Schlüsselstelle ist Deuteronomium 10, 12ff.:

Nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott noch von Dir, als dass Du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, dass du in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebst und dem Herrn, Deinem Gott dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, ... ?

So beschneidet nun eure Herzen und seid hinfort nicht halsstarrig. Denn der Herr, Euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr aller Herren, der große Gott, (...) der die Person nicht ansieht und keine Geschenke nimmt und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleidung gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Den Herrn, deinen Gott, sollst Du fürchten, ihm sollst du dienen, ihm sollst du anhangen und bei seinem Namen schwören. Er ist dein Ruhm und dein Gott, der bei dir solche großen und schrecklichen Dinge getan hat, die deine Augen gesehen haben. (Deuteronomium 10,16-21)

Ich selbst war erstaunt, festzustellen, dass die Liebe zu den Fremden und der angemessene Umgang mit Ihnen im Alten Testament in großer Breite stets da angesprochen wird, wo es um das Zentrum des Glaubens geht, nämlich um das Bekenntnis zu Gott, der Israel aus der Knechtschaft geführt hat, und der als der eine Gott verehrt und geliebt sein will. Das geht so weit: Mit der Beachtung dieses Gebotes steht und fällt die Landverheißung des Volkes Israel: Das Gottesvolk soll als Segensträger ins Land kommen. Weil und sofern von Israel auch die Fremden geliebt werden, weil und sofern Israel Recht, Liebe und Gottessegen für die Fremden, Witwen und Waisen ins Land bringt, darf Israel das Land als Gottesgabe annehmen. Ganz in diesem Sinne bekommen darum auch die Fremden Anteil an der Wohltat der Sabbatruhe Deuteronomium 5,13: Sechs Tage sollst Du arbeiten und alle Deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes: Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht .... dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleich wie du. Wenn in Israel gefeiert wird, sollen die Fremden mitfeiern, zB. bei der Abgabe des Zehnten: Dt. 14,26ff: Gib Dein Herz für alles, woran dein Herz Lust hat, sei sei für Rinder, Schafe, Wein, starkes Getränk oder für alles, was dein Herz wünscht, und iss dort vor dem Herrn, deinem Gott, und sei fröhlich, du und dein Haus. Alle drei Jahre sollst du aussondern den ganzen Zehnten vom Jahr. Dann soll kommen der Levit, ..., und der Fremdling und die Waise und die Witwe, die in der Stadt sind und sollen essen und sich sättigen. Deuteronomium 16,13: Das Laubhüttenfest sollst Du halten ... und sollst fröhlich sein,... du und dein Sohn, ... der Levit, der Fremdling, die Waise und Witwe, die in deiner Stadt leben.

Die Fremden haben die besondere Aufmerksamkeit Gottes wie auch die Witwen und die Waisen und die Armen. Jeremia 7,1-15 wird Israel die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung aus dem Land angedroht, dabei stehen Versündigungen gegen Fremde, Witwen und Waisen und Götzendienst unmittelbar zusammen.

Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass es durchaus abgestufte Rechte für Fremdlinge im Alten Testament gibt und dass der Respekt vor dem Glauben und Werten Israels unter Androhung der Todesstrafe strikt eingefordert wird. (Die Auffassung von einer religiös toleranten Gesellschaft ist eine Errungenschaft der Aufklärung, die sich in der Gesetzgebung für Israel noch nicht findet, Ansätze dazu finden sich allerdings bei Paulus 1. Korinther 10,32: Erregt keinen Anstoß, weder bei den Juden noch den Griechen noch bei der Gemeinde Gottes.) Es bleibt:

Schon im Deuteronomium ist die Liebe zu den Fremden wie auch zu den Armen der entscheidende Punkt, an dem sich das Bekenntnis zu Gott bewährt. Ich muss gestehen, es hat mich überrascht, wie zentral die Liebe zu den Fremden im Alten Testament ist.

Noch beeindruckter war ich, als ich das folgende entdeckt habe:

Auch Jesus entfaltet die Nächstenliebe am Beispiel der Liebe zu den Fremden genau wie im Alten Testament.

