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Günther van Norden, Zwischen Religion und Nation. Der Weg eines Kölner Kaufmanns von der Monarchie über die Demokratie in die Diktatur. CMZ-Verlag, Rheinbach 2012

Auf dem Buchdeckel wird der Autor nur kurz vorgestellt: „Dr. phil., emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal.“ Hinzuzufügen wäre: „Über lange Zeit Vorsitzender des Ausschusses für kirchliche Zeitgeschichte der Evangelischen Kirche im Rheinland. Dazu zahlreiche Veröffentlichungen.“ 

Solche dürren Worte möchte ich allerdings aus gründlicher Kenntnis des Autors ergänzen. Ich halte ihn für einen der wichtigsten Interpreten des deutschen Protestantismus während der Zeit des Nationalsozialismus. Dass sein Wirken und sein Einfluss noch weit darüber hinaus reichen, bewiesen Fachkollegen und -kolleginnen, die 1993 und 2008 Festschriften zu seinem 65. bzw. 80. Geburtstag gestalteten.

 

Wie ist Günther van Nordens beharrliches Interesse an der Thematik Kirchenkampf und Bekennende Kirche (BK) entstanden? In einem im Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv) erschienenen Beitrag (Titel: „Ich war ein frommer Hitlerjunge“) gab er 2006 selbst Auskunft darüber. Erstes Beispiel aus dem Jahre 1941, nach Umzug vom bombardierten Essen nach Nürnberg: „Ich lieh mir von unserem Hausmeister gern den ‚Stürmer’ aus, dessen ekelhaft obszöne Karikaturen ich neugierig betrachtete. Als mein Bruder Hans, Soldat auf Urlaub und Theologiestudent […], die Zeitung in meinen Händen sah, befahl er mir zornig, das „Schweineblatt“ sofort zurückzubringen, was ich beschämt, aber ohne jedes Verstehen tat.“

Ein Jahr später macht der damals 14jährige eine schmerzvolle Erfahrung: Sein Bruder Hans stirbt in Russland den „Heldentod für Führer, Volk und Vaterland“. „Weinend“ – so erinnert er sich – „lag ich auf dem Bett, ich hatte meinen großen Bruder sehr lieb. Kurz vor seinem Tod schrieb er an seine Mutter: ‚Wenn ich falle, dann falle ich nur in die Arme Gottes, und wir sehen uns in jener anderen Welt.’“

Treffend schildert Günther van Norden die Doppelbödigkeit seiner damaligen jugendlichen Existenz – als Mitglied im Kirchenchor wie auch in der Musikspielschar der Hitlerjugend: „Wir sangen sonntags in der schönen Stadtkirche zur Ehre Gottes und zur Freude der lutherischen Gemeinde – und samstags […] in den Celler Lazaretten zur Ehre Hitlers und zur Freude der verwundeten Soldaten.“

Die Götterdämmerung kam dann 1945 vor allem nach einem den Jugendlichen zutiefst erschütternden Erlebnis: Er sah auf der Hauptstraße in Celle die völlig abgemagerten, noch mühsam gehfähigen Überlebenden aus dem KZ Bergen-Belsen. Dies war das Schlüsselerlebnis, das ihn „aus der Unmündigkeit befreite und den Prozess eines eigenständigen, kritischen Denkens einleitete“.

 

Seit den 1960er Jahren hat dieses kritische Denken den Historiker Günther van Norden zu wichtigen Veröffentlichungen motiviert, darunter auch zur Biografie des Hunsrücker BK-Pfarrers Friedrich Langensiepen. Nun hat er eine spannend erzählte Biografie über seinen Großvater vorgelegt. Der Titel „Zwischen Religion und Nation“ greift über die Nazizeit weit hinaus. Sehr bewegend ist der Weg des konservativen Großvaters in diese Nazi-Zeit hinein. Die Frage liegt nahe: „War Opa ein Nazi?“ Günther van Norden resümiert nach sorgfältiger Recherche vieler Quellen, Dokumente und Briefe so:

Auch wenn Jakob van Norden im Sektor „Christentum und Kirche“ kein Nationalsozialist war „ […], so war doch seine geprägte Mentalität offen für viele traditionelle Muster aus dem nationalsozialistischen Weltanschauungsbrei, z.B. die irrationale Hoch- und Überschätzung des ‚deutschen Wesen’, die laut propagierte Wiederherstellung von Macht und Ehre der deutschen Nation durch den ‚Führer’ […] nach der ‚Schande von Versailles’, die Ignoranz gegenüber den liberalen Werten und politischen Leistungen der Weimarer Demokratie, die völlig unkritische Annahme des Rassebegriffs und andere Vorurteile.“

