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200 Jahre Preußen am Rhein IV

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Klaus Schmidt

9. Kirche, Staat und Freiheitskämpfe

Eine Vorbemerkung:

"200 Jahre Preußen am Rhein“ nehmen der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz“ und seine Kooperationspartner zum Anlass, das Jahr 2015 unter das Leitthema „Preußen“ zu stellen. DANKE* BERLIN ist das Motto, mit dem der Rheinische Verein an eine 200-jährige Beziehung mit Folgen erinnert. Durch das ganze Jahr hindurch sollen im gesamten Gebiet der ehemaligen preußischen Rheinprovinz verschiedenste Veranstaltungen unterschiedlichste Aspekte beleuchten. (s. Internet).

In einer Serie von Beiträgen geht transparent-online der Frage nach, welche Rolle der Protestantismus in dieser ebenso spannenden wie konfliktreichen Zeit gespielt hat.

 

Im Verlauf der Demokratiebewegung von 1848/49 verkündet die deutsche Nationalversammlung im März 1849 in Frankfurt eine von ihr erarbeitete Reichsverfassung und wählt den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser. Die Demokraten lehnen das ab – der König allerdings auch. Den Frankfurter Abgeordneten will er sagen: „Ihr da habt gar nichts zu bieten; das mach’ ich mit Meinesgleichen ab; jedoch zum Abschied die Wahrheit: Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!”  Auch die Bitte des greisen Abgeordneten Ernst Moritz Arndt um Annahme der Krone lehnt der König mit dem Hinweis auf sein „Gottesgnadentum“ heftig ab. Es sei ein „Halsband der Knechtschaft“, durch das er „der Revolution zum Leibeigenen gemacht werden würde“. In einem anderen Brief nennt er die angebotene Krone eine „Schweinekrone“, eine „Wurstbrezel“, nicht von Gottes Gnaden, „sondern von Meister Metzger oder Meister Bäcker“. Sie sei “schlimmer wie die Kölnische Narrenkappe, denn die legt man ab nach dem Fasching, und sie entehrt nicht, jene aber brandmarkt“.[1]

Die Demokraten in Deutschland sind empört – auch im Rheinland. Im Mai 1849 verweigern Landwehrmänner in Elberfeld, Düsseldorf und Krefeld den Dienst. Als der König überdies noch das Mandat der preußischen Abgeordneten in der Frankfurter Nationalversammlung für beendet erklärt und mit militärischen Maßnahmen droht, werden in Elberfeld Barrikaden gebaut. Ratsmitglieder und begüterte Familien fliehen aus der Stadt. In Gräfrath und Iserlohn werden die Zeughäuser gestürmt und Waffen erbeutet. In Düsseldorf – dort war der König im August 1848 ausgepfiffen und mit Pferdemist beworfen worden – werden 18 Menschen vom Militär getötet. Die Hoffnungen auf ein weiteres Anwachsen der Aufstandbewegung in der Rheinprovinz erfüllen sich aber nicht. Stattdessen wird dort der Belagerungszustand verhängt.

Kirchliche Reaktionen auf die rheinische Aufstandsbewegung

Die meisten protestantischen Pfarrer stehen fest an der Seite des Königs. Der Elberfelder Immanuel Sander, der nach der Märzrevolution gegen die „wild-chaotisch durcheinander brausenden Elementarkräfte des Volkes“ zu Felde gezogen war, die „die heiligen, von Gott gestifteten Ordnungen zerreißen möchten“, fragt seine Gemeinde: „Wird das Maul, das so ungescheut die Majestät lästert und wider Gott im Himmel steif, stolz und höhnisch redet, so ungestraft fortreden und alles vernichten?“ Beim König mahnt er Stärke an. Unter Abgeordneten der Nationalversammlung stellt er „Gegner des biblischen Christentums“ fest und äußert Verachtung über „Polen, Italiener und Juden, die jetzt Minister werden können“.[2]