Lukas 10,26 wird Jesus nach dem höchsten Gebot gefragt. Zitiert wird die Thora: Du sollst Gott lieben... und Deinen Nächsten wie dich selbst. Und dann kommt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: V: 33: Der Samariter aber ... kam da hin, und als er ihn sah, jammerte er ihn und ging zu ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge. V 37: So gehe hin und tue desgleichen.

Wie in Deuteronomium 10 wird auch Lukas 10 die Gottesliebe als Liebe zum Fremden entfaltet.

Im gleichen Sinne heißt es Matthäus 25,35.40: Ich war ein Fremder, und ihr habt mich aufgenommen. Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan.

Fazit: Gott, der der Gott Israels ist, und der Gott der Liebe ist, kann zurecht Gott der Fremden genannt werden, und zwar im gleichen Sinne! Lasst uns dem noch einen Moment nachdenken, was das heißt: Er ist der Gott der Fremden, wie er der Gott Israels ist.

Israel teilt unseren Glauben nicht. Obwohl Israel unseren Glauben an Christus nicht teilt, ist und bleibt er der Gott Israels. Obwohl die Fremden vielfach Gott nicht glauben wie wir, alles andere zu behaupten wäre Illusion, so ist er doch ihr Gott, sind ihre Nöte ihm nah, gehört ihnen das Evangelium als eine Gotteskraft und wir haben in dieser Hinsicht eine Bringeschuld, denn das die Gotteskraft des Evangeliums gehört ihnen nicht weniger als uns. (So jedenfalls sagt es Paulus Römer 1, Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Barbaren, denn das Evangelium ist eine Gotteskraft allen die daran glauben.) Vielfach wird in dieser Welt Liebe gelebt und an die Liebe geglaubt wird ohne jeden Bezug auf Gott. Und doch ist Gott der Gott der Liebe. Wenn wir also zu den Leidtragenden gehen, um sie zu trösten, zu den Friedfertigen, damit sie Lebensräume und auch Gestaltungs-Räume erhalten, wenn wir uns öffnen für die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, so dass sie ihre Heimat dafür verlassen, dann ist Christus schon da, auch wenn die Menschen unsere Gestalt des Glaubens an Christus noch nicht oder niemals teilen. Dies wird uns nicht hindern, uns zu Christus zu bekennen in der Weise, die angemessen ist, und zum gemeinsamen Lob Gottes herzlich einzuladen, ohne beleidigt zu sein, wenn diese Einladung im Moment dankend abgelehnt wird. Gott ist der Gott Israels und bleibt es trotz des Neins Israels zu Christus, und er ist der Gott der Liebe und will und wirkt Liebe, wo immer Menschen leben. Darum gehen wir nirgends hin, ohne die Erwartung, etwas lernen zu dürfen darüber, wie Menschen leben, lieben und Leiden bewältigen. Wir sind niemals nur Gebende, sondern stets auch Empfangende und Beschenkte. Im gleichen Sinne, wie Gott der Gott der Liebe ist und Gott der Gott Israels, ist er auch der Gott der Fremden. Gott liebt die Fremden, und wir sollen das auch tun.

Darum werden die Jünger wie „Lämmer unter die Wölfe“ geschickt, als Apostel an die „Enden der Welt“, also in die Fremde, wo sie in den neu gegründeten Gemeinden nicht müde werden, unter anderem zur Gastfreundschaft zu ermahnen.

2. Mehr als Apell und Moral: Das Evangelium von Jesus Christus

Machen wir uns klar: Das Gebot zur Liebe gilt radikal, es gilt gegenüber jedem Menschen. Es endet nicht an der Schuld des anderen. Das Liebesgebot endet nicht an den Grenzen unserer Liebesfähigkeit oder unserer Kraft. Wir können mit Gottes Anspruch an uns gar nicht leben ohne die Erkenntnis und das Bekenntnis: Wir haben es nicht gehalten und nicht erfüllt, und daran ist niemand schuldig als wir selbst und allein. Auch das Liebesgebot ist theologisch gesprochen Gesetz, an dem der Mensch aus eigenen Kräften nur scheitern kann.