Es habe nur einen Punkt gegeben, der es erlaube zu sagen, er war kein Nazi: „Das war sein tief empfundener christlicher Glaube, der ihn veranlasste, den Nazi-Ideologen öffentlich zu widersprechen.“

 

Exemplarisch ist diese biografische Darstellung des Großvaters Jakob van Norden auch im Kontext deutscher Mentalitätsgeschichte, „repräsentativ für eine Mehrheit des konservativen Bürgertums“ wie der Autor schreibt. Im Blick auf die NS-Zeit markiere sie zugleich – „die Katastrophe des real existierenden Christentums in dieser Zeit".

 

Das Buch ist zugleich die bemerkenswerte Geschichte eines ostfriesischen Aufsteigers. Nach der Verarmung seines zuvor in Leer wohlhabenden Vaters musste der junge Jacob „in den umliegenden Dörfern Waren verkaufen, die der Vater ihm in einem Holzkasten mitgab, Zigarren, Nähgarn, Nadeln und Schustermaterialien. Manchmal musste er bei Verwandten Geld erbetteln. Er ging zum Leihhaus, um die Restbestände des Hausrats zu verpfänden, die nicht gerade lebensnotwendig waren. Er verteilte in Emden Theaterzettel, weil er dafür ein paar Groschen bekam. Schließlich musste er die reformierte Schule verlassen, da er zu oft den Unterricht versäumte. Er besuchte kurze Zeit die lutherische Schule und wurde bald danach in die Armenschule eingewiesen, da die Eltern kein Schulgeld bezahlen konnten“ (S. 9f.).

Spannend analysiert und erzählt ist der Aufstieg vom „abgebrochenen“ Volksschüler in ärmlichsten Verhältnissen zum hochgeschätzten Ehrendoktor der Kölner Universität, innovativen Kaufmann und Vizepräsidenten der Kölner Industrie- und Handelskammer.

 

1887 reist Jakob van Norden als Angestellter einer Eisengießerei ins Rheinland, nach Westfalen und Süddeutschland. Er muss Inhaber von Eisenwarengeschäften überzeugen, dass die Öfen, die er anbietet, sehr viel besser seien als die der Konkurrenz. Manchmal wird er abgewiesen, oft nicht. „Wenn er einen größeren Auftrag von einem bedeutenden Geschäft erhielt, übertrug er diesem das Alleinverkaufsrecht im Ort, so dass er bald einen festen florierenden Kundenstamm gewann. Seine Tätigkeit begann er in Wesel. Hier konnte er zwar nicht das erste Geschäft am Platze „erobern“, aber das zweite ihm empfohlene. Der jüdische Inhaber, der Jakob freundlich empfing, gab ihm einen großen Auftrag und erhielt dafür das Alleinverkaufsrecht der Öfen der Firma Schreiber/Leer, was seinem Geschäft zu großer Blüte verhalf“ (S. 17).

1892 zieht Jakob van Norden mit seiner Frau, zwei Schwestern und einem kleinen Sohn nach Köln. Hier arbeitet der aus einem frommen Elternhaus stammende in der evangelischen Gemeinde mit und repräsentiert hier bald „den Typ des Kölner protestantischen Wirtschaftsbürgers, für den die Verbindung seines tief verinnerlichten evangelischen Glaubens reformierter Prägung mit erfolgreichem wirtschaftlichen Engagement eine Selbstverständlichkeit“ ist (S. 61). Nach drei Jahren bereits wird er Presbyter und gerät mit seiner Fraktion der „Positiven“ in Gegensatz zum weit über Köln hinaus bekannten liberalen Pfarrer Carl Jatho und dessen Anhängern. In diesem Zusammenhang erwähnt Günther van Norden die jüngste Diskussion über Milieubildungsprozesse im nordwestdeutschen Protestantismus und kommt im Blick auf Köln zu dem Ergebnis: „Sicher ist eine politisch relativ geschlossene konservative, obrigkeitsgehorsame, patriotische Mentalität der Kölner Protestanten festzustellen, aber abgesehen von den ökonomisch bedingten Trennungen der Bevölkerungsschichten ließ es die schwerwiegende religiöse Aufspaltung der Gemeinde nicht zu einem „protestantischen Milieu“ kommen“(S. 67).