Über die Niederschlagung des Aufstands in Düsseldorf schreibt Karl Krafft, der dortige Pfarrer, Kirchenhistoriker und spätere Mitbegründer des Bergischen Geschichtsvereins „zur Erinnerung an die göttliche gnädige Bewahrung“ ins Protokollbuch des Presbyteriums: „In der Nacht von dem 9ten auf den 10. Mai 1849 wurde der Turm der größeren Kathedrale mit Gewalt von den Aufrührern eröffnet und während der ganzen Nacht Sturm geläutet, so wie es auch in anderen Kirchen der Stadt geschehen ist. Erst gegen Morgen, als die Truppen Sr. Majestät des Königs von Preußen den Sieg erhalten hatten, wobei von den Soldaten keiner, von den Aufrührern aber mehrere, und zwei Personen aus unserer Gemeinde todt geblieben waren, wurde der Turm, auf welchen auch zur Vertheidigung eine Menge Steine hinausgetragen waren, von den Empörern geräumt.“ Über die Beweggründe der Aufständischen oder gar über die Toten verliert der Pfarrer kein Wort, wohl aber über die Glocken, die – so hofft er – „nie mehr in gleicher oder ähnlicher Weise entweiht und missbraucht werden.“[3]

Das kirchliche Verdammungsurteil über den Aufstand im Wuppertal ist ziemlich einhellig. Ludwig Feldner zieht in seinen Predigten gegen ihn zu Felde, hat zum Gottesdienst die Glocken geläutet, ja sich sogar im Glockenturm verschanzt, um Geläute für die Revolution zu verhindern. Und Pfarrer Hermann Friedrich Kohlbrügge, Gründer der Elberfelder „niederländisch-reformierten Gemeinde“, teilt am 17. Mai dem Bankier Johannes Wichelhaus, einem Neffen des Bankiers Daniel von der Heydt, erleichtert mit, sein Onkel sei bedrohlichen Beschimpfungen der Elberfelder Aufständischen glücklich entkommen: „Heute Vormittag waren er und seine Frau und Kinder doch alle beruhigt, und diesen Abend waren wir alle in der Kirche. Kein Haupt fehlte. Ist das nicht eine alttestamentliche Errettung?“[4]  

Schon 1848 nach der Märzrevolution hatten die Radevormwalder reformierten Pfarrer Ernst Friedrich Ball und Daniel Gottlieb Müller den „Aufruhr“ als „Werk des Teufels“ bezeichnet.  Nach einem Maschinensturm in Solingen  verschärfen sie ihr Verdammungsurteil, beziehen jedoch herzlose und ausbeuterische Fabrikherren mit ein: „Die wüthenden Arbeiter, die Fabriken und Maschinen zertrümmern, der arbeitslose und arbeitsscheue Pöbelhaufen, dessen gieriges Auge nach Beute und Plünderung lechzt […] – sind sie nicht die Ruthe in der Hand des Herrn, womit er den stolzen Hochmuth, die herzlose Härte, die blutsaugerischen Erpressungen, den maßlosen Versuch so mancher Reichen, Vornehmen und Fabrikherren züchtigt, die den Lohn ihrer Arbeiter inne hielten, den Schweiß und das Blut der Armen verprassten und im stolzen Übermuth die Schinder der Armen waren.“[5]

Die Kritik an den üblen Praktiken der Reichen und Unternehmer entspricht ganz der calvinistischen Sozialethik, die den Reformierten aufgrund des „Heidelberger Katechismus“, des Bekenntnisbuches der reformierten Kirche, von Jugend an bekannt ist. Darin werden in der Auslegung des achten Gebotes („Du sollst nicht stehlen“) unter Verweis auf viele Bibelstellen „böse Stücke und Anschläge“ aufgezählt, „womit wir unseres Nächsten Gut, gedenken an uns zu bringen, es sei mit Gewalt oder Schein des Rechts (als unrechtem Gewicht, Elle, Maß, Ware, Münze, Wucher) oder durch irgendein Mittel, das von Gott verboten ist; dazu auch allen Geiz und unnütze Verschwendung seiner Gaben“.

