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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

200 Jahre Preußen am Rhein I

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Klaus Schmidt

1. Französisches Intermezzo

Eine Vorbemerkung:

"200 Jahre Preußen am Rhein“ nehmen der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz“ und seine Kooperationspartner zum Anlass, das Jahr 2015 unter das Leitthema „Preußen“ zu stellen. DANKE* BERLIN ist das Motto, mit dem der Rheinische Verein an eine 200-jährige Beziehung mit Folgen erinnert. Durch das ganze Jahr hindurch sollen im gesamten Gebiet der ehemaligen preußischen Rheinprovinz verschiedenste Veranstaltungen unterschiedlichste Aspekte beleuchten. (s. Internet).

In einer Serie von Beiträgen wird transparent-online der Frage nachgehen, welche Rolle der Protestantismus in dieser ebenso spannenden wie konfliktreichen Zeit gespielt hat.

Bereits im 18. Jahrhundert hat Preußens protestantisches Herrscherhaus im Rheinland immer mehr an Einfluss gewonnen, befindet sich jedoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer heiklen in Lage. Der seit 1797 regierende König Friedrich Wilhelm III. laviert außenpolitisch zwischen dem napoleonischen Frankreich und den anderen europäischen Großmächten.

Bürgerrechte dank Napoleon

Bereits 1794 haben die Franzosen das Rheinland besetzt. Französisches Recht wird eingeführt. Drei Jahre später werden die Protestanten – auch die Juden – im zuvor katholisch regierten Köln Vollbürger und können ohne Einschränkung ihren Geschäften nachgehen. Vorher hatten sie sich auf nichtzünftige Berufe beschränken oder Strohmänner nutzen müssen. Dank technischem Fortschritt entstehen meist  protestantische fabrikmäßige Großbetriebe, und namhafte protestantische Kaufmannsfamilien wandern nach Köln ein. 1802 können die Protestanten hier ihren ersten öffentlichen Gottesdienst in einem Brauhaus feiern. Spenden für die Restaurierung der Antoniterkirche erhalten sie vom preußischen König – und sogar vom russischen Zaren. 1805 kann die restaurierte Kirche eingeweiht werden. Der reformierte Pfarrer Friedrich Wilsing textet dazu eine „von verschiedenen Tonkünstlern und Musikliebhabern“ aufgeführte Ode, in der Napoleon als Befreier gepriesen wird:

“Er ist der Große, der die Zügel
Des ganzen Staats so weise lenkt,
Es ist Napoleon der Kaiser, 
Der diesen Tempel uns geschenkt.
Er sah des Vaterlands Gefahren
Und stiftete das Konsulat,
Gab volle Freiheit den Gewissen
Und schuf das weise Konkordat.“[1]

Im Großherzogtum Berg, das Napoleon 1808 seinem Schwager Joachim Murat überträgt, reagieren protestantische Kreise enthusiastisch. Der Elberfelder Pfarrer A. H. Nourney zieht Psalm 16 zum Lobpreis heran: „Das Los ist uns gefallen aufs Liebliche“, und sein aufgeklärter Wupperfelder Amtsbruder Johann Burchard Bartels spricht gar von „Napoleon dem Großen, dem Weisen, dem Helden unserer Zeit, dem Stifter und Beschützer des neuen deutschen Bundes“.  

Im selben Jahr 1808 erhalten die Beamten in Mülheim (bei Köln) per ministeriellen Erlass zwei Gebetsformulare, lateinisch für die katholischen, deutsch für die evangelischen Gemeinden – mit der Fürbitte für Napoleon: „Kröne alle seine gemeinnützigen Unternehmungen mit einem glücklichen Erfolge. Laß uns und alle Unterthanen unseres Beherrschers, unter seiner Regierung ein ruhiges und stilles Leben führen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit!“ Nach Napoleons Erfolgen in Spanien wird 1809 eine Siegesfeier mit Gottesdiensten – „mit Absingung des Te Deum“ – angeordnet. Das Erscheinen der Beamten ist Pflicht, so die Anordnung von Bürgermeister Bertoldi. Im September lässt er den Friedensschluss zwischen Frankreich und Österreich auf Mülheims Plätzen mitteilen. „Nach dem Schluß des Vortrages“, so notiert er, „war die allgemeine dankbare Rührung unverkennbar, und ein allgemeines ‚Lang lebe Napoleon, der Friedensstifter’ stieg zum Himmel empor.“

