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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

„Verwurzelt – Christen in Palästina und die Rolle der Kirchen“

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Gerhard Dilschneider

Tagung im Haus Ohrbeck, 28.2.- 2.3.2014

Beitrag zur Tagungseinheit:

„Das Kairos Palästina Dokument, internationale Reaktionen und das weltweite Kairos-Netzwerk“

Die folgende Ausarbeitung fragt nach der Reaktion aus dem deutschen Kontext zum Kairos Palästina Dokument

1.) Deutsches Kairos Palästina-Solidaritätsnetz

Die weitgehend lauwarme, zurückhaltende und wenig überzeugende Reaktion von Kirchen, Gruppen oder Einzelpersonen in Deutschland auf das „Kairos-Palästina Dokument“ (KPD) hat dazu geführt dass bundesweit aktive Initiativen, Netzwerke und engagierte Personen im Juli 2012 das „Kairos Palästina-Solidaritätsnetz“ gegründet haben.

Unter dem Dach des ökumenischen Netzwerks „Kairos Europa“ will das Kairos-Palästina Solidaritätsnetz die ausdrückliche Bitte palästinensischer Kirchenführer unterstützen, den Kirchen und Gemeinden in der Bundesrepublik das Unrecht der Besatzung Palästinas durch Israel stärker ins Bewusstsein zu rücken und nach Wegen zu dessen Überwindung zu suchen.

Als erste Schritte wurden drei AGs gebildet: eine AG erarbeitete eine bereits veröffentlichte Argumentationshilfe zum Kairos Palästina Dokument, eine Gruppe befasst sich mit BDS und eine dritte Gruppe mit den in Deutschland diskutierten theologischen Fragen.

2.) Vorbemerkung

… zum Kairos Palästina Dokument (KPD)

Die inhaltlichen Aussagen und Stellungnahmen aus Deutschland zum KPD in der hier zur Verfügung stehenden Zeit vorzustellen, ist ein schwieriges Unterfangen. Dabei geht es nicht einfach darum, die vorliegenden Texte auf ihre zustimmende oder ablehnende Tendenz bzw. auf deren theologische oder menschenrechtliche Begründung hin zu untersuchen, zumal der KPD Text selbst unterschiedliche Themen und Ebenen anspricht.

… zum deutschen Kontext

Der Text wurde über den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf  verbreitet und trifft seit dem Jahr 2010 in Deutschland, historisch bedingt, auf eine besondere Befangenheit und, dadurch bedingt, auf eine äußerst heterogenen Bandbreite von Adressaten und Interessenten. Dies unterscheidet die kirchliche und politische Landschaft bei uns von der anderer Länder.

Kennzeichen dieser 'Landschaft' sind:

a.) die historische Verantwortung der Deutschen für die Geschichte des Holocaust. Eng hinein verflochten ist die korrespondierende und geschickt vom Staat Israel seit 1948 gebetsmühlenartig verbreitete Narrativ seiner Gründungsmythen. Dazu gehört aber auch die Wiederholung des „ganzen Arsenals der israelischen Selbstviktimisierungsideologie - also der Selbstdarstellung der Israelis als Opfer. “ (siehe Moshe Zuckermann in einem Kommentar zum Auftritt des EU Parlamentspräsidenten Schulz in der Knesseth);

b.) die Bemühungen der deutschen Kirchen und Gemeinden, vor diesem Hintergrund mit dem Judentum eine neue Beziehung aufzubauen. Im kirchlichen Kontext geschieht dies insbesondere durch den christlich-jüdischen Dialog und einer den inneren Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament betonenden „Theologie aus dem christlich-jüdischen Dialog“ (sog. „Nach-Auschwitz-Theologie“)

 c.) die Ausrichtung der deutschen Politik gegenüber Israel am Ziel der Wiedergutmachung und dem nicht erst seit Frau Merkel geprägten Begriff  der 'Staatsraison', der ungeachtet systematischer und vorsätzlicher Verletzungen des Menschen- und Völkerrechts Israels gegenüber der Palästinensern die Deutschen kollektiv zu unbedingter Loyalität zum Staat Israel in die Pflicht nimmt. Jede Infragestellung oder erst recht jeder Widerspruch zu dieser Politik wird mit dem vorschnellen Vorwurf des 'Antisemitismus' – kräftig geschürt von der sehr aktiven Israel-Lobby – verunglimpft.