10. Gottfried Kinkel – Theologe, Kunsthistoriker und Revolutionär

Deutschland im Jahr 1848. Nach einer Erhebung in Wien, die Staatskanzler Fürst Metternich ins Exil zwang, stehen Bauern und Handwerker in Süddeutschland auf, erzwingen Leipziger Demokraten  vom sächsischen König die Einsetzung einer liberalen Regierung. In Solingen zerstören Arbeiter mehrere Gießereien und Häuser mißliebiger Fabrikanten. In Elberfeld kommt es zu Angriffen auf Fabriken und sogar auf das Rathaus, in Krefeld zu Erhebungen der Seidenweber. In Berlin hat Friedrich Wilhelm IV. die „Träume seiner Jugend“ beschworen und die Beseitigung aller Zollschranken sowie Pressefreiheit versprochen, gleichzeitig aber alle verfügbaren Truppen zusammengezogen. Sein Lieblingsmotto: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“. In Bonn hält der bei Handwerkern wie bei Studenten populäre Gottfried Kinkel, erster Professor für Kunstgeschichte in Deutschland, flankiert von den Professoren Ernst Moritz Arndt und Friedrich Dahlmann, eine flammende Rede, die die Provinzstadt in stürmische Begeisterung versetzt.

Gottfried Kinkel (1815-1882), Pfarrersohn aus Oberkassel, wurde Theologe, 1839 in Bonn Dozent für Kirchengeschichte, 1846 Doktor der Philosophie und als Kunsthistoriker außerordentlicher Professor. Vier Jahre zuvor heiratete er Johanna Matthieux, eine von Felix Mendelsohn-Bartholdy und Robert Schumann gelobte Komponistin und Liedpianistin.  

Der demokratische Aufbruch

Zusammen mit dem Studenten Carl Schurz[6] gehört Kinkel 1848 zu den Gründern des Bonner Demokratischen Vereins und wird ihr Präsident. Unmittelbar nach der Niederschlagung des Wiener Aufstands lässt die preußische Regierung im Oktober 1848 den Landtag auseinanderjagen, der daraufhin zum Steuerboykott aufruft. In Bonn beschließt der Demokratische Verein, die Stadttore zu besetzen, an denen Steuerbeamte von Bauern die „Mahl- und Schlachtsteuer“ kassieren. Als er wegen „Anreizung zum Aufruhr“ verhaftet wird, erhält der ermittelnde Staatsanwalt die stärkste Unterstützung von einem Bonner Theologie-Dozenten. Doch Kinkel wird wegen schlechter Beweislage freigesprochen. Er verspottet seine Gegner mir einem Gedicht –  „Des Untertanen Glaubensbekenntnis“[7]:

Stets nur treu und stets loyal
und vor allem stets zufrieden,
so hat Gott es mir beschieden,
folglich bleibt mir keine Wahl.
Ob des Staates alten Karren
Weise ziehen oder Narren,
dieses geht mich gar nichts an,
Denn ich bin ein Untertan .[…]

 Ob mein Nachbar Bauersmann,
dem Kartoffeln nur noch blieben,
wird von Haus und Hof getrieben,
weil er nicht mehr leisten kann,
was für ihre Heldentaten
haben müssen die Soldaten,
dieses geht mich gar nichts an,
denn ich bin ein Untertan.

Trotz massiver Kritik an der vom Preußenkönig oktroyierten Verfassung nimmt Kinkel im Februar 1849 an den Urwahlen zur zweiten Kammer der preußischen Nationalversammlung teil. Zusammen mit zwei Gesinnungsfreunden als Vertreter des „Bonn-Sieg-Kreises“ in die zweite Kammer einziehen, wo er der „äußersten Linken“ angehört und sich Wortgefechte mit dem Abgeordneten Otto von Bismarck liefert.  

Die „Begnadigung“ des Revolutionärs

Nach der gescheiterten Reichsverfassungskampagne nimmt Kinkel  im Mai 1849 in Baden am Befreiungskampf teil. Die aus Arbeitern, Handwerkern, Studenten und Soldaten zusammen gewürfelte Revolutionsarmee wird von der preußischen und württembergischen Militärmacht vernichtend geschlagen. Kinkel wird verwundet und gefangen genommen. Der Preußenprinz Wilhelm übt an den Truppen, die in der Festung Rastatt kapitulieren, grausame Rache. Hunderte werden erschossen oder siechen in den feuchten Kasematten der Festung dahin. Auch dem durch seine Gedichte berühmten Kinkel droht die Todesstrafe. Geistliche versuchen, ihn im Gefängnis in Karlsruhe mit Bibelsprüchen reumütig zu stimmen. „Geistliche, deren Bildungsstufe so ziemlich mit den Dominikanern des Mittelalters übereinstimmt, haben Zutritt zu ihm und bearbeiten ihn mit Bekehrungsversuchen“, schreibt Johanna Kinkel. „Mir ward eine Unterredung mit ihm hartnäckig verweigert und endlich erst auf Kinkels wiederholte Bitten in Gegenwart eines Offiziers gestattet. Die fromme Clique hatte mich als Anstifterin zur Rebellion denunziert.“[8]

