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Doris Schulz/Andreas Ismail Mohr

Hamideh Mohagheghi / Dietrich Steinwede: Was der Koran uns sagt. Für Kinder in einfacher Sprache, München: Bayerischer Schulbuchverlag [auf dem Cover: Patmos], 2010, Gebunden (Bilderbuchformat, 20 x 26,5 cm). 120 Seiten, 14,90 €, ISBN 978-3-7627-0421-8

Der Koran ist das Wort Gottes, das dem Propheten Muhammad im Laufe einer Zeitspanne von 23 Jahren in arabischer Sprache offenbart wurde, so glauben es die Muslime. Das Wort Gottes ist aber nicht als die nur in eine Richtung gesprochene Stimme zu hören, sondern der Koran ist in seiner Gesamtheit vergleichbar einem Gespräch zwischen Gott und Muhammad und den Menschen, die hinter Muhammad stehen. Und das Gespräch geht hin und her mit Fragen und Botschaften, die zum Teil aus Anlässen und Situationen entstanden. In Surenteilen spricht Gott auch zu den Propheten, z.B. Abraham oder Mose, spricht aber gleichzeitig über sie hinaus zu Muhammad und dessen Gemeinde. Aus diesen Gesprächen gehen die Rechtleitung als Glaubenslehre, religiöse Pflichten und Antworten auf grundlegende Fragen über das Leben mit Gott hervor.

Die Texte des Koran sind wegen der Vielzahl der Stimmen und der Verdichtung der Gedankengänge nicht leicht lesbar. Die innigste Nähe zu Gott, so glauben die Muslime, erlangen sie erst, wenn sie den Koran in arabischer Sprache lesen oder rezitieren und die Ritualgebete in Arabisch sprechen. Damit Muslime in aller Welt aber die Botschaft des Koran verstehen,sind Übersetzungen notwendig. Jede Übersetzung in eine andere Sprache ist aber gleichzeitig eine interpretierende Deutung.

Das vorliegende Buch Was der Koran uns sagt – Für Kinder in einfacher Sprache benutzt mehrere deutsche Übersetzungen des arabischen Korans und

„übersetzt― darüber hinaus ausgewählte Inhalte behutsam in eine kindgemäße Sprache und stellt Erzählzusammenhänge her. Die muslimische Autorin und der christliche   Autor   dieses   Buches   gehen   davon   aus,   dass   eine   solche „weiterführende sprachliche Bearbeitung des deutschen Übersetzungstextes für möglich erachtet wird. Dies geschieht indes nur um des besseren Verstehens willen (vgl. Sure 43,3).

Bei der Bearbeitung der Texte wurde trotz Kürzungen und neuen Zusammenstellungen der Wortlaut der Koranverse möglichst im Sinne des Originaltextes beibehalten. Aber das Ziel ist: Kinder sollen die Texte lesen und verstehen können, ihre Aussagen für sich annehmen können.

Dietrich Steinwede, der Erzähler unter den Religionspädagogen, erzählt in einfachen, rhythmisierten und auf die wesentliche Aussagenverdichteten Sätzen die koranischen Glaubenstexte – wie er es auch in seinen zahlreichen biblischen Erzählungen für Kinder und Jugendliche tut. Er verzichtet z. B. auf die rhetorische Figur des iltifāt, das ist der Wechsel der Personalpronomina (Ich, Wir, Er, Du, Ihr) im Gespräch zwischen Gott und den Gläubigen und benutzt den Namen Gottes für Kinder verständlich in der dritten Person oder mit der Anrede Du. Die Erzählzeit ist das eindringliche Präsens.

Dieser behutsame Umgang mit den koranischen Texten ist kennzeichnend für die Erzählweise Dietrich Steinwedes. Er findet mit Einfachheit und Klarheit zu einer neuen ganz eigenen poetischen Qualität. Seine Texte ergreifen und lassen durch ihre Sprache die tiefe Empathie des Autors mit den Muslimen im gemeinsamen Glauben an den einen Gott spüren.