 

Spätestens im Kriegsjahr 1916 hat sich Jakob van Nordens deutschnationale Überzeugung irreversibel gefestigt. Seine Befürchtung, der Krieg könne verloren werden, wird durch den ihm eigenen Gottesglauben abgemildert. „Wir halten uns aufrecht in der Hoffnung“, schreibt er seinen an der Front kämpfenden Söhnen, „dass Gott Euch wieder zu uns führt und dass dann nach diesen Jahren der Sorge und des Herzeleids schöne Jahre gemeinsamen friedvollen Zusammenseins uns beschert sind.“ Sohn Hans antwortet nach einem erfolgreichen Vorstoß in Frankreich und einem Gelage mit „vorzüglichem alten Rotwein und weißem Burgunder“: „In Frankreich wird nichts geschont werden. Die Franzosen haben es auch nicht anders verdient“ (S. 82ff.).

1917 hofft Jakob van Norden, Gott werde „den Mächtigen der Erde die rechten Gedanken und den Willen geben, Frieden auf Erden zu schaffen“. Sohn Heinz zweifelt freilich genau wie der Vater daran, dass die deutschen Politiker „die Sache unseres Landes gut vertreten werden“. Günther van Norden zieht eine Zwischenbilanz: „In diesen Zeilen ist bereits die schwere Hypothek angedeutet, die die demokratischen Politiker, wie der Sozialdemokrat Scheidemann und Erzberger von der Zentrumspartei, auf sich nahmen, als sie die Verantwortung für die Beendigung des Krieges übernahmen, dessen Tragödie nicht von ihnen, sondern vor allem von der Militär-Elite zu verantworten war. Aber Hindenburg und Ludendorff zogen sich jetzt langsam zurück und überließen den Politikern den Dreck, den sie angerichtet hatten“ (S. 107).

Nach dem Krieg steigert Jacob van Norden seine kaufmännischen Erfolge. 1920 wird er Vizepräsident der Kölner Industrie- und Handelskammer. Beteiligt ist er 1929 auch an der Gründung eines Instituts für Einzelhandelsforschung an der Universität Köln – die ihm kurz darauf die Ehrendoktorwürde verleiht.

 

Von den Nationalsozialisten ist er politisch nicht weit entfernt, doch als Christ lehnt er ihre Ideologie kompromisslos ab. Als Presbyter, Kirchmeister und als Sprecher der Gruppe der „Positiven“ beweist er bei entschiedener Ablehnung der „Deutschen Christen“ (DC) eine erstaunliche Fähigkeit zum Ausgleich und zur Toleranz, z.B. als er dem religiös-sozialistischen Pfarrer Georg Fritze „1.-Mai-Gottesdienste“ ermöglicht oder zur Kirchenwahl 1932 angesichts der deutlichen Machtansprüche der DC mit der liberalen Gruppe eine Einheitsliste bildet. Diese Liste „von Recklinghausen-van Norden `Für kirchlichen Aufbau und Frieden`“ gewinnt die Wahl haushoch.

1933 motiviert er seine Söhne Karl und Heinz, in die NSDAP einzutreten. In Berlin erlebt er bei der Tagung der „Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels“, wie entschlossene Nazis den bisherigen Vorstand verdrängen – und nimmt das ohne Zustimmung, doch auch ohne Widerspruch hin. „Es ist die Haltung“, schreibt Günther van Norden, „die man wohl als repräsentativ für eine große Mehrheit derjenigen ansehen kann, die zwar nicht jubelten, aber sich beugten, die zurückwichen vor dem Ansturm der explodierenden Kräfte, die endlich an die Macht wollten – wie auch immer. Denen waren die braven Kaufleute nicht gewachsen. Sie bedrängten Jakob, die kommissarische Leitung zu übernehmen, und da die Abgesandten der Partei einverstanden waren, geschah dies so“ (S. 133).

„Als im Jahr 1935“, so notiert Günther van Norden, „das Buch des Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg ‚Der Mythus des 20. Jahrhunderts’ mit seinen wüsten Attacken gegen das Christentum zu erheblichen Protesten in den Kirchen führte, empfahl Jakob dem Presbyterium dringend, das Buch Walter Künneths „Antwort auf den Mythus“ zur Kenntnis zu nehmen. Es handelt sich hier um eine Schrift aus der Sicht der Bekennenden Kirche, in der die Angriffe des Reichsleiters Rosenberg in aller Klarheit und Offenheit zurückgewiesen wurden. Das Presbyterium folgte der Anregung […], schaffte drei Exemplare an und brachte sie in Umlauf“ (S. 76f.).

