TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

8-2015

„Jesus sagt: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!“

Bewertung: 4 / 5

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Christian Hartung, Predigt über Lk 6,36, 28.6.15 Kirchberg

Liebe Gemeinde!

Am 5. Dezember 1943 versammelten sich im Kopenhagener Dom Hunderte von Menschen zu einem besonderen Gottesdienst. Der Prediger sprach an einer Stelle auch über die Barmherzigkeit, unser heutiges Thema also. Und er fand dafür einen Ausdruck, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „das Grundgesetz im Reich Christi“.

Wenige Monate vorher hatten auch in Dänemark die Judenverfolgungen begonnen. Doch die meisten dänischen Juden konnten mit Fischerbooten ins sichere Schweden geschafft werden. Nachbarn haben ihre Nachbarn versteckt und ihnen zur Flucht geholfen. Und die Pfarrer haben von allen Kanzeln ein Hirtenwort ihrer Bischöfe verlesen, das heftig gegen die Judenverfolgung protestierte. Die Juden sind genauso dänische Bürger wie alle anderen auch, hieß es in diesem Hirtenwort – und Jesus selbst war doch Jude.

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200 Jahre Preußen am Rhein IV

Bewertung: 3 / 5

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Klaus Schmidt

9. Kirche, Staat und Freiheitskämpfe

Eine Vorbemerkung:

"200 Jahre Preußen am Rhein“ nehmen der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz“ und seine Kooperationspartner zum Anlass, das Jahr 2015 unter das Leitthema „Preußen“ zu stellen. DANKE* BERLIN ist das Motto, mit dem der Rheinische Verein an eine 200-jährige Beziehung mit Folgen erinnert. Durch das ganze Jahr hindurch sollen im gesamten Gebiet der ehemaligen preußischen Rheinprovinz verschiedenste Veranstaltungen unterschiedlichste Aspekte beleuchten. (s. Internet).

In einer Serie von Beiträgen geht transparent-online der Frage nach, welche Rolle der Protestantismus in dieser ebenso spannenden wie konfliktreichen Zeit gespielt hat.

 

Im Verlauf der Demokratiebewegung von 1848/49 verkündet die deutsche Nationalversammlung im März 1849 in Frankfurt eine von ihr erarbeitete Reichsverfassung und wählt den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser. Die Demokraten lehnen das ab – der König allerdings auch. Den Frankfurter Abgeordneten will er sagen: „Ihr da habt gar nichts zu bieten; das mach’ ich mit Meinesgleichen ab; jedoch zum Abschied die Wahrheit: Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!”  Auch die Bitte des greisen Abgeordneten Ernst Moritz Arndt um Annahme der Krone lehnt der König mit dem Hinweis auf sein „Gottesgnadentum“ heftig ab. Es sei ein „Halsband der Knechtschaft“, durch das er „der Revolution zum Leibeigenen gemacht werden würde“. In einem anderen Brief nennt er die angebotene Krone eine „Schweinekrone“, eine „Wurstbrezel“, nicht von Gottes Gnaden, „sondern von Meister Metzger oder Meister Bäcker“. Sie sei “schlimmer wie die Kölnische Narrenkappe, denn die legt man ab nach dem Fasching, und sie entehrt nicht, jene aber brandmarkt“.[1]

Die Demokraten in Deutschland sind empört – auch im Rheinland. Im Mai 1849 verweigern Landwehrmänner in Elberfeld, Düsseldorf und Krefeld den Dienst. Als der König überdies noch das Mandat der preußischen Abgeordneten in der Frankfurter Nationalversammlung für beendet erklärt und mit militärischen Maßnahmen droht, werden in Elberfeld Barrikaden gebaut. Ratsmitglieder und begüterte Familien fliehen aus der Stadt. In Gräfrath und Iserlohn werden die Zeughäuser gestürmt und Waffen erbeutet. In Düsseldorf – dort war der König im August 1848 ausgepfiffen und mit Pferdemist beworfen worden – werden 18 Menschen vom Militär getötet. Die Hoffnungen auf ein weiteres Anwachsen der Aufstandbewegung in der Rheinprovinz erfüllen sich aber nicht. Stattdessen wird dort der Belagerungszustand verhängt.

Kirchliche Reaktionen auf die rheinische Aufstandsbewegung

Die meisten protestantischen Pfarrer stehen fest an der Seite des Königs. Der Elberfelder Immanuel Sander, der nach der Märzrevolution gegen die „wild-chaotisch durcheinander brausenden Elementarkräfte des Volkes“ zu Felde gezogen war, die „die heiligen, von Gott gestifteten Ordnungen zerreißen möchten“, fragt seine Gemeinde: „Wird das Maul, das so ungescheut die Majestät lästert und wider Gott im Himmel steif, stolz und höhnisch redet, so ungestraft fortreden und alles vernichten?“ Beim König mahnt er Stärke an. Unter Abgeordneten der Nationalversammlung stellt er „Gegner des biblischen Christentums“ fest und äußert Verachtung über „Polen, Italiener und Juden, die jetzt Minister werden können“.[2]