In Berlin versucht die mit Johanna Kinkel befreundete Schriftstellerin Bettine von Arnim den ihr wohlwollend zugeneigten König gnädig zu stimmen: „Könnte ich sämtliche Evangelien und Episteln des Neuen Testaments zusammenschmelzen zur wahren Feuertaufe der Begnadigung Eurer Majestät für alle Bedürftigen, dann hätte ich die Überzeugung, auf die christliche Gesinnung in Eurer Majestät in rechter Weise gewirkt zu haben.“ Sodann wagt sie, mit den Beratern und Einflüsterern des Königs hart ins Gericht zu gehen: „Die den Tod eines Menschen durch Zeitungsartikel herbeihetzen, diese haben keine Liebe, weder zum König, noch als Gatten, noch als Eltern, da sie es als nichts achten, ein Familienhaupt durch ihre übermütigen Einwendungen zum Schafott zu drängen! Die da nachweisen, dass er Christus verlassen habe, während er im Kerker den dritten Teil der christlichen Kunstgeschichte vollendet.“[9]

Der König verlangt, Kinkel solle erklären, dass er seine Amtspflichten und Untertanentreue verletzt habe und nach göttlichen und menschlichen Gesetzen den Tod verdiene; dass er nun alles aufrichtig bereue und um sein Leben bitte. Bettine von Arnim weigert sich empört, Kinkel diese inquisitorischen Bedingungen mitzuteilen.

Zum Schlimmsten kommt es nicht. Der in ganz Deutschland populäre Poet und ehemalige rheinpreußische Professor wird nicht zum Tode verurteilt, sondern zum Entsetzen vieler zu lebenslanger ehrloser Haft in das inmitten einer Garnison gelegene Zuchthaus in Spandau verbracht.

Fluchthelfer Johanna Kinkel und Carl Schurz

Johanna Kinkel erhält keine Besuchserlaubnis. „Sokrates wurde frei von seinen Schülern und Freunden im Kerker besucht“, schreibt der Gefangene ihr, „Johannes der Täufer war im Kerker in stetem Verkehr mit seinen Schülern, und von Christi Kreuz trieb kein Kriegsknecht die Mutter weg.“ Gefangene besuchen zähle die Kirche unter die Werke der Barmherzigkeit, doch der christliche Staat verbietet es in seiner Hausordnung.[10]

Auf die Initiative von Johanna Kinkel wird ihr Mann durch den gemeinsamen Freund Carl Schurz auf abenteuerliche Weise aus militärisch bewachter Haft in Spandau befreit. Alle drei flüchten nach England (Schurz bald darauf in die USA). Gottfried Kinkel informiert in Vorträgen über die politische Lage in Deutschland, Johanna schreibt den Emigrantenroman „Hans Ibeles in London“ (Stuttgart 1860, Frankfurt 1991). 1858 stirbt sie, seelisch erschöpft und gesundheitlich angeschlagen. Ferdinand Freiligrath, der „Trompeter der  Revolution“, schreibt zu ihrer Beerdigung ein langes Gedicht, in dem es heißt:[11]

Ein Schlachtfeld auch ist das Exil –
Auf dem bist du gefallen,
Im festen Aug’ das eine Ziel,
Das eine mit uns allen.

Der Internationalist

1860 heiratet Kinkel die in London lebende Minna Werner aus Königsberg. 1861 beauftragte ihn die britische Regierung mit Vorträgen zur älteren und neueren Kunstgeschichte. 1863 wird er als Examinator an die Universität berufen. 1866 wird er Professor für Kunstgeschichte in Zürich.