Das Thema 'Israel-Palästina' weckt in Deutschland außerordentlich viele und hochbrisante emotionale Reaktionen. Emphatische oder auch nur in Teilen zustimmende Äußerungen zum KPD haben es darum sehr schwer, sich gegen den kirchlichen und politischen Mainstream zu behaupten und setzten sich bei israelkritischen Äußerungen dem Vorwurf des Antisemitismus oder gar dem Verdacht aus, die Existenz des Staates Israel in Frage zu stellen. All dies belastet den deutschen Diskurs zu den politischen und biblisch-theologischen Aussagen sowie in Bezug auf die Handlungs-vorschläge des KPD ganz erheblich und blockiert weithin eine unvoreingenommene Reaktion.

Wollen wir dem Anliegen des KPD und seiner Autoren einigermaßen gerecht werden, müssen wir uns möglichst unvoreingenommen auf den Text des KPD einlassen und erst einmal die Bereitschaft mitbringen, gedanklich nachzuvollziehen, was die Autoren zu ihrer verzweifelten Lage uns zu sagen haben. Es geht darum, ihre politischen Situation zur Kenntnis zu nehmen, zu hören und offen zu sein für ihre biblisch-theologische Argumentation, in ökumenischer Solidarität darüber einmal in Ruhe nachzudenken und schlussendlich zur Kenntnis zu nehmen, was sie uns aus ihrer Situation heraus an Handlungsmöglichkeiten anbieten.

Das KPD ist ein „Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe“, ein Hilfeschrei der Christen und Christinnen aus Palästina und ein Aufruf zu Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit. „Das Dokument fragt die internationale Gemeinschaft, die politisch Verantwortlichen in der Region und die Kirchen in aller Welt nach ihrem Beitrag zur Unterstützung der Freiheitsbestrebungen des palästinensischen Volkes.“ Es gilt, sich die zentrale Aussage des KPD an die Kirchen vor Augen zu halten:

„Unsere Frage an die Brüder und Schwestern in den Kirchen lautet: Könnt Ihr uns helfen unsere Freiheit zurückzuerlangen ? Denn das ist die einzige Möglichkeit, beiden Völkern zu Gerechtigkeit, Frieden, Sicherheit und Liebe zu verhelfen.“ Denn „wir sind müde zu warten, wir sind der Reden und Versprechen müde.“ Damit verbunden war ist Bitte, „keinen theologischen Deckmantel für das Unrecht anzubieten, unter dem wir leiden...“ [6.1].

Um nichts anderes geht es den Geschwistern in Palästina:

„Könnt Ihr uns helfen unsere Freiheit zurückzuerlangen?“

Diese für die Menschen existentielle Frage des KPD trifft nun in den vorliegenden Stellungnahmen aus Deutschland auf den oben erwähnten „jüdisch-christlichen“ bzw. „deutsch-israelischen“ Diskurs, der, was die nötige Unvoreingenommenheit betrifft, auf weite Strecken zu wünschen übrig lässt. Deshalb muss man sich die verschiedenen Reaktionen und Autoren genauer anschauen, wobei es, wie schon kurz dargestellt, sowohl um die institutionellen Verlautbarungen als auch die kirchlicher Verbände und Einzelpersonen geht.