Wer sich kirchlich engagiert, weiß, dass das nicht nur eine Lehre ist, sondern eine vielfältige und schmerzliche Erfahrung. Und gerade im Engagement für Flüchtlinge sind viele schmerzliche und enttäuschende Erfahrungen zu verkraften. Im Umgang mit anderen, aber eben auch an den Grenzen dessen, was man selbst vermag.

Wenn wir nichts als das Liebesgebot gegenüber den Fremden hätten, müssten wir daran verzweifeln. Aber das Gebot, die Fremden zu lieben, kommt zu uns nicht allein, sondern es kommt zu uns mit Christus, mit seiner Verheißung der Vergebung und mit seiner Verheißung der Kraft des Heiligen Geistes.

Dies hat weitreichende Konsequenzen für das Selbstverständnis des kirchlichen Dienstes. Denn das Evangelium ist eine Befreiung auch von religiösen Illusionen.

Das Evangelium befreit uns von der Vorstellung, wir müssten antreten, um mit unserer Gerechtigkeit die Welt zu erlösen. Erlösung können wir nicht und ist auch nicht unser Werk, sondern Christi Werk.

Das Evangelium befreit uns auch von der Vorstellung, dass der Erfolg unser Tun rechtfertigen müsste oder könnte. Vor Gott ist auch scheiternde Liebe kostbar und auch die vergebliche Mühe um einen Menschen sinnvoll. Welche Tat der Liebe Früchte trägt, wird der Jüngste Tag offenbaren, wir haben nichts anderes zu tun, als das, was wir als das Gebotene erkennen, zu tun, so gut wir es eben vermögen. Das Menschlich-allzu menschliche in Allem, was wir tun, zu tragen, gehört zu dem, was uns aufgetragen ist. Allerdings: Manches, was so sinnlos erscheint wie ein Kreuzestod vor den Toren der Stadt wird vor Gott und durch Gott doch eine Kraft der Versöhnung.

Das Evangelium befreit uns auch von der Vorstellung, dass wir alleine in den Dienst gestellt sind oder auch nur als die Besserwisser der Weltgeschichte dazustehen hätten. Nein, an Jesus Christus, den Auferstandenen glauben heißt auch, daran zu glauben, dass er Menschen beruft, die sich einsetzen, auch gut und vernünftig einsetzen, innerhalb der Kirche und außerhalb der Kirche. Wenn wir von Gott das Gebot der Liebe hören, sind wir zwar als Einzelne angesprochen, aber wir stehen nicht allein, nicht als Menschen und auch nicht als Kirche. Wir sind als Christen berufen, mit allen Menschen guten Willens auf Augenhöhe zusammen zu arbeiten, da, wo ein gutes Werk für uns erkennbar und machbar wird.

Das Evangelium von Jesus Christus befreit uns von der Vorstellung, dass nur das geschieht, was in unseren eigenen Kräften steht. Wie Luther einmal sagt: nicht wir arbeiten für Gott, sondern Gott arbeitet mit uns und durch uns, aber nicht durch uns allein.

Das Evangelium befreit uns schließlich zu der Erkenntnis, das alles, aber auch alles, auch anders und besser gemacht werden könnte, liebevoller, klüger, schneller oder sorgfältiger, und wir uns das auch gegenseitig sagen dürfen. Kritisiere einen Narren, und du erntest Schimpf, kritisiere einen Weisen, und du erntest Dank, so oder ähnlich steht das schon in den Sprüchen. Wohl gehört es zur Freiheit des Evangeliums, dass die Zuschauer sich mit Kritik zurückhalten, wohingegen das Wort der Leidtragenden und Aktiven verdient, mit besonderer Aufmerksamkeit gehört zu werden.

Christus ruft uns, das Vollkommene zu erstreben und ihm nachzujagen, und doch alles Menschliche mit Barmherzigkeit zu tragen. Dafür gibt es gerade auch in der Flüchtlingsarbeit viel Gelegenheit.

3. Kirchliches Engagement und staatlicher Auftrag

Ein Einwand liegt auf der Hand: Die Einreise von Flüchtlingen in unseren Staat ist eine politische Frage, und sie betrifft auch nicht nur uns als Kirche.

Das trifft völlig zu, und das hat in der Tat weitreichende Konsequenzen.