Über die Niederschlagung des Aufstands in Düsseldorf schreibt Karl Krafft, der dortige Pfarrer, Kirchenhistoriker und spätere Mitbegründer des Bergischen Geschichtsvereins „zur Erinnerung an die göttliche gnädige Bewahrung“ ins Protokollbuch des Presbyteriums: „In der Nacht von dem 9ten auf den 10. Mai 1849 wurde der Turm der größeren Kathedrale mit Gewalt von den Aufrührern eröffnet und während der ganzen Nacht Sturm geläutet, so wie es auch in anderen Kirchen der Stadt geschehen ist. Erst gegen Morgen, als die Truppen Sr. Majestät des Königs von Preußen den Sieg erhalten hatten, wobei von den Soldaten keiner, von den Aufrührern aber mehrere, und zwei Personen aus unserer Gemeinde todt geblieben waren, wurde der Turm, auf welchen auch zur Vertheidigung eine Menge Steine hinausgetragen waren, von den Empörern geräumt.“ Über die Beweggründe der Aufständischen oder gar über die Toten verliert der Pfarrer kein Wort, wohl aber über die Glocken, die – so hofft er – „nie mehr in gleicher oder ähnlicher Weise entweiht und missbraucht werden.“[3]

Das kirchliche Verdammungsurteil über den Aufstand im Wuppertal ist ziemlich einhellig. Ludwig Feldner zieht in seinen Predigten gegen ihn zu Felde, hat zum Gottesdienst die Glocken geläutet, ja sich sogar im Glockenturm verschanzt, um Geläute für die Revolution zu verhindern. Und Pfarrer Hermann Friedrich Kohlbrügge, Gründer der Elberfelder „niederländisch-reformierten Gemeinde“, teilt am 17. Mai dem Bankier Johannes Wichelhaus, einem Neffen des Bankiers Daniel von der Heydt, erleichtert mit, sein Onkel sei bedrohlichen Beschimpfungen der Elberfelder Aufständischen glücklich entkommen: „Heute Vormittag waren er und seine Frau und Kinder doch alle beruhigt, und diesen Abend waren wir alle in der Kirche. Kein Haupt fehlte. Ist das nicht eine alttestamentliche Errettung?“[4]  

Schon 1848 nach der Märzrevolution hatten die Radevormwalder reformierten Pfarrer Ernst Friedrich Ball und Daniel Gottlieb Müller den „Aufruhr“ als „Werk des Teufels“ bezeichnet.  Nach einem Maschinensturm in Solingen  verschärfen sie ihr Verdammungsurteil, beziehen jedoch herzlose und ausbeuterische Fabrikherren mit ein: „Die wüthenden Arbeiter, die Fabriken und Maschinen zertrümmern, der arbeitslose und arbeitsscheue Pöbelhaufen, dessen gieriges Auge nach Beute und Plünderung lechzt […] – sind sie nicht die Ruthe in der Hand des Herrn, womit er den stolzen Hochmuth, die herzlose Härte, die blutsaugerischen Erpressungen, den maßlosen Versuch so mancher Reichen, Vornehmen und Fabrikherren züchtigt, die den Lohn ihrer Arbeiter inne hielten, den Schweiß und das Blut der Armen verprassten und im stolzen Übermuth die Schinder der Armen waren.“[5]

Die Kritik an den üblen Praktiken der Reichen und Unternehmer entspricht ganz der calvinistischen Sozialethik, die den Reformierten aufgrund des „Heidelberger Katechismus“, des Bekenntnisbuches der reformierten Kirche, von Jugend an bekannt ist. Darin werden in der Auslegung des achten Gebotes („Du sollst nicht stehlen“) unter Verweis auf viele Bibelstellen „böse Stücke und Anschläge“ aufgezählt, „womit wir unseres Nächsten Gut, gedenken an uns zu bringen, es sei mit Gewalt oder Schein des Rechts (als unrechtem Gewicht, Elle, Maß, Ware, Münze, Wucher) oder durch irgendein Mittel, das von Gott verboten ist; dazu auch allen Geiz und unnütze Verschwendung seiner Gaben“.

10. Gottfried Kinkel – Theologe, Kunsthistoriker und Revolutionär

Deutschland im Jahr 1848. Nach einer Erhebung in Wien, die Staatskanzler Fürst Metternich ins Exil zwang, stehen Bauern und Handwerker in Süddeutschland auf, erzwingen Leipziger Demokraten  vom sächsischen König die Einsetzung einer liberalen Regierung. In Solingen zerstören Arbeiter mehrere Gießereien und Häuser mißliebiger Fabrikanten. In Elberfeld kommt es zu Angriffen auf Fabriken und sogar auf das Rathaus, in Krefeld zu Erhebungen der Seidenweber. In Berlin hat Friedrich Wilhelm IV. die „Träume seiner Jugend“ beschworen und die Beseitigung aller Zollschranken sowie Pressefreiheit versprochen, gleichzeitig aber alle verfügbaren Truppen zusammengezogen. Sein Lieblingsmotto: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“. In Bonn hält der bei Handwerkern wie bei Studenten populäre Gottfried Kinkel, erster Professor für Kunstgeschichte in Deutschland, flankiert von den Professoren Ernst Moritz Arndt und Friedrich Dahlmann, eine flammende Rede, die die Provinzstadt in stürmische Begeisterung versetzt.

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