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„Jesus sagt: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!“

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Christian Hartung, Predigt über Lk 6,36, 28.6.15 Kirchberg

Liebe Gemeinde!

Am 5. Dezember 1943 versammelten sich im Kopenhagener Dom Hunderte von Menschen zu einem besonderen Gottesdienst. Der Prediger sprach an einer Stelle auch über die Barmherzigkeit, unser heutiges Thema also. Und er fand dafür einen Ausdruck, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „das Grundgesetz im Reich Christi“.

Wenige Monate vorher hatten auch in Dänemark die Judenverfolgungen begonnen. Doch die meisten dänischen Juden konnten mit Fischerbooten ins sichere Schweden geschafft werden. Nachbarn haben ihre Nachbarn versteckt und ihnen zur Flucht geholfen. Und die Pfarrer haben von allen Kanzeln ein Hirtenwort ihrer Bischöfe verlesen, das heftig gegen die Judenverfolgung protestierte. Die Juden sind genauso dänische Bürger wie alle anderen auch, hieß es in diesem Hirtenwort – und Jesus selbst war doch Jude.

Und nun dieser Gottesdienst im Kopenhagener Dom. Die Leute sind durch Mundpropaganda gekommen: Kaj Munk predigt! Kaj Munk, das war damals der bekannteste Pfarrer Dänemarks. Munk hat die deutsche Besatzung heftig kritisiert und seine Landsleute zum Widerstand aufgerufen. Verbotenerweise hat er seine Predigt gehalten und ist gleich darauf wieder verschwunden, bevor man ihn hätte festnehmen können.

In der Predigt sagt er: „Wenn in diesem Land eine Verfolgung gegen eine besondere Gruppe unserer Landsleute nur wegen ihrer Abstammung begonnen wird, dann ist es das christliche Recht der Kirche, zu rufen: Das widerspricht dem Grundgesetz im Reich Christi, nämlich der Barmherzigkeit. Und die Kirche muss noch weitergehen, ohne sich ermüden zu lassen; geschieht dies noch einmal, dann wollen wir mit Gottes Hilfe versuchen, das Volk zum Aufstand zu bringen.“

Ein „christliches Volk“ darf nicht einfach tatenlos dasitzen, während seine Ideale mit Füßen getreten werden, sagt er auch.

Kaj Munk konnte noch sicher aus Kopenhagen zurück nach Hause reisen. Doch wenige Wochen später wurde er von einem Killerkommando der Gestapo aus seinem Pfarrhaus abgeholt und irgendwo an der Landstraße erschossen. Hitler selbst hatte befohlen, wichtige Persönlichkeiten zu töten, die in Dänemark zum Widerstand gegen die Deutschen aufriefen. Kaj Munk stand ganz oben auf der Liste.

Ein christliches Volk – ich weiß nicht, ob die Dänen sich heute noch so nennen würden. Obwohl die evangelische Kirche in Dänemark noch Staatskirche ist. Wir Deutschen sind ganz bestimmt kein christliches Volk mehr. Aber doch ein Volk, das in seiner Geschichte ganz entscheidend vom Christentum geprägt wurde. Das Land der Reformation. In zwei Jahren feiern wir das ganz groß!

Ich höre Menschen oft sagen, dass das Christentum in Deutschland immer mehr auf dem Rückzug sei. Irgendwann sind hier alle Kirchen Moscheen, heißt es dann gerne. Und dagegen muss man doch was tun!

Das Christentum ist kein Wert an sich. Wir sind nicht dafür Christen, dass wir eben Christen sind. Sondern wir sind Christen, um nach der Richtschnur zu leben, die Christus uns mitgegeben hat. Darum nennt Kaj Munk die Barmherzigkeit das Grundgesetz des Reiches Christi. Das ist für uns sogar noch wichtiger als das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland – das aber im Übrigen sehr gut dazu passt.