Eindrucksvoll seine Übertragung der schönsten Namen Gottes unter Vermeidung der sonst üblichen Substantivierungen der Eigenschaften Gottes (S. 12 bis 14). Als Beispiel für die literarische Qualität seiner Sprache sei das Kapitel Abraham und die Gestirne genannt (S. 40). Steinwede nimmt die Leser mit seinen Worten nach Sure 6, 76-79 in drei Abschnitten, Strophen ähnlich, mit hinein in den mediativen Suchprozess Abrahams nach Gott. Das gelingt ihm durch kurze Andeutung der Situation „Im Dunkel der Nacht: Ein heller Stern!“, durch den kurzen Ausruf Abrahams „Das ist mein Gott!“ Die Skandierung „Da aber – der Stern geht unter,“ lässt Abrahams Enttäuschung fast körperlich spürbar werden. In gleicher formaler Strenge wird von der zweiten Enttäuschung erzählt, auch der silberne Mond ist nicht Gott. Der dritte Abschnitt ist ein neuer seelischer Aufbruch des Gottsuchers. Mit „Dann aber bricht der Tag herein.

Hell steht die Sonne am Himmel.“ scheint Abraham endlich Gott gefunden zu haben. Mit den Worten „Dann aber am Abend: Die Sonne geht unter.“ leitet Steinwede zur erneuten tiefen Enttäuschung Abrahams über. „Nein auch die Sonne ist kein Gott! Es gibt nichts neben Gott!“ Die konsequente Benutzung von Doppelpunkt und Ausrufezeichen unterstreichen die gefühlsmächtigen Situationen Abrahams. Mit den letzten vier Zeilen lässt Steinwede Abraham schließlich erlöst und voller Freude bekennen:

 

„Nur ihm, dem Schöpfer von Himmel und Erde, ihm wende ich mich zu.

Von allem, was falsch ist, will ich nichts wissen.

Nur er ist mein Gott, nur er allein!“

 

Das Buch ist in drei große Kapitel eingeteilt mit den Themen

 

Gott und seine Schöpfung, Gesandte und Propheten, Im Glauben leben.

 

Vorangestellt wird ein Vorwort für Kinder und die Sure 1, die Eröffnende mit den Versen 1-7. (Leider fehlt der dritte Vers, siehe unten). Ein Nachwort für Eltern und Lehrerinnen und Lehrer beschließt das Buch.

Die Kapitel sind im Inhaltsverzeichnis farblich voneinander abgesetzt. Die Kapitelseiten im Buch nehmen die Farben des Inhaltsverzeichnisses wieder auf. Ein farblicher Rahmen grenzt die Texte und einige Bilder ein. Diese stammen aus Jahrhunderte alten künstlerischen Traditionen Irans, Zentralasiens und der Türkei. Das Titelbild und wenige andere wurden von Muhammad Bāqir Āqā Mīrī aus Teheran 1988 geschaffen. Einige der schönsten Namen Gottes erscheinen als arabische Kalligraphien auf den Seitenrändern außerhalb der Rahmen. Die Namen der Propheten stehen jeweils in arabischer Kalligraphie und in biblischer und koranischer Form am Anfang des jeweiligen Kapitels innerhalb der Rahmen – eine Symbolik, die auf die göttliche und menschliche Seite der Offenbarung verweist. Die Seitenzahlen stehen wiederum außerhalb der Rahmen und sind mit einem kleinen Blatt verziert.

Die gesamte Gestaltung des Buches gefällt und ist geschmackvoll. Ihre Schönheit würdigt den Inhalt.

Die beschriebene zwiefache Übersetzung wichtiger Glaubenstexte aus dem arabischen Text des Korans in die deutsche Sprache und darüber hinaus in eine Kindern verständliche Sprache gab es bisher kaum. Für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer und jeden Interessierten kann das Buch eine Heranführung an den Koran sein. Im gemeinsamen Lesen der Texte und Betrachten der Bilder sowohl Zuhause als auch im Religionsunterricht wird das Buch zu einer wertvollen Hilfe für die religiöse Bildung und Erziehung von Kindern und Schülerinnen und Schülern.