Das erste ist, dass der Staat zwar manches Regeln und auch fordern kann, aber eins gerade nicht: Liebe. Auch Rassismus lässt sich durch Gesetze nicht wegverbieten. Allerdings kann der Staat die Mittel und Möglichkeiten von Rassisten beschränken und damit ihren Wirkungsradius und dazu ist er auch verpflichtet.

Als Kirche müssen wir als zweites stets bedenken, dass das, was uns im Herzen bindet und motiviert, die Gottestat und das Gottesgebot der Liebe, für andere Menschen völlig unverständlich sein mag und auch überhaupt kein Argument.

Weder Glaube noch Liebe können angeordnet werden. Versuche, die Gottesgebote direkt in staatliche Gesetzgebung zu übersetzen, haben stets in schrecklicher Tyrannei geendet.

Luther hat versucht, diese Problematik handhabbar zu machen durch die Unterscheidung der zwei Reiche: Im Reich des Staates darf und muss Recht und Gesetz geschützt, in der Not auch mit Gewalt durchgesetzt werden, im Reich der Kirche aber muss Freiheit herrschen, denn Glaube und Liebe können nur da leben, wo Freiheit ist.

Dies wurde später noch einmal vereinfacht, und zwar sinnentstellend vereinfacht: Die Kirche habe das Evangelium, der Staat das Gesetz. Mit dem Evangelium kann man nicht regieren, Kirche solle sich aus allen politischen Fragen raushalten. Aber wenn Luther das so gemeint hätte, dann wäre Preußen nie evangelisch geworden.

Im 19. Jahrhundert schließlich wurde das zu einer Lehre fixiert, die bis heute das Denken prägt, gerade auch im Blick auf die Flüchtlingsfrage; mit fatalen Wirkungen.

Es gibt m.E. ein rechtes und ein linkes Missverständnis der Unterscheidung von Kirche und Staat.

Das rechte Missverständnis besagt, dass Gewaltausübung und Machtpolitik nicht nur Bedingungen staatlichen Handelns, sondern das Wesen des Staates überhaupt sei. Viele Menschen denken bis heute, Politik dürfe und müsse fernab jeder Ethik, ausschließlich die eigene Macht und den eigenen Vorteil suchen. Das aber ist Machiavelli, nicht Paulus. Nicht das Eigeninteresse, sondern Recht und Frieden sind der Auftrag des Staates. Wer dem Bösen entgegentreten soll, muss das Gute kennen und wollen.

Merkwürdigerweise gehört zu diesem rechten Missverständnis die Auffassung, die Menschen hätten die Pflicht, diesem Staat bedingungslos zu gehorchen, weil er eine Anordnung Gottes ist. (Die säkulare Fassung dieser Haltung sagt: Du kannst Dich nicht äußern, weil Du von der Sache nicht genug weißt.)

Wo diese quasireligiöse Gehorsamsforderung hinführen kann, hat unser Volk auf das Schrecklichste erfahren. Natürlich haben Jesus und Paulus sich jeder Obrigkeit entgegengestellt, wo es die Wahrheit des Evangeliums unterdrückt werden sollte, und ohne diese Bereitschaft hätte es keine Reformation gegeben, keine.

Es gibt aber auch ein linkes Missverständnis der Unterscheidung von Kirche und Staat. Es teilt mit dem rechten Missverständnis die Vorstellung, der Staat sei an nichts Gutes gebunden und besagt: Staat hat Gesetz (als Mittel der Macht), aber Kirche befreit vom Gesetz - und deshalb dürfe Kirche sich über alle Gesetze hinwegsetzen, wenn es das Evangelium erfordert. So richtig evangelisch fühlt man sich erst, wenn ein Gesetz gebrochen wird, nur nicht für den eigenen Spaß sondern im selbstlosen Einsatz für andere.

Dieser Haltung zum Staat korrespondiert nicht selten, dass Kirche mit einer Grundhaltung dem Staat gegenübertritt, die anklagend und verurteilend ist. So richtig glaubwürdig findet man sich erst da, wo man alle möglichen Menschen als Mörder und Menschenjäger verurteilt hat. Weniger als der Gestus des Widerstands tut es nicht, jeder Pfarrer ein Prophet und Gerichtsprediger ins Angesicht der Staatsmacht.