In Deutschland ist inzwischen die Erziehung des Volkes im nationalen Geist so weit gediehen, dass Kriege als „vaterländische Pflicht“ proklamiert werden können. Der Reichskanzler und überzeugte Protestant Otto von Bismarck nutzt den machtpolitischen Ehrgeiz Napoleons III., um Frankreich in einen solchen Krieg zu treiben.

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 verursacht in der Folgezeit Tausende von Toten auf  beiden Seiten. Massengräber werden ausgehoben, Freund und Feind hineingeschichtet. Die deutschen Regimentskapellen spielen „Jesus meine Zuversicht“. Doch Deutschland hört nicht auf zu siegen. Paris wird ausgehungert und erobert, Elsaß-Lothringen „deutsches Reichsland“. Ganz Deutschland jubelt.  

Nur selten wird dem Eroberungssieg über Frankreich widersprochen. Im März 1872 löst Gottfried Kinkel mit der Bemerkung, bei einem etwaigen deutschen Angriff auf die Schweiz würde er in den Reihen der Schweizer mitkämpfen, selbst unter demokratischen deutschen Emigranten eine Welle der Empörung aus. Schärfer noch als Kinkel äußert sich der ehemalige Tübinger Theologiestudent und revolutionäre Dichter Georg Herwegh[12]:

Schwarz, weiß und rot! Um ein Panier
Vereinigt stehen Süd und Norden;
Du bist im ruhmgekrönten Morden
Das erste Land der Welt geworden:
Germania, mir graut vor dir!

Mir graut vor dir, ich glaube fast,
Daß du, in argen Wahn versunken,
Mit falscher Größe suchst zu prunken
Und daß du, gottesgnadentrunken,
Das Menschenrecht vergessen hast

11. Der Mythos Sedan

Vor dem Ausbruch des Krieges von 1870/71 gibt es im deutschen Protestantismus nur wenige warnende Stimmen. Im August 1870 fragt ein Briefschreiber in der in Leipzig erscheinenden „Zeitschrift für die gesamte lutherische Theologie und Kirche“: „Was wird die Frucht des jetzigen Kampfes sein?“ Seine eigene Antwort könnte schärfer nicht ausfallen: „Ein zur Unvermeidlichkeit werdender Militärdespotismus, der nur für seine Zwecke, nur für seine Träger Geld hat und haben kann, der die Herrschaft des Mammonismus und des Materialismus, der Genußsucht und Frivolität begünstigen muss.“ Den preußisch-österreichischen Krieg von 1866 betrachtet er rückblickend als „Anfang einer Ära, in welcher Gut und Blut der deutschen Völker zur Befriedigung dynastischen Ehrgeizes aufgeopfert wird.“[13]

Der Bremer Pfarrer Moritz Schwab fragt 1870 in Vorahnung des Kommenden in einer Predigt über Lukas 8,14 („Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden…“): „Was hat denn die christliche Kirche getan, um den nicht bloß furchtbaren, verheerenden, abscheulichen, sondern auch im höchsten Grade unvernünftigen, ungerechten, unchristlichen Krieg, der uns jetzt bevorsteht, von uns abzuwenden?  […] Die Kirche lebt ruhig in ihren Palästen, in ihren prächtigen Kathedralen, in ihren stillen Gottes- und Pfarrhäusern. Da betet und singt sie, da lehrt sie Dogmatik und Geschichte, draußen aber wütet der Krieg und herrscht das Übel.“[14]  

Mahnende Stimmen – im Rheinland werden sie nicht hörbar – stoßen weithin auf kirchliche Empörung. In Marburg und Kassel werden kritische Pfarrer von johlenden Menschen und abendlicher Katzenmusik heimgesucht. Georg Herwegh, der aus dem Schweizer Exil nach Baden zurückgekehrte, von Heinrich Heine als „eiserne Lerche“ gepriesene Poet kommentiert die wilhelminische Verbindung von Militarismus und Frömmigkeit bitter-sarkastisch:[15]

Herr Wilhelm braucht ein großes Heer,
Braucht Pulver und Patronen;
An Jesum Christum glaubt er sehr,
Doch mehr noch an Kanonen.

Die Infanterie, die Kavallerie,
Die Artillerie entfalten
Die Gottesgnadenmonarchie
In dreierlei Gestalten.