Sowohl im Vorwort für die Kinder als auch im Nachwort an Eltern und Pädagogen wird auf Abraham hingewiesen, auf den sich Juden, Christen und Muslime berufen und ihn als gemeinsamen Vater ihres Glaubens anerkennen. Die Bemerkung, dass sie „zu den großen Religionen“ gehören (Seite 5), könnte als unmaßgeblich fortfallen. (Gehören die Juden tatsächlich zu den „großen Religionen― oder doch eher die Hindus?) – Wenn es um den Gottesnamen geht, sollte schlicht erläutert werden, dass Allāh die arabische Entsprechungung des deutschen Namens Gott ist, es darüber hinaus keine Unterschiede gibt. Die bisherige Bemerkung auf S. 7 suggeriert Kindern eine Gleichsetzung von christlich und deutsch.

Das Buch soll – so die Autoren – zum Gespräch zwischen christlichen und muslimischen Kindern in gemeinsamen Unterrichtseinheiten anregen, Gemeinsames zu entdecken und Unterschiede respektieren zu lernen. Beides könne Toleranz und Achtung vor dem Glauben der anderen wachsen lassen.

Das Buch wird mit Inhalt und Gestaltung zum muslimischen Selbstverständnis und zum christlich-islamischen Gespräch in Schule und Elternhaus beitragen.

 

————

 

 

 

Bedauerlicherweise sind aber noch folgende Tatsachen anzumerken, die in einer Neuauflage unbedingt korrigiert werden sollten, damit das Buch auch für Arabischkenner zur Freude wird:

 

 

  1. Auf Seite 9 erscheint die erste Sure verstümmelt: Der dritte Vers (ar- rahmāni-r-rahīmi – „dem Erbarmer, dem Barmherzigen―) fehlt im Deutschen ganz. Dass unmittelbar vor der Gottesbezeichnung „König am Tag des Gerichts― die Eigenschaften der Barmherzigkeit Gottes betont werden, hat doch einen tieferen Sinn. (Man würde doch auch in einem christlichen Buch für Kinder nicht einfach einen Satz aus dem Vaterunser streichen!) – Auch dass die kalima, das einfache Glaubensbekenntnis, nicht genau wiedergegen ist, stört den Kenner: Statt „Und Muhammad ist sein Gesandter― (S. 104 und 105) sollte es korrekt, leicht verständlich und ganz schlicht heißen: „Muhammad ist Gottes Gesandter―

(muhammadur-rasûlu-llâhi – ohne „Und―). Was ist daran unpassend oder nicht kindgerecht?

 

  1. Etliche Kalligrafien im nastalīq-Duktus stehen viel zu schräg (z.B. auf Seite 12 bis 14, 18, 86); sie müssten um 25° im Uhrzeigersinn gedreht werden. auf Seite 40 steht der kalligrafierte Name Ibrāhīm sogar Kopf! (Dass arabische Kalligrafien spiegelverkehrt oder auf dem Kopf stehend abgedruckt werden, ist allerdings in deutschen Büchern und auf Buchumschlägen nichts Neues. Dem Verlag ist zu raten, für derartige Projekte Kalligrafiekundige heranzuziehen.) – Auf  S.  73  ist  der  arabische  Name  des  Zacharias  falsch  kalligrafiert:  Statt

*Dhakariyyā muss es Zakariyyā heißen, und die Umschrift *Zakariyā auf der Seite davor (auch S. 3) muss in Zakariyyā oder Zakarīyā korrigiert werden; auch Īsā hat auf S. 3, 5, 7 und 74 Anspruch auf langes i.

 

  1. Die Miniaturen, darunter etliche Darstellungen von Gottesgesandten (rusul) wie Jesus, Mose und der verschleierte Muhammad, sowie die Schriftelemente sind an und für sich gut gewählt. Leider gibt es einige falsche (aus anderen Büchern übernommene!) Angabe zu Bildern: Das schlichte türkische Bild auf S. 75 stammt nicht aus „Persien―. Auch die Abbildung auf S. 102 stammt nicht aus „Persien―, sondern findet sich in einem in Herat (Afghanistan) geschriebenen und bebilderten Manuskript in osttürkischer Sprache in uighurischer Schrift. – Auf Seite 96 ist ein Engel mit Posaune abgebildet. Bei diesem handelt es sich natürlich um den Auferstehungsengel Isrāfīl und nicht um den Offenbarungsmittler Gabriel, wie falsch angegeben ist!

 

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