Leider verliert sich unsere Glaubwürdigkeit aber in völliges Nichts, wenn unsere Bindung an das Liebesgebot zwar für die einen gilt, aber gegenüber Politikern oder Verwaltungsbeamten plötzlich völlig aussetzt.

Karl Barth, einer der Zeugen der Bekennenden Kirche, ist gewiss nicht verdächtig, zu obrigkeitshörig gewesen zu sein. Bei ihm fand ich einiges, von dem ich denke, dass es für unsere Fragestellung hilfreich ist.

In seiner Schrift: Christengemeinde und Bürgergemeinde macht er darauf aufmerksam, wie viel Christengemeinde und Bürgergemeinde gemeinsam haben. Staat und Kirche empfangen beide von Gott einen Auftrag. Der Staat oftmals, ohne das zu wissen, und doch von Gott mit der Anordnung, gemäß Römer 13 dem Bösen entgegenzutreten und den Frieden zu schützen.

Staat und Kirche wissen beide um die Fähigkeit des Menschen zum Bösen.

Mit dem Missbrauch von Macht muss darum immer gerechnet werden.

Das gilt gegenüber dem Staat. Nicht jede Anordnung ist vernünftig, nicht jeder Bescheid, der einen Stempel hat, ist deshalb auch rechtens, die unter uns, die mit und für Flüchtlinge Behördengänge gemacht haben, werden manches erfahren haben, was als Machtmissbrauch im Großen oder Kleinen verstanden werden kann. Aber gut und böse sind nie reinlich geschieden. Machtmissbrauch gibt es durchaus auch innerhalb der Strukturen eines Flüchtlingsheimes und in deren Umfeld. Wo Langeweile ist, wo Leere ist, sind Drogen nicht weit. Und wo Ohnmacht ist, ist Kriminalität nicht weit. Auch Helferinnen und Helfer oder Nachbarn eines Heimes haben legitime Sicherheitsinteressen. Wir ersparen uns viel, wenn wir an dieser Stelle nicht zu naiv sind.

Machtmissbrauch gibt es nicht zuletzt auch im Bereich derer, die helfen. Eine katholische Sozialarbeiterin machte mich darauf aufmerksam, dass auch Helfer, die in Flüchtlingsheimen mit Kindern arbeiten, sinnvollerweise ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, wie es im Zusammenhang mit der Prävention von sexuellem Missbrauch in der Jugendarbeit auch verlangt wird. Ich kenne aber auch Beispiele, wo Menschen ihre große Hilfsbereitschaft mit einem ziemlich autoritären Auftreten gegenüber jungen Pakistanis zu verbinden wussten, oder Menschen in ihrem Auftreten in einem Flüchtlingsheim jedes Gespür dafür vermissen lassen, dass sie sich an einem Ort befinden, der das zu Hause von anderen Menschen ist.

Christlich geboten scheint mir zu sein, anzuerkennen, dass der Staat nach Innnen zunächst einmal einen legitimen Auftrag hat, die Interessen aller auszugleichen und die Rechte aller Menschen zu schützen und auch nach außen nicht einfach alle Grenzen aufmachen kann, sondern die Aufnahme von Flüchtlingen praktisch regeln und strukturieren muss. Für kirchliche Mitarbeiter sollte es zum Standard gehören, dass den Vertretern des Staates mit Respekt begegnet wird, und auf Augenhöhe. Auch und gerade da, wo sie uns resigniert, erschöpft oder überfordert erscheinen. Vielfach sind ihre Informationen und Kompetenzen wichtig und interessant, und was als eine harte, aber faire Auseinandersetzung beginnt, kann sich durchaus zu einem freundschaftlichen Kontakt entwickeln. Ich höre auch von denen, die seit Jahrzehnten in der Flüchtlingsarbeit sind, dass es sich bewährt, einen guten Kontakt auf Augenhöhe mit den Vertretern von Stadt, Kommunen und Land zu pflegen. Wenn es gelingt, dass ehrenamtliche Menschen und staatliche Stellen gut und vertrauensvoll kooperieren, ist das ein großer Gewinn für alle.