Das gilt aber nicht für alle anderen Gesetze in unserem Land. Und schon gar nicht für den staatlichen Umgang mit diesen Gesetzen. Heute geht es bei uns nicht um die Juden. Doch als die damals verfolgt wurden, geschah das alles nach Gesetzen, die man extra dafür geschaffen hatte. Und ich schäme mich regelrecht, wenn ich an die deutlichen und mutigen Worte der damaligen dänischen Kirche denke. Wo waren diese Stimmen bei uns? Da reicht ein Bonhoeffer nicht. Und weder Bonhoeffer noch Paul Schneider wurden von der Leitung ihrer Kirche unterstützt, anders als in Dänemark.

Nein, heute geht es bei uns nicht um die Juden. Aber um die Flüchtlinge, die aus anderen Ländern zu uns fliehen, so wie die Juden damals versuchten, in andere Länder zu entkommen. Das Wort „barmherzig“ wird auch von Kirchenvertretern heute eher selten in den Mund genommen. Dafür gibt es heute Worte wie „humanitär“. Das heißt einfach: „menschlich“. 

Egal. Das, was teilweise in unseren Ämtern passiert, ist unmenschlich und unbarmherzig. Und die Äußerungen mancher Politiker und Politikerinnen sind es ebenfalls. Ich kenne inzwischen etliche Geschichten der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind. Die meisten sind so jung, sie könnten meine Kinder sein. Ich kann meinen Söhnen heute Perspektiven in Deutschland anbieten. Das hätte ich in diesem Land auch nicht immer gekonnt.

Und was, wenn wir zufällig in Ägypten, Syrien oder Somalia aufgewachsen wären? Dass in Syrien alles drunter und drüber geht, ist ja bekannt. Da will man doch einfach nur weg, wenn es irgend geht. Die meisten schaffen es gar nicht einmal weit. Gerade aus dem Land heraus. Dann bleiben sie im Libanon, in der Türkei und in Jordanien. In riesengroßen Lagern zum Beispiel. Nur ein Bruchteil schafft es überhaupt bis zu uns.

Oder Ägypten. Die Ägypter, die sich zu uns geflüchtet haben, sind Christen. Radikale muslimische Landsleute schieben ihnen den Militärputsch vor zwei Jahren in die Schuhe. Das stimmt natürlich nicht – aber leider unterstützen die ägyptischen Bischöfe den jetzigen Militärdiktator, wo sie nur können. Was man natürlich auch verstehen kann, denn er verspricht immer wieder, die Christen zu schützen. So nach dem Motto: Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde! Wenn ich Christ in Ägypten wäre, würde ich zusehen, dass ich da raus komme.

Oder Somalia. Der Bundesinnenminister hat neulich im Radio gesagt, das seien Wirtschaftsflüchtlinge. Nach dieser Definition sind die syrischen Flüchtlinge ebenfalls Wirtschaftsflüchtlinge. Somalia ist nach Jahrzehnten Bürgerkrieg am Boden zerstört. Eine islamistische Terrormiliz versucht, das Land in ein Kalifat umzuwandeln. Alle jungen Männer werden gezwungen, bei der Miliz mitzumachen. Die, die das nicht wollen – es sind Gott sei Dank bei Weitem die meisten – die fliehen. Und kommen nach teilweise jahrelanger Flucht zu uns. Zum Beispiel der 20-jährige Najib. Letzten Montag ist er fast abgeschoben worden. Irgendwie ging die Sache schief, jetzt ist er wieder hier.

Ich bin fest davon überzeugt: Als Christ ist es meine Aufgabe, Menschen wie Najib zu helfen. Auch wenn er Muslim ist. Die dänischen Juden waren auch keine Christen. Und viele deutsche Juden waren übrigens längst Christen, trotzdem hat ihnen kaum jemand geholfen. Unser Presbyterium hat eben beschlossen, Najib zu helfen. Wenn nichts anderes mehr geht, dann bekommt er bei uns Kirchenasyl.

Als Christ ist für mich das Grundgesetz des Reiches Christi verbindlich. Und das hat Christus uns als Gesetz mitgegeben: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Wir dürfen uns an Gott selbst orientieren und das tun, was Gott uns zutraut.

Amen

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