3.) Aufstellung der deutsche Reaktionen (siehe Anhang)

4.) Reaktionen

Angesichts der zahlreichen veröffentlichten Texte kann es in diesem Teil nur um sehr kurze  und grobe Zusammenfassungen gehen, wobei die auf die Bibel bezogene Auseinandersetzung hier kaum Berücksichtigung findet. Der Schwerpunkt liegt auf dem Bereich der evangelischen Kirche, weil hierzu die meisten Stellungnahmen vorliegen. Dabei werden Formulierungen aus der Veröffentlichung „Wenn ein Glied leidet – leiden alle Glieder mit ? Eine Argumentationshilfe zum Kairos-Palästina-Dokument“ , Reihe: Kleine Texte 59, AphorismA Verlag, Berlin, 2013) übernommen.

1. Amtskirchliche und theologische Stellungnahmen

In einen sehr knapp gehaltenen Brief vom Februar 2010 bestätigt Bischof Schindehütte, Hauptabteilung Ökumene und Auslandsarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den Eingang des KPD, zitiert Psalm 40 („...hört mein Schreien...“), nimmt den Text als „Ruf an uns“ wahr und tritt den „Geschwistern in Christus im Heiligen Land zur Seite...“. Ohne Andeutung irgendwelcher Konsequenzen.

Dem entspricht, dass aus dem Bereich der leitenden Kirchenleute und Gremien der EKD zu keiner Zeit Bemühungen erkennbar waren, auf das KPD hinzuweisen oder zur Beschäftigung damit in Kirchen und Gemeinden anzuregen. Im Gegenteil wurde „eine unkommentierte Veröffentlichung oder ein unkommentiertes Verweisen auf dieses Dokument ...für nicht...möglich gehalten.“ (Altbischof  Dr. J. Friedrich).

Die Evangelischen Mittel-Ost Kommission (EMOK) der EKD nimmt Stellung und versichert, das Anliegen von KPD „ernst zu nehmen“ und nimmt den Aufruf  „dankbar“ und mit „großer Aufmerksamkeit“ entgegen. Dann folgen eine Reihe von „Anfragen und Vorbehalte“: bezweifelt wird, ob „die Besetzung die einzige Ursache für die Not des palästinensischen Volkes“ ist, es werden „dringend rechtsstaatliche Strukturen“ in der palästinensischen Gesellschaft angemahnt.

Das führende administrative Gremium der Evangelischen Kirche in Deutschland, die Kirchenkonferenz, übernimmt wortwörtlich den EMOK Text. Damit ist die Rezeption auf dieser Ebene und eine mögliche Auseinandersetzung dann auch zu den Akten gelegt.

Die Stellungnahmen aus dem evangelischen amtskirchlichen und theologischen Bereich weisen eine Fülle formelhafter Glaubenssätze auf. Darüber hinaus eine Vermischung, ja Verwirrung der Begriffe, wenn es um die Beschreibung und Bewertung des Konfliktes geht. In den Texten trifft man immer wieder auf die Begriffe wie: „Israel das Heilige Land“, „das Land Gottes wird zum Erbe Israels“,„das jüdische Land“, „das Land der Verheißung“, „die bleibende Erwählung Israels und die Bundestreue Gottes mit dem gelobten Land als elementarem Bestandteil der Bundesschlüsse“ und „Bund und Land gehören zusammen“.

Diese Aussagen werden als zentrale Inhalte des Evangeliums bewertet. Zwischen „Israel“ (dem Staat) und der „Judenheit“ (dem Träger der Erwählung) wird nicht differenziert. So glaubt die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland, in der Errichtung des Staates Israel „ein Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk“ zu sehen. Solche biblisch-theologischen Referenzen finden sich prominent in allen kirchlichen Stellungnahmen. Sie helfen jedoch bei der Beurteilung des Konflikts in keiner Weise weiter und vernachlässigen, ja verschleiern die politische Realität vor Ort. Denn die Begrifflichkeiten, die aus der Tradition der Glaubensgeschichten gespeist sind, verschieben den Konflikt auf eine historisch fragwürdige, irrationale, metaphysische Ebene und blockierten eine politische Lösung, so lange, sie nicht im historisch-politischen Kontext eindeutig bestimmt werden.