Die Heiligsprechung des „Sedan-Tages“

Das 1871 durch den Sieg bei Sedan nach einem Massaker an der Zivilbevölkerung erkämpfte, im Spiegelsaal zu Versailles aus der Taufe gehobene Deutsche Kaiserreich  wird sogleich religiös verklärt. Bei der Kaiserproklamation wirken sieben hohe Militärgeistliche mit, an der Spitze der Hofprediger in der Potsdamer Garnisonskirche Bernhard Rogge, ein Schwager des Kriegsministers Albrecht von Roon, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz am weißen Band auf dem Talar. Der einzige Zivilist im Hintergrund ist der ehemalige Berliner Polizeipräsident Wilhelm Stieber in seiner jetzigen Eigenschaft als Chef der geheimen Feldpolizei.

Im Frühjahr 1871 bitten 88 Wissenschaftler, Geistliche und Publizisten Wilhelm I., er möge „den Tag eines allgemeinen deutschen Volks- und Kirchenfestes als Stiftungsfestes des Reiches benennen“. Der Kaiser will eine obrigkeitliche Festsetzung vermeiden und ein solches Fest lieber dem „freien Antrieb des Volkes“ überlassen. Ein prominenter Patriot ist dazu motiviert: Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer der Bethelschen Anstalten. Er schlägt den 2. September vor, den Siegestag von Sedan. Nach seinem Vortrag vor dem Rheinisch-Westfälischen Provinzialausschuß für Innere Mission im Juni 1871 verbreitet der Ausschuß ein Flugblatt mit der Erklärung, an jenem Tag habe „die Hand des lebendigen Gottes so sichtbar und kräftig in die Geschichte eingegriffen, dass es dem Volke grade bei diesem Gedenktag am leichtesten in Erinnerung zu bringen sein wird, wie Großes der Herr an uns getan hat.“ Es folgen detaillierte Vorschläge: Am Vorabend sollen Glocken geläutet, Freudenfeuer angezündet und patriotische Lieder gesungen werden. Am nächsten Morgen sollen nach Kanonendonner und Glockengeläute die Krieger, voran die Träger des Eisernen Kreuzes, durch mit Fahnen und Laubwerk geschmückte Straßen zum Gottesdienst ziehen, „geleitet von der Ortsobrigkeit, gefolgt von der Schuljugend, welche dazu bestimmt ist, in zukünftigen Tagen dem Vorbild der Väter nachzustreben“. Der Geistliche – so der Vorschlag – „ermahnt zur Demut vor dem Gott, der die Geschicke der Völker leitet nach Seinem Rat, und fordert auf zu lebendigen und heiligen Dankopfern, erinnert an die Liebespflichten gegen die Witwen und Waisen und gedenket derer, die für König und Vaterland ihr Leben geopfert haben.“[16] Dieser rheinisch-westfälische Vorschlag findet großen Anklang, andere Befürworter stoßen ins gleiche Horn, und der „Sedans-Tag“ wird in den kommenden Jahren überall gefeiert.

Der „Donner des Herrn“ – eine Düsseldorfer „Sedans“-Predigt

Auch in Düsseldorf fällt Bodelschwinghs Vorschlag auf fruchtbaren Boden. Dort ist Carl Blech seit 1861 Pfarrer. Zuvor war der gebürtige Danziger Erzieher der Söhne des Prinzen zu Waldeck und Pyrmont, danach Pfarrer in St. Goar und Trier. Am 2. September 1872 verkündigt er im Gottesdienst, in der Schlacht von Sedan habe sich ein „Gottesgericht“ vollzogen. Der „Donner des Herrn“ habe an jenem Tag über Sedans Fluren gegrollt. Seine Blitze seien hernieder gezuckt, um die Franzosen niederzuwerfen. Freilich müsse der Gerichtsdonner „uns erschüttern, nicht aufblähen“. Habe man in diesem ruhmvollen Kriege denn nicht erfahren, dass Gott dem deutschen Volk seine Herrlichkeit offenbarte, damit es sehe, woher die „ununterbrochene Siegeskette“, die „wunderbaren Erfolge dieses Krieges“ gekommen seien? Der Prediger illustriert seine Frage durch den Hinweis auf einen Friedhof bei Saarbücken, auf dem im August 1870 mehr als 4000 französische und fast 5000 deutsche Soldaten begraben worden waren: „Wir stehen vor einem Kreuz, auf dem wir den Namen des Generals finden, der als Führer unserer Düsseldorfer Brigade bei der Erstürmung der festen Stellung des Feindes durchbohrt, tot zu Boden sank. Und unter dem Namen lesen wir den Spruch: ‚Rosse werden zum Streittage bereitet, aber der Sieg kommt vom Herrn’ (Spr. Sal. 21,31). Da habt ihr die Antwort auf die Frage: wem danken wir die glänzende Siegeslaufbahn?“ Mit dem dreifaltigen Appell „Treu zum Herrn!“ und „Treu zu Kaiser und Reich!“ endet Blechs Predigt, die repräsentativ ist für die überwältigende Zahl ähnlicher Siegespredigten des Jahres 1872.

 

 

[1] Zit. in: Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl., Köln 2007, S. 109.

[2] Zit. in: Ernst Schubert, Die evangelische Predigt im Revolutionsjahr 1848, Gießen 1913, S. 18, 27, 136. Vgl. auch Schmidt, a.a.O., S. 110.

[3] Zit. ebd., S. 110f. Zu Karl Krafft vgl. Hermann-Peter Eberlein, Carl Kraft. Sammler – Theologe – Historiker – Zeitgenosse, in: Hermann-Peter Eberlein (Hg.), 444 Jahre Evangelische Kirche in Elberfeld, SVRKG 127/1998, S. 79-126.

[4] Hermann Friedrich Kohlbrügge, Briefe an Johannes Wichelhaus, hrsg. von J. J. Lange, Elberfeld 1911, S. 80f; zit. in: Schmidt, a.a.O., S. 111.

[5] Ernst Friedrich Ball/Gottlob Daniel Müller (Hg.), Stimmen aus und zu der streitenden Kirche, 3. Jahrgang, Barmen 1848, S. 97; zit. in: Wolfgang Motte, Die Revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49 im Spiegel der Zeitschrift ‚Stimmen aus und zu der streitenden Kirche’, MEKGR 47/48 (1998/99), S. 48f.

[6] Zu Carl Schurz (1829-1906), später US-Politiker in hohen Ämtern, vgl. Walter Kessler, Carl Schurz. Kampf, Exil und Karriere, Köln 2006.

[7] Gottfried Kinkel, Des Untertanen Glaubensbekenntnis, zit. in: Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl., Köln, S. 144.

[8] Johanna Kinkel, Erinnerungsblätter, veröffentlicht in Deutsche Revue 1894, Heft 3, S. 346. Zit Schmidt, a.a.O., S. 145f.

[9] Zit. ebd.

[10] Ebd., S. 146. - Unter dem Eindruck drohender und vollstreckter preußischer „Standrechts“-Urteile dichtete Heinrich Heine im Dezember 1849 im fernen Paris: „Gelegt hat sich der starke Wind, / Und wieder stille wird’s daheime, / Germania, das große Kind, / Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume. / […] Gemütlich ruhen Wald und Fluß, / Vom sanften Mondlicht übergossen; / Nur manchmal knallt’s – ist das ein Schuß? / Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.“

[11] Zit. ebd., S. 147.

[12] Ebd., S. 151f.

[13] Der Brief wurde erst ein Jahr später veröffentlicht in: Zeitschrift für die gesamte lutherische Theologie und Kirche, 1871, S. 477; zit. in: Karl Hammer, Deutsche Kriegstheologie 1870-1918, München 1974 (1971), S. 20.

[14] Zit. in: Paul Piechowski, Die Kriegspredigt von 1870/71, Leipzig 1916, S 50ff. Vgl. Hammer, a.a.O., S. 21.

[15] Georg Herwegh, Herr Wilhelm, in: Helmut Lamprecht (Hg.), Deutschland, Deutschland. Politische Gedichte vom Vormärz bis zur Gegenwart. Bremen 1969, S. 180f.; Walter Grab/Uwe Friesel, Noch ist Deutschland nicht verloren. Unterdrückte Lyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung. Texte und Analysen, Berlin 1980, S. 283f.

[16] Vgl. dazu und zum Folgenden Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl., Köln, S. 150ff.

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