4. Liebe ist ein Gebot, aber die Tat der Liebe ist ein Charisma

Wir können nicht an allen Orten lieben. Nicht jeder kann alles tun. Aber wir stellen immer wieder fest: Der Geist weht wo er will, und plötzlich brennt Menschen das Herz. Bei den einen für die Jugend, bei anderen für die Bibel, bei dritten für die Alten, bei vierten für die Musik. Und bei wieder anderen für die Armen, für die Fremden. Das finden Menschen in sich so vor. Es ist in meinen Augen ein Charisma, eine Gabe, die Gott schenkt.

Leider gehört es zum kirchlichen Brauchtum, dass Menschen dazu neigen, ihr eigenes Charisma zum Gesetz für alle zu machen. Selbst wenn es noch gar keine Verteilkämpfe gibt, immer wieder verstrickt Kirche sich darin, dass das eine Engagement gegen das andere ausgespielt wird. Das ist schade, überflüssig und ungeistlich. Paulus schreibt darüber: Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist. Es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr. Es sind verschiedene Kräfte, aber es ist ein Gott der wirkt alles in allem. (1.Kot. 12,4ff). Und V 20 Es sind viele Glieder, aber ein Leib.

Unter uns sind Menschen, denen brennt das Herz für die Fremden. Das ist ein Charisma. Dämpft nicht den Geist, heißt es in der Bibel, wir sollten dieses Charisma fördern, wo wir können. Aber wir sollten nicht dieses Charisma zum Gesetz für alle machen.

Nicht jeder kann den Einsatz für Fremde. Es muss in Ordnung sein, wenn jemand sagt: Ich bin an einer anderen Baustelle engagiert. Oder auch: Ich bin im Moment mit persönlichen Fragen so ausgelastet, dass durch den Tag kommen genügen muss. Aber gegenseitig ermutigen können wir uns immer. Auch diskutieren, was der richtige Weg ist, und wofür wir das Geld nun einsetzen wollen. Und welche Gruppe wann im Gemeindehaus Platz haben kann.

Wir können uns eines gar nicht intensiv genug klar machen: Wenn wir wollen, dass unsere Gemeinden wachsen, und das wollen auch ein vollbringen wird, dann ist es unvermeidlich, dass permanent Menschen zu uns kommen, die uns noch fremd sind und denen wir noch fremd sind. Das Überbrücken von Fremdheit gehört zu den unvermeidlichen alltäglichen Aufgaben in einer lebendigen Gemeinde, nicht weniger als das Lieder anstecken am Sonntag und das Vater unser im Gottesdienst. Bei Lichte gesehen ist das ganze Neue Testament ein Dokument der Konflikte und Probleme, die im Miteinander von einander Fremden entstehen. Den ganzen 1. Korintherbrief könnte man als Beleg dafür lesen; alles, was Paulus über das Gesetz, über die Speisegebote, über die Feiertage schreibt, und selbst das berühmte Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg handelt von genau diesem Konflikt: Die, die von Anfang an dabei waren, also einander vertraut sind, ärgern sich, dass die neuen Arbeiter der letzten Stunde, also noch Fremde, genauso belohnt werden wie die, die die Hitze des Tages getragen haben. Aber was braucht unsere müde Kirche mehr, als Menschen, die sich entzünden lassen von der Gottesliebe, die über ihre eigenen Grenzen hinausgehen und auf andere zugehen. Eine Kirche, die einlädt und in die Welt hinaus wirkt, können wir nur sein, wenn Menschen bei uns und mit uns Liebe erfahren, die reinen Herzens und an den Nöten der Menschen orientiert, tätig und wirksam wird. Wo Liebe ist, da sind nicht nur Glocken, da ist auch Anziehungskraft. Wo Anziehungskraft ist, fließen Kräfte hin und zurück.

Darum heißt, und ich schließe mit Hebräer 13,2: Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. ... und vergesst die Mißhandelten nicht, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Pfr. Albrecht Fischer, Ev. Kirchengemeinde Rheydt. Vorgetragen auf der Synode des Kirchenkreises Gladbach-Neuss am 15. November 2014. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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