Dazu schreibt der Rabbiner Michael Bollag, Co-Leiter im Züricher Lehrhaus für Judentum, Christentum und Islam:

„Mitten in einem territorialen Konflikt wird mit religiösen Texten argumentiert, um Legitimitäts-ansprüche zu begründen. Eine solche Verabsolutierung biblischer Sätze und damit deren politische Instrumentalisierung jenseits jeglicher historischer und theologischer Analysen der Kontexte...verunmöglichen jeden politisch-rationalen Diskurs....Denn aus den biblischen Landverheißungen können keine politischen Aussagen abgeleitet werden.“ (Bollag).

 Mit der Formulierung „Wir bitten sie [die Kirchen] darum, gegen Ungerechtigkeit und Apartheid aufzustehen“ (Zitat aus der Einleitung des KPD) haben die „Autoren von KPD bewusst den Begriff „Apartheid“ benutzt zur Beschreibung der Situation. Damit beziehen sie sich auf das 1985 im Anti-Apartheid-Kampf entstandene 'Kairos - Dokument'. Dieser Text war mehr als ein Plädoyer für den Boykott Südafrikas, nämlich ein theologisch fundierter Aufruf, in einer Bekenntnis-Situation, in der mit der Apartheid die Menschenwürde der Schwarzen und damit Gottes Recht systematisch verletzt wurde, in Wort und Tat entschieden zu widerstehen. Kairos Palästina handelt in der Tat von einer solchen Bekenntnis-Situation. Die meisten Kritiker nehmen diesen Zusammenhang nicht zur Kenntnis...(Argumentationshilfe, S. 36)

...Mit der von KPD formulierten Klage über die Folgen israelischer Besatzung („Unterdrückung, Vertreibung, Leiden und Apartheid“ (siehe die Einführung in das KPD) will man sich nicht auseinandersetzen, sie wird lediglich abgewehrt. An der Grenze zum Zynismus bewegt sich Michael Volkmann, der Beauftragte für das christlich-jüdische Gespräch in der Evangelischen Landeskirche Württemberg: Besatzung sei für ihn schlicht „eine zwar nicht wünschenswerte, aber auch nicht grundsätzlich zu verhindernde Tatsache.“ (S.31) Der Theologe Wengst schreibt mit selbstsicherer Empörung: „Israel wird zum Apartheidsstaat erklärt, das ist unerträglich.“

Die Evangelische Mittel-Ost Kommission (EMOK) erklärt, die Assoziationen zum Kampf gegen die Apartheid und der Vergleich mit dem Kairos Dokument aus Südafrika von 1985 wird als „problematisch“ abgelehnt, weil dies „ideologisierend“ wirken kann (S. 36). Die  Synode er Evangelischen Landessynode Baden kritisiert, dass KPD „den Zionismus in die Nähe des Rassismus und ebenso den Staat Israel in die Nähe des Apartheidsstaates Südafrika“ rückt und distanziert sich von diesen Assoziationen als „unsachgemäß und politisch verfehlt.“ Bei diesen Äußerungen wird von den Kritikern geflissentlich oder aus Unkenntnis übersehen, dass sich das KPD mit dem Begriff 'Apartheid' auf die UN-Apartheid-Konvention Bezug nimmt, welche den systemischen Charakter eines Unrecht definiert.