1811 besucht Napoleon selbst Mülheim. Der ganze Ort steht samt Schützenverein und Schulkinder mit Fahnen Spalier. Auch die die evangelischen und katholischen Pastoren sind Seit an Seit erschienen. Der Kaiser wird mit Hochrufen empfangen und Bürgermeister Bertoldi legt ihm „mit Zutrauen und kindlicher Liebe unsere Huldigungen der Treue, der Ergebenheit und der Achtung“ zu Füßen, versehen mit „den aufrichtigsten Wünschen für Ihre geheiligte Person und das Glück Ihrer ausgedehnten Staaten“. Nach dem feierlichen Empfang frühstückt Napoleon beim protestantischen Fabrikanten Carl Andreae.

Als Napoleon im selben Jahr 1811 Düsseldorf besucht, werden die Einwohner Zeugen einer multireligiösen Szene: Gestützt vom katholischen Landdechanten und einem reformierten Prediger entbietet der 77jährige, hochangesehene Rabbiner Jehuda Loeb Scheuer dem Kaiser den Gruß der Düsseldorfer Geistlichkeit. Peinlich dagegen ist wenig später die Lobrede eines Staatsrats, der aus Napoleon durch falsche Aussprache statt eines der "plus grands heros" einen der "plus grand séros", eine der größten Nullen macht.

Doch aufgrund schlechter Wirtschaftspolitik und anderer negativen Auswirkungen der französischen Herrschaft lässt die Begeisterung überall im Rheinland nach. 1813 sammelt Mülheims lutherische Gemeinde „Beiträge zur Unterstützung der Freiheitskämpfer für Deutschlands Freiheit“. Auf der Sammelliste obenan steht Andreae mit 100 Reichstalern.

Überall in Deutschland wird nun mehr und mehr zum Kampf gegen Frankreich geblasen – allen voran von Ernst Moritz Ernst.

Ernst Moritz Arndt – Kriegsverherrlichung und Franzosenhass

Der auf der Insel Rügen geborene Hauslehrer und Professor in Greifswald (1769-1860) flieht vor den Franzosen nach Moskau und wird dort 1812 Sekretär des in russischen Diensten stehenden Freiherrn vom Stein. Als die russische Armee nach Preußen vordringt und sich Preußen schließlich am Krieg gegen Napoleon beteiligt, kommt Arndts große Stunde als patriotischer Poet. Er ruft zum Kampf gegen den „Antichrist“ Napoleon und die Franzosen auf, mit Titeln wie „Katechismus für den teutschen Kriegs- und Wehrmann“ oder – „Der Gott der Eisen wachsen ließ“:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
Dem Mann in seine Rechte[…]
 

Laßt klingen, was nur klingen kann,
Die Trommeln und die Flöten!
Wir wollen heute Mann für Mann
Mit Blut das Eisen röten.

Mit Henkerblut, Franzosenblut –
O süßer Tag der Rache!
Das klinget allen Deutschen gut,
Das ist die große Sache.

Laßt wehen, was nur wehen kann,
Standarten wehn und Fahnen!
Wir wollen heut' uns Mann für Mann
Zum Heldentode mahnen.

Diese 1812 entstandenen Verse stärken damals ungezählte Gleichgesinnte in ihrer Kampfbereitschaft gegen Napoleon. Sechs Jahre später wird er Professor in Bonn. Zahlreiche Schulen tragen heute noch seinen Namen, und einige seiner Lieder stehen im Kirchengesangbuch.

1814 wendet man sich nach den französischen Niederlagen und den preußischen Siegen von Napoleon ab. Als die Franzosen 1814 aus Düsseldorf abziehen, wird den preußischen Truppen dort ein Platz in der lutherischen Kirche reserviert, damit sie dort nach dem Gottesdienst eine „Kirchenparade“ abhalten können.

1815 – vor 200 Jahren – ist es dann so weit: Nach Napoleons endgültiger Niederlage wird Preußen auf dem Wiener Kongreß für Gebietsverluste im Osten mit vier Provinzen entschädigt: Sachsen, Posen, Westfalen – und Rheinland. Hier beginnt eine neue, eine preußisch-protestantische Ära.

2. Kanzel, Thron und Demokraten – der Aufstieg der Protestanten (1815)

Nach Napoleons Niederlage wird Preußen 1815 auf dem Wiener Kongreß für Gebietsverluste im Osten mit vier Provinzen entschädigt: Sachsen, Posen, Westfalen und Rheinland. Ebenfalls 1815 entsteht auf Anregung des Zaren Alexander I. zwischen ihm, dem Kaiser von Österreich und dem preußischen König die „Heilige Allianz“. Kern dieses Bündnisses von „Thron und Altar“ ist die Verabredung, die herrschaftlich verstandenen Prinzipien der christlichen Religion zur Grundlage ihrer Innen- und Außenpolitik zu machen. Demokratische Regungen werden im Keim erstickt.

Schon längst hat Friedrich Wilhelm III. Kirche und Staat in Preußen in enge Verbindung miteinander gebracht. Wie seine Vorgänger nennt er sich „König von Gottes Gnaden“. Sein durch die „Heilige Allianz“ gestärktes Sendungsbewusstsein wird in den feierlichen Worten des Erlasses spürbar, in dem er die Rheinlande 1815 als preußische Provinz deklariert:

„So habe ich denn im Vertrauen auf Gott und auf die Treue meines Volkes diese Rheinländer in Besitz genommen und mit der Preußischen Krone vereinigt. […] Eure Religion, das Heiligste, was den Menschen angehört, werde ich ehren und schützen. […] Ich werde die Anstalten des öffentlichen Unterrichts für eure Kinder herstellen. […] Ich werde einen bischöflichen Sitz, eine Universität und Bildungsanstalten für Eure Geistlichen und Lehrer errichten.“[2]

Am 23. April 1815 verliest der Koblenzer Bürgermeister vor versammelter Bürgerschaft und paradierenden Truppen das königliche „Besitzergreifungspatent“. Unter Glockengeläut und Böllerschüssen befestigt man den preußischen Adler am Rathaus. Die Stadt wird politisches und kirchliches Zentrum der Rheinprovinz, Sitz des Oberpräsidiums und des Konsistoriums.

Umstrittene Kirchen-Union(en)

Für den auf zentrale Einheit bedachten Preußenkönig sind die im preußischen Stammgebiet wie auch im Rheinland nebeneinander lebenden lutherischen und reformierten Gemeinden ein Ärgernis, das ihn bis in sein Privatleben hinein stört: Aufgrund der konfessionellen Grenzen kann er, selbst reformiert, mit seiner lutherischen Gemahlin Luise nicht gemeinsam das Abendmahl feiern. Anlässlich des 300-jährigen Reformationsjubiläums schlägt er 1817 die Union der lutherischen und reformierten Gemeinden vor. Die äußere Form will er der „weisen Leitung der Konsistorien, dem frommen Eifer der Geistlichen und Synoden“ überlassen.[3] Die Reaktionen reichen von Ablehnung und Skepsis bis hin zu Jubel und Begeisterung.

Im südlichen Rheinland vollziehen die Gemeinden in den Städten Saarbrücken, Koblenz und Trier die Union. In Kreuznach sammeln jeweils zwei lutherische und reformierte Gemeindeglieder die Unterschriften ein. In einem Bericht darüber heißt es: „Unsere kühnsten Erwartungen überstieg die Breitwilligkeit, mit welcher Arme und Reiche, Alte und Junge, der Greis wie der Jüngling, die Matrone wie die Jungfrau unseren Vorschlag unterzeichneten.“ Besonders froh waren diejenigen, die in einer reformiert-lutherischen „Mischehe“ lebten. Sie sahen „mit verdoppelter Freude auf ihre Kinder“.  

Im Oktober 1817 finden in Kreuznach zum letzten Mal getrennte Gottesdienste statt. Dann werden zwei Seile zwischen die Kirchtürme der reformierten und der lutherischen Kirche gespannt und in der Mitte verknüpft. Am Tag danach wird in beiden Kirchen mit allen kirchlichen und weltlichen Honoratioren der Gottesdienst gefeiert. Der König verleiht der Gemeinde eine goldene Gedenkmünze zur Erinnerung an die Einführung der Union.  

Nach und nach wird diese Union in den anderen Städten des südlichen und nördlichen Rheinlands erlebt. Die Menschen beginnen religiös befreiter miteinander zu leben. Doch mit den Konsistorien schränkt der König die protestantische Freiheit wieder ein.

Der staats-kirchliche Verfassungsstreit

Mit den Konsistorien, den nach der Reformation geschaffenen landesherrlichen Behörden für kirchliche Angelegenheiten, stößt Friedrich Wilhelm III. auf Widerstand; erst recht mit der Vorstellung von Synoden, in denen nur Geistliche, keine Presbyter vertreten sein sollen.

Im Rheinland kommt es daraufhin bereits 1817 zum Eklat auf der Düsseldorfer Kreissynode, zu der auch 16 umliegende Gemeinden gehören. Im königlichen „Entwurf zur Synodalordnung“ sind die Gemeindeglieder nicht vorgesehen! Und wieso soll die Synode „unter Aufsicht und Leitung der geistlichen Staatsbehörden“ beraten? Die Aufsicht stehe zwar dem Staat, die Leitung aber doch wohl der Kirche zu! Außerdem sei es nicht Sache des Staates, sondern der Synode, die zukünftige Kirchenordnung zu entwerfen, die der Staat dann bestätigen könne. Das gleiche gelte für den Superintendenten. Er dürfe nicht, wie vorgesehen, vom König auf Lebenszeit ernannt, sondern müsse von der Kreissynode gewählt werden, und zwar höchstens auf drei Jahre. Entsprechend sei die Ernennung des Generalsuperintendenten ein Recht der Landessynode und nicht des Monarchen.

Der Streit zieht sich auf mehreren Ebenen hin, bis 1835 ein Kompromiss erreicht wird: Nun sind auch „Laien“ in den Synoden vertreten. Kirchengesetzgebende Befugnis erhalten die Synoden allerdings nicht, und der Generalsuperintendent wird weiterhin vom König ernannt. Immerhin entsteht ein weiterer Verfassungsbaustein in der „Repräsentation“, einer Art größerer Gemeindevertretung, die von der Gemeinde frei gewählt wird. Aus ihren Reihen wird auch das Presbyterium gebildet. Damit ist ein „Laien“element in der Kirche festgeschrieben, das seit Luthers Rede vom „Priestertum aller Gläubigen“ längst eine Selbstverständlichkeit hätte sein müssen – wenn die landesherrlichen Verhältnisse dem nicht nach wie vor entgegen stünden.

Wie im staatlichen Bereich der Landesherr durch den Landtag sein parlamentarisches Gegengewicht findet, so wird nun das landesherrliche Kirchenregiment durch die Synoden eingeschränkt. – wenn auch im Rahmen der synodal-konsistorialen „Misch“verfassung. Dabei bildet der gewählte Synodalpräses ein Gegengewicht zum vom König eingesetzten Generalsuperintendenten.[4]

3. Friedrich Wilhelm Krummacher – der königstreue Prediger und das Elend der Weber

Der aus einer Theologenfamilie stammende berühmte Prediger Friedrich Wilhelm Krummacher (1796-1868) ist lange Jahre Pfarrer im Wuppertal, dann in Berlin und wird zuletzt (1853) Hofprediger in Potsdam. Als Anhänger der „Erweckungsbewegung“ wird er von eher rationalistisch orientierten Zeitgenossen kritisiert, am schärfsten von dem aus frommer Wuppertaler Familie stammenden Friedrich Engels (1820-95), der sehr bald nach seiner Konfirmation Abschied vom Christentum nahm.  

Friedrich Engels’ Kritik an Krummachers Predigten

Vom Übel sind für Engels vor allem Krummachers wortgewaltige Predigten. „Wo fordert denn die Bibel wörtlichen Glauben an ihre Lehre, an ihre Berichte?“ so fragt der 19-jährige. „Wo sagt ein Apostel, daß alles, was er erzählt, unmittelbare Inspiration ist? Das ist kein Gefangennehmen der Vernunft unter den Gehorsam Christi, was die Orthodoxen sagen, nein, das ist ein Töten des Göttlichen im Menschen, um es durch den toten Buchstaben zu ersetzen.“

Elberfelds berühmter Prediger – das räumt Engels in seinen „Briefen aus dem Wuppertal“ ein – sei „ein Mann von ausgezeichnetem rhetorischem, auch poetischem Talent“. Seine Predigten seien nie langweilig, Deklamation und Gestikulation seien oft passend und angebracht, zuweilen aber doch sehr manieriert und abgeschmackt. Mit seinen dramatischen Schilderungen der Hölle brächte er junge Mädchen und alte Frauen ebenso wie „entnervte Branntweinpietisten“ zum Schluchzen. Allerdings sei bei ihm gelegentlich auch vom „Gegensatz der irdischen Üppigkeit und der Niedrigkeit Christi“ und vom „Stolz der weltlichen Fürsten“ die Rede. Und würde er nicht „so allgemein reden“, würde die Regierung gewiss nicht dazu schweigen. In diesem Zusammenhang erinnert Engels daran, dass Krummacher als Student einst Freiheitslieder gesungen und 1817 am Wartburgfest teilgenommen hatte.[5]

Etliche Jahre zuvor hatte sich der Dichterfürst Goethe bereits mit Krummachers beeindruckenden Predigten beschäftigt: „Der Prediger scheint das Seelenbedürfnis seiner Gemeinde dadurch befriedigen zu wollen, daß er ihren Zustand behaglich, ihre Mängel erträglich darstellt.“ Es gehöre allerdings nicht viel dazu, die in Handarbeit versunkenen Menschen „in den Schlaf zu lullen“. Goethe fügte, Marx’ Rede vom „Opium des Volkes“[6] vorwegnehmend, hinzu: „Man könnte deshalb die Vorträge narkotische Predigten nennen.“[7]

Ganz anders angetan von dessen Botschaft als Goethe oder Friedrich Engels war der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, der Elberfeld 1833 mit seiner Gemahlin besuchte. Auf ausdrücklichen Wunsch des hohen Gastes hielt der berühmte Kanzelredner einen großen Festgottesdienst, predigte über den Tempel in Jerusalem und König David, um dann mit kühnem Schwung Deutschland samt preußischer Monarchie als „Israel der neuen Bundeszeit“ zu preisen: „Ja, Amen, jauchzen wir – schwinge dich auf, Preußens Adler, auf Fittichen des Glaubens, […] horste in dem starken Felsen Christi, und unüberwindlich wirst du sein, und der Blitz deiner Krone wird die Völker bebend machen!“ Die Anwesenden sollten ihrer Begeisterung „freiesten Raum“ geben: „So jauchze denn und frohlocke denn, was Odem hat!“ Beim Festmahl, das die Stadt Elberfeld für das hohe Paar veranstaltete, wurde der Prediger noch einmal zu einer bilderreichen, von Jubel begleiteten Huldigung hingerissen. Mitten hinein ertönte die Stimme des Kronprinzen: „Krummacher, beten Sie!“[8]

Reaktionen auf das Elend der Weber

Die Situation der Fabrikarbeiter und ihrer Kinder beschreibt Engels voll Mitgefühl – und voller Zorn über die Gefühllosigkeit der Fabrikbesitzer. Von 2.500 Kindern in Elberfeld würden 1.200 dem Unterricht entzogen und wüchsen in den Fabriken auf, „bloß damit der Fabrikherr nicht einem Erwachsenen, dessen Stelle sie vertreten, das Doppelte des Lohnes zu geben nötig hat, das er einem Kinde gibt.“ Die reichen Fabrikherren kümmere das nicht, und Kinder mehr oder weniger verkommen zu lassen, bringe „keine Pietistenseele in die Hölle, besonders wenn sie alle Sonntage zweimal in die Kirche geht“. Brustkrankheiten und Flucht in den Alkohol seien bei den Erwachsenen weit verbreitet, besonders bei den Webern: „Das Arbeiten in den niedrigen Räumen, wo die Leute mehr Kohlendampf und Staub einatmen als Sauerstoff, und das meistens schon von ihrem sechsten Jahre an, ist grade dazu gemacht, ihnen alle Kraft und Lebenslust zu rauben. Die Weber, die einzelne Stühle in ihren Häusern haben, sitzen vom Morgen bis in die Nacht gebückt dabei und lassen sich vom heißen Ofen das Rückenmark ausdörren. Was von diesen Leuten dem Mystizismus nicht in die Hände fällt, verfällt dem Branntweintrinken.“[9]

Der in Elberfeld erscheinende „Reformierte Anzeiger“ legt den geplagten Webern schlichteste Worte frommer Selbstberuhigung in den Mund:

Ich schätze meinen Webestuhl
Viel höher als die hohe Schul’!
Jesu halte mit mir Schul’,
Und wenn ich sitz am Webestuhl,
So unterweise mich fortan
Zu gehen auf rechter Lebensbahn! […]
Und wenn mir eine Schnur zerreißt,
So schenk’ mir Deinen sanften Geist,
Und wenn alsdann mein Garn ich schlicht’,
Sei Jesus meine Zuversicht.

Im Kontrast dazu sind im Elberfelder „Täglichen Anzeiger“ anonyme Verse über die Nutznießer des Elends zu lesen:

Prächtige Paläste sind ringsum zu schauen,
Sag doch, wo mag man sie stattlicher bauen?
Staunst du, o Fremdling? So wisse, daß hie
Thronen die Fürsten der Industrie!
Weithin über das ärmlichste Haus
Strecken sie segnend ihr Szepter aus.

4. Georg Werth – der sozialkritische Dichter

Der in Detmold geborene Georg Weerth (1822-1856) stammt aus einer alten Wuppertaler Familie. Sein Vater, Ferdinand Weerth, war Pfarrer in Homberg und Kettwig. 1805 wird er in Detmold Generalsuperintendent und –  Pestalozzis Pädagogik propagierend –  Leiter des Schulwesens. Drei Jahre später heiratet er die Predigertochter Wilhelmine Burgmann aus Mülheim an der Ruhr. Georg Weerth hat vier Geschwister: Carl wird Gymnasiallehrer, der jüngere wird Pfarrer, seine Schwester Caroline heiratet einen Pfarrer und Ferdinand Kaufmann.

Mit 14 Jahren beginnt Georg Weerth eine kaufmännische Lehre in Elberfeld. 1838 befreundet er sich mit dem Dichter Ferdinand Freiligrath, in dessen „Literaten-Kränzchen“ er mitwirkt. 1842 geht er nach Bonn, um in einer Baumwollspinnerei eines Verwandten zu arbeiten. Daneben hört er Vorlesungen an der Bonner Universität – bei dem Theologen Gottfried Kinkel und dem Altgermanisten Karl Simrock, zu deren freisinnigem Dichterzirkel er ebenfalls Zugang fndet.

1843 zieht er in englische Bradford, um dort für zweieinhalb Jahre bei einem Wollunternehmen zu arbeiten. Die Zeit dort prägt ihn nachhaltig und politisiert ihn. Über einen befreundeten Armenarzt, der in den Arbeitervierteln praktiziert, lernt er die Folgen der Industrialisierung, die Armut und Not der Arbeiter in den Textilfabriken kennen, in denen sich auch die wirtschaftliche Entwicklung und das Elend widerspiegelt, das er bereits in Elberfeld kennen gelernt hat: „Du hast nur die Augen zu öffnen, um das Leben unsres Jahrhunderts in seiner ganzen Breite, in seiner vollen Entwicklung, in seinen schrecklichsten Kontrasten vor dir zu sehen.“[10] Die Begegnung mit Friedrich Engels vertieft seine Erfahrungen.

Der besorgten Mutter schreibt er, wohl zu ihrer Beruhigung: „Unter meinen Freunden gelte ich für einen sehr Bibelbewanderten, was daher wohl kommen mag, daß ich sehr gern in dem ehrwürdigen Buch lese, und daß meine Gewohnheit ist, mir häufig einen schönen Psalm mit lauter Stimme vorzulesen. Zu den Leuten, welche stets die Gottseligkeit im Munde führen, gehöre ich nicht. Oft mag man mich für einen Spötter gehalten haben. Das ist nicht wahr! […] Wenn ich mich jemals über etwas lustig machte, so geschah dies nur über das Lächerliche.“[11]

Georg Weerth schließt in England nicht nur Freundschaft mit Friedrich Engels, sondern auch mit Karl Marx, dem er 1845 während eines Aufenthalts in Belgien begegnet – Grund genug für Sorgen und Befürchtungen in der bürgerlichen Heimat. Er reagierte darauf mit einem ebenso liebevollen wie energischen Brief an die Mutter: „Ich muss dich ein für allemal bitten, mich meinen eigenen Weg gehen zu lassen; Du kannst aber versichert sein, daß ich alles in der reinsten Absicht tue. Ich gehöre zu den ‚Lumpenkommunisten’, welche man so sehr mit Kot bewirft und deren einziges Verbrechen ist, daß sie für Arme und Unterdrückte zu Felde ziehen. […] Da ist mein sehr lieber Freund Fried. Engels aus Barmen, der hat ein Buch zugunsten der englischen Arbeiter geschrieben[12] und die Fabrikanten mit vollem Recht gegeißelt. Sein eigner Vater hat Fabriken in England und Deutschland. Nun ist er mit seiner Familie schrecklich zerfallen; man hält ihn für gottlos und verrucht, und der reiche Vater gibt seinem Sohn nicht einen Pfennig mehr zum Unterhalt.“[13]

Weerth löste sich in der Folgezeit nicht nur von der Kirche, sondern auch vom christlichen Glauben und schließt sich der kommunistischen Bewegung an. Vom Ausland aus verfolgt er auch die politische und soziale Entwicklung in Deutschland mit unablässiger Anteilnahme. Empört über die brutale Niederwerfung des Weberaufstands in Schlesien und großes Elend unter Bauern im lippischen Land schreibt er sein „Hungerlied“[14]:

Verehrter Herr und König,
Weißt Du die schlimme Geschicht’?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.

Und am Mittwoch mussten wir darben,
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
wir fast den Hungertod!

Drum lass am Samstag backen
Das Brot, fein säuberlich –
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!“

In der Folgezeit arbeitet Weerth für das von Marx und Engels 1846 gegründete „Kommunistische Korrespondenz-Komitee“ und den „Bund der Kommunisten“. 1848 erlebt er in Frankreich den Ausbruch der Revolution. Im April 1848 ging er mit Engels und Marx nach Köln, hilft dort bei der Gründung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ und wird der erste sozialistische Feuilletonist in Deutschland. Nach der gescheiterten Revolution führen ihn Geschäftsreisen von 1849 bis 1856 nach Europa, Westindien und Südamerika. 1856 stirbt er – im selben Jahr wie der von ihm verehrte Heinrich Heine – in Havanna an Gelbfieber. Eineinhalb Jahre später schreiben Marx und Engels an Ferdinand Lassalle: „Über den Verlust von Weerth trauern wir immer noch.“

 

 

[1] Ebd., S. 113.

[2] „An die Einwohner der mit der preußischen Monarchie vereinigten Rheinländer“, 5.4.1815, zit. in: Adolf Klein/Justus Bockmühl, Weltgeschichte am Rhein erlebt - Erinnerungen des Rheinländers Christoph Wilhelm Sethe aus der Zeit des europäischen Umbruchs, Köln 1973, S. 18.

[3] Zit. in Hans Joachim Schoeps, Preußen. Geschichte eines Staates. Frankfurt/Berlin 1981, S. 353. Der König setzte sich mit seinem Freund und Berater, dem in Potsdam amtierenden Hof- und Garnisonsprediger Ruhlemann Friedrich Eylert zusammen und regte per Kabinettsordre diese Kirchenunion an, „in welcher die reformierte nicht zur lutherischen und diese nicht zu jener übergeht, sondern beide eine neu belebte, evangelische Kirche im Geist ihres Stifters werden“. Zum Folgenden vgl. auch Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl., Köln 2007, S. 87-90.

[4] Vgl. Jörg van Norden, Kirche und Staat im preußischen Rheinland 1815-1838. Die Genese der Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung vom 5.3.1835, SVRKG 102/1990, S. 266-295. – Im übrigen Preußen erfolgte in den 1820er Jahren die volle Durchführung landesherrlichen Summepiskopats: Der protestantische König wurde „oberster Bischof“ (summus episcopus) – ein letzter Sieg des fürstlichen Absolutismus.

 

[5] Friedrich Oswald [Friedrich Engels], Briefe aus dem Wuppertal, I, in: Telegraph für Deutschland, hrsg. v. Karl Gutzkow, Verlag Hoffmann und Campe, März 1839; [MEW, Bd. I, S. 415], zit. in: Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl. Köln 2007, S. 93.

[6] Für Marx waren die Dimensionen der Illusion und des Protestes mit dem Begriff der Religion verbunden: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. […] Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. [… Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt“ (Karl Marx, „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosohie“, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, Berlin 1961, S. 378).

[7] Goethes sämtliche Werke, hrsg. von E. v. d. Hellen, Bd. 38, S. 210f, zit. in: Schmidt, a.a.O., S. 93.

[8] Friedrich Wilhelm Krummacher, Eine Selbstbiographie, Berlin 1869, S. 149f, zit. in: Schmidt, a..O., S. 93f. 

[9] Oswald, Briefe, s.o., S. 36. Zit. Schmidt, a.a.O., S. 94. Dort auch die folgenden Verse.

[10] Georg Weerth, Sämtliche Werke, Bd. III, Berlin 1957, S. 54, zit. in: Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl. Köln 2007, S. 97f.

[11] Georg Weerth, Brief an seine Mutter vom 28.7.1843, zit. ebd. 

[12] Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Leipzig 1845. [Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 2, Berlin 1972, S. 225 – 506.]

[13] Georg Weerth, Brief an seine Mutter, Brüssel, 19.7.1845, in: Schmidt, a.a.O., S. 98.

[14] Zit ebd., S. 99.

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