Auf die Verfolgung der Juden reagiert Jakob van Norden zwiespältig. Die „Eindämmung“ ihrer „ständig wachsenden Macht“ sei notwendig gewesen. Zwar lehnt er die damit verbundenen „Grausamkeiten“ ebenso ab wie die Zerstörung der Synagogen, doch dann folgt in seinen Erinnerungen von 1944 der verhängnisvolle Satz: „Die Juden waren mit geringen Ausnahmen durch ihr ganzes Verhalten, um ein Wort Treitschkes zu gebrauchen, unser Unglück geworden.“ Hier folgt er – so Günther van Norden – „ganz dem Vorurteil der Rassenideologie und dem ständig propagierten Antisemitismus, obwohl er doch selbst in seinem Kaufmannsleben fast immer mit Deutschen jüdischer Herkunft zusammen gearbeitet hatte, denen er Hochachtung entgegen brachte“ (S. 149).

Die Nachricht vom Tod „des Führers“ kommentiert Jakob van Norden in einer Weise, die seine politische Blindheit trotz Ansätzen von Kritik und Skepsis in erschütternder Weise verdeutlicht – ein exemplarisches Dokument!

„[…] Hitler hat zweifellos die besten und edelsten Absichten gehabt, dem deutschen Volk zu dienen, ist sich aber der Grenze seines Könnens nicht bewusst gewesen, er hat seine Kraft überschätzt. Dazu kam noch das Heer der Schmeichler, die ihn über Gebühr lobten und verherrlichten und leider, was besonders böse Folgen hatte, der Mangel jeder Kritik. Wer durfte es wagen, in Sorge um die Zukunft unseres Vaterlandes ihm entgegen zu treten, wer aus seiner Umgebung durfte eine andere Meinung haben und sie äußern? […] Wie weit die grenzenlose Lobhudelei gegangen ist, beweist ja die Tatsache, daß im Ernst behauptet wurde, Hitler sei der zweite Christus, der den ersten Christus weit überrage und in den Schatten stelle. […] Es herrschte eine namenlose Willkür. Beweis dafür sind die überfüllten Konzentrationslager. Wo war die Gerechtigkeit geblieben, die ein Volk erhöht?“

Der Großvater „nahm diesen elenden Tod so auf, wie es die Propaganda vorschrieb“, bemerkt der Enkel und macht zugleich auf die Widersprüchlichkeit der Aussagen aufmerksam: „Hitler habe seine Kräfte überschätzt, er habe keine Kritik geduldet, Kritiker seien ins KZ gekommen – also er habe sich nicht gegenüber seinen Schmeichlern behauptet. War er denn ein schwacher Führer? Das hat Jakob sicher nicht gedacht. Die Widersprüchlichkeit bleibt“ (S. 168).

Seine Furcht, „die Russen“ würden nach ihrem Sieg Deutschland überrollen, bringt Jakob van Norden wiederholt mit dem Slogan „Lieber tot als Sklave“ zur Sprache. Die Erwähnung ihrer befürchteten Anwesenheit in Celle ist eine der sehr seltenen Stellen des Buches, in denen der Autor sich im Zusammenhang der Biografie selbst erwähnt: „Um seinen jüngsten Enkel Günther, der bei seiner Mutter in Celle lebte, machte sich Jakob ebenfalls große Sorgen. Er war durch eine Kinderlähmung, die er als Zweijähriger in Köln erlitten hatte, körperlich behindert und Jakob fürchtete, dass, wenn die Russen ihren ‚teuflischen Plan’ durchführen könnten, die gesamte männliche Jugend in sibirische Zwangsarbeitslager zu verschleppen, Günther dies nicht überleben könne“ (166).

 

Nach dem Ende des „Dritten Reichs“ beginnt Jakob van Nordens Nachdenken über die „deutsche Katastrophe“. Dies führte – so der Enkel – „zu einer rationalen Anerkennung deutscher Schuld, ohne aber wohl, so darf ich vielleicht seine Texte interpretieren, in die Tiefenschichten seines Bewusstseins eindringen zu können“ (S.8). Das mehrheitliche Versagen von Christen und Kirche bezeichnet Günther van Norden insgesamt zugleich als „die Katastrophe des real existierenden Christentums in dieser Zeit“.

Da nun, wo der Großvater in seinem Denken stehen geblieben war, hat der Enkel die Geschichte konsequent zu Ende gedacht und in vielen Büchern aufgearbeitet – und das begann bereits 1945 bei der zutiefst verstörenden Begegnung des bis dato noch „frommen Hitlerjungen“ mit Überlebenden aus dem KZ von Bergen-Belsen.

Klaus Schmidt

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