Erfreulich ist, dass die Evangelische Kirche im Rheinland sich in einem 'Diskussionsimpuls' dazu durchringt ein sofortiges Ende der Besatzung zu fordern....“ (S. 32) (Zitate aus der Argumentionshilfe)

„Gegenüber der im KPD formulierten Klage über die politische Realität, die das Leiden der Palästinenser unter der Besatzung verursacht, flüchten sich viele kritische Reaktionen in den Vorwurf der Einseitigkeit und der mangelnden Kritik an die palästinensische Adresse. KPD ist für den Theologen Schieder „frappierend selbstgerecht“, weil dem Text „ein Bekenntnis eigener Schuld fehlt“. (S. 41) Im Bereich des Landeskirchen wird der Vorwurf der 'monokausalen' Erklärungen der palästinensischen Probleme erhoben, man werde der 'Komplexität' der Situation nicht gerecht oder es wird unkritisch die israelische Version der Geschichte übernommen.“(Argumentationshilfe, S.40)

„In fast allen kirchlichen Reaktionen war man vorrangig darum bemüht, im Rückgriff auf Elemente der traditionellen evangelischen Israel-Theologie die Anfrage und vor allem die Herausforderung zum Handeln abzuwehren. Regelmäßig wird zwar Mitgefühl mit den Palästinensern geäußert, aber grundsätzlich kann es danach heißen: „Das Anliegen, das die Verfasser des Aufrufs bewegt, berührt uns auch. Gleichwohl teilen wir nicht die theologische Begründung und die Konsequenzen, die in diesem Aufruf enthalten sind.“ (Argumentationshilfe, S. 24)

Der im KPD formulierte Aufruf  [4.26] zu handeln und einen Boykott (BDS) als gewaltfreien Widerstand in Erwägung zu ziehen, wird in den kirchlichen Stellungnahmen immer mit dem Hinweis auf das Nazi-Regime („Kauft nicht bei Juden“) als völlig unsachgemäß bezeichnet. In der EMOK Stellungnahme wird  BDS als „nicht zu akzeptieren“ rundweg abgelehnt. Es wird allerdings gefragt: „Welche anderen Solidaritätsmaßnahmen zugunsten des palästinensischen Volkes sind denkbar ?“, was darauf hindeutet, dass man sich selbst keine weiteren Gedanken zu dem Problem machen muss, obwohl es am Schluss des Textes heißt: „Wir können den Aufruf aber als 'Kairos' verstehen im Sinne von: Jetzt ist es Zeit zum Handeln !“ Es wird an keiner Stelle des Textes jedoch erkennbar, dass dies zu praktische Konsequenzen führen sollte.

Jamal Khader, einer der Mitverfasser des KPD bemerkt dazu: „Der Boykottaufruf stieß auf Kritik, aber bitte sehen Sie den Unterschied zwischen Juden in Europa und Palästinensern unter israelischer Besatzung, das ist ein grundverschiedene Situation...und lässt sich nicht vergleichen.“ (Zitat aus einem Interview in „Der Semit 2/2011).  Die kirchlichen Stellungnahmen machen sich nicht die Mühe, diese Differenzierung herauszuarbeiten und wahrzunehmen. Im evangelischen Raum hat sich auf der Ebene von Kirchenleitung und Theologie – anders an der Basis von Gemeinden und Gruppen – kaum jemand in Deutschland mit der oben zitierten Bitte der Autoren  („Könnt ihr uns helfen, unsere Freiheit zurück zurück zu erlangen?“) wirklich angesprochen gefühlt.

Zu den wenigen Stimmen, die sich ausdrücklich mit KPD solidarisieren gehört der Jerusalemsverein („Kairos ist eine unerwartet geschenkte Gunst der Stunde“) und die Gruppe der Solidarischen Kirche im Rheinland, die sich trauen, den BDS Aufruf zu übernehmen und dafür zu werben.

„ Eine bemerkenswerte Ausnahme stellte Oberkirchenrat Jens Nieper dar, 2011 Nahostreferent im Kirchenamt der EKD. Kairos Palästina ist keine „dogmatische Grundlegung, kein dogmatisches System“, es ist „ein Wort von Betroffenen“, „ein Aufruf, der zur Bewegung werden will“. Nieper hat die Herausforderung treffend auf den Punkt gebracht: „Das Kairos-Palästina-Dokument fordert zu einem Überdenken unserer „aus dem christlich-jüdischen Dialog erwachsenen theologischen Positionen“ auf. Die Verknüpfung theologischer Positionen mit dem kirchlichen Handeln angesichts des Nahostkonflikts macht für Kairos Palästina ihre Problematik aus. Die westlichen Kirchen werden kritisiert, insofern sie taub sind für die Stimmen derer, die unter Besatzung und Vertreibung leiden, und damit das Unrecht zulassen bzw. unterstützen, das den Palästinensern widerfährt“. (Zitat aus der Argumentationshilfe) 

Er hat sogar den befreiungstheologischen Charakter des Textes ernst genommen: An die Theologie und die komplementäre Praxis, nämlich das Schweigen der westlichen Christenheit zum Leiden der palästinensischen Glaubensgeschwister, richtet sich die kritische Anfrage. Kairos Palästina ist „keine dogmatische Grundlegung, kein dogmatisches System“, es ist „ein Aufruf der Betroffenen“ und „ein Aufruf, der zur Bewegung werden will.

2. Zusammenfassung der Stellungnahmen aus diesem Bereich:

Die EKD und ihre Gliedkirchen haben nach Erscheinen des KPD zunächst auf allen Ebenen höchstunzureichend und zum Teil verständnislos reagiert.Es brauchte erst mehrere Anläufe von Initiativgruppen,um Aufmerksamkeit für das KPD zu wecken.

Die amtskirchlichen Stellungnahmen betonen erst einmal die Verbundenheit der Christen und Kirchen mit dem Judentum. Man „bezeugt Gottes bleibende Erwählung Israels“, die Schuldverstrickung mit dem Holocaust und bekräftigt die uneingeschränkte Solidarität zu Israel („...als mit dem Volk Israel verbundene Kirche...“). Das israelische Narrativ wird unkritisch übernommen. Von dieser als selbstverständlich angenommenen Position aus werden alle anderen Fragen und Positionen im KPD beurteilt und abgehandelt. Wahrgenommen wird zwar die Klage der Palästinenser über ihre Lebensumstände; jedoch: „...den Schrei der Hoffnung...“ wahrzunehmen ist Eines...“, aber „die historischen Zusammenhänge und die Realität zu analysieren und zu deuten ist ein Anderes...“. Kritik an den dargelegten politischen und sozialen Fakten geht ausschließlich an die Adresse der Palästinenser; ihnen wird vorgeworfen, „sie dramatisieren die Verhältnisse“. Besserwisserische Belehrungen und paternalistische Untertöne (wie in der Stellungnahme der Evangelischen Mittel-Ost Kommission [EMOK] ) sind keine Seltenheit.

In einigen Stellungnahmen wird betont, dass die partnerschaftlichen Beziehungen zu Institutionen und Projekten in Palästina Bestandteil der ökumenischen, diakonischen und missionarischen Arbeit bleibt. Bischof Jung von der EKHN bekräftigt in einem Schreiben an Rifat Kassis (vom 7.4.2011): „Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln wollen wir weiterhin Projekte, Initiativen und Gruppen fördern, die für einen gerechten Frieden in der Region eintreten.“

„ Kairos Palästina hatte ausdrücklich auch die verhängnisvolle Rolle westlicher Theologie thematisiert. Versatzstücke aus der „Theologie aus dem jüdisch-christlichen Dialog“ müssen als Begründung für diese Abwehr herhalten. Zwar wird in aller Regel Mitgefühl geäußert. Ein zielgerichtetes öffentliches Wort der Anwaltschaft, das auf die entscheidende Frage „Könnt ihr uns helfen, unsere Freiheit zurückzugewinnen“, antwortet bzw. eine entsprechende Aktion ist jedenfalls ausgeblieben. Ein trauriges Zeichen mangelnder Solidarität setzte der Evangelische Kirchentag: Er hat sich in Dresden und in Hamburg geweigert, Kairos Palästina auf die Tagesordnung zu setzen. Damit ist die Herausforderung erst einmal abgewehrt und man muss sich nicht weiter damit beschäftigen.

Aufs Ganze gesehen ist das KPD zwar wohlwollend aber von den deutschen evangelischen Kirchen nicht wirklich aufgenommen worden, es ist deshalb auch in den Gemeinden nicht angekommen. So wird der Eindruck erweckt, dass das Dokument hinreichend diskutiert wurde und damit erledigt sei.

Es bleibt daher Aufgabe der Basis, Kirchenleitungen und Theologen zu drängen, die Fragen von Kairos Palästina endlich aufzunehmen und Jamal Khader's Aussage zu folgen: „Wir fordern die deutschen Kirchen auf, mehr Mut zu zeigen.“

Aus dem aus dem Raum der Katholischen Kirche liegen zwei Stellungnahmen vor:

Eine Erklärung des Exekutivausschusses Pax Christi International und Stellungnahme der Vize-Präsidentin von Pax Christi sowie die empathische und differenzierte Stellungnahme des katholischen Theologen, Prof. Freise („Gewaltfreier Widerstand als dritter Weg für Palästina ?“), von der Katholischen Hochschule NRW, die aber nie veröffentlicht wurde.

Anmerkung:

Ob die Deutsche Bischofskonferenz der Katholischen Kirche oder Diözesen zu dem KPD Stellung genommen haben, ist uns nicht bekannt.

3. Kirchliche Initiativgruppen und Verbände

Aus diesem Bereich liegen eine ganze Reihe erfreulicher Reaktionen vor, die KPD durchgängig begrüßen, sich auf das kritische Gespräch einlassen, durchaus auch Anfragen formulieren, sich aber grundsätzlich in empathischer Weise mit dem Anliegen von KPD solidarisieren und versprechen, in ihrem eigenen Umfeld den Schrei der Schwestern und Brüder bekannt zu machen.

Die Gründung des Kairos-Palästina Solidaritätsnetzwerk ist ein Ergebnis dieser Initiativgruppen.

Dazu nur einige wenige Beispiele:

Der Theologische Arbeitskreis in Ostfriesland schreibt an das Leitungsgremium des Reformierten Bundes: „Wir verstehen das Kairos Dokument als einen Hilferuf von Menschen, die in Not sind, denen das Wasser bis zum Hals steht, die zu ertrinken drohen. Es reicht nicht aus, von der sicheren Brücke aus dem Ertrinkenden zuzurufen, 'sein Anliegen ernst zu nehmen, seinen Aufruf dankbar und mit großer Aufmerksamkeit entgegenzunehmen'. Nach unserer Meinung kann es nur eine Option geben: die Hand ausstrecken und konkret helfen.“

Der Exekutivausschuss von Pax Christi begrüßt KPD und würdigt die theologischen Aussagen und den Aufruf zum BDS als eine Konsequenz aus den Vorgaben des Menschen- und Völkerrechts.

Das Ökumenische Begleitprogramm für Palästina/Israel (EAPPI) betont, wie wichtig es ist, der Aufforderung von KPD zu folgen „...kommt und seht...“

Das Friedens-Forum Ethik der Evangelischen Landeskirche Baden stellt ihre Reaktion auf das KPD unter der Überschrift „Nur wer für die Palästinenser schreit, ist wirklich mit Israel solidarisch“.

Der Internationale Versöhnungsbund, deutscher Zweig, veröffentlichte das KPD und zeigt sich in einer Stellungnahme „beeindruckt und berührt von der Theologie der Feindesliebe und des gewaltfreien Widerstandes und sieht „in diesem Dokument und dem Geist, in  dem es geschrieben wurde, einen wichtigen Friedensbeitrag.“ Der VB äußert Bedenken zum Boykottaufruf, will jedoch den Diskurs dazu weiterführen und verpflichtet sich „eure Stimme hier in Deutschland noch breiter bekannt zu machen...“.(VM MV, 2010)

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft reagiert mit „Empörung“ über die Veröffentlichung, das Leitmotiv ist „Bosheit“, sie weist darauf hin, dass das KPD die Verhältnisse „dramatisiert“, „den Terror der Hamas verharmlost“ und bescheinigt dem KPD „Unkenntnis historischer Zusammenhänge“ und  „scheintheologische Argumente“. Der Boykottaufruf ist „verwerflich“ und das Dokument macht „billige Stimmung gegen Israel“.

Die Tatsache, dass eine Reihe kirchlicher Initiativgruppen und Verbänden durchaus kritisch, aber in den Grundzügen empathisch, verständnisvoll und engagiert zum KPD Stellung genommen haben, ist ein Hinweis darauf, dass diese freien Initiativen innerhalb der kirchlichen Großstrukturen dringend gebraucht werden. Sie können die Sorgen und Nöte von Geschwistern in ökumenischer Solidarität kompetent, unbefangen und entschlossen aufnehmen und widersetzen sich damit volkskirchlicher Verflachung, Routine und einer bestimmten Interessenpolitik. Darüber hinaus stoßen sie dringend notwendige Lernprozesse an und sind damit eine charismatische und innovative Bewegung innerhalb der unbeweglichen Strukturen.

Anhang zu 3.) Zusammenstellung der Stellungnahmen und Reaktionen

(Einzelheiten dazu in der Argumentationshilfe)

In der Argumentationshilfe „Wenn ein Glied leidet – leiden alle Glieder mit ?“ findet sich im Anhang eine Auflistung von über 60 Stellungnahmen und Reaktionen, die dem Netzwerk vorliegen.

Dazu kurz einen Überblick der Reaktionen:

1.) Gesamtkirchliche Ebene

Kirchenkonferenz der EKD , die Evangelische Mittelost-Kommission (EMOK), die Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchen (ein Zusammenschluss lutherischen Kirchen in Deutschland)

und eine Stellungnahme des Reformierten Bundes.

Ebene der evangelischen Landeskirchlichen

Es liegen acht Texte aus den evangelischen Landeskirchen in Baden, Kurhessen-Waldeck, Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Hessen-Nassau, der Pfalz, Pommern, des Rheinlands und

Württemberg vor. 12 haben sich nicht geäußert: Anhalt, Bayern, Braunschweig, Bremen, Lippe,  Mitteldeutschland, Nordelbien, Mecklenburg, Sachsen, Schaumburg-Lippe, Westfalen).

3.) Evangelische Freikirchen

Zwei – die Evangelisch-Methodistische Kirche und die Religiöse Gesellschaft der Freunde, die Quäker, haben Stellung genommen.

4.) Kirchliche Basisgruppen/Verbände/Missionsgesellschaften

Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg – das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI), Evangelischer Verein für die Schnellerschulen, Forum Friedensethik in Baden, Jerusalemverein, Kairos Europa, Erklärung des Exekutivausschusses Pax Christi International und Stellungnahme der Vize-Präsidentin von Pax Christi;

5.) Sonstige Organisationen

Vier Stellungnahmen Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit – Internationaler Versöhnungsbund

6.) Stellungnahmen einzelner Personen

24 Vertreter von Organisationen wie DIG, Theologieprofessoren und Rabbiner, kirchenleitende Persönlichkeiten in Vorträgen, Artikel in Zeitschriften, Aktivisten für Israel/Palästina, kirchlicher Mitarbeitende engagiert am Thema.

Bekannt ist uns eine einzige emphatische und differenzierte Stellungnahme eines katholischen Theologen, Prof. Freise „(Gewaltfreier Widerstand als dritter Weg für Palästina ?“), von der Katholischen Hochschule NRW, die aber nie veröffentlicht